20.04.1970

SCHILLERKraft durch Kneipp

Seit Freitag letzter Woche übt ein schmächtiger Kurgast im 1,50 Meter tiefen Wasserbecken des Bad Wörishofener Hotels Sonnenhof den Handstand unter Wasser. Morgens und mittags durchstreift er in Lederjacke und Cordhose, mit Knotenstock und Pepitahut ausgerüstet, Wiesen und Wälder des Allgäu.
Karl Schiller, einst Konjunktur-Supermann der Nation, jetzt von privatem und politischem Ärger angekränkelt, sucht Kraft durch Kneipp.
Versehen mit einem Attest des Bonner Ordinarius für Innere Medizin, Professor Adolf Heymer, war der Wirtschaftsminister am letzten Montag bei Bundeskanzler Willy Brandt im Palais Schaumburg vorstellig geworden. Der Prominentenarzt hatte ihm Folgen einer verschleppten infektiösen Grippe und eine Entzündung der Bauchspeicheldrüse bescheinigt. Er empfahl dem erschöpften Konjunkturdoktor eine fünfwöchige Rekonvaleszenz in einem Kurort mittlerer Höhenlage.
Der Regierungschef beugte sich der medizinischen Indikation und verabschiedete seinen Mitarbeiter "ungeheuer nett und verständnisvoll" (Schiller). Besorgt fragte er ihn: "Aber du kommst doch zum Parteitag?" Schiller, der wegen des Saarbrücker SPD-Treffens Anfang Mai seine Kur unterbrechen müßte: "Ich komme, wenn die Ärzte es mir erlauben." Bonn hatte sein Gerücht.
Zuerst witterten CDU-nahe Informationsdienste "Krach mit Brandt?". Schillers Intimfeinde in der eigenen Partei mutmaßten: "Da muß was dran sein." Und Oppositionsabgeordnete sahen die Spitze des Wirtschaftsministeriums bereits in Auflösung. CDU-MdB Dr. Manfred Luda frohlockte: "Schiller Stern sinkt"; sein Parlamentarischer Staatssekretär Klaus Dieter Arndt trete ab, und sein beamteter Staatssekretär Johann Baptist Schöllhorn sei gleichfalls amtsmüde.
Zu Mutmaßungen über Karl Schiller gab es Anlaß genug. Denn nach der Markaufwertung im Oktober 1969, dem letzten wirtschaftspolitischen Erfolg des Ministers, hatten Freidemokraten, Gewerkschaften und Kabinettskollegen alle seine Projekte zur Dämpfung des hektischen Preisauftriebs in der Bundesrepublik zunichte gemacht,
Vergebens forderte der Wirtschaftsminister Abschreibungserschwernisse, Steuererhöhungen und schließlich höhere Steuervorauszahlungen. Maßhalteappelle blieben ohne Echo, Bis zum März stiegen die Lebenshaltungskosten um 3,7 Prozent über das Vorjahresniveau; bis Mitte des Jahres, wenn die kritischen Wahlen in Nordrhein-Westfalen anstehen, werden sie laut Prognose des Sachverständigenrats-Vorsitzenden Professor Kloten sogar um 4,5 Prozent darüber liegen.
Erst jüngst stießen Schiller-Pläne, durch Einschränkung der Preisbindung und stärkere Fusionskontrolle den Preisaufstieg zu dämpfen, auf den Widerstand von Industrie und FDP.
Auch Schillers Kalkül, er könne durch die Aufwertung der Mark den Preisauftrieb bei Industriegütern und Dienstleistungen mit niedrigeren Agrarpreisen neutralisieren, ging nicht auf. Ihm bleibt nur die Hoffnung, daß die Produktivitätsreserven der Industrie ausreichen, die preistreibende Nachfrage einigermaßen abzufangen.
Um der politischen Spekulation vorzubeugen, der enttäuschte Schiller sei mit Krach aus Bonn geschieden, veröffentlichte das Wirtschaftsministerium schon am Dienstag ein ärztliches Bulletin. Kanzler Brandt rief die SPD-Fraktion zur Solidarität auf: "Sollte es zu Mißdeutungen dieser Krankheit kommen, werden wir alle Karl Schiller energisch in Schutz nehmen." Zweifelnde Minister vermahnte er letzten Donnerstag im Kabinett: "Ich möchte Sie bitten, diese Geschichte nicht unnötig zu dramatisieren und nicht zuviel hineinzugeheimnissen."
In der Tat blickt Schiller nicht im Zorn nach Bonn zurück. Der Kampf gegen die Inflation, aber auch private Querelen, die ihm die Scheidung von seiner zweiten Ehefrau Annemarie bereiteten, hatten an des Ministers Nerven gezehrt.
In der Suite 173/174 des Hotels Sonnenhof (Kuranzeige: "Regeneration und Rehabilitation bei nervösen und körperlichen Erschöpfungszuständen") und nach der Verschreibung der Badeärztin Dr. Alice Giritsch-Petry frischt Karl Schiller seinen alten Kampfgeist auf: "Wenn irgend jemand sagt, ich sei nur Wasser treten, dann soll er auch den Wahlkampf in Nordrhein-Westfalen machen."
Parteivater Herbert Wehner ist des Kurerfolgs sicher: "in der zweiten Jahreshälfte werden die Leute so tun, als hätten sie nie was gegen Karl Schiller gesagt."

DER SPIEGEL 17/1970
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