20.04.1970

Datum: 20. April 1970 Betr.: Kopie

Vor knapp fünf Jahren hat es das schon einmal gegeben: einen SPIEGEL, der nicht von der SPIEGEL-Redaktion gemacht worden war -- eine Kopie aus der DDR, das originale Hamburger Titelbild nur durch ein Fragezeichen modifiziert. Der offenbar grösste Teil dieser Auflage wurde damals von Zollbeamten im Interzonenzug aus Berlin konfisziert. Das jüngste Produkt hat erst die Post dem Zoll zugeschickt, und die Anschriftensammlung scheint derweil ein wenig veraltet zu sein. Viele der verschickten Exemplare kamen von der Post als unzustellbar zurück an einen Verlag, den es nicht gibt. Dort liegen sie nun, die Reste eines "deutschen Nachrichten-Magazins" vom 6. April 1970, das diesmal nicht "DER SPIEGEL", sondern
"IM SPIEGEL" heisst, "herausgegeben von der Interessengemeinschaft demokratisch gesinnter Bürger zur friedlichen und realistischen Gestaltung der Innen- und Aussenpolitik der Bundesrepublik Deutschland". Die jüngste Kopie ist informativer als die erste: Die Titelgeschichte gilt dem deutschen Widerstand zwischen 1933 und 1945, natürlich vor allem den Kommunisten im Widerstand, kein Wort vom Stalin-Hitler-Pakt, es gibt Besprechungen von neuen DDR-Filmen und -Büchern, es gibt, selbstredend, auch Kritik an der SPIEGEL-Redaktion, so in der "Hausmitteilung": "Wer den SPIEGEL aus dem Hause Augstein mit kritischem Blick liest, dem kann der unterschwellige, in scheinbar objektive Informationen gekleidete Antikommunismus nicht verborgen bleiben ..." Wirklich? Das Leitmotiv der Kopie heisst Anerkennung der DDR, fast alle Geschichten fordern sie, aber auch fast alle Anzeigen. Sie sehen ziemlich so aus wie im SPIEGEL, aber sie haben recht andere Texte. Etwa: "Wer freut sich mit, wenn Bonner Lobbyisten leiser treten müssen?" (Dura Teppichboden); "Stiber-Schwimmanlagen sind bei der Bonner Prominenz sehr gefragt weil sie mit ihrer Politik ... baden gehen wird"; West-Berlininseriert: "... helfen Sie mit, dass die Bundesrepublik den Status dieser Stadt so achtet, wie es die DDR tut"; und Peter Stuyvesant soll nur
rauchen, wer einsteht, dass "... die DDR als souveräner Staat existiert. Und dass ihre völkerrechtliche Anerkennung ein notwendiger Schritt zur europäischen Sicherheit ist". So lässt es sich reden. Weniger spannend dürften für SPIEGEL-Leser die "Personalien" der ungebetenen Kopisten sein: "Die lebensfrohe Jungarbeiterin (Karin Lüdtke, 18, Schlosserin, jüngste Abgeordnete in Potsdam) aus dem Volkseigenen Kombinat Luft- und Kältetechnik "Karl Marx' in Babelsberg ist als aktive Sportlerin und ausgesprochene Leseratte bekannt. Ihr liegt besonders die berufliche und sportliche Förderung der Jugend am Herzen."

DER SPIEGEL 17/1970
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