20.04.1970

JUGEND / GEWERKSCHAFTENKonstruktiver Ungehorsam

Philipp von Kodolitsch, 31, Hamburger Landesjugend-Leiter der Deutschen Angestellten-Gewerkschaft (DAG), übermittelte brieflich seinem SPD-Vize Herbert Wehner freundliche Grüße. Gleichzeitig gab er kund, daß die Ansichten des Adressaten über Persönlichkeitsbildung "auf dem Mist schieren politischen Opportunismus gewachsen" seien.
Den Jungangestellten-Funktionär hatte eine Äußerung Wehners über die Leibesertüchtigung verdrossen. Wehners Wort: "Ich wüßte nicht ... was mehr Wert hätte als das sportliche Mittun in einer Gemeinschaft" verrate eine bestimmte Haltung; der Mensch solle zum "sportlichen Untertan und staatsbürgerlichen Kümmerling" dressiert werden.
Auch die Erklärung des Verteidigungsministers Helmut Schmidt, sportliche Jugendarbeit erhöhe die Bereitschaft der Bundeswehr, gefiel dem Gewerkschaftler nicht. Es sei zu begrüßen, schrieb Kodolitsch, "wenn Äußerungen führender sozialdemokratischer Politiker sich ... abheben würden von Vorstellungen der NPD".
Durchschriften des Briefes, inzwischen an Freunde des Verfassers von Kiel bis München weitergereicht, fanden den Beifall führender Jugendfunktionäre im Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) und in der Deutschen Beamtenbund-Jugend (DBBJ). Grund: Die Sportjugend des Deutschen Sportbundes wird in Bund und Ländern mit Worten und vor allem mit Zuschüssen aus Steuermitteln hofiert, politisch aktive Junggewerkschaftler dagegen werden oft gescholten und finanziell kurzgehalten.
Die Jugendwarte des Deutschen Sporthundes halten die derzeitige Verteilung von Lob und Geld allerdings für berechtigt. Sie verweisen auf ihre hohen Mitglieder-Halden und rügten zudem in der Zeitschrift "Olympische Jugend", der Hamburger Jugendring werde von den Arbeitnehmer-Vertretern "immer mehr auf politisches Gebiet, und zwar in einer recht einseitigen Weise gedrängt".
Das SPD-Mitglied Eckard Schön, 27, von der Gewerkschaft ÖTV in Hamburg wiederum hält nichts von den Funktionären des Sports: "Diese empörten Demokraten sind doch autoritär vom Großhirn bis zur Achilles-Sehne." So zähle die Sportjugend Mitglieder "von achtzehn Jahren bis hin-
* Mit Eckard Schön (ÖTV) und Jupp Fromme (DBBJ).
unter zum Krabbelkind" in den Turn-, Fußball- oder anderen Sportvereinen automatisch zu den Ihren. Junge Vereinsangehörige würden von Jugendwarten vertreten, "meist würdige Herren mit Bauchansatz und spärlichem Haarwuchs", die in der Regel wiederum von alten Herren der Vereine gewählt würden. Schüler und Jugendliche unter 18 Jahren aber hätten selten ein Stimmrecht.
Jupp Fromme, 24, von der Beamtenbund-Jugend und ebenfalls Sozialdemokrat, höhnte: "Solange die politischen Bizeps-Bewunderer nicht begreifen, daß Demokratie kaum von den von autoritären Opportunisten angeführten sportlichen Mitläufern getragen wird, sind die Sportfunktionäre kein gleichberechtigter Partner für die jungen Gewerkschaftler." Die gemeinsame Arbeit im Hamburger Jugendring, dem 60 verschiedene Jugendgruppen angehören, wurde kürzlich beendet. Die Vertreter von DAG, DGB und DBBJ traten aus und vereinten sich zu einem "Aktionszentrum" (az).
Ortsverwaltungen und Betriebsräte der zerstrittenen Interessen-Organisationen von Arbeitern, Angestellten und Beamten beobachten die Solidarität ihres Nachwuchses mit Unbehagen. Den Grund formulierte der bayrische Jugendsekretär der Gewerkschaft Nahrung, Genuß, Gaststätten (NGG), Erwin Berger: "Solange die Jugendgemeinschaften sich darauf beschränken. Freizeitgestaltung oder gewerkschaftliche 08/15-Referate zu bieten, sind sie unumstritten. Aber Erziehung zum demokratischen Handeln, auch wenn dies nachher nicht der eigenen Organisation zugute kommt oder sogar Erscheinungen in den Gewerkschaften kritisch in Frage stellt, macht sie verdächtig."
Die Altfunktionäre der drei konkurrierenden Verbände fürchten vor allem, ihre Jugendlichen könnten künftig gemeinsam fordern, was sie bisher nur in kleinen Gruppen verlangt hatten: Solidarisierung gegen Rassendiskriminierung und Bombenkrieg in Vietnam (DAG-Jugend), Abschaffung der Zensuren (Jugend der Gewerkschaft NGG in Bayern) und die wiederholt vorgetragene Bitte des Behördennachwuchses, die Hierarchie in den Ämtern möge die Jüngeren zum "konstruktiven Ungehorsam" erziehen (Beamtenbund-Jugend).
In ihrem Aktionszentrum wollen die Junggewerkschaftler "zur Neubestimmung der Organisationen" beitragen, und zwar ohne Rücksicht auf das "Gerangel in den Koalitionen" (Kodolitsch). So forderten sie in Hamburg von der SPD/FDP-Regierung die Einrichtung eines Jugendausschusses und eine "unverzüglich konkrete" Erklärung darüber, welche Gedanken und Pläne der Senat zur Förderung der politischen Jugend habe.
Herbert Wehner hat sich noch nicht zu der Kritik der Junggewerkschaftler geäußert. Interesse dagegen bekundete der Hamburger CDU-Bundestagsabgeordnete Dietrich ("Didi") Hohmann. Er wünschte den "sehr geehrten Damen und Herren" des Aktionszentrums viel Erfolg.

DER SPIEGEL 17/1970
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