20.04.1970

PROZESSE / EITZENBERGERForschung bei Gustav

Die Kripo kam mit 16 Mann und beschlagnahmte einen Regenschirm mit einem Hohlraum unter dem abschraubbaren Knauf, eine Minox-Kleinbildkamera und eine Kleiderbürste mit verstecktem Container.
Die Hausdurchsuchung im Taunus-Bungalow des Diplom-Ingenieurs Josef ("Joe") Eitzenberger, 64, sollte bestätigen, was zuvor V-Leute vor der sowjetischen Botschaft in der Wiener Reisnerstraße und im Heurigen-Viertel Grinzing eruiert hatten:
Hausherr Eitzenberger, österreichischer Staatsbürger und Hauptabteilungsleiter für Elektrotechnik und Elektronik im Frankfurter Battelle-Forschungsinstitut, war verdächtig, landesverräterische Beziehungen zu den Sowjets zu unterhalten.
Zwei Jahre nach der Verhaftung wird, vom Dienstag dieser Woche an, dem Mann von Battelle, dem größten Institut für Auftragsforschung in der Bundesrepublik, nun der Prozeß gemacht -- im zwölften Stock des hessischen Innenministeriums in Wiesbaden.
Das Frankfurter Oberlandesgericht wählte den hochgelegenen Ort als Tagungsstätte, um zu verhindern, daß etwa Agenten des sowjetischen Geheimdienstes KGB die Verhandlung über hochempfindliche Richtmikrophone mithören. Abwehr-Experten meinen, das vornehmlich unter Ausschluß der Offentlichkeit tagende Gericht lasse sich so nicht anpeilen.
Durch diese Vorsichtsmaßnahme soll den nach Befürchtung deutscher Staatsschutzstellen am Mithören interessierten KGB-Leuten insbesondere vorenthalten werden, was Elektronik-Fachmann Eitzenberger, der bislang lediglich Kontakte mit Russen und "harmlose" Gespräche zugab, nicht verraten hat. Und es scheint, als habe die Affäre Eitzenberger, die der Verfassungsschutz vor zwei Jahren noch als "gravierendsten Fall eines spionierenden Wissenschaftlers in der Bundesrepublik "nach dem Krieg" bezeichnet hatte, mittlerweile an Umfang verloren.
Immerhin aber will der Anklagevertreter, Oberstaatsanwalt Siegfried Buback von der Bundesanwaltschaft in Karlsruhe, beweisen, daß sich der Battelle-Forscher mindestens 50mal in Wien mit KGB-Leuten und Botschaftsangehörigen getroffen hat.
Dabei soll Eitzenberger unter anderem Jahresberichte der Battelle-Organisation weitergegeben sowie über ein im Auftrag der Bundeswehr entwickeltes Funkleitsystem für Panzerabwehrraketen und seine Versuche mit dem sogenannten Plasmatron berichtet haben. Darüber hinaus hat Eitzenberger laut Buback als "Mann der Wissenschaft" seinen sowjetischen Kontaktern Informationen geliefert, die über "das Tätigkeitsfeld bei Battelle" hinausgingen. Laut Eitzenberger war das nicht mehr als wissenschaftlicher Gedankenaustausch wie "in jeder Fachzeitschrift".
Gut zehn Jahre lang hatte der ehemalige Telefunken-Angestellte legal für die Russen gearbeitet. Nachdem sie ihn 1946 in ihr Raketenforschungszentrum Monino bei Moskau geholt hatten, führte Eitzenberger dort zusammen mit den Ingenieuren Dr. Faulstich und Dr. Buschbeck ein "Spezialistenkollektiv" an, das für die Sowjets Probleme der Fernlenkung von Raketen lösen sollte. Die drei Beute-Ingenieure entwickelten ein Fernsehauge, das in den Kopf der Lenkwaffe eingebaut wurde. Die Bodenstation konnte so den Raketenflug genau verfolgen und notwendige Kurskorrekturen vornehmen.
Mitte der fünfziger Jahre glaubten die Russen dann, von den Deutschen genug gelernt zu haben. Sie verbannten Eitzenberger und seine Leute ans Schwarze Meer. Dorthin war auch die Eitzenberger-Dolmetscherin Anna Nikolajewna Silberstein, eine russische Jüdin, mit umgezogen. Sie tauchte, nachdem die Wissenschaftler schließlich in den Westen übergesiedelt waren, in der russischen Botschaft in Wien auf und dürfte Eitzenbergers KGB-Kontakte bei seinen regelmäßigen Wien-Besuchen eingefädelt haben.
In Wien hatte auch ein anderer Interessent auf den Rußland-Heimkehrer gewartet: William H. Godel, Beamter des US-Verteidigungsministeriums und Angehöriger des Geheimdienstes CIA, engagierte Eitzenberger dort für das 1952 gegründete Battelle-Institut in Frankfurt.
Damit diente Eitzenberger deutschen wie amerikanischen Interessen, denn das Frankfurter Institut ist -- obwohl eingetragener Verein und unter deutschem Management -- kein deutsches Unternehmen. Es gehört zum "Battelle-Memorial Institute" (Sitz Columbus im US-Staat Ohio), einer zumindest nach der Satzung gemeinnützigen Stiftung, die für Wirtschaft und Regierungen Auftragsforschung betreibt. Allein Battelle Frankfurt hatte 1967, vor der Verhaftung Eitzenbergers, einen Jahresumsatz von etwa 25 Millionen Mark. 65 Prozent der Forschungsvorhaben waren Aufträge von Bundesbehörden und von der Nato.
So betrieb das zuletzt 120 Mann zählende Eitzenberger-Team Im antennenbestückten Battellebau "Gustav" Plasmaforschung für eine amerikanische Weltraumorganisation. Für Bonns Luftwaffe verbesserte Eitzenberger, der allerdings keinen Zugang zu Dokumenten der höchsten Battelle-Geheimhaltungsstufe hatte, die sogenannte Litton-Plattform, eine Navigationshilfe des Starfighter F-104 G. Sein wichtigster Auftrag war vom Pentagon erteilt worden: Er sollte ein Verschlüsselungssystem für die Nato-Nachrichtenübermittlung auf sogenannten Längstwellen (Funkwellen von einer Länge zwischen zehn und 100 Kilometer) austüfteln, das von Funkspionen nicht geknackt werden kann.
Selbst unter Spionageverdacht geriet der Battelle-Mann durch anonyme Briefe an das Pentagon und die Brüsseler Nato-Zentrale. Autor war, wie sich später ergab, der im China-Handel tätige Herbert Schröder, ein häufiger Gast der Familie Eitzenberger.
Die Schreiben enthielten unter anderem Hinweise auf Eitzenbergers Wiener Russen-Kontakte, Nach monatelanger Beschattung -- bei einem Treff mit einem Sowjet-Offizier wurde er sogar photographiert -- wurde Eitzenberger verhaftet.
Der von Eitzenberger entwickelte Nato-Kode freilich, dessen Kenntnis östliche Abhörstationen in die Lage versetzt hätte, innerhalb des atlantischen Militärbündnisses versandte Funkdepeschen zu entschlüsseln, gelangte -- entgegen den vor zwei Jahren vom Verfassungsschutz geäußerten Vermutungen -- offensichtlich nicht zu den Russen. Oberstaatsanwalt Buback: "Das hat zunächst auch eine Rolle gespielt, ist aber nicht mehr drin."

DER SPIEGEL 17/1970
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