20.04.1970

INDUSTRIE / PREISKARTELLNur mal getroffen

Bei einem geheimen Treffen in Frankfurt gelobten sich die Konkurrenten weniger Wettbewerb, höhere Einnahmen und strengste Diskretion. Bald danach setzten sieben deutsche Elektrounternehmen für ihre Waschmaschinen die Preise herauf.
Doch eine Sekretärin des Mannheimer Elektro-Konzerns Brown Boveri & Cie. ließ das Preiskartell platzen Die Angestellte spielte dem Bundeskartellamt in Berlin anonym ein photokopiertes Gedächtnisprotokoll der Frankfurter Verschwörung zu.
Selten hatten die Berliner Wächter über Preisabsprachen und Marktmißbrauch einen so eindeutigen Beweis für Verstöße gegen das Kartellgesetz in Händen. Sogleich zitierten sie die Teilnehmer am "Frankfurter Frühstückskartell" (so die Arbeitsgemeinschaft der Verbraucherverbände) nach Berlin und ließen sich die gesetzwidrigen Absprachen bestätigen.
Dann verhängten sie die zweithöchste Strafe seit Bestehen des Amtes: Die sieben Firmen -- AEG, Bauknecht, BBC, Bosch, Miele, Siemens und Zanker -- müssen insgesamt 197 000 DM Bußgelder an die Kasse der Kartellbehörde abführen, Die Entscheidung wurde von den überraschten Managern widerspruchslos hingenommen und ist damit unanfechtbar geworden.
Das Preiskartell der sieben war eine Abwehrreaktion der inländischen Elektrounternehmen gegen die Billigpreis-Konkurrenz aus dem Ausland. Seit Jahren drückten vor allem die nach Ansicht der Branche staatlich subventionierten Italiener. die Waschmaschinenpreise und zwangen auch die etablierten inländischen Firmen, billigere Geräte anzubieten.
Allein im vergangenen Jahr sackte der Durchschnittspreis für Waschmaschinen ab Werk von 737 auf 677 Mark ab, Innerhalb von nur vier Jahren, von 1965 bis 1969, konnten die ausländischen Fabrikanten ihren Anteil am deutschen Markt für Vollautomaten von 17 auf 33,5 Prozent steigern. Firmenchef Rudolf Miele: "Die Preissituation ist immer noch angespannt, und die Italiener expandieren weiter."
Tatsächlich flößen vor allem die italienischen Produzenten mit ihren in hochmodernen Fließband-Fabriken hergestellten Groß-Serien den deutschen Elektro-Bossen Furcht ein: Von den 521 000 im vergangenen Jahr nach Westdeutschland importierten Vollautomaten kamen allein 450 000 aus dem EWG-Nachbarland Italien. Werke wie Zanussi, Ignis und Zoppas gründeten bereits eigene schlagkräftige Verkaufsniederlassungen in der Bundesrepublik. Einen besonderen Triumph konnten die südländischen Waschautomaten-Bauer feiern, als sie sogar mit einigen der bedrängten deutschen Konzerne Lieferverträge abschlossen. Ihre Niedrigpreisgeräte werden seither unter alteingeführten Markenzeichen den Kunden wie deutsche Ware angeboten.
Auch als Lieferanten billiger Kühlschränke eroberten sich die ausländischen Fabrikanten eine sichere Marktposition. Sie zwangen die einheimische Konkurrenz, für den Preiskampf weniger gut ausgestattete Geräte zu produzieren. Wolfgang Glöckner von der Bonner Arbeitsgemeinschaft der Verbraucherverbände: "Das sind richtige Striptease-Maschinen ohne Komfort."
Die deutschen Elektromanager wollten deshalb -- im Anschluß an das Frankfurter Waschmaschinenabkommen -- auch die Situation auf dem Kühlgerätemarkt klären. Am 17. Februar, dem dritten Tag der diesjährigen Kölner Hausrat- und Eisenwaren-Messe, trafen sie sich erneut, diesmal in Berlin, am Sitz des Bundeskartellamtes. Taten folgten der zweiten Zusammenkunft indes nicht mehr. Die harte Strafe der Kartellwächter läßt die Branche jetzt vorsichtiger agieren.
"Frühstückskartelle gibt es mehr, als wir denken", erbost sich Verbraucher-Wart Glöckner in Bonn. Doch der Berline Kartellbehörde gelingt es . nur selten, die Akteure namhaft zu machen und zu bestrafen. Im letzten Jahr zum Beispiel wurden nur fünf eklatante Fälle von Preismißbrauch aufgedeckt. Die bisher höchste Strafe -- 262 000 Mark -- erhielten 1967 mehrere Hersteller von Teerfarben für ein verbotenes Preiskartell.
In der Wirtschaft gelten derartige Absprachen jedoch auch weiterhin als Kavaliersdelikte. Geschäftsführer Wilhelm Ridder vom Fachverband Metallwarenindustrie in Düsseldorf sieht in dem Verstoß seiner Elektrofirmen keinerlei böse Absicht: "Die haben sich doch nur mal getroffen.
Und BBC-Vertriebschef Helmut Mangold, den die Branche als Urheber des verräterischen Frankfurter Gedächtnisprotokolls verdächtigt, mokierte sich über die Ankündigung einer SPIEGEL-Geschichte: "Es ist doch reichlich albern, daß man da Tinte verschmiert."

DER SPIEGEL 17/1970
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Nur mal getroffen

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