23.12.2005

AUTORENHeld auf der Laufstrecke

In seinem Roman „Menschenflug“ setzt Hans-Ulrich Treichel die abenteuerliche Brudersuche aus seiner Erzählung „Der Verlorene“ fort - mit überraschendem Ausgang.
Als Mann in den besten Jahren könnte Stephan sich in den Tagen vor seinem 52. Geburtstag fühlen, wäre da nicht der Gedanke an seinen Vater, der nur 54 geworden ist, wäre da nicht neuerdings dieses gelegentliche Stolpern des eigenen Herzens und wäre Stephan nicht überhaupt ein Mensch, der zu Melancholie, zu Skepsis und Vorsicht neigt.
So registriert er nun genau die Wandlungen, die in ihm vorgehen. Eben noch hat für ihn gegolten: "Die Älteren sind immer die anderen." Nun lautet sein Motto: "Der Ältere bin ich." Tapfer nimmt er zur Kenntnis, ein Alter erreicht zu haben, "in dem ihm die Ärzte, ohne mit der Wimper zu zucken, einen Alterskrebs zutrauten".
Stephan, Akademischer Rat an einer Berliner Universität und verheiratet mit einer Psychoanalytikerin, ist eigentlich nicht unzufrieden mit sich und seinem Leben, auch wenn es zum Professor nicht gereicht hat. Immerhin hatte er viel Erfolg mit einem Buch, das er vor einiger Zeit über seinen älteren Bruder geschrieben hat, der Anfang 1945 während der Flucht aus dem Osten verschollen war.
Der Schriftsteller Hans-Ulrich Treichel, 53, spielt in seinem Roman "Menschenflug" ganz unverhohlen mit der eigenen Vita, dem eigenen literarischen Werk*. Denn über diesen Fall, der sich so ähnlich
in seiner eigenen Familie zugetragen hat, gibt es schon ein Buch von ihm, die Erzählung "Der Verlorene" (1998), mittlerweile in 25 Sprachen übersetzt.
Das ist ein Wagnis - was Treichel, dem durch literaturtheoretische Studien und Essays bestens ausgewiesenen Kenner, dem Poeta doctus (seit 1995 auch Professor am Leipziger Literaturinstitut), bewusst gewesen sein dürfte. Hätte es nicht auch ein Aufsatz über den Erfolg, die Folgen der Erzählung getan, über die Wirkungsgeschichte also?
Zunächst sieht es tatsächlich so aus, als wäre der neue Roman nur eine Art Fortsetzung dieser Erzählung, eine Nachrecherche. Treichels Alter Ego Stephan hat diese Erzählung in der Hoffnung geschrieben, seinen verlorenen Bruder, "das Trauma seiner Eltern und ein Phantasma seiner Kindheit", endlich loszuwerden - und muss nun feststellen: So leicht ist das nicht.
Stephan hat die Folgen zu tragen: Einladungen zu Lesungen, sein Buch ist "Prüfungsstoff für die Sprachexamina der Goethe-Institute" - und immer wieder kommen Leser, die sich für den unbekannten Bruder halten oder glauben, ein ähnliches Schicksal zu haben, so etwa der aufdringliche Mann aus Bremerhaven: "Ich bin ein Verlorener."
Doch das alles ist nur der Anfang, die Oberfläche. "Menschenflug" zielt höher, was leicht zu übersehen ist bei der Lakonie, die Treichels Prosastil kennzeichnet und die Lektüre so vergnüglich macht (begonnen hat der Autor, Ende der siebziger Jahre, als Lyriker). Entstanden ist ein hintergründiger Roman über die Frage, ob sich Fiktion und Realität trennen lassen, ob es historische Wahrheit gibt und wie sie literarisch einzufangen wäre. Auf verspielte Weise versteckt sich ein kleiner erkenntnistheoretischer Traktat in diesem Buch.
Stephans Befreiungsversuch (die Losung: "Sein Bruder gehörte ins Buch, nicht ins Leben") erweist sich zunehmend als Illusion. Und sein Problem wird er nicht dadurch lösen, dass er davonläuft. Spätestens wenn der Held auf seiner Laufstrecke längs des Berliner Teltowkanals ("schnelles Gehen und ein nicht zu schneller Trab") am Denkmal für den Flugpionier Otto Lilienthal vorbeikommt (die Inschrift "Dem Vater des Menschenfluges" war Anregung für den Romantitel), wird ihm das deutlich: Er muss noch einmal neu starten.
Wie ein Musikstück gliedert sich "Menschenflug" in drei etwa gleich lange Teile. Die drei Sätze könnten so überschrieben sein: Problem, Aufschub, Lösung.
Das Problem ist die Frage, wie nah Stephan an das Familiengeheimnis wirklich herankommen will. Offenbar gibt es neue Informationen zum alten Fall. Wäre der verlorene Bruder doch noch zu finden? Aber anstatt sich konkret auf die Suche zu machen, die "Familienforschungen" eines Onkels zu Rate zu ziehen, sich gar zu den Wurzeln der Familie nach Wolhynien (heute in der Ukraine) aufzumachen, fliegt er lieber - Aufschub - allein nach Ägypten.
Stephans zögerlicher Gang zu den Gräbern und Pyramiden ist ein Gleichnis für das Thema des Romans, dargeboten als Form von Lethargie: Eigentlich würde der Tourist lieber am Hotelpool sitzen bleiben. Die Nähe zu den Bauwerken verstellt eher den Blick auf deren historische Größe, und die Bekanntschaft mit einer Archäologin (mitsamt körperlicher Annäherung) bringt lediglich die Erkenntnis, wie beschwerlich der Weg zur Geschichte ist: Sie forscht in den Gräbern nur nach Spuren der Archäologen vor ihr, sie betreibt "so etwas wie Wissenschaftsgeschichte der Ägyptologie".
Nach diesem Intermezzo verharrt Treichels Roman freilich nicht im Leerlauf, sondern präsentiert im letzten Teil einen überraschenden Aufschwung, eine Wende. In Celle scheint Stephan schließlich dem vermissten (und wie sich zeigt: eigentlich doch nicht so vermissten) Bruder gegenüberzustehen, einem bösen alten Mann, dem er sich nicht zu erkennen gibt.
Wie diese nun wohl definitive Begegnung zu einer Lösung führt, die eher eine Loslösung ist und viel mit profanen finanziellen Erwägungen zu tun hat, das ist im "Menschenflug" so anmutig erzählt, dass es hier nur angedeutet werden kann. Hans-Ulrich Treichel hat dem bedrückenden Thema von Flucht und Vertreibung noch einmal Flügel wachsen lassen.
VOLKER HAGE
* Hans-Ulrich Treichel: "Menschenflug". Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main; 236 Seiten; 17,80 Euro.
Von Volker Hage

DER SPIEGEL 52/2005
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