04.05.1970

VERBRECHEN / LEBACHDas Trio

Der eine, Hans-Jürgen Fuchs, 27, wollte Psychologie studieren. Der andere, Wolfgang Ditz, 27, träumte von einer Karriere als Modezeichner. Doch die Eltern, brave Bürger der pfälzischen Kleinstadt Landau, waren dagegen. Fuchs wurde Bankkaufmann, Ditz Justizsekretär -- und beide hatten fortan ihre Träume vom anderen, besseren Leben.
Seit 1963 verfolgten die homosexuellen Freunde, die sich auf der Handelsschule kennengelernt hatten, ein gemeinsames Ziel: Sie wollten eine Lebensgemeinschaft außerhalb der Gesellschaft gründen, die ihnen schlecht und verlogen vorkam.
Sie lasen, auf der Suche nach Glück, einander Gedichte vor und lauschten gemeinsam ernster Musik. Und um auszubrechen aus der kleinen Landauer Welt, machten sie große Pläne: Mal wollten Fuchs und Ditz eine Hazienda in Südamerika erwerben, mal mit einem Segelboot hinaus aufs Meer fahren. Man tuschelte in Landau über "das Pärchen" mit den verrückten Ideen. Doch am Schluß geriet die Idylle zum makabren Kriminalstück.
Fuchs und Ditz drangen in der Nacht zum 20. Januar 1969, mit zwei Pistolen bewaffnet, in ein Bundeswehr-Munitionsdepot bei Lebach ein und töteten vier schlafende Soldaten. Dann verbreitete das Paar Furcht und Schrecken mit Erpressungsversuchen großen Stils. Gejagt von einer hundertköpfigen Sonderkommission, wurden Ditz und Fuchs am 25. April 1969 in Landau gefaßt. Voraussichtlich Mitte Juli beginnt in der Saarbrücker Kongreßhalle der Prozeß.
Ein Jahr nach der Verhaftung hat die Staatsanwaltschaft gegen die Lebach-Täter Anklage ei hoben. Und zum erstenmal werden jetzt Hintergründe und Motive der Lebacher Bluttat sichtbar. die auch für Juristen und Kriminologen lange im dunkeln lagen. Deutlich wird vor allem die Rolle, die der dritte Mann gespielt hat: der Landauer Zahntechniker Gernot. Wenzel.
Bankkaufmann Fuchs hatte Wenzel im Sommer 1963 im Schwimmbad kennengelernt, als Fuchs-Freund Ditz bei der Bundeswehr diente. Auch dem neuen Partner las der Bankkaufmann häufig aus Büchern vor, gemeinsam lauschte das Paar klassischen Schallplatten. Als Ditz von dem neuen Verhältnis seines langjährigen Freundes erfuhr, war er zunächst "tief enttäuscht" -- doch dann überwand er die Eifersucht: Ditz war fortan in dem Bunde der dritte. Fuchs spielte die Rolle des Chefs. Eine Bindung zwischen Ditz und Wenzel gab es nicht.
In langen Diskussionen entwickelte das Trio seine Lebensphilosophie: Um außerhalb der Gesellschaft -- etwa in Südamerika oder auf einem Segelboot -ein annehmbares Dasein führen zu können, hielten es die drei Landauer für legitim, sich auf gewaltsame Weise Geld zu verschaffen -- "zumal man so die Gesellschaft mit ihren eigenen Mitteln überwindet".
Anfang 1965 reiften konkrete Pläne für erste Raubüberfälle. Und im Juni drang Fuchs -- in Frauenkleidern getarnt -- in die Kreis- und Stadtsparkasse Landau ein, um statt Bankkaufmann mal den Bankräuber zu spielen.
Der Überfall mißglückte. Doch noch im gleichen Jahr stahl Fuchs seinen Eltern 2000 Mark. Eine Scheckfälschung, bei der Wenzel behilflich war, brachte weitere 1500 Mark ein. Wenzel und Fuchs reisten für mehrere Monate nach Spanien. In einem Museum in Madrid stahlen sie am 26. Februar 1966 "Schmuck und Antiquitäten im Wert von etwa 40 000 Mark -- Justizsekretär Ditz, der daheim geblieben war, half später beim Absatz der heißen Ware. 1966 fuhren Fuchs und Wenzel wieder gen Süden: Am Gardasee und an der Adria absolvierte der Zahntechniker eine Segelausbildung, um für spätere Seefahrer-Pläne gerüstet zu sein.
Fortan hatte Wenzel seinem Chef Fuchs zu zeigen, ob er noch andere Künste beherrscht: Das Paar beobachtete Passanten in Münchner Villenvierteln. Wenzel, so befahl Fuchs, sollte sie niederschlagen und ausrauben. Doch der Gehilfe des Chefs hatte Angst -- und Weihnachten 1966 wurde endgültig klar, daß der Zahntechniker bei künftigen Gewalttaten keine aktive Rolle spielen könne. Überdies erhielt Wenzel den Einberufungsbescheid zur Bundeswehr.
Ditz, der eine Zeitlang nur der Nebenbuhler hatte sein dürfen, trat nun an Wenzeis Stelle. Endlich konnte der Justizsekretär dem alten Freund Fuchs seinen Mut beweisen.
