20.04.1970

BÜRGERMEISTER / KLETTWelches man hat

Er ist der dienstälteste und seßhafteste aller deutschen Großstadt-Chefs. Er hat die meisten Nebenämter inne, die meisten Skandale überstanden und präsentiert trotz alledem "so ein richtig schönes, schwäbisches Oberbürgermeistergesicht: heiter, wetterfest, ruhig" ("Stuttgarter Nachrichten").
In dieser Woche feiert er ein Jubiläum ohne Beispiel in der Bundesrepublik: Ununterbrochen seit 25 Jahren -- seit der Besetzung Stuttgarts durch französische Truppen am 23. April 1945 -- amtiert dort der Pfarrersohn Dr. Arnulf Klett, ein Mann, der sich keiner Partei, wohl aber der Reimkunst verpflichtet fühlt, als Hauptstadt-Oberster.
Klett kam zu dem Amt, weil den Besatzern der nicht NS-belastete Rechtsanwalt, der auch Widerständler verteidigt hatte, gerade genehm war. Und es blieb ihm ein Vierteljahrhundert, weil weder CDU noch SPD und FDP je einen potenten Klett-Gegenkandidaten aufstellen mochten.
Klett war von Anfang an populär. Er gab sich urig und unbürokratisch, zeigte Verhandlungsgeschick und Dynamik. Ober 9131 OB-Tage hinweg verstand er sich -- so Klett über Klett -- als "Stuttgarts Motor mit Humor". der mitunter zu hochtourig lief.
Teils kraft Amtes, teils aus Geltungssucht tummelte sich der schwäbische Lokal-Chef schließlich in 56 Aufsichts-, Bei- und Verwaltungsräten
beim Südfunk wie bei der "Südmilch"-AG, beim "Hilfswerk Berlin" wie bei der örtlichen Spar- und Girokasse. Und diese Bank-Betätigung geriet ihm auch zum ersten Skandal.
Unter dem Verwaltungsrats- und Kreditausschuß-Vorsitz des vielbeschäftigten Oberbürgermeisters wurde dem schwäbischen Geschäftemacher Willy Bürkle gleich nach der Währungsreform ratenweise ein Kredit von nahezu acht Millionen Mark gewährt. 1950 blieb die Girokasse auf sechs Millionen Bürkle-Schulden sitzen, und der damalige Stuttgarter Ministerpräsident Reinhold Maier bescheinigte dem Girokassen-Aufseher Arnulf Klett eine "verwaltungsmäßige und geschäftliche Fehlleistung von ungewöhnlichem Ausmaß".
Ungewöhnlich waren auch die Folgen. Nach langwierigen Prozessen wurde Klett, zusammen mit fünf weiteren Verantwortlichen, gesamtschuldnorisch zu 400 000 Mark Schadensersatzzahlungen an die Girokasse verurteilt und bekam daraufhin -- einmalig in der deutschen Oberbürgermeister-Chronik -- jahrelang vom Monatssalär Regreßbeiträge abgezogen.
1958 war Klett wieder fein heraus: Die Girokasse verzichtete auf weitere Leistungen, die Stadtkasse übernahm rückwirkend die Strafprozeßkosten, und der OB bagatellisierte, der Kreditskandal sei ein "Unglück" gewesen. Das nächste stand schon ins Haus Denn Klett, Chevalier der französischen Ehrenlegion, hatte zum 50. Geburtstag am 8. April 1955 von den Daimler-Benz-Direktoren Koenecke und Staelin einen Perserteppich geschenkt bekommen -- laut Begleitschreiben eine "kleine Aufmerksamkeit", deren wahren Wert der Beschenkte nicht erkannt haben wollte. Stuttgarts Staatsanwaltschaft hingegen wertete fast fünf Jahre danach die Entgegennahme des 2900-Mark-Stücks als passive Bestechung und mutmaßte mißliche Zusammenhänge: Teppichschenker Staelin hatte just damals ein städtisches Baugrundstück erworben.
Angeklagter Klett mußte auf Anraten des Stuttgarter Innenministeriums sogleich seinen Urlaub nehmen. Die Sozialdemokraten, sonst zuverlässige kommunalpolitische Helfer des Parteifreien, rieten ihm zum "zeitweiligen Verzicht auf die Führung der Amtsgeschäfte als Oberbürgermeister.
Klett allerdings bewältigte auch diese Affäre "mit großer Dickfelligkeit ("Badische Neueste Nachrichten"). Der Jurist blieb im Amt und warf der Justiz drei im Rathaus verwahrte Leitzordner hin, in denen alphabetisch noch zahllose andere Geburtstagsgeschenke registriert waren. Er feierte sich öffentlich als "Mann" der ein gutes Gewissen hat", und zog sämtliche Rechts-Register bis zur Verfassungsbeschwerde.
Nach sechsjährigem Streit war Klett abermals obenauf: Das Strafverfahren wurde eingestellt, der beschlagnahmte Mercedes-Perser an den Porsche-Fahrer Klett zurückgegeben. Einen solchen Oberbürgermeister, der laut Kurt Georg Kiesinger mit "Umsicht und Energie" ausgestattet ist, konnte auch nicht umwerfen, daß er
in den 25 Jahren seines Wirkens noch kein einziges städtisches Altersheim bauen ließ, aber bei der Einweihung seines unrentablen Renommier- Objekts Neckarhafen 270 000 Mark Steuergelder verfeiern ließ;
* wegen schlechter Bodenvorratspolitik nicht verhindern konnte, daß Stuttgarts sozialer Wohnungsbau fast zum Erliegen kam und die alteingesessene Weltfirma Bosch ihre neue Konzernzentrale jenseits der Stadtgrenze baute;
* sich selbst auf einem städtischen Areal ansiedeln wollte, das für jeden anderen Bürger mit striktem Bauverbot belegt war, und seinem vormaligen Wahlaufruf-Mitunterzeichner Eugen Gerstenmaler freundschaftshalber zu einem Stopp-Preis ein gleichfalls städtisches Grundstück überließ (SPIEGEL 27 und 32/1967).
Leutselig wie ein Bauernschultheiß, forsch gegen die NPD, immer. wieder Knittelverse ersinnend, die er für lustig hält, beim Karneval keine Kostümierung und vor Photographen keine Pose scheuend, auf schwäbische Spätzle gleichermaßen erpicht wie auf schwäbischen Rotwein -- so will Stuttgarts Klett noch abermals acht weitere Amtsjahre oberbürgermeistern, bis er 72 und seine Wahlzeit abgelaufen ist.
Längst hat sich auch die SPD, die Klett einst zum Amtsverzicht bewegen wollte, mit dem unermüdlichen OB versöhnt, SPD-Gewerkschaftler Heinz Kluncker, dem Klett häufig als Verhandlungsführer aller kommunalen Arbeitgeber bei Lohngesprächen gegenübersitzt. schätzt ihn als "Anwalt sozialer Gerechtigkeit". SPD-Kanzler Willy Brandt, der 1963 seinen Städtetags-Präsidentenposten an Klett abgetreten hatte, bescheinigte ihm vorletzte Woche "einen Ruf als erfolgreicher Kommunalpolitiker".
Und -- für Klett kaum vorstellbar -- für den Fall, daß ihn jemand nicht lauthals loben mag, hält der Stuttgarter Oberbürgermeister schon seit der Bürkle-Affäre den Spruch feil: "Es ist leichter, für ein Amt befähigt zu scheinen, das man nicht hat, als für das, welches man hat."

DER SPIEGEL 17/1970
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