04.05.1970

BLAUBARTS VERGNÜGUNGEN

Von Köhler, Otto

Gottlob, den ganzen Justizkram mit zeitraubenden Beweiserhebungen und umständlichen Urteilssprüchen können wir uns endlich schenken. Wir haben es nicht länger nötig, Richter mit unseren Steuergeldern zu ernähren. Wir sind nicht länger auf Vermutungen angewiesen, die uns die Konvention zum Schutze der Menschenrechte vorschreiben will ("Bis zum gesetzlichen Nachweis seiner Schuld wird vermutet, daß der wegen einer strafbaren Handlung Angeklagte unschuldig ist").

Wirklich, das alles brauchen wir nicht mehr. Denn kaum hatte die Polizei am vorletzten Samstag zwei Leichen auf einem Jagdgrundstück Arwed Imielas gefunden, da trat die Schnelljustiz des Deutschen Zeitungsgerichtshofs zusammen und sprach den Verdächtigen schuldig.

Sofort am Montag zeigte "Bild" ein Photo Imielas und fragte mit rotunterstrichener Schlagzeile: "Ist das der Blaubart von der Ferieninsel?" "Das ist der Blaubart von der Ferieninsel", bestätigte am Dienstag die Schlagzeile der Münchner "Abendzeitung" -- bevor Imiela überhaupt nur erfahren hatte, daß er des Mordes an zwei Frauen verdächtigt wird. Es hatte sich herausgestellt, daß Imiela -- so die "AZ"-Titelzeile -- "Playboy, Astrologe, Eheberater -- und Ungeheuer" ist. Und am Mittwoch war Imiela von der "Hamburger Morgenpost" wegen vierfachen Mordes verurteilt und eines fünften, ja vielleicht sogar fünfzehn weiterer Morde angeklagt. Die "Morgenpost" zeigte vier Frauenphotos mit der Unterschrift: "Die Opfer des "Blaubart von Fehmarn"", fragte: "Ist auch HSV-Kassiererin ein Opfer des Blaubarts von Fehmarn?" und erinnerte: "? sind noch weitere 15 Frauenschicksale allein in der Bundesrepublik nicht aufgeklärt."

Zu solch zwanzigfachem Mord ist Blaubart Imiela durchaus fähig. Denn, so berichtet die "Hamburger Morgenpost": "In Niedermarsberg heißt es: "Dem Imiela ist alles zuzutrauen. Der Mann, der früher Klaus-Detlev Holm-Menhard hieß, ließ sich, als er seinen ersten Mercedes fuhr, in Arwed Erik Imiela umbenennen ... Daran sieht man, wie verrückt er war."

Die "BZ" schließlich trug aus der besonderen Situation ihrer Heimatstadt einen erschwerenden Umstand zum Urteil des Zeitungsgerichtshofes bei: "'Blaubart' tötete seine Opfer im Haus einer Berlinerin."

Niemand kann sagen. daß die zu Gericht sitzenden Boulevard-Zeitungen ihr Eilurteil nicht sorgfältig abgewogen hätten. Die Beweisaufnahme ergab klar und deutlich. daß Imiela ein typischer Mörder ist. "Bild": "Bei seiner Freundin sonnte er sich nackt." "Hamburger Abendblatt": "Aalglatter Typ mit dem protzigen Auftreten, der offenbar gar keinen Hintergrund, gar keine menschliche Umgebung hat." "Hamburger Morgenpost": "Arrogant war sein Auftreten in maßgeschneiderten Anzügen.

Das "Hamburger Abendblatt" präsentierte eine ganze Anzahl von Mordzeugen. Etwa den Wirt Schmidt, der bekundet: "Wir haben ihm nie so recht getraut." Oder die Ober des Hotels Dania, die aussagten, daß Imiela ein "unangenehmer Gast" war. Oder den weißhaarigen Ehrenvorsitzenden Friedrich Hüttmann, der zu Protokoll gibt: "Er hat hier ja auch eine Bauerntochter poussiert und sitzengelassen."

Am sorgfältigsten allerdings führte "Bild" die Untersuchungen. Am Mittwoch wurde Erster Staatsanwalt Böttcher angerufen und gefragt, ob Imiela die toten Frauen zunächst in seiner Tiefkühltruhe aufbewahrt habe. Böttcher "Ich kann dies nicht bestätigen." Darauf "Bild" am nächsten Tag unter der Überschrift: "Lagen die toten Frauen in der Kühltruhe?": "Der Erste Lübecker Staatsanwalt Böttcher: .Wir schließen nicht aus, daß Imiela seine Opfer zersägt und die Leichenstücke in der Truhe erst einmal eingefroren hat." Dazu ein Prospektbild von zwei Tiefkühltruhen mit der "Bild"-Unterschrift: "Die Staatsanwaltschaft vermutet: In so einer Kühltruhe lagen die toten Frauen."

Den überzeugendsten Beweis präsentierte "Bild" allerdings bereits am Dienstag. "Bild" enthüllte, daß Imiela keine wahrheitsgemäßen Horoskope gestellt habe, sondern ein "betrügerischer Astrologe" gewesen sei. Aha, "seine Horoskope stimmten selten"!

Wahrheitsgemäßes "Bild"-Horoskop für Imiela am Samstag, als die Leichen gefunden wurden: "Günstig für Vergnügungen, aber plane nicht zu viel."


DER SPIEGEL 19/1970
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