Doch schon beim ersten Auftrag versagte "der neue Mann: In Paris, an der Haustür der Wahrsagerin Frederica, machte Ditz kehrt -- aus dem Überfall wurde nichts. Und als Ditz wenig später in Hamburg den Antiquitätenhändler Eduard Brinkama berauben sollte, hatte er plötzlich "Hemmungen". Als auch in Frankfurt, Köln und München Kontakte zu reichen Opfern nicht zustande kamen, gab das Erpresser-Trio fürs erste auf. A.m 1. April 1967 eilte Fuchs, der Chef, zu den Fahnen: In Lebach war es bald seine Aufgabe, mit einigen anderen Soldaten zusammen gelegentlich das Munitionsdepot zu bewachen. Ditz und Wenzel besuchten den Chef meist am Wochenende in der Garnison -- und auf Waldspaziergängen in Depot-Nähe entstand ein neuer Plan: Um bei späteren Überfallen besser ausgerüstet zu sein, wollte das Trio das Munitionslager überfallen und Waffen stehlen.
Mal war davon die Rede, die Wachmannschaft mit Schlafmitteln, Nerven- oder Tränengas außer Gefecht zu setzen, mal wollte Fuchs -- als Offizier vom Dienst verkleidet -- die Depot-Kameraden mit einer Köpenickiade überlisten. Bei einem Lokaltermin am Depot-Zaun überlegte das Trio schließlich, ob der Wachhabende nicht besser ganz lautlos -- mit Pfeil und Bogen oder mit einer Harpune -- außer Gefecht gesetzt werden könnte. Am Schluß aber waren sich die Attentäter darin einig, daß der Überfall nur mit Schußwaffen gelingen könnte.
Ihr Plan im Sommer 1968: Sie wollten die Wachposten töten, mit den entwendeten Schlüsseln die Depot-Bunker öffnen und die Munitionsbestände in die Luft sprengen. Bunker-Reste, Waffen und Leichen sollten mit einer Polaroid-Kamera photographiert werden, um später der Bevölkerung mit Lebach-Photos Angst und Schrecken einzujagen und so das rechte Klima für neue Erpressungen zu schaffen.
Bei einem Manöver in Baumholder stahl Fuchs eine Bundeswehr-Pistole vom Typ "P 38", Ditz entwendete eine Pistole des Typs "Schmeißer 6.35" aus einem Asservatenschrank des Landauer Amtsgerichts, Und als die beiden mit den erbeuteten Waffen Schießübungen veranstalteten, machte auch Wenzel mit.
Im Winter 1968, als Fuchs in Lebach gerade entlassen war, versuchte er mehrmals zusammen mit Ditz, die lange geplante Tat zu verwirklichen. Schon damals drangen die Täter ins bewachte Gelände ein. Doch einmal dünkte ihnen ein Funkwagen recht verdächtig, ein andermal schien der Mond zu hell. Wenzel, der damals im Bundeswehrlazarett in Koblenz seinen Dienst versah, wurde von jeder Aktion -- meist telephonisch -- unterrichtet.
Auch am Morgen des 20. Januar letzten Jahres, als ·das Massaker endlich inszeniert worden war, bekam Gernot Wenzel prompt Nachricht von seinen Komplizen. Gemeinsam mit Ditz und Fuchs fuhr der Zahntechniker in das Wasgau-Dorf Silz zwischen Annweiler und Bad Bergzabern. Unter Kieferngestrüpp in der Gemarkung "Im Buchenloch" half Wenzel beim Vergraben der erbeuteten Waffen.
Und während in Lebach eine Sonderkommission unter Leitung des Karlsruher Oberstaatsanwalts Siegfried Buback mit der Aufklärung des spektakulärsten Verbrechens der Nachkriegszeit begann, starteten Ditz und Fuchs eine neue Erpressungsserie: Als Opfer waren der Münchner Finanzmakler Rudolf Münemann, der Stuttgarter Gemäldehändler Friedrich Kohn, die Remagener Wahrsagerin Buchela und der Frankfurter Briefmarkenhändler Hartmut C. Schwenn ausersehen.
Doch schon als Ditz und Fuchs ihre Forderungen an Münemann stellten, war bald die Polizei am Telephon. Madame Buchela, für Provinzblätter die "Pythia von Bonn", gab den Fahndern der Sonderkommission schließlich nach einer "XY"-Sendung des Mainzer TV-Kriminalisten Eduard Zimmermann den entscheidenden Tip.
Wolfgang Ditz, "der gegenwärtig im Gerichtsgefängnis Neunkirchen an seinen Memoiren schreibt, ist voll geständig. Gernot Wenzel, der im Gerichtsgefängnis zu Lebach einsitzt, versucht seinen Beitrag zur Tat abzuschwächen: Er habe zwar vorher von dem geplanten Überfall gewußt, dann aber nicht mehr an die Ernsthaftigkeit des Planes geglaubt. Und Fuchs, der Chef, der im Saarbrücker "Lerchesflur"-Gefängnis auf den Prozeß wartet, will mit der ganzen Geschichte jetzt nichts mehr zu tun haben.
Fuchs, noch im Juni voll geständig und durch die Aussagen seiner Mittäter schwer belastet, behauptet heute: "Ditz und Wenzel haben es gemacht -- ich bin in Lebach überhaupt nicht dabeigewesen."

DER SPIEGEL 19/1970
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