20.04.1970

UNTERNEHMEN / AUSKUNFTEIENOhne Gewähr

Der Verständige steht in der rechtzeitigen, klugen Erkundigung eine Bürgschaft seines Erfolges eine, sichere Schutzwehr gegen Enttäuschungen und Nachteile aller Art. Auskunftei-Gründer Wilhelm Schimmelpfeng, 1895.
Die Firma Sondermann & Co. GmbH LJ in Frankfurt habe einen weiteren Geschäftsführer bestellt, teilte Westdeutschlands größte Auskunftei, Verein Creditreform, mit. Daß Sondermann zu diesem Zeitpunkt bereits pleite war, erfuhren die Auskunftei-Kunden aus der Zeitung.
Bei der Millionen-Insolvenz des Münchner Bauunternehmers Rolf Dumpe alarmierte die Groll-Auskunftei Schimmelpfeng die Geschäftspartner erst sechs Tage nach der Zahlungseinstellung. Die Wys-Muller-Auskunfteien befanden einen Kaufmann noch für kreditwürdig, als ihn schon die Kriminalpolizei jagte.
"Wir können beweisen", rühmt dennoch Schimmelpfeng-Jurist Dr. Albert Windolph seine Branche, "daß in zahlreichen Fällen Geschädigte nicht zu Schaden gekommen wären, wenn sie sich rechtzeitig erkundigt hätten."
Fast 450 Auskunfteien und Detekteien möchten in der Bundesrepublik vom Informationsbedürfnis der Wirtschaft profitieren. Banken, Versicherungen, Industrie-Unternehmen und Handelsfirmen sind ständig auf verläßliche Angaben über die Kreditwürdigkeit und -fähigkeit von Firmen und Einzelpersonen angewiesen. Denn die Unternehmen finanzieren rund 30 Prozent ihrer Investitionen mit fremdem Kapital, im Handel wird ein erheblicher Teil der Geschäfte auf Kredit getätigt. Dabei gehen jährlich Milliardenbeträge an Betrüger und Bankrotteure verloren.
Als "guter Berater" und "Öl in der Maschinerie der Wirtschaft" (Werbetexte) erbieten sich die Auskunfteien, die mitunter kostspielige Informationslücke zu schließen und zur rechten Zeit die richtigen Auskünfte über Leumund, Besitzverhältnisse und Familienstand zu liefern. Ihre Recherchen-Jagd an Hausmeistertüren, In Firmenvorzimmern und bei den zu überprüfenden Kreditnehmern selbst trägt der Informationshändler-Branche jährlich etwa 110 Millionen Mark ein. Mehr als die Hälfte der Summe setzen allein die drei größten Unternehmen um, die im Verband der Handelsauskunfteien zusammengeschlossenen Firmen
* Verein Creditreform, Hauptsitz in Neuß, mit 106 Ortsvereinen und rund 1500 festen Mitarbeitern;
* Auskunftei W. Schimmelpfeng -- Deutsche Auskunftei GmbH in Frankfurt, mit 97 Außenstellen und etwa 1300 Angestellten;
* Auskunfteien Bürgel in Aachen, mit 90 Büros und 400 Angestellten. Auf den nächsten Plätzen folgen die deutschen Filialen des amerikanischen Branchen-Riesen Dun & Bradstreet und die Wys-Muller-Auskunfteien. Der überwiegende Rest ist eine gemischte Gesellschaft von über 400 Klein- und Kümmerbetrieben.
Die großen Auskunfteien verkaufen ihre Informationen in der Regel an Abonnenten. Zehn Scheine, die jeweils für eine Recherche gut sind und ein Jahr gelten, kosten beispielsweise bei Schimmelpfeng 169,83 Mark. Für Großabnehmer -- sie bestellen bis zu 25 000 Auskünfte im Jahr -- gibt es Mengenrabatt.
Von den weniger lukrativen Einzelaufträgen leben die im "Zentralverband der Auskunfteien und Detekteien" organisierten Kleinbetriebe. Als sogenannte Platzauskunfteien bedienen sie Anwälte bei Zwangsvollstreckungen mit Informationen über verborgene Vermögenswerte, kontrollieren für Versicherungen die Angaben über Unfallfolgen und bieten auch "Ermittlungen in Ehesachen" feil. Verbandsvorsitzender Manfred Dessau: "Die Arbeit geht häufig ins Detektivische."
Sie geht nicht selten ins Dilettantische. Denn neben pensionierten Polizeibeamten und Majoren a. D. betreiben auch berufsmüde Buchhalter und Kaufmannsgehilfen das Geschäft. Um sich im Auskunfteigewerbe zu etablieren und die Bonität von Wirtschaftspartnern zu beurteilen, bedarf es weder fachlicher Qualifikation noch treuhänderischer Zuverlässigkeit. Die Gewerbeordnung bringt Auskunfteien und Detekteien im Paragraphen 38 unter, der auch die Zulassung von Altenheim-Leitern und Schrotthändlern regelt: Mit einer geringen Anmeldegebühr ist jedermann dabei.
Noch nicht einmal den Gewerbeschein benötigen die mehr als 20 000 Posthalter, Kolonialwarenhändