04.05.1970

„IST DAS NICHT EIN WÜSTER TRAUM?“

Luise Rinser kramte einen Bleisoldaten hervor, der ein Bärtchen hatte, eine Hakenkreuzbinde trug und den rechten Arm heben und senken konnte. Sie bastelte aus Holzscheiten einen kleinen Galgen und hängte den Bleisoldaten auf. Zusammen mit ihren Kindern tanzte sie um die Hinrichtungsstätte herum und sang: "Der Wolf ist tot, der böse Wolf ist tot!"
So feierte die bayrische Schriftstellerin in einem Dorf bei Salzburg Hitlers Tod und das Ende des Krieges, das von der Maas bis an die Memel, von der Etsch bis an den Belt nun überall eintrat.
Als eines Nachts "Russki-Soldat" mit Gewehrkolben an die Haustür des früheren Reichstagspräsidenten Paul Löbe (SPD) pochten, war es auch nach Ullersdorf (Schlesien) gekommen. Die Häuslerin fuhr die Russen an: "Macht nicht so einen Krach, geht schlafen." Am nächsten Morgen bot Löbe ihnen Zigaretten an, eine Nachbarin brachte "heißen Muckefuck": "Die erste Berührung mit dem Feinde verlief in aller Harmonie" (Löbe).
In der badischen Odenwald-Gemeinde Mudau kroch Heinrich Köhler, ehemals Reichsfinanzminister der Weimarer Republik, aus dem Keller und sah "das erste amerikanische Panzerungetüm". Auf der anderen Straßenseite winkte "Hans aus Leibeskräften mit einem weißen Tuch. "Wie geht es der Tante?" schrie ich hinüber. "Gut, sie ist im Keller!" tönt"s herüber". Köhler dachte an sein "badisches Va -- terland" und empfand: "Ist das nicht ein wüster Traum?"
Für den Chirurgen Ferdinand Sauerbruch ging das Reich "wirklich und wahrhaftig inmitten von Blut, Eiter, Leichen und Gestank unter". Russische Soldaten drangen in den Operationsbunker der Berliner Charité ein und "starren auf die abgeschnittenen Gliedmaßen, die herumliegen. Ihre Augen ruhen in aufgeschnittenen Bäuchen".
Reinhold Maier, Baden- Württembergs späterer Regierungschef, erfuhr es im Keller einer Mühle bei Dalkingen (Jagsttal). "Herr Doktor, es ist der geschichtliche Augenblick gekommen", rief ihm ein Nachbar zu: "Eben werden wir von den amerikanischen Panzern überrollt."
Die Schriftstellerin Lisa de Boor holte, in Marburg, gerade Feldsalat aus dem Garten, als sie "Kanonendonner aus dem Westen" vernahm. Sie rannte ins Wohnzimmer und setzte sich an den Schreibtisch: "Weinen erschüttert mich." Der Würzburger Kaplan Friedrich Bauer, der Zuflucht im Keller des Julius-Spitals gefunden hatte, notierte: "Die Katakombenzeit ist zu Ende."
Das Ende wiederholte sich -- wochenlang und hundertfach -- in jeder Stadt, in jedem Dorf, wo Amerikaner und Russen, Engländer und Franzosen einrückten und siegten, das Schießen allmählich aufhörte und die Besatzer in die Rathäuser einzogen.
Das Ende hatte in dem Eifelort Prüm schon am 11. September 1944 begonnen, im ostpreußischen Gumbinnen 35 Tage später. "Der Himmel im Osten war rot von Bränden", berichtete Bürgermeister Dr. Wander: "Kinder und Fohlen, die ihre Mütter verloren hatten" irrten in den Straßen umher."
Als erster Frontsoldat seit Napoleons Eroberungszügen überschritt der deutschstämmige US-Oberleutnant Karl Timmermann den deutschen Rhein -- am 7. März bei Remagen. Englands Kriegspremier Winston Churchill urinierte au! "den großartigen Westwall Deutschlands", Englands Feldmarschall Bernard L. Montgomery sprach: "Jetzt ist der Himmel klar", und die Festung Kolberg, die Napoleon erfolgreich getrotzt hatte, wurde am 18. März 1945 von Russen und Polen im ersten Anlauf genommen.
Mitte April verteilte Stuttgarts Oberbürgermeister Karl Strölin Ausweise an die Mitglieder der Stadtverwaltung in englischer und französischer Sprache, "da man ja nicht wissen konnte, von wem die Stadt besetzt würde". An Hitlers letztem Geburtstag -- am 20. April 1945 -- wurde die Stadt eingeschlossen -- von General Charles de Gaulles 5. französischer Panzerdivision. Und an Hitlers Todestag gab es in Deutschland schon längst keine Fronten mehr, nur noch Brandherde.
Die Russen standen ein paar hundert Meter vor dem Führerbunker, die Amerikaner waren in München, Regensburg und Kempten eingedrungen. Die Engländer hatten Bremen genommen und marschierten gegen Hamburg, die Franzosen regierten bereits die Donau-Stadt Ulm, "um Frankreichs Ehre zu mehren" (de Gaulle).
Der letzte Akt vollzog sich in zwei Auftritten. Am 7. Mai 1945, um 2.41 Uhr, betraten Generaloberst Alfred Jodl und Generaladmiral Hans-Georg von Friedeburg in der Technischen Berufsschule zu Reims das Hauptquartier des Alliierten Oberbefehlshabers Dwight D. Eisenhower.
"Sind Sie bereit?" fragte Eisenhowers Stabschef Bedell Smith die deutschen Militärs. Jodl nickte. Dann nahm er Platz am Kartentisch des alliierten Oberbefehlshabers und unterschrieb die Kapitulationsurkunde für "alle Streitkräfte zu Lande, zu Wasser und in der Luft".
Die deutschen Militärs, berichtete Bedell Smith, "trugen ein militärisch korrektes Gehabe und einen versteinerten Gesichtsausdruck zur Schau Als Jodl und Friedeburg dann vor Eisenhower, der an der Kapitulationszeremonie nicht hatte teilnehmen wollen, die Hacken zusammenschlugen, erinnerte sich Eisenhowers Sekretärin Kay Summersby an Hollywoods Nazi-Typen: "Steif und jämmerlich."
Am nächsten Tag, um 23.30 Uhr, meldeten sich Generalfeldmarschall Wilhelm Keitel, das goldene NS-Parteiabzeichen am Waffenrock, den Marschallstab hoch erhoben, und seine Delegation im Kasino "der früheren Pionierschule in Karlshorst bei dem Marschall der Sowjet-Union Georgij Schukow.
Schukow zu Keitel: "Haben Sie das Protokoll der Kapitulation zur Kenntnis genommen?" Keitel: "Jawohl."
Der Feldmarschall klemmte sich das Monokel vor das linke Auge und ging ans Tischende. Langsam zog er den grauen Handschuh aus, um das Papier zu unterschreiben. Als Keitels Adjutant, Oberstleutnant von Freyend" die Tränen kamen, fuhr ihn der Chef an: "Lassen Sie das."
Eine Minute nach Mitternacht, am 9. Mai 1945, trat die bedingungslose Kapitulation des Deutschen Reiches in Kraft, Vierzehn Minuten nach Mitternacht befahl Sowjet-Marschall Schukow: "Die deutsche Delegation verläßt den Raum!" Anderntags schrieb die Moskauer "Iswestija": "Der letzte Sturm gegen die Räuberhöhle ist zu Ende."
"Die bedingungslose Kapitulation unserer Feinde", so Winston Churchill, "war das Signal für den größten Freudenausbruch in der Geschichte der Menschheit." Er selber war "aufgeregt wie eine ins Wasser gefallene Henne"" urteilte US-Präsident Harry Truman nach einem Telephonat mit dem britischen Kriegspremier.
In New York versammelten sich Zehntausende auf dem Times Square zu Konfettifeiern und Cheers. In London stellte Scotland Yard tausend Lautsprecherwagen zur Verfügung, die Churchills Radio-Rede übertrugen: "Vorwärts, Britannia." In Moskau registrierte Major Grigorij Klimow "die Entladung eines Nerven-Akkumulators". In Paris eilte die Bevölkerung zu einem Dankgottesdienst in die Kathedrale von Notre-Dame.
Präsident Truman, der am 8. Mai 61 Jahre alt geworden war, freute sich über das "Geburtstagsgeschenk". In einem Brief an seine Mutter und an seine Tochter ("Dear Mama & Mary") schrieb er: "Heute vormittag um 9 Uhr muß ich über den Rundfunk zum Lande sprechen: Bekanntgabe der deutschen Kapitulation ... Ist das nicht ein schönes Geburtstagsgeschenk? ... Harry."
Stalin sprach zum Sowjet-Volk: "Da wir die Wolfsmanieren der deutschen Häuptlinge kennen, haben wir keinen Grund, ihren Worten zu glauben. Doch seit heute morgen heben die deutschen Truppen begonnen ... massenweise die Waffen zu strecken. Das ist schon kein leerer Papierfetzen mehr. Das ist die wirkliche Kapitulation." Frankreichs de "Gaulle rief aus: "Als Staat, als Macht und als Doktrin ist das Deutsche Reich vollständig zerstört."
Emigrant Willy Brandt erlebte das Ende in Stockholm ("Startzeichen, auf das wir lange schmerzlich gewartet hatten"). Der Kriegsgefangene Franz Josef Strauß blieb unbeeindruckt, er hatte "mit dem Eintritt dieses Ereignisses seit geraumer Zeit gerechnet". Rechtsanwalt Gustav Heinemann, damals Hauptverwaltungsleiter der Rheinischen Stahlwerke in Essen, "war klar, daß von uns viel abverlangt werden würde für ... die teutonische Überhebung".
Kurt Georg Kiesinger berichtete in dem US-Internierungslager Ludwigsburg den Amerikanern über seine Arbeit und seine Mitarbeiter "in der Rundfunkpolitischen Abteilung des Auswärtigen Amtes, und Carlo Schmid war in Tübingen damit beschäftigt, den Franzosen gut zuzureden, sich nicht in allzu napoleonischer Art als Sieger aufzuführen".
Nachrichten -- Oberleutnant Karl Schiller zog in Schleswig-Holstein Telephon-Leitungen für die britischen Besatzer und wurde von Offizieren Seiner Majestät um Schnaps angegangen -- "weil sie morgen Ihren V-Day feiern wollten" (Schiller).
Ludwig Erhard, nun "befreit, erwartungsvoll und tatendurstig zugleich", dachte schon damals an "eine Währungsreform als unerläßliche Voraussetzung eines wieder geordneten und gesitteten deutschen Lebens. Alex Möller, nach Gotha versprengt, dachte an seine Firma: "Wir müssen noch einmal von vorn beginnen."
Rudolf Amelunxen, später Justizminister von Nordrhein-Westfalen, war dabei, als US-Soldaten in Fredeburg Nazi-Orden auf den Mist warfen, mit Benzin übergossen und in Flammen aufgehen ließen: "Es hatte furchtbar gestunken. So was war bisher einem sauerländischen Misthaufen noch nie passiert."
Das Ende trug, so später die Karlsruher Verfassungsrichter, "alle Merkmale einer Katastrophe". Übrig geblieben war vom Deutschen Reich "kaum mehr als ein geographischer Begriff"
Am Ende wurden 55 293 500 Tote gezählt, 7,35 Millionen Deutsche, sechs Millionen Polen, zwanzig Millionen Russen, 320 000 Amerikaner, 537 000 Franzosen, 390 000 Engländer, 485 000 Jugoslawen, 5,7 Millionen KZ-Morde. 570 000 deutsche Luftkriegsopfer.
Zwölf Millionen Deutsche gerieten in Gefangenschaft, 3,8 Millionen in die amerikanische, 3,7 in die britische, 3,15 in die russische und eine Million in die französische. Die meisten kehrten nach einem Jahr zurück, viele erst nach zehn Jahren, über eine Million überhaupt nicht. 5 923 000 Flüchtlinge treckten
* Oben: Generaloberst Alfred Jodl (I.) und Generaladmiral Hans-Georg von Friedeburg (r.); unten: Generalfeldmarschall Wilhelm Keitel.
1945 aus dem deutschen Osten in das heutige Bundesgebiet.
Über Deutschland lagen 400 Millionen Kubikmeter Trümmer. Jülich, Emmerich und Xanten, Schauplätze der letzten schweren Gefechte im Westen, waren dem Erdboden fast gleichgemacht, Kassel, Würzburg, Köln, Dresden, Dortmund zu rund zwei Dritteln zerstört.
Wo vor dem Krieg vier Deutsche lebten, hausten nun durchschnittlich zehn. Auf dem Gebiet der heutigen Bundesrepublik wurden 2 841 773 Wohnungen (gleich 41,2 Prozent) total zerstört oder so schwer beschädigt, daß Wiederaufbau unmöglich war.
In Schutt und Trümmern lagen historische Bauten und Krankenhäuser, Schulen und Rathäuser, alte Stadtviertel wie in Freiburg, Heilbronn, Dresden und Würzburg, moderne Industriereviere in Schlesien, an Rhein und Ruhr. Zerstört waren, durch feindliche Bomben oder eigene Sprengladungen, alle 33 Eisenbahnbrücken über Rhein und Weser, 22 von 34 über die Donau, von der Quelle bis zur Grenze.
Von 60 000 Kilometern Reichsbahnnetz war ein Drittel unbefahrbar, von 22 400 Lokomotiven und 578 000 Güterwaggons die Hälfte schrottreif. "Wir machten Kreidestriche", notierte ein entlassener Kriegsgefangener auf der Fahrt von Neustadt (Holstein) nach Marburg/Lahn: "Bei 165 zerschossenen Lokomotiven, 1350 ausgebrannten Güterwagen, 965 zerdepperten D- und Personenzugwagen hörten wir auf -- wir hatten keine Kreide mehr."
50 000 Tonnen Stahl und Beton und 1500 Schiffswracks lagen im Rhein auf Grund, 3455 Wracks in den Häfen von Hamburg, Kiel und Bremen. Das Telephonnetz war fast überall zusammengebrochen; Straßenbahnen verkehrten nur noch vereinzelt. In München diente das Trambahnpersonal als Leichenbestatter.
In Darmstadt gab es, so der damalige Oberbürgermeister Ludwig Metzger, "nur zwei bis drei Straßen, die wenigstens in der Mitte befahrbar waren In Jülich schlugen die Amerikaner, wie der damalige Landrat Wilhelm Johnen berichtete, "mit Räumfahrzeugen quer durch die Trümmerwüste Schneisen. ohne Rücksicht auf das alte Straßennetz".
Es war nach dem Krieg, wie Emigrant Carl Zuckmayer vor dem Krieg in einer "Elegie von Abschied und Wiederkehr" für die Stadt Mainz gedichtet hatte:
Ich werde durch erloschne Städle gehn, Darin kein Stein mehr auf dem andern Stein, Und selbst wo noch die alten Steine stehn, Sind es nicht mehr die altvertrauten Gassen.
"Staub, Puder der Zerstörung", so schrieb der Kölner Schriftsteller Heinrich Böll über Köln, "drang durch alle Ritzen, setzte sich in Bücher und auf Windeln, aufs Brot und in die Suppe, klebte auf Wimpern und Brauen, zwischen den Zähnen, auf Gaumen und Schleimhäuten, in Wunden."
Heimkehrende Evakuierte und Ausgebombte fanden sich kaum noch zurecht. An Ruinen und Verschlägen lasen sie Botschaften wie in Darmstadt: "Hier lebt keiner mehr", oder: "Oma und die Kinder in Beerfelden, Mutti im Südviertel vermißt"; wie in Berlin: "Alles im Arsch -- sind bei Frieda und Paule."
Deutsche hausten in Kellern und Baracken, Bunkern und Wellblechhütten, hinter Pappdeckelverschlägen und unter Zeltdächern" in Erdhöhlen und Bergwerkstollen. Man kam sich vor, so schrieb der Hamburger Journalist Karl-Heinz Ressing an seine Frau, "wie in den längst entschwundenen Jahren der Kindheit, als wir heimlich und scheu in die dunkle Ecke an der Treppe blickten, ob nicht doch der schwarze Mann dort lauere".
Obdachlose wurden in Massenquartiere gesteckt; im niederrheinischen Bedburg waren es 24 000. In einem Monat starben dort 367 Menschen an Ruhr und Typhus. "Es gibt viele Kranke und Sterbende", berichtete der Journalist Fritz Nadler aus Nürnberg, "aber es gibt nur wenige Ärzte ... Für die Toten gibt es auch keine Särge, keinen Leichenwagen, der sie abholt, es gibt keine Leichenhalle, ja, fast keinen Friedhof mehr."
Wer in Berlin starb, wurde mitunter in Küchenschränken und Kabinenkoffern beigesetzt oder in alte Tücher gehüllt und unter einer dünnen Schicht Kalk und Erde vergraben, wie im Krankenhausgarten in Friedrichshain. Und auch im niedersächsischen Soltau war es "wie in alttestamentarischen Zeiten", so Pastor Salfeld, "wo man die Toten nicht beerdigen konnte".
Bergungskommandos suchten in den Trümmern nach Leichen und Kadavern, um Seuchengefahren zu bannen. "Zunächst haben wir", so berichtete beispielsweise der Leiter des Würzburger "Totenbergungs und Arbeitskommandos", Konrad Försch, "ungefähr 60 Großviehkadaver ausgegraben und an Ort und Stelle verbrannt
Bei der Druckerei Bögler gruben wir 30 Leichen aus und in der Weißenburgstraße (Kaserne) und 30 Soldaten. Alles in allem haben wir etwa 500 Tote geborgen und ... sogleich weitere positive Arbeit geleistet."
Die Deutschen klaubten Ami-Kippen und fälschten Fragebogen, sie schlugen Wälder kahl und warfen ihre Uniformen weg, sie gingen wieder in die Kirche und machten aus Fahnentuch Rock und Bluse, sie verpfiffen den Blockwart und tauschten -- "Hüfthalter (Taille 67 cm) gegen Herrenoberhemd, Größe 37/38 ... Angebote an Buchhandlung Serr, Schiffweiler".
Alle hatten Hunger: Auf Lebensmittelkarten gab es nur noch knapp tausend Kalorien pro Tag, und oft waren die Nahrungsmittel nicht einmal vorhanden, die versprochen wurden. Anastas Mikojan, damals Sowjet-Kommissar für Außenhandel, sagte nach einer Berlin-Visite: "Menschen essen Gras und Rinde von den Bäumen."
"Auf der Charlottenburger Chaussee stinkt es nach Kadavern", schrieb die Schriftstellerin Ruth Andreas-Friedrich in ihr Tagebuch, "doch als wir näher hinschauen, sind es nur Pferdegerippe. Bis zum letzten Fetzen haben die Umwohner den toten Tieren das Fleisch von den Knochen geschnitten und in die Kochtöpfe gesteckt."
Hier und da war die Ausbeute größer, nämlich dort, wo Wehrmachtsvorräte und Versorgungsdepots entdeckt und geplündert wurden. "Mit Handwagen, Stoßkarren und Fuhrwerken kam die halbe Stadt angerückt", beobachtete der frühere Stadtverordnete Peter Fischer in Frankfurt-Höchst. Deutsche und aus den Lagern freigelassene Fremdarbeiter stürmten einen Güterzug mit Lebensmitteln und Steinkohlen: "Nur ein Waggon mit Särgen blieb übrig."
In Nürnberg schleppten "Weiblein nie gesehene Mengen Butterschmal, eimerweise in ihre Behausung", berichtete Journalist Nadler. Aus einem Bekleidungsdepot erbeutete die Bevölkerung Stiefel, Stoffe und Anzüge. Aus einem Zollhaus verschwanden die Weinvorräte: "Greise wankten laut schreiend, den Becher in der Hand, durch die Straßen. Frauen lehnten betrunken an den Wänden" (Nadler).
Großstadt-Viertel wurden in Schrebergärten verwandelt. Der Berliner Magistrat empfahl, "die Kaninchenzucht besonders zu fördern und in den größeren Parks mit Ziegenzucht zu beginnen". Ein Berliner Botaniker veranstaltete Wildgemüse-Exkursionen. an denen insgesamt rund 15 000 Bürger teilnahmen. "Als sehr fündig erwies sich die Trümmer-Wüste; dort wuchsen Pflanzen, die man in Berlin noch nicht gesehen hatte."
Aus Eicheln gewannen Deutschlands Nachkriegshausfrauen Mehl, aus Meide machten sie Spinat, aus Löwenzahn und Scharbockskraut Salat. Deutschlands Nachkriegsraucher zogen in Balkonkästen und Hinterhöfen Tabakpflanzen ("Siedlerstolz"). Aus Rüben und Kartoffeln wurde Schnaps gebrannt.
Eine neue Gesellschaft entstand. Oben war nun, wer Butter und Speck produzierte oder organisierte. Zur Geldaristokratie zählte, wer über Camel, Lucky Strike und Chesterfield verfügte. Der Mittelstand setzte sich aus denen zusammen, die aus Stahlhelmen Kochtöpfe, aus Fallschirmseide Handtaschen, aus Kartuschenhülsen Ofenbleche machen konnten. Gefragt waren, so der Schriftsteller Klaus Nonnenmann in seinem Tagebuch, "Leute, die wissen, wie man ein Zelt baut oder Brennessel dünstet, notfalls mit Haaröl".
In Ruinen und hinter Bretterzäunen wurde verschinscht, was nicht satt machte: Klaviere und Eheringe, Kaffeeservice und Bettvorleger. Der Schwarzhandel mit Kaffee und Glühbirnen, Autoreifen und Seife kam, so der Hamburger Kriminalbeamte und spätere Kripochef Kurt Breuer, "schon von der Stunde des Zusammenbruchs an in Gang" -- in der Hansestadt rund um die Reeperbahn, in München vor dem Armeemuseum, in Berlin am Reichstag. "Für eine alte Kodak-Box", so erinnerte sich der Darmstädter Schriftsteller Ernst Kreuder, "bekam ich einen länglichen Persilkarton voll Knaster, abgetrocknet, Marke Scheuerbammel."
Regiert wurde die neue Gesellschaft von 12 000 Amerikanern unter Fünf-Sterne-General Dwight D. Eisenhower, der im Frankfurter IG-Farben-Haus residierte; von 25 000 Briten unter Feldmarschall Montgomery, der im Kurhaus von Bad Oeynhausen Quartier gemacht hatte; von 11 000 Franzosen unter General de Lattre de Tassigny, der in Baden-Baden das Hotel "Stephanie" bewohnte; von über 60 000 Russen unter Marschall Schukow, der die Pionierschule in Berlin-Karlshorst zur Sowjetischen Militär-Administration (SMA) umgewandelt hatte.
Die US-Besatzer hatten, so der amerikanische Major Charles Lincoln vom 3. Military Government Regiment (MGR), "vor sich das Land der Fräuleins". Aus dem Münchner Bürgerbräukeller, wo Hitler beim Bayer-Putsch von 1923 in die Decke geschossen hatte, machten sie eine GI-Kantine, aus dem Nürnberger Reichsparteitagsgelände ein Versorgungsdepot.
Als sie Hitlers Münchner Wohnung am Prinzregentenplatz durchsuchten, fanden sie im Panzerschrank nur zwölf handsignierte "Mein-Kampf"-Exemplare. Als sie Nordhausen am Harz durchkämmten, stießen sie in einem Bergwerksstollen auf 14 Tonnen Raketenwissenschaft. Wernher von Braun stellte sich ihnen in Bayern. Auf der Elendsalm bei Schliersee stöberten sie den Nachrichtenmann (und späteren BND-Chef) Reinhard Gehlen auf, der sie mit den Worten empfing: "Ich habe auf Sie gewartet."
In Frankfurt zogen sie einen Zaun um Grüneburg-Park und Palmengarten und warfen in diesem Sperrgebiet Bücher aus den Häusern. Sie "fürchteten nicht etwa eine geistige Ansteckung", so schrieb Journalist Richard Kirn, "sondern tatsächlich Bazillen, die in den gelesenen Bänden verborgen sein könnten".
In Kirchhorst gaben amerikanische Soldaten einem deutschen Arbeiter das Fahrrad zurück, das Polen ihm gerade weggenommen hatten. Als sich der Deutsche dafür bedankte und mit dem Heil-Hitler-Gruß verschwinden wollte, wurde er verprügelt und endgültig um das Fahrrad gebracht. Als ein US-Soldat dem Bauern Pinkvoß ein Glas Wasser reichte, lehnte der Deutsche ab -- aus Furcht, das Wasser sei vergiftet. Daraufhin schleppte ihn der Amerikaner zum Brunnen, aus dem er das Wasser geschöpft hatte, und zwang Pinkvoß davon zu kosten -- aus Furcht, das Wasser sei vergiftet. Argwohn und Angst, Mission und Mitleid bestimmten die Amerikaner im Umgang mit den Deutschen. "Nonfraternization" (Nichtverbrüderung) und "Curfew" (Ausgehverbot) sollten Distanz und Sicherheit gewährleisten.
Oberbefehlshaber Eisenhower sorgte dafür, daß in seinem Hauptquartier amerikanische Sieger und deutsche Hilfskräfte auf getrennte Toiletten gingen. "Don't play Samson to Delilah -she"d like to cut your hair off at the neck", warnte die US-Soldaten-Zeitung "Stars and Stripes" oder: "In heart, body and spirit every German is Hitler."
Die Amerikaner wollten den Deutschen klarmachen, "daß sie nicht der Verantwortung entgehen können", hieß es in der US-Direktive JCS 1067, "für das, was sie selber auf sich geladen haben" -- Angriffskrieg und Eroberungen, Terror und Massenvernichtung.
Sie führten den Deutschen vor Augen, was sie auf sich geladen hatten -- "die geschwärzten Skelette und Schädel in den Ofen des Krematoriums" und "einen Berg weißer menschlicher Asche und Knochen" ("Stars and Stripes"),
Sie mußten, beispielsweise in Hannover, "pünktlich 9 Uhr auf dem Friedhof Seelhorst" erscheinen und mit Schaufeln und bloßen Händen 250 ermordete Rotarmisten aus einem Massengrab buddeln und "den Opfern ein feierliches Begräbnis in einzelnen Gräbern" bereiten -- hinter dem Rathaus der Niedersachsen-Metropole, wo seitdem ein russischer Ehrenfriedhof gepflegt wird.
Mit 13 Millionen Fragebogen suchten die Amerikaner die Schuldigen herauszufinden und die Schuld zu klassifizieren -- von Gruppe I (Hauptschuldige) bis Gruppe IV (Mitläufer). Mit Entnazifizierung und Reeducation wollten sie "das Denken des deutschen Volkes" in demokratische Bahnen lenken.
Um ganz sicher zu gehen, legten sie Deutsche, die ihnen dabei helfen sollten, auf die Psychologen-Couch. Sie ließen Aufsätze verfassen über "Meine Gefühle in der Nazi-Zeit" und Halbsätze vollenden, um herauszufinden, ob Gedanken und Vokabular demokratisch oder nazistisch seien. Auch die Hilfswilligen wurden in Gruppen eingeteilt -- von "Weiß A" ("Einwandfreier Antinazi, verfolgt") über "Weiß-B" ("Antinazi ohne Widerstandsleistung") und "Grau" ("Tragbar") bis "Schwarz" ("Untragbar").
Aber bald überließen sie die Entnazifizierung den Deutschen, und die Distanz schmolz -- angesichts der Fräuleins, die "alle Würde und allen Anstand vergaßen und sich anbiederten", wie der frühere Reichsfinanzminister Köhler beklagte, Als die Amerikaner das Fraternisierungsverbot aufhoben und "sorgsam ausgewählte deutsche Mädchen" für ihre Klubs suchten, da erschwerte, so US-General Lucius D. Clay, das "zurückgelassene Odium ... die Gewinnung anständiger Mädchen".
25 000 Briten -- mehr als je in Indien oder in Afrika eine Kolonie verwaltet hatten -- regierten die britische Zone in den Hansestädten und in Harzdörfern, im katholischen Münsterland und im Kohlenrevier an der Ruhr. Auch sie wollten den Deutschen durch Curfew und Nonfraternization "eine endgültige Lehre erteilen" (Montgomery) und mit der Entnazifizierung "Vergeltung üben an den Ruchlosen und Grausamen" (Churchill). Aber sie bemühten sich auch, so Michael Balfour, Mitglied der britischen Kommission im Alliierten Kontrollrat, "Festigkeit mit Milde zu verbinden".
Englands Oberhirte Erzbischof Fisher von Cauterbury rief als erster Kirchenführer der Welt zu christlicher Nächstenliebe gegenüber den Geschlagenen auf. Victor Gollancz, in London lebender jüdischer Schriftsteller, begann eine publizistische Kampagne gegen die "Moral des Hungertodes".
Engländer, die 1918 mit Parolen wie "Hängt den Kaiser!" und "Preßt die Apfelsinen, bis die Kerne quietschen" einen Wahlkampf geführt hatten" plädierten 1945, wiederum In einem Wahlkampf: "Seid nicht so gemein zu den Deutschen."
Am 10, Juni ließ Briten-Marschall Montgomery die Nonfraternization lockern, und Briten-Soldaten durften nun nett zu deutschen Kindern sein. Montgomery in einem Aufruf: "Wir sind ein christliches Volk, das gerne vergibt, wir lächeln gern und sind gern freundlich."
Mehr als ihre alliierten Partner sahen die Engländer, in Kolonialpolitik erfahren, in der Besatzung ein Verwaltungsproblem. Enger als die anderen zogen sie ·das Netz ihres Besatzungsapparats, und sinnvoller als ihre Verbündeten bemühten sich englische Besatzer, den Deutschen Demokratie und Parlamentarismus beizubringen -- am Beispiel arbeitsfähiger Gemeindeparlamente nach dem Muster ihres Mutterlandes.
Frankreichs Besatzer im Saarland und in der Rheinpfalz, im badischen Schwarzwald und in Württemberg verfolgten handfestere Projekte. Der deutsche Rhein sollte "Rhin gaullois" werden, deutsche Rhein-Ruhr-Industrie unter französische Verwaltung kommen. Sie ließen sogar den Plan eines gesamtdeutschen Verkehrs- und Nachrichtenwesens, dem die Russen schon zugestimmt hatten, scheitern. General Louis M. Koeltz hielt eine zentral gesteuerte deutsche Eisenbahn für "ebenso gefährlich wie den deutschen Generalstab".
Zwar sollte auch in der französischen Zone "die Vernichtung des vorangegangenen Regimes bis in seine psychologischen Wurzeln" das "Hauptziel" sein, wie Michel Virally, juristischer Berater der französischen Militärregierung formulierte. Aber die Franzosen waren anfangs mehr auf die Darstellung eigener Gloire bedacht als auf den Aufbau eines demokratischen Gemeinwesens in ihrer Zone. Sie wollten, so General Tassigny, den Deutschen zeigen, "welchen Anteil wir am Siege haben".
Der General ließ sich die National-Oper aus Paris nach Lindau kommen, wo er eine Privatvilla bewohnte, gab Paraden und Empfänge für den Sultan von Marokko und den Bei von Tunis, deren Kolonialsoldaten mitgesiegt hatten. Als sein oberster Befehlshaber de Gaulle am 19. Mai nach Stuttgart kam, mußten "vor 8.30 Uhr ... Teppiche, Blumen und Zierbäume am Platze vor der Tribüne in der Neckarstraße stehen", wie eine Anordnung der Stuttgarter Bevölkerung auferlegte: "Die Zierbäume müssen reichlich sein ... Die Neckarstraße muß besprengt werden ..."
Respekt gebot, in jedem Dorf und in jeder Stadt, schon der erste Besatzungsbefehl: "Die deutsche Zivilbevölkerung hat Generale und Dienstwagen, die mit dem Zeichen des Generals versehen sind, zu grüßen (Männer durch Hutabnahme)... Die Nichtbefolgung des Befehls wird durch kollektive Geldstrafe oder persönliche Bestrafung gesühnt."
In den drei Westzonen setzten die Besatzer, oft auf den Rat der Geistlichkeit oder spontan entstandener Antifaschisten-Komitees, Bürgermeister und Landräte ein. Ende April holte ein amerikanischer Offizier Wilhelm Kaisen von seinem Acker Im Bremer Borgfeld ins Bremer Rathaus; "Zunächst beäugten wir uns beide mißtrauisch", so Kaisen, "dann begann er davon zu sprechen, wie glücklich er sei, mich endlich gefunden zu haben." Der SPD-Mann wurde Oberbürgermeister und blieb es zwanzig Jahre.
Die Franzosen beförderten Arnulf Klett zum Stuttgarter OB, der parteilose Rechtsanwalt blieb es bis heute. Klett: "Ich freute mich trotz aller Schwierigkeiten auf meine neue Aufgabe." Der Sozialdemokrat Fritz Erler wurde im Juni 1945 Landrat von Biberach, Franz Josef Strauß stellvertretender Landrat von Schongau.
Reinhold Maier machte sich selber zum Sprecher eines "Ortssowjets" (Maier) im württembergischen Jagsttal und blieb es bis zum Tag, da
* Mit britischen und russischen Soldaten Im Garten der Reichskanzlei.
die amerikanischen Besatzer ihn im August 1945 an die Spitze der Landesregierung von Württemberg-Baden stellten. Maier: "Wir kalkulierten zwei große und lange chronische Elendszonen ein -- Hunger und vielfältigste Not." Die Amerikaner beauftragten den Rhöndorfer Zentrumspolitiker Konrad Adenauer mit der Verwaltung seiner Vaterstadt Köln, die er schon einmal, von 1917 bis 1933, regiert hatte. Doch schon ein paar Monate später setzten die Engländer den eigenmächtigen OB wieder ab: "Wegen Unfähigkeit."
Das neue Deutschland, von dem noch niemand eine Vorstellung hatte, fing "sozusagen beim Landrat an" -- so Reinhold Maier. Kommunen und Kreise bildeten "nicht nur die unterste, sondern die einzige Stufe deutscher Verwaltung" -- so Arnulf Klett.
Mit dem letzten Rest, der nach "automatischem Arrest" und Massenentlassungen auch kleiner Pgs übriggeblieben war, verwalteten die Landräte und Bürgermeister der ersten Stunde, was der vom NS-Regime angezettelte Krieg zurückgelassen hatte, Angefeindet von Mitbürgern, denen noch nicht genug gesäubert wurde, und von Betroffenen, die entlassen worden waren, gingen sie daran, "das große Unglück unseres Vaterlandes ... zu überwinden", so in seinem Aufruf der Mainzer Oberbürgermeister Rudolf Walther,
"Wie ein Familienvater die Seinen" gedachte Essens OB Hugo Rosendahl die Stadt zu betreuen. Aber die Familien machten es den Stadtvätern oft nicht leicht. "Widerwärtig und an den Nerven zerrend", so Rudolf Amelunxen, "waren die ständigen Denunziationen": "Fast jeder ... wurde von bösen Mitmenschen, wie man in jenen Tagen sich ausdrückte, 'angeschossen'." Schliersees Bürgermeister Gasteiger warnte: "Wer -- ohne dies beweisen zu können -- behauptet, jemand sei Parteigenosse gewesen ... oder wer grundlos andere ehrenrührige Gerüchte ausstreut, wird polizeilich bestraft."
In Würzburg begann die deutsche Selbstverwaltung mit Wurfzetteln" die Oberbürgermeister Gustav Pinkenburg durch Boten in der Stadt verteilen ließ. Und was er zu reglementieren versuchte, beschäftigte so oder ähnlich alle Kommunen:
* "Alle Männer und berufstätigen Frauen im Alter von 15 bis 65 Jahren werden hiermit zur Arbeitspflicht aufgerufen
* "Wer ... Wasser für andere Zwecke, als im Hausgebrauch notwendig, verwendet, hat mit sofortiger Sperre der Wasserzufuhr für 4 Wochen zu rechnen ...
* "Bei Einbrüchen, Plünderungen oder Notzucht wird empfohlen, daß ein Familienmitglied oder Hausbewohner -- auch nachts -- die Straßen entlanglaufen und rufen soll 'MPi, MPi, MPi' ...
* "Um der Arzneimittelknappheit zu steuern, müssen sofort alle offenen Lindenblüten mit Flügelblatt gesammelt und an der Luft (nicht Sonne!) getrocknet werden.
* "Fahrräder dürfen nur für dienstliche und gewerbliche Zwecke benutzt werden."
Trotz Chaos und Trümmern, Hungersnot und Fremdherrschaft taten die geschlagenen Deutschen im Westen "den Schritt in die verhängte Zukunft", wie Reinhold Maier es formulierte: "Tief erschüttert zwar, aber mit Mut, nüchternem Mut." Die geschlagenen Deutschen im Osten hingegen konnten sich, so ein Berliner Buchhändler, "kein Nachher" vorstellen.
NS-Propaganda und Flüchtlingsberichte, aber auch Szenen, die sich zwischen Elbe und Oder, Ostsee und Thüringer Wald täglich ereigneten, ließen die Selbstmordrate hochschnellen und machten die Panik permanent.
Frauen suchten Zuflucht in Kellern und Kirchen, sie entstellten ihre Gesichter, um alt und abstoßend zu wirken, und täuschten Krankheiten vor. Doch es half alles nichts:
"Der Russe leuchtete mir die Augen ab und sagte, er glaube nicht, daß ich Syphilis hätte ... stieß mich um, daß ich rücklings gegen den Küchenofen fiel und ein großer Topf in die Flammen Polterte."
Immer wieder geschah, was beispielsweise eine Lehrerin aus Soldin/Brandenburg in einer Dokumentation des Bundesvertriebenenministeriums so beschrieb: "Sie ergriffen mich an Armen und Beinen, schleppten mich in die Mühle und warfen mich auf den Baden." Die damals achtzehn Jahre alte Berlinerin Irene Zander* "wußte nichts von Liebe. Jetzt weiß sie alles. In sechzigfacher Wiederholung".
"Uri, Uni!", forderten Sowjetsoldaten: "Uhren, Uhren!" Sie drangen tags und nachts in die Häuser ein und schleppten weg, was sie gerade wollten. Sie stoppten Züge, plünderten sie aus und holten sich den Schweinebraten aus dem Stall. "Auf den Dörfern", berichtete Helene Kluge, "wurden die letzten Störche abgeknallt."
Vor dem Berliner "Adlon"-Hotel, beobachtete der Schriftsteller Vladimir Nabokov ("Lolita"), Amerikaner russischer Abkunft, "stehen zwei Lastwagen, der erste ist hoch beladen mit Blasinstrumenten: Tubas, Trompeten und Posaunen, zugedeckt mit schweren Buchara-Brücken ... Der zweite Lastwagen steht, halb umgekippt, auf drei Rädern und versperrt die Durchfahrt. Er ist beladen mit Tausenden von Schreibmaschinen ohne Deckel, und mittendrin steht eine Elchkuh".
Deutsche berichteten über die Russen aber auch anderes: "Heiteren Leuten und Kindern gibt er gern ab. Tränen ärgern ihn nur ... Ein Kerl, der über einer Frau im Walde liegt, küßt sie nicht nur, sondern tupft mit zartgemeinten Fingern die Mücken von ihrer Stirn fort" -- so die Köslinerin Helene Kluge.
Sie radelten "auf frisch geklauten Rädern ... Sie sitzen so steif auf dem Sattel wie die radfahrende Schimpansin Susi im Zoo, prallen gegen die Bäume und krähen vergnügt" -- so eine Berlinerin in ihrem Tagebuch. Ein russischer Kraftfahrer lud "ein altes Mütterchen auf der Landstraße samt ihrem halbzerbrochenen Handwagen" auf und brachte sie nach Hause -- so ein aus Breslau Vertriebener.
Und ein Russe schrieb über die Deutschen an seine Frau: "Die Leute
* Der Name wurde von der Redaktion geändert.
wohnen hier gut, wenn du in ein Haus reingehst, weißt du nicht, auf was du zuerst schauen sollst, so viele schöne Sachen findest du hier vor. Fast ein jeder Wirt hat ein Klavier. So etwas, wo man darauf spielt. Es Ist ungefähr so groß wie ein Tisch ... Es ist aber doch ein Elend. Die vergiften ihr Essen und ihre Getränke, so daß schon viele gestorben sind."
Manche nahmen Gift, weil sie an ein Nachher nicht mehr glaubten. Doch das Nachher mit den Russen war unvermeidlich, konsequenter und dauerte länger als das Nebeneinander mit Amerikanern, Engländern und Franzosen. Die Russen wußten es besser, was sie in Deutschland wollten, und sie brachten die eigene Mannschaft mit.
Am 2. Mai 1945 landete in Bruchmühle bei Berlin, eingeflogen aus Moskau, die zehn Mann starke "Gruppe Ulbricht", begleitet von sowjetischen Instrukteuren. Noch am gleichen Tag stellte sich der spätere DDR-Chef der Neuköllner Bezirksverwaltung vor: "Walter Ulbricht, ehemaliger Reichstagsabgeordneter, gegenwärtig am Aufbau der Berliner Verwaltung tätig."
Ulbricht baute auf -- ebenso kompromißlos wie berechnend: "Es ist doch ganz klar: Es muß demokratisch aussehen, aber wir müssen alles in der Hand haben." Kommunisten kamen als Bürgermeister nicht in Frage, "höchstens in Wedding oder Friedrichshain" (Ulbricht), Bezirken, die ohnedies rot waren. Für den Anfang brauchte der heimgekehrte Sachse respektable Demokraten: "Am besten, wenn er ein Doktor ist."
So wurde der Parteilose Dr. Arthur Werner erstes Berliner Nachkriegs-Oberhaupt. Den Einwand aus der Ulbricht-Gruppe, der Doktor sei "manchmal nicht ganz richtig im Kopf", ignorierte der Chef: "Das macht nichts, wir haben ja unseren Stellvertreter."
Der Stellvertreter in Berlin war Karl Maron, von 1955 bis 1963 DDR-Innenminister, heute Leiter des Instituts für Meinungsforschung beim SED-Zentralkomitee. Arthur Pieck, Sohn des späteren DDR-Staatspräsidenten, zeichnete im Magistrat für Personalfragen verantwortlich. Otto Winzer, Mitglied der "Gruppe Ulbricht" und heutiger DDR-Außenminister, kümmerte sich um "sozialistische Volksbildungspolitik" "Quelle der Demokratisierung" (Winzer).
Schneller als die Besatzer in den Westzonen gliederten die Kommunisten ihren Machtbereich in Länder und Provinzen. Mit der Demontage von Fabriken und Bahngleisen begannen sie, noch bevor die Alliierten auf der Potsdamer Konferenz darüber beschlossen.
Am 30. Oktober erließ der sowjetische Besatzungs-Chef Marschall Schukow den Befehl Nr. 124, der den prinzipiellen Unterschied zwischen sowjetischen und westlichen Besatzungszielen herauskehrte: Enteignung der Banken und Verstaatlichung der Großindustrie, Umwandlung der für Demontage ungeeigneten Firmen In "Volkseigene Betriebe" (VEB) und die Bodenreform.
Sie sollte, so Schukow, von den Deutschen selber mitbestimmt werden, etwa bei der Festlegung der Landzuteilung an Kleinbauern aus der "Liquidierung des feudalen und junkerlichen Grundbesitzes". Doch die deutschen Vorschläge wurden, wie der frühere sowjetische Besatzungsmajor Klimow berichtete, so lange zurückgewiesen, bis sie den Instruktionen aus Moskau entsprachen.
Kleinbauern, die rechtzeitig die "Beendigung der Winterpflugfurche" und die "restlose fristgerechte Erfüllung der auferlegten Ablieferungskontingente" melden konnten, erhielten Prämien "für die Sieger". So verteilte die Provinzverwaltung der Mark Brandenburg 100 Kühe und "für Tausende unserer Fleißigsten eine größere Anzahl von Zigaretten".
Eine Weile schien es so, als wollten auch in den Westzonen und selbst bürgerliche Politiker verwirklichen, was die meisten Deutschen -- Bürgerliche wie Sozialisten -- während der Revolution von 1918/19 verschmäht hatten und die Russen in ihrem Machtbereich oktroyierten.
