20.04.1970

EWG / WEIN-MARKTORDNUNGVon Reben und Rüben

Am mächtigsten sind die Deutschen im Weinberg: Seit Monaten werden die Richtlinien der Bonner Europa-Politik durch Werner Tyrell bestimmt, den Präsidenten des Deutschen Weinbauverbandes.
"Wir müssen", so programmierte Tyrell die deutsche Taktik in Brüssel, "wenn es nottut, die europäische Tür zuschlagen." Und Bonns Außenminister Walter Scheel bekannte resignierend, daß durch das Veto der Winzer an Mosel, Saar und Ruwer gegen eine europäische Wein-Marktordnung die dringlichen Beitrittsgespräche mit Briten, Iren, Dänen und Norwegern möglicherweise um Wochen hinausgeschoben worden seien.
Noch Anfang Dezember letzten Jahres hatten die Regierungschefs der sechs EWG-Länder als äußersten Termin der Aufnahme-Verhandlungen den Juni dieses Jahres festgesetzt. Zuvor, so hatten sie sich verpflichtet, müßten die letzten Agrarmärkte geordnet werden: Bis zum 1. April dieses Jahres sollte der europäische Weinmarkt errichtet sein.
Trotz endloser Brüsseler Verhandlungs-Torturen aber fanden die sechs EWG-Staaten bislang zu keinem Konsens über die von den großen Weinbau-Ländern Italien und Frankreich geforderte gemeinsame Marktordnung. Denn Westdeutschlands reichlich hunderttausend Winzer, die vielfach auf kargen Hängen und aus sauren Trauben jährlich rund sechs Millionen Hektoliter Weinmost keltern (fünf Prozent der europäischen Gesamtproduktion), wollen dem Entwurf der EWG-Kommission nicht zustimmen.
In dieser Marktordnung für "Tafelwein", die noch um weitere Regelungen für Qualitäts-, Schaum- und Dessertweine ergänzt werden muß, will die Brüsseler EWG-Regierung Vorschriften über Mindestqualität und Höchstmengen der in Europa zum menschlichen Verzehr geeigneten Weine erlassen. So sollen Anbauregelungen und gegebenenfalls -beschränkungen verhängt, Richtpreise für bestimmte Qualitäten festgesetzt und Überschußmengen eingelagert werden.
Der Widerstand der deutschen Winzer gegen das Brüsseler Gesetzeswerk konzentriert sich auf jene vorgeschlagenen Bestimmungen, nach denen künftig nur solcher Wein in den Handel gebracht werden darf, der von Natur aus mindestens 40 Gramm Alkohol je Liter enthält, Überdies will die Brüsseler Kommission an einen geheiligten Brauch der deutschen Weinwirtschaft rühren. Der Anteil von Zuckerwasser, der nach geltendem deutschen Recht 25 Prozent betragen darf (von Juli 1971 an 15 Prozent), soll nach Brüsseler Vorstellungen auf zehn Prozent begrenzt werden.
An den schattigen Hängen der Obermosel zwischen Wasserbillig und Trier rotteten sich die Weinbauern zusammen, als sie von den Brüsseler Plänen erfuhren. Das Fachorgan "Weinblatt" lieferte ihnen die passende Parole: "Erst wurden die Kühe geschlachtet, jetzt sind die Winzer dran,"
In der rheinpfälzischen Lokaipresse rückten Weinhändler ganzseitig und mit Trauerrand einen "Aufruf an alle Winzer" ein: "Ihr werdet um den Lohn Euerer harten Arbeit im Weinberg betrogen."
Telegraphisch warnte Weinbauern-Präsident Werner Tyrell Bundeskanzler Willy Brandt vor einer "Existenzvernichtung deutscher Winzer", Gegebenenfalls müsse der Verband seine Mitglieder "in allen Weinbaugebieten unverzüglich über diesen Tatbestand aufklären". Auf einer Großkundgebung in Trier bezeichnete Tyrell, den Mosel-Winzer 1968 vermittels einer Tracht Prügel an seine Pflichten gemahnt hatten, den Kanzler und seinen Agrarminister Ertl kürzlich als "Totengräber des deutschen Weinbaues".
Für Italiens sonnengereifte Weine ist die von Brüssel errichtete Alkoholschwelle leicht zu bewältigen. Die Trauben enthalten -- ebenso wie der größte Teil der französischen Moste -- von Natur aus so viel Süße, daß bei der Vergärung sich unmittelbar der von der EWG gewünschte Alkoholgehalt von 40 Gramm je Liter einstellt.
Auch in der Bundesrepublik müssen die Winzer, auf deren Rebhänge der Sonnenschein fällt, sich nicht um die europäische Wein-Marktordnung sorgen. Denn reife Trauben liefern bei der Vergärung auch ohne Zuckerzusatz weit mehr Alkoholgehalt. als von Brüssel gefordert wird. Sogar durchschnittlicher Tafelwein benötigt, so er trinkbar sein soll, etwa 85 Gramm Alkohol im Liter.
In Grenzlagen jedoch, etwa an der Obermosel, dem Mittelrhein und der Oberhaardt (Pfalz), werden in schlechteren Jahren jene Säfte gewonnen, die das Brüsseler Alkohol-Limit auf natürliche Weise nicht erfüllen und die deshalb in Frankreich als "Pipi de vagabond" bezeichnet werden. Diesen Kreszenzen wurde bislang durchweg so viel Zuckerwasser zugesetzt, wie das deutsche Weingesetz derzeit noch erlaubt: 25 Prozent. Der zu Alkohol vergorene Zucker muß den Mangel an natürlicher Reife ausgleichen, und der Restzucker muß den Weinen obendrein jene Süße verleihen, die auch den dünnsten Mosel schließlich noch vom Sauerampfer unterscheidet. "Frankfurter Rundschau": " Ehe zwischen Rebe und Rübe."
