23.12.2005

LANDWIRTSCHAFT

Wildwuchs im Hinterhof

Von Klawitter, Nils

Amerikanische Saatgutfirmen missbrauchen Rumänien als Versuchslabor und Umschlagplatz für ihre Gen- und Hybridprodukte. Von dort aus soll die ganze EU erobert werden.

Pioneer - in den vergangenen 22 Jahren hat kaum ein Mitarbeiter des amerikanischen Saatgutkonzerns den Firmennamen so wörtlich genommen wie Karl Otrok. Der österreichische Kettenraucher mit leichter Schwäche für Herrenschmuck und klobige Geländewagen war in dieser Zeit so etwas wie die europäische Vorhut für den Umbau der europäischen Landwirtschaft nach US-Muster.

Otrok begann in Österreich, wo er schnell zum Werksleiter aufstieg. Auf dem Firmengelände protestierte Greenpeace gegen Versuche mit Genmais, was Otrok damals noch mehr antrieb. "Ein Bio-Typ war ich nie", sagt er. Nach dem Mauerfall wurde Otrok Projektmanager für Zentraleuropa und verlagerte den Pioneer-Schwerpunkt nach Osteuropa, wo es weniger skeptisch zuging als in der EU. In Ungarn ließ er ein riesiges Werk für Hybridmais aufstellen, mit dem Pioneer inzwischen ganz Europa beliefert.

Otrok erklärte den Bauern im Osten die neuen Spielregeln der globalen Landwirtschaft: Wer überleben wolle, müsse seine Erträge steigern - so wie es Pioneer-Landwirte rund um die Welt von Äthiopien bis Mexiko vormachen. Dafür habe seine Firma das optimale Saatgut: hochgezüchteten Mais, der so oft mit sich selbst bestäubt wird, dass er Bombenerträge verspreche.

Da sich jedoch schon bei der nächsten Aussaat die Wirkung des Pflanzen-Inzests umkehrt und Ertragsverluste entstehen, muss der Bauer das Saatgut jedes Jahr neu kaufen. Für die vielen rumänischen Maisbauern war das ungewohnt - und so teuer, dass die rumänische Regierung das moderne Saatgut zunächst subventionierte. Dieses System, das in den USA zu Überproduktion, Preisverfall und noch mehr Subventionen führt, kann im Osten offenbar noch als Moderne verkauft werden.

Vor allem in Rumänien, das von der Landwirtschaft abhängt wie kein anderes Land in Europa, scheint der Feldzug der US-Lobbyisten erfolgreich. Es ist inzwischen eine Art Freilandversuchslabor geworden. Ein kaum mehr kontrolliertes Experimentierfeld amerikanischer Konzerne. Eine Operationsbasis, von der aus die EU mit ihren 480 Millionen skeptischen Verbrauchern erobert werden soll.

Karl Otrok ist seit Anfang des Jahres pensioniert. In Bukarest sitzt der 60-Jährige nun im Büro eines Plattenbaus, von wo aus er eine kleine Agentur für Landmaschinen steuert. "Wer kann sich Gensaatgut oder Hybridmais schon leisten?", fragt er nun merkwürdig selbstkritisch. "Fast keiner." Nahezu die Hälfte der Rumänen arbeite heute in der Landwirtschaft. "In fünf Jahren werden es noch drei Prozent sein." Otrok, der lange Größe predigte, plädiert nun für "kleinere Strukturen". Er ist ein Agroingenieur, der sich zurücksehnt zur Natur.

Im Sommer 2004 ist er deshalb noch deutlicher geworden. Damals stand er vor Gemüsefeldern südlich von Bukarest. Er hatte eine Hybridaubergine in der Hand und sagte, die sei nett anzuschauen, hätte aber keinerlei Geschmack. Einer seiner Pioneer-Kollegen stand neben ihm und sagte, die Bauern müssten sich eben zwischen Geschmack und Ertrag entscheiden.

Otrok antwortete väterlich: "Wir haben den Westen ausgetrickst, und jetzt kommen wir nach Rumänien und werden hier die ganze Landwirtschaft über den Tisch ziehen." Otrok stand damals nicht nur vor Gemüsefeldern, sondern auch vor der Kamera Erwin Wagenhofers, der einen Film über den Irrwitz unserer Ernährung drehte.