Sozialdemokraten forderten In ihrem Berliner Gründungsaufruf vom 15. Juni "Verstaatlichung der Banken, Versicherungsunternehmungen und der Bodenschätze ... der Bergwerke und der Energiewirtschaft ... Beseitigung des arbeitslosen Einkommens aus Grund und Boden und Mietshäusern ... Beschränkung des Erbrechts auf die unmittelbaren Verwandten".
Christliche Demokraten verlangten -- "um für alle Zeiten die Staatsgewalt vor illegitimen Einflüssen wirtschaftlicher Machtzusammenballungen zu sichern" -- in ihrem "Aufruf an das deutsche Volk" vom 26. Juni, daß "die Bodenschätze in Staatsbesitz übergehen ... Bergbau und andere monopolartige Schlüsselunternehmungen ... klar der Staatsgewalt unterworfen werden", daß "unter weitgehender Heranziehung des Großgrundbesitzes einer möglichst großen Zahl von Deutschen der Zugang zu eigener Scholle" eröffnet würde.
Und selbst Liberale plädierten in einem Aufruf der "Liberaldemokratischen Partei Deutschlands" vom Juli 1945 für die "Unterstellung von Unternehmungen unter die öffentliche Kontrolle", "wenn die betreffenden Betriebe hierfür geeignet und reif sind und wenn ein überwiegendes Interesse des Gesamtwohls dies gebietet. Dies gilt auch für landwirtschaftliche Betriebe einer übertriebenen Größenordnung".
"Heute steht noch alles sozusagen im politischen Zwielicht", urteilte bei Kriegsende der frühere preußische Innenminister Carl Severing (SPD): "Dutzende von Reformatoren ... treten auf." Am 1. Mai 1945 versammelten sich westfälische Genossen in seiner Bielefelder Wohnung und begingen den Tag der Arbeit mit Beethovens "Egmont" und dem Arbeiterchor "Empor zum Licht".
Am gleichen Tage hockten Mannheimer SPD-Genossen in der Kellerruine des Verlagshauses der "Volksstimme" und dachten an die Zukunft. Für sie war es "ganz selbstverständlich", so Mannheims früherer und späterer SPD-Chef Trumpfheller, "der Partei wieder Leben einzuhauchen".
Der Sozialdemokrat Kurt Schumacher, der zehn Jahre im KZ gesessen hatte, hielt am 6. Mai in dem von den Amerikanern eingenommenen Hannover seine erste wichtige Nachkriegsrede. Im Polizeipräsidium am Waterloo-Platz rief er den Genossen zu: "Wenn wir nicht da wären, müßten * Mit Hermann Metern (r.), 1945 sächsischer KP-Chef, seit 1946 Mitglied des SED-Politbüros.
wir unter den heutigen Umständen zwangsläufig neu entstehen."
Sie waren da. Überall im Reich meldeten sie sich -- obgleich von den Besatzern als Partei noch verboten -- mit ihren Parteibüchern in improvisierten Parteibüros und ehemaligen Gewerkschaftshäusern. In Mannheim wurden die ersten 295 Mark gespendet; im westlichen Westfalen fanden sich Genossen bereit, die SPD-Beiträge für die zwölf NS-Jahre nachzuzahlen. In Hamburg gründeten Sozialdemokraten und Kommunisten -- um das Parteiverbot der Besatzer zu umgehen -- die "Sozialistische Freie Gewerkschaft". Im Sommer lagen bereits 50 000 Aufnahmeanträge vor.
Der Genosse Helimut Kalbitzer, heute SPD-Bundestagsabgeordneter, schrieb an seinen Parteifreund Willi Eichler, der noch in London war: "Wir haben schon 100 000 Mark an Aufbauspenden in der Kasse."
Kalbitzer weiter: "Die sozialistische Partei wird alle Sozialisten umfassen. Wenn die Kommunisten ablehnen ... so sollen sie das Odium auf sich laden, die Einheit der Arbeiterschaft verhindert zu heben."
Viele Sozialdemokraten wollten eine weitere Lehre aus ihrer eigenen Geschichte ziehen. Die Einheit der Arbeiterbewegung, die im Ersten Weltkrieg zerbrochen und während der Revolution 1918/19 durch die Gründung der KPD endgültig dahin war, sollte wiederhergestellt werden, lange bevor sie den Sozialdemokraten jenseits der Elbe aufgezwungen wurde.
In München verkündeten Sozialdemokraten und Kommunisten, unter ihnen Bayerns späterer Ministerpräsident Wilhelm Hoegner und KP-Funktionär Ludwig Ficker, der im Herbst 1945 als Staatssekretär in
Oben: 1946 in Hannover mit Egon Franke, Erich Ollenhauer, Alfred Nau und Fritz Heine; unten: 1948 mit britischen Besatzungsoffizieren in Köln. Hoegners Kabinett eintrat, sie wollten nicht mehr, wie vor 1933, "getrennt marschieren und getrennt geschlagen werden".
Im Hamburger Gewerkschaftshaus, das bis Kriegsende als Wehrmachtswartestelle gedient hatte, einigten sich Sozialdemokraten und Kommunisten auf ein gemeinsames Aktionsprogramm. "Die blutige Lehre der zwölfjährigen Hitler-Diktatur ... heißt eindeutig: 'Einigkeit -- Einheit!'"
Als ein paar hundert Hamburger Sozialisten auf dem Ohlsdorfer Friedhof die Genossin Magda Thürey zu Grabe trugen, die im KZ Fuhlsbüttel mißhandelt
worden war, gelobten der Kommunist Friedrich ("Fritze") Dettmann (später KP-Chef der Wasserkante und Hamburger Senator) und der Sozialdemokrat Karl Meitmann (später Hamburgs SPD-Chef und Bundestagsabgeordneter), "den Bruderkampf niemals wieder aufleben zu lassen"
Die Sozialdemokraten jenseits der Elbe wollten ebenso die Verbrüderung. Doch schon bei dem ersten Kontakt des neugegründeten Berliner SPD-Zentralausschusses mit führenden Kommunisten in der Reichshauptstadt wurden sie, wie der Sozialdemokrat Erich Gniffke berichtete, abgewiesen. Walter Ulbricht begründete: "Was Klassenbewußtsein ist, wißt ihr, ja? ... Nun, das muß erst wiederhergestellt werden." Gniffke: "Die ganze Atmosphäre war unerfreulich."
Bei einer Reise durch Thüringen wurde Gniffke von kommunistischen Funktionären belehrt: "Vielleicht haste schon mal was von der KP gehört. Jetzt sind nämlich wir am Drücker."
Als der Berliner Zentralausschuß Verbindung mit Kurt Schumacher aufnehmen wollte, der die westdeutschen Sozialdemokraten organisierte, stellten die ostdeutschen Genossen fest, daß es Einigkeit noch nicht einmal unter den Sozialdemokraten gab. Statt gemeinsame Sache zu machen, zog Schumacher durch den Westen und diffamierte die Genossen Im Osten als "Befehlsempfänger des Kreml".
Auf der ersten zentralen Parteikonferenz der Westzonen-SPD, Anfang Oktober 1945 im niedersächsischen Wennigsen, waren Schumacher und seine Leute schon unter sich -- im Bahnhofshotel. Im Hinterzimmer eines anderen Gasthauses wartete eine SPD-Delegation aus der Sowjetzone, unter Ihnen Gniffke, Gustav Dahrendorf (Vater des Staatssekretärs Ralf Dahrendorf) und Otto Grotewohl, auf eine Aussprache mit Schumacher.