Im Gegensatz zur Brüsseler EWG-Kommission, die eine Mindestmenge natürlichen Alkohols für unerläßlich hält, vertraut Deutschlands Weinwirtschaft auf die Kunst der Kellermeister. So schrieb der Ministerialdirigent Dr. Fritz Renz aus dem rheinland-pfälzischen Weinbau-Ministerium, Kommentator des neuen deutschen Weingesetzes, es müsse erlaubt sein, aus allem Wein zu gewinnen, "was nach Traube aussieht".
Nicht den Launen der Natur, sondern dem handwerklichen "Geschick" der Küfer muß es laut Renz überlassen bleiben, selbst "kleinste Qualitäten, mögen sie auch noch so unreif schmecken, durch Verbesserung oder Verschnitt irgendwie absatzfähig zu machen".
Im neuen deutschen Weingesetz, das im Juli nächsten Jahres in Kraft treten soll, ist denn auch von Mindest-Alkoholgehalten für Tischweine vorsichtshalber erst gar nicht die Rede. Am liebsten würde die Tyrell-Lobby dieses Gesetz deshalb in den Rang eines Mustervertrages für Europa erheben.
Denn das Paragraphen-Werk offeriert den deutschen Weinproduzenten dank "zehnjähriger Vorarbeit" (Weinbauverband) auch weiterhin die traditionelle Lösung ihrer klimatischen Probleme: die wässerige Zuckerlösung.
Selbst das "Weinblatt" bekannte: "Die volle und ungeschminkte Wahrheit über den deutschen Wein ist, darüber gibt es im Fach wohl keine unterschiedliche Auffassung, bisweilen für Verbraucher recht häßlich und abstoßend."
Von den Winzer-Protesten verunsichert, suchte Ertl in Brüssel Zeit zu gewinnen. So bot er den Italienern einen Vorschuß auf die von Rom gewünschte Marktordnung an: die Liberalisierung des europäischen Weinhandels, der bisher durch westdeutsche Einfuhrbeschränkungen gehemmt wird.
Dem aber widersprachen die Franzosen: Vor einer erweiterten Befugnis der EWG hinsichtlich der Agrarfinanzierung und der Beitrittsgespräche mit London müsse der ganze Weinmarkt geordnet sein.
Anfang April trug Ertl einen weiteren Vorschlag ins Bonner Kabinett, von dem er sicher sein mußte, daß Franzosen oder Italiener -- oder beide zusammen -- ihm widersprechen würden. Ertl: Lediglich die Grundsätze des europäischen Weinmarktes, mithin die EWG-üblichen Garantien für Preis und Absatz, dürfe Brüssel kraft einer für alle Mitgliedstaaten verbindlichen Verordnung regeln. Weinrechtliche Vorschriften hingegen, beispielsweise über Mindest-Alkoholgehalt, Naßzuckerung und Verschnitt, könnten lediglich in EWG-Richtlinien kodifiziert werden, wobei die Einzelheiten der nationalen Gesetzgebung überlassen bleiben müßten.
In der vergangenen Woche beriet der EWG-Ministerrat zum vorläufig letztenmal im Salle d'Europe des Brüsseler Kongreßpalastes über die Wein-Union. Der erhoffte Kompromiß blieb aus. Josef Ertl beharrte auf seiner Forderung, Qualitätsvorschriften müßten Sache der nationalen Gesetzgebung sein, Italiens Agrarminister Lorenzo Natali bestand darauf, die Qualitätsweine dürften nicht mit Zuckerwasser angereichert werden, sondern lediglich mit sogenanntem Weinkonzentrat. Denn Italiens Winzer spekulieren darauf, ihre Weinüberschüsse als EWG-Süßstoff patentieren zu lassen.
Falls der Ministerrat Italiens Forderungen nicht zustimmen würde, so Natali, werde Italien die Wein-Marktordnung nicht billigen, wenn aber diese nicht beschlossen werde, könne er auch nicht der gemeinsamen Finanzierung der übrigen Agrarmärkte seinen Segen geben.
Frankreich hingegen pocht auf den Abschluß der Wein-Marktordnung, die von der Bundesrepublik verhindert wird, und macht seine Zustimmung zu weiteren politischen Europa-Aktivitäten von dem Winzer-Kontrakt abhängig. Im Brüsseler Kongreß-Palast erklärte der französische Agrarminister Jacques Duhamel am vergangenen Dienstag, Paris könne Gespräche mit England und anderen beitrittswilligen Staaten nur gutheißen, wenn zuvor außer den Marktordnungen für Weine auch sämtliche Durchführungsverordnungen erlassen worden seien.
Zu Beginn dieser Woche werden die sechs Agrarminister in Brüssel erneut nach einer Kompromißformel suchen -- allerdings nicht mehr im kleinen Kreis, sondern im sogenannten Großen Rat, dem auch die Wirtschafts- und Außenminister angehören.
Daß Großer Rat auch gut und nicht nur teuer sei, bezweifelte in der letzten Woche der deutsche EWG-Botschafter Dr. Hans-Georg Sachs: "Wenn man da die Außenminister ranläßt, wird die Sache nicht leichter."
"Tief enttäuscht" kehrte Josef Ertl am Mittwoch letzter Woche nach Bonn zurück. Besonders empörte er sich über den Artikel 26 des Brüsseler Kommissions-Entwurfs zur Wein-Marktordnung. In jenem Passus empfehlen die EWG-Kommissare den westdeutschen Winzern einen einfachen Absatzweg für ihre sauren Säfte, die sie künftig nicht zu Tafelwein verarbeiten sollen: die "Selbstversorgung der Familie des Weinbauern".

DER SPIEGEL 17/1970
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