Vor zwölf Wochen kam die Dokumentation in Österreich in die Kinos. 130 000 Menschen haben sie inzwischen gesehen. Der Film zeigt, wie Küken Sekunden nach dem Schlüpfen zu Tausenden auf Fließbänder einer Fabrik fallen. Wie unersetzbarer Regenwald für den Anbau von Gensoja planiert wird. Wie Nestlé-Chef Peter Brabeck seine menschenleeren Produktionsstätten lobt. Und er zeigt Karl Otrok, den Kronzeugen der Groteske, die in Rumänien besonders gut zu beobachten ist. 22 Jahre an der Front der industriellen Landwirtschaft haben ihn nicht gegen Zweifel imprägnieren können.

Im Film ist er auch vor einem bis zum Horizont ragenden Feld mit genmanipulierten Sojapflanzen zu sehen. Der US-Chemiekonzern Monsanto sorgt seit einigen Jahren für den großflächigen Anbau in Rumänien. Seit gut einem Jahr mischt auch Pioneer - eine Tochter des US-Chemiemultis DuPont - im Gensoja-Geschäft mit. Die Gensoja-Pflanzen sind widerstandsfähig gegen das von Monsanto vertriebene Pflanzengift Roundup. Feingefühl im Umgang mit der chemischen Keule scheint nicht nötig: Das Totalherbizid soll alles Grüne töten - nur eben das Gensoja nicht.

Auch in die EU wird gentechnisch verändertes Soja eingeführt. Seit dem Verbot von Tiermehlfutter ist der Bedarf an der eiweißreichen Bohne groß. Der gewerbliche Anbau allerdings ist verboten. In der EU darf es bislang kein Bauer ernten - aber

eben in Rumänien, wo die Soja-Landwirte sogar noch EU-Subventionen erhalten.

Unter die von den Agrokonzernen gestreuten Erfolgsmeldungen von höheren Ernten und zufriedenen Bauern mischen sich jedoch zunehmend andere Nachrichten: Von resistentem Superunkraut ist die Rede, von steigendem Herbizidverbrauch und damit verbundenem Fröschesterben. "Der Gensoja-Anbau in Rumänien ist außer Kontrolle", sagt Dragos Dima. Er ist landwirtschaftlicher Berater in Bukarest und arbeitet für Projekte der Weltbank.

Zuvor war er Direktor von Monsanto. Dima verließ das Unternehmen Ende 1998. "Damals waren weder die Regierung noch Monsanto bereit und fähig, die Gentechnologie zu überwachen."

Bis heute hat sich daran offenbar nichts geändert. Rund 140 000 Hektar Soja wurden dieses Jahr angebaut, davon waren nach Regierungsangaben rund 85 000 Gensoja. Weil konventionelles Soja "höchstens" auf 20 000 Hektar ausgebracht wurde, bleibe eine Lücke von gut 35 000 Hektar, so Dima.

Gabriel Paun von Greenpeace kann diese Lücke sogar erklären. Im Sommer durchkämmte er das Land und testete die Felder mit Streifen, die so ähnlich aussehen wie ein Schwangerschaftstest und auf ein von der Genpflanze produziertes Eiweiß reagieren. Zur Sicherheit überprüfte das Österreichische Bundesumweltamt die Befunde. Danach war klar, dass der Anbau genveränderter Pflanzen in Rumänien völlig aus dem Ruder gelaufen war. Neben Soja entdeckte Greenpeace auch illegale Versuche mit Kartoffeln und Pflaumen.

Der deutsche Monsanto-Manager Andreas Thierfelder hält den Greenpeace-Bericht für "Manipulation" und "Angstmache". "Je mehr Gensoja angebaut wird, umso günstiger für die Umwelt", sagt er. Ein Pioneer-Sprecher verweist auf die Kon-

trolle durch "kompetente Regierungsstellen". Doch weder die Konzerne noch die Regierung scheint der Wildwuchs wirklich zu beschäftigen.

Das Chaos passt in eine Reihe von Nachlässigkeiten der Branche, die nur schwer zu erklären sind. Mal werden Daten einer Studie zu Genmais zurückgehalten, nach der es bei Ratten zu Wachstumsstörungen kommt. Mal wird konventioneller Mais aus Versehen mit gentechnisch verändertem gemischt. "Und am Ende heißt es dann, es gebe kaum noch gentechnikfreie Produkte", sagt Karl Otrok.

