04.05.1970

VATIKAN / PAPSTREISE

Ohne Beispiel

Lang lebe der Papst!", riefen fromme Sarden und streuten Mimosenblüten auf den Weg des Obersten Hirten.

Andere Sarden stellten ein Schild auf mit dem Text: "Der Papst lebt zwischen den Schätzen des Vatikans und das Volk von Sant'Elia in zerfallenen Wohnungen, aus denen man sie hinauswerfen will. Alle haben das Recht auf eine Wohnung!"

Paul VI. hatte Sant'Elia, das Elendsviertel der sardischen Hauptstadt Cagliari, besucht. Der Auto-Konvoi setzte sich wieder in Bewegung, als unweit des Papst-Autos eine Schlacht zwischen Anarchisten der Gruppe "Dionysos" und Polizisten entbrannte. Steinwürfe trafen den Wagen des Kardinalstaatssekretärs Villot.

Der Papst sah nichts davon, er segnete die Gläubigen und verteilte Karamellen. Bilanz des Tumults: 14 Verletzte, 22 Verhaftete, ein paar zerbrochene Autoscheiben -- und eine gereizte Polemik des Heiligen Vaters gegen Italiens Presse.

Paul VI., der mobilste Nachfolger Petri, war in Palästina und Indien, in New York und Bogotá, in Genf und Kampala gewesen -- nirgends hatte es Gewaltsamkeiten am Rand der Visite gegeben. Daß dies ausgerechnet in Italien, in der Bischofsstadt Cagliari, passierte, veranlaßte Italiens Zeitungen, das Ereignis gebührend zu würdigen. Neunspaltig verkündete der "Messagero": "Il Papa contestato" (Der Papst angegriffen).

Paul VI. aber wollte nicht wahrhaben, daß die Anarchisten-Demonstration teilweise auch gegen ihn -- als den Vertreter einer eher triumphalistischen Kirche -- gerichtet war. Italiens große Zeitungen, zürnte das Oberhaupt der katholischen Kirche, seien nicht länger "Informationsblätter", sondern "Deformationsblätter".

Der Papst rügte, daß die Blätter breiter über die Steinwürfe als über den Jubel und die "Herzensergießungen" ("Neue Zürcher Zeitung") von Zehntausenden gläubiger Sarden berichtet hätten.

Mit seinem Presse-Krieg wollte der Papst die Massenmedien wie die ganze italienische Öffentlichkeit offenbar zu einer Respekt-Haltung verpflichten, die angesichts der Radikalisierung des politisch-sozialen Klimas und angesichts der Autoritätskrise in Italien kaum mehr möglich ist.

Die Kirche, klagte unlängst der in Rom lebende Moraltheologe Bernhard Häring, "entfernt sich immer mehr von der Wirklichkeit und damit immer weiter von Gott".

Die angegriffenen Zeitungen wehrten sich -- mit Augenzeugenberichten und Photos vom Gefecht in Sant'Elia. Die Vorfälle zu bagatellisieren, habe keinen Sinn, warnte die Turiner "Stampa". Denn: "Es handelt sich um Tatsachen ohne Beispiel bei den Reisen des Papstes."


DER SPIEGEL 19/1970
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