20.04.1970

WEHNERHerr Mustermann

Partei-Profos Herbert Wehner, ein Jahrzehnt lang SPD-Tonmeister im taktvollen Umgang mit Christdemokraten, kann plötzlich wieder ganz anders: Der CDU/CSU-Fraktionsvorsitzende Rainer Barzel ist für ihn ein "Schleimer", der Unionsabgeordnete Anton Stark ein "Lümmel", eine Barzel-Rede "Schmiere" und die Oppositionspartei eine "Madig-Macher-Union".
Nach der letzten Wehner-Attacke, in der Bundestagsdebatte am letzten Mittwoch, fragte die "Bild"-Zeitung ("Da machen wir nicht mit, Herr Wehner") nach dem Gesundheitszustand des Angreifers: "Ist er überarbeitet? Ist er krank?" Und die Unions-Führer spielten -- wie in den fünfziger Jahren -- auf die frühere KPD-Aktivität Wehners an. CSU-Landesgruppensprecher Richard Stücklen: "Das kann man nur in Moskau lernen." Fraktionsgeschäftsführer Will Rasner über den neuen Wehner: "Das ist der alte Wehner," Und Rainer Barzel meinte, "Wehner findet zu sich selbst".
Bonns Christdemokraten fühlen sich von dem Mann hintergangen, dessen politische Strategie die CDU/CSU in die Bonner Opposition verwies. Nun blicken sie zurück im Zorn auf Jene zehn Jahre SPD-Anpassung vom Godesberger Parteitag im November 1959 bis zur Kanzlerwahl Willy Brandts Im Oktober 1969, in denen Herbert Wehner sich und seiner Partei den Goodwill der westdeutschen Wahlbürger erwarb.
So echt hatte der Mann mit dem "proletären Habitus" (SPD-Historiker Theo Pirker) die Anpassung an die Mentalität der CDU-Wähler gespielt, so energisch hatte er widerstrebende Parteifreunde zurechtgestaucht ("Es ist doch Quatsch, die CDU zu provozieren"), daß schließlich selbst die "Bild-Zeitung ihm attestierte, er habe sich "um unser Land verdient gemacht",
Über Wehners taktischem Geschäft. das ihn zu Verhandlungen über die Große Koalition mit Konrad Adenauer, Heinrich von Brentano, Freiherr von und zu Guttenberg und Paul Lücke zwang, hatten fast alle sein strategisches Ziel -- das er selbst kaum nennen durfte -- übersehen: die Ablösung der Bonner CDU-Herrschaft durch die SPD.
Selbst mit Kurt Georg Kiesinger, dem Kanzler der Großen Koalition, hatte Chef-Stratege Wehner ein fast intimes Verhältnis angefangen. Doch als sein ursprünglicher Plan, die Große Koalition bis 1973 zu verlängern, sich als innenpolitisch untragbar zu erweisen begann, kannte der SPD-Vize keine Sentimentalitäten. Der Anpasser, der sich innerlich nie dem deutschen Bürgersinn angepaßt hatte (Wehner: "Wir sind nicht auf die Welt gekommen, damit wir es gemütlich haben"), ließ die Union endgültig fallen.
Als Willy Brandt ins Kanzleramt einzog, entschied sich Herbert Wehner, das Kabinett, wo die "besseren Kavaliere" säßen, zu verlassen und als Fraktionsvorsitzender im Bundestag die sozialliberale Regierung abzusichern. Dort holt er nun mit Wollust nach, was er so lange hat unterdrücken müssen, und kann dabei Pflicht wie Neigung erfüllen. Mit seinem aggressiven Ton fixiert er die CDU/CSU-Opposition auf sich, reizt sie zu planlosen Auseinandersetzungen und will sie damit in die Neinsager-Rolle zwingen, aus der er seine eigene Partei so mühselig befreit hat.
Wehner: "Ich muß der Regierung den Rücken freihalten. Ich mache nicht mit, wenn die CDU/CSU glaubt, daß sie immer das erste und letzte Wort hat."
Den farblosen CDU-Fraktions-Vize Gerhard Stoltenberg ironisierte er mit der Anrede "Herr Mustermann", den Holsteiner Will Rasner provozierte er: "Spielen Sie sich bitte nicht auf, Herr deutscher Abgeordneter von der Wasserkante."
CSU-Chef Franz Josef Strauß kam sogar schon mehrmals dran: Wehner über Strauß:
* "Ich weiß ja, wie Sie in München herumgepöbelt haben."
* "Für ihn (Strauß) ist einige Kilometer von Bonn weg überall sozusagen Vilshofen."
* "Natürlich war es Quatsch, was Wilhelm II. gesagt hat, und das, was jetzt Franz Josef Strauß sagt, ist ebenso Quatsch; das deckt sich absolut und ist kongruent." Selbst ein gutes Verhältnis zur einst auch von ihm umworbenen Springer-Presse ist dem polternden Fraktionschef inzwischen gleichgültig geworden. Den Hamburger Großverleger Axel Springer nannte er "mächtig des gedruckten Wortes mit Hilfe von Hausanweisungen", seine Zeitungen "Zerr-Bild" und "Schlamm am Sonntag".
Daß er bei seinem Angriff auf Barzel und die "Schrei-Union" sich selbst nicht so recht unter Kontrolle gehabt habe, bestreitet Wehner energisch: "Ich habe mir jedes Wort genau überlegt."

DER SPIEGEL 17/1970
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