04.05.1970

BESTSELLER / WALTER R. FUCHSBrücke zum Laien

Wenn ich mich auf der SPIEGEL-Bestsellerliste lese", bekennt Dr. Walter R. Fuchs, 32, "bin ich immer ganz erregt."
Der Erregungszustand dauert nun schon Jahre an. Denn "Eltern entdecken die neue Mathematik", das Fuchs-Buch, das derzeit reüssiert, ist seit 1968 bereits der dritte Bestseller des Münchner Sachbuch-Autors*.
Bei einem Mathematikbuch widerspricht solche Popularität allen Erfahrungsregeln im Verlagsgeschäft. Mathematik als "spröde Disziplin"
Doch Im Zeitalter der Computer lassen sich Mathematik und Rechnen erst recht nicht mehr gleichsetzen. Die weniger Formeln einpaukende als das logische Denken schulende neue Mathematik, wie sie etwa in den USA als "New Math" seit gut zehn Jahren unterrichtet wird, steht nun auch auf dem Lehrplan deutscher Grundschulklassen, durchaus (so die "Zeit") "zur Freude vieler Kinder -- denken macht mehr Spaß als pauken -, aber oft zum Kummer der Eltern".
Eltern, die noch in der alten Schulweisheit erzogen sind, müssen oft bei den Hausaufgaben ihrer Kinder passen. Um sie vor Frustration und Autoritätsschwund zu bewahren, schrieb der kinderlose Fuchs in einjähriger Nachtarbeit ("Meine produktivste Zelt ist zwischen 22 Uhr und zwei Uhr morgens") seine Elternfibel. Der Verlag Droemer-Knaur will mit ihr auch gleich eine ganze neue Reihe von "Nachhilfe-Büchern" eröffnen; als nächstes ist ein Band über die "neue Logik" geplant.
Fuchs, so hatte die "New York Times Book Review" schon ein früheres populärwissenschaftliches Werk des deutschen Autors gelobt, habe "kühn und erfolgreich eine Brücke zwischen dem Laien und dem Mathematiker geschlagen. Wer sie überquert, wird reich belohnt".
Den Lohn sieht Walter Robert Fuchs darin, "daß Vater und Mutter endlich wieder als informierte Gesprächspartner antworten können, wenn Ihre Kinder nach dem Teilbarkeitsgraphen einer natürlichen Zahl fragen".
Sein eigener Lohn ist dabei auch nicht unbeträchtlich. Nach "Eltern entdecken die neue Mathematik", seinem fünften Sachbuch-Erfolg bei Droemer, konnten Fuchs und Frau in eine komfortable Eigentumswohnung umziehen und sich "auch sonst viel mehr leisten". Als Naturwissenschafts-Chef beim "Telekolleg" und Leiter der Redaktion "Naturwissenschaft und Technik" im Bayerischen Rundfunk (BR) verdient Fuchs nur die Hälfte dessen, was ihm seine Bücher (Gesamtauflage bisher: 750 000) an Tantiemen bringen. Zudem, so spürt er, haben seine Buch-Erfolge auch seine "Position im Funkhaus sehr gefestigt".
Denn ehe der Wissenschaftsredakteur mit seinem ersten Sachbuch-Projekt über "moderne Physik" bei Willy Droemer landen konnte, hatte er sich beim BR in seiner "Aktivität ziemlich lahmgelegt" gefühlt. Seine Planungsankündigungen kamen meistens mit dem Vermerk "Zurückhalten" zu den Akten.
So setzte der schlaue Fuchs seine Themen in Bücher um, die er -- gerade rechtzeitig zum Bildungsboom -- in Abständen von einem Jahr auf den
* Walter R. Fuchs: "Eltern entdecken die neue Mathematik". Droemer München; 288 Selten; 19,80 Mark.
Markt brachte. Seine Droemer-Bände von der "modernen Physik", der "modernen Mathematik", vom "neuen Lernen" und von den "Denkmaschinen" machten ihn zum meistgelesenen, mittlerweile in 16 Ländern verkauften Sachbuchautor.
Nur mit einem seiner Werke kam Fuchs ("Ich bin ein musischer Mensch") bisher nicht über die Bestseller-Schwelle: Von einem Band "Lyrik unserer Jahrhundertmitte", den er 1965 mit Interpretationen beim Kösel-Verlag herausgegeben hatte, wurden nur 3332 Exemplare abgesetzt,
Der in Princeton, USA, geborene Mathematiker -- sein Vater bediente dort als Bankbeamter Einstein und andere prominente deutsche Emigranten -- testete zuerst Magneten, ehe er an der Münchner TH Elektromechanik belegte. "Weil mir das auf die Dauer zu wenig abstrakt war", wechselte er zur Universität über, studierte Mathematik, Physik und Philosophie und wurde mit einer Dissertation über "Logische Probleme der klassischen und quantentheoretischen Mechanik" 1961 cum laude promoviert.
"Die Ordinarienherrlichkelt", so sagt er, habe ihn davon abgehalten, sich mit einer Arbeit über Hegels Logik ("Ich wollte den alten Knaben entstauben und rational rekonstruieren") als Hochschullehrer zu habilitieren. Er ging zum Rundfunk, wo er sich "schließlich eine kreative Ecke sichern konnte".
Nicht nur mathematisch, auch musisch wird Fuchs bisweilen kreativ. Weil ihm "Comics sehr viel geben" und weil er als Zeichner ausgebildet ist, inspiriert der Sachbuchautor auch die didaktisch vorzüglichen Illustrationen seiner Bücher.
Und sogar seine Erfahrungen als ehemaliger Klarinettist und Saxophonspieler in verschiedenen Jazz-Bands hat Walter R. Fuchs im Bestseller-Geschäft noch nutzen können: Die 1968 bei Droemer erschienene deutsche Übersetzung der Beatles-Biographie von Hinter Davies, "Alles was du brauchst ist Liebe", wurde von Fuchs "auf Musiker-Jargon redigiert".

DER SPIEGEL 19/1970
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