Schumacher rückte von der Einheit der Sozialdemokratischen Partei ab, noch bevor Ulbricht sie endgültig gespalten hatte. Die Genossen im Gasthaus brüskierte er erneut, weil er die Diffamierung nicht zurücknehmen wollte; auf die angetragene Zusammenarbeit ging er überhaupt nicht ein. Als Grotewohl den enttäuschten Gniffke, der im November noch einmal zu Schumacher gefahren war, fragte: "Woran ist deine Mission gescheitert?", antwortete der Genosse: "An der Atmosphäre."
Und auch die Einheit des Reiches hielt Schumacher schon für vertan: "Deutschland zerfällt", sagte er seinen Anhängern im Bahnhofshotel "in verschiedene Besatzungszonen." Der Genosse Max Fechner schrieb einen "Offenen Brief" an Schumacher: "Sie denken in Zonengrenzen. Meine politischen Freunde und ich sehen Deutschland."
In Zonengrenzen -- "etwa in den Grenzen des Reichs Karls des Großen" -- dachte damals auch der Mann, der von 1949 an dreizehn Jahre lang westdeutsche Nachkriegspolitik machte: Konrad Adenauer. Schon frühzeitig wollte er einen "Damm" errichten "gegenüber der kommunistischen atheistischen Diktatur", und ebenso schnell wie Kurt Schumacher sah er die "Trennung in Osteuropa, das russische Gebiet, und Westeuropa" als eine "Tatsache" an.
Als jedoch christliche Politiker gleich nach der Kapitulation an den Aufbau einer neuen Partei gingen, beschloß der Kölner mit seinen "Kräften hauszuhalten". Es sei "ökonomischer", vertröstete er die Freunde aus der Weimarer Zentrumspartei, "meine Kräfte zu reservieren für die großen Aufgaben der nächsten Zukunft". Und so entstand die CDU ohne Adenauer.
Im Hause Platanenallee 11 im Berliner Westend trafen sich am 16. Juni ehemalige Zentrumspolitiker, Liberale und christliche Gewerkschafter und gaben der neuen Partei den Namen, den der ehemalige Reichsminister Andreas Hermes vorgeschlagen hatte: "Christlich-Demokratische Union".
"Eines Morgens sagte mein Mann zu mir", schrieb Frau Hermes einer Freundin nach Kolumbien, "jetzt weiß ich, wie die Partei heißen muß: 'Demokratische Union'! ... Strahlend schien die Frühlingssonne ins Zimmer, als ich froh wiederholte: "Demokratische Union", also die 'Union'."
Am 26. Juni feierten Christdemokraten, unter ihnen Hermes, Jakob Kaiser und Ernst Lemmer, die Gründung ihrer Union -- "mit einer Tasse echten Tees in gehobener Stimmung" (Frau Hermes). Wie der Berliner SPD-Zentralausschuß wollte die Berliner CDU Mittelpunkt für alle Christdemokraten in ganz Deutschland sein, doch auch ihr Einfluß reichte über die sowjetische Besatzungszone nicht hin-aus. Im katholischen Rheinland entstand unterdessen die CDU, die dann zwanzig Jahre lang regierte und sich heute in der Opposition abmüht.
Nach gemeinsamer Gestapo-Haft in Königswinter hatten sich schon im Mai 1945 der frühere Vorsitzende des "Volksvereins für das katholische Deutschland", Leo Schwering, und der ehemalige Krefelder Bürgermeister Wilhelm Warsch auf den Weg nach der Domstadt Köln gemacht, "dem ersehnten Mekka" (Schwering). Am 17. Juni beschlossen sie zusammen mit 18 Kölner Christen im ramponierten Meisterzimmer des Kolping-Hauses, das Zentrum müsse "einer großen Idee geopfert" werden (Warsch). Die Idee: "Raus aus dem katholischen Getto" und Verbrüderung mit den Protestanten.
Im Dominikanerkloster Walberberg bei Köln debattierten Ende Juni Zentrumspolitiker und Geistliche beider Konfessionen in mehrtägiger Klausur über "Christlichen Sozialismus" und formulierten in den "Kölner Leitsätzen": "Was uns in dieser Stunde der Not allein noch retten kann, ist eine ehrliche Besinnung auf die christlichen und abendländischen Lebenswerte." Zwischendurch hörten sie ein Orgelwerk von Palestrina und nahmen an Gottesdiensten teil.
Linke CDU-Mitgründer plädierten für "Sozialismus aus christlicher Verantwortung" -- so in Düsseldorf, wo der ehemalige Lederarbeiter Karl Arnold (später Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen) Christdemokraten instruierte; so auch in Frankfurt, wo Eugen Kogon, Walter Dirks und Heinrich Knappstein über die Zukunft berieten.
In Wuppertal dachte CDU-Gründer Pastor Lutze ans Proletariat, "denn eine christliche Partei, in der sich der Arbeiter nicht zu Hause fühlen kann, ist zum Tode verurteilt". In Würzburg nannte Adam Stegerwald, in den zwanziger Jahren Vorsitzender der christlichen Gewerkschaften, seinen Gründerkreis "Christlich-Soziale Arbeiter-, Bürger- und Bau-
* "Channscht du mir uf däre Charte Dütschland zeige?" -- "Ja, Herr Lehrer, aber Sie decket's ja grad mit Ihrem Stäcke zue!"
ernpartei". "Das Wichtigste ist", schrieb der spätere Kölner CDU-Chef Johannes Albers seinem Gesinnungsfreund Jakob Kaiser, "daß die alten bürgerlichen Auffassungen nicht zum Durchbruch kommen."
Ein paar Christdemokraten erinnerten sich an Ordnungsideen von 1918: "Vielleicht steht in der Stunde der höchsten Not noch einmal die monumentale Gestalt des feldgrauen Soldaten des Ersten Weltkriegs auf ... Vielleicht tritt ihm zur Seite noch einmal der "vaterlandslose Geselle" um durch seine disziplinierte Besonnenheit seine aus tiefster Seele geliebte Heimat zu retten" -- so Hans Schlange-Schöningen. ehemals Minister unter Reichskanzler Heinrich Brüning. Der aus Pommern vertriebene Gutsbesitzer fuhr, zusammen mit dem Plöner Freiherrn von Senfft-Pilach, in einem ausgedienten Feldjäger-Kraftwagen durch Schleswig-Holstein und warb für die CDU.
Den raschesten Fortschritt erzielte, mit bischöflicher Assistenz, die CDU in Rheinland und Westfalen. Am 19. August konstituierte sie sich als erste Orts-Partei in Köln, am 2. September -- wiederum im Kölner Kolping-Haus -- als rheinische Provinz-Partei und am gleichen Tag auch in Bochum für Westfalen.
"Bei keinem dieser markanten Höhepunkte", so vermerkte der Rheinland-Vorsitzende Leo Schwering, "war der spätere Bundeskanzler zugegen." Dabei war Adenauer beim ersten "Reichstreffen" der CDU, vom 14. bis 16. Dezember in der Aula des Pädagogiums zu Bad Godesberg -- als sich ein westzonaler CDU-Zusammenschluß abzeichnete. Und sogleich strebte der Rhöndorfer "neue Ufer" an (Schwering).
Teilnehmer des Godesberger Treffens befiel schon damals die Ahnung, die einer von Ihnen offen aussprach. Leo Schwering: "Conradus ante portas".

DER SPIEGEL 19/1970
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 19/1970
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

„IST DAS NICHT EIN WÜSTER TRAUM?“

  • In Norwegen, aber made by China: Längste Brücke am Polarkreis
  • Brexit-Parodie: Schauspieler Andy Serkis als May-Gollum
  • Debattenkultur: Die seltsamen Rituale des britischen Parlaments
  • Turner Fabian Hambüchen: Der schwierigste Abgang