"Wo ist das Problem?", fragt Constantin Sin, Biotechnik-Spezialist im rumänischen Agrarministerium. Gensoja sei gut für das Land, und Roundup sei ein "freundliches Herbizid". Seine Kollegin Elena Badea, Professorin für Biotechnologie an der Universität Timisoara, stellt bei Anfragen gleich klar: "Grüne sind nicht meine Freunde."

Wenn man ihr helfen wolle, sei das in Ordnung, alles andere schade den Bauern und Rumänien. Sin und Badea sind in der Biosafety-Kommission, die den Anbau des Gensojas im Auge behalten soll. Das Kontrollsystem sei "sehr ausgeprägt", sagt Sin.

Etwas realistischer schätzt Adrian Tibu, Sprecher des Agrarministeriums, die Lage ein: "Wir haben noch keine funktionierenden Kontrollmöglichkeiten." Die Kennzeichnungspflicht, so der jüngste Greenpeace-Bericht, funktioniere überhaupt nicht. "Wir wollen nicht das Trojanische Pferd für Genpflanzen in Europa sein", sagt Tibu und gibt gleichzeitig zu, dass "schon früher ein strengerer rechtlicher Rahmen nötig gewesen wäre". Bis zum Jahr 2002 existierte allerdings nicht mal ein Gentechnikgesetz. Die neue Regelung, die Rumänien EU-fähig machen soll, sieht Testlabore vor, die es noch gar nicht gibt - und Berater wie Badea und Sin.

Auf ihre Rolle sind beide schon vor gut vier Jahren vorbereitet worden - von den US-Agrokonzernen und dem USDA, dem US-Landwirtschaftsministerium. Die Amerikaner waren so besorgt über die Zusammensetzung der Biosafety-Kommission, dass sie Badea, Sin und ein paar rumänische Journalisten in die USA einluden. Dort trafen sie amerikanische Bauern und wurden von Monsanto- und Pioneer-Managern empfangen. Das mit üppigen Lobbymitteln ausgestattete Programm solle "einen positiven Einfluss auf die Zukunft der Gentechnologie in Rumänien haben", so ein USDA-Report.

Verhindern könnte das allerdings die Mitgliedschaft in der EU. Um den Gensoja-Anbau in Rumänien zu retten und zur Blaupause in Europa zu machen, hat Monsanto gerade einen Antrag auf Gensoja-Anbau in der EU gestellt.

Mit den Agrokonzernen im Rücken läuft die Gentech-Propaganda in Rumänien auf vollen Touren: Elena Badea brachte gerade die Lobbygruppe "Black Sea Biotechnology Organisation" mit auf den Weg. "Anrainerstaaten des Schwarzen Meers sollen Konsumenten auf die Gentechnik vorbereiten", sagt die 62-Jährige.

In Timisoara arbeitet sie an einem Projekt mit genveränderten Kartoffeln, das von der Weltbank und Monsanto unterstützt wurde. Dass schon Feldversuche angefangen wurden, obwohl nur Labortests erlaubt waren, scheint sie nicht zu stören: "Es ist wichtig weiterzumachen." Was sie nicht sagt: Der ökonomische Sinn des übereifrigen Projekts liegt im Dunkeln.

Monsanto, so die amerikanische Entwicklungshilfeagentur USAID, habe die Urheberrechte aus "humanitären Gründen" an die Universität von Timisoara abgetreten. Tatsächlich hatte der US-Konzern mit dem Produkt keinen Erfolg. Bereits im Jahr 2001 wurde der Verkauf in den USA gestoppt. Die drei größten Pommes-Produzenten wollten keine Genkartoffeln verarbeiten. Zudem ist der Kartoffelkäfer, gegen den die Züchtung resistent ist, in der EU laut Experten unter Kontrolle.

Die weitaus größere Hürde, die Ablehnung der Verbraucher, ficht Badea nicht an. "Das ist deren Problem", sagt die Professorin. NILS KLAWITTER

* Beim Weltsozialforum in Porto Alegre am 28. Januar.

DER SPIEGEL 52/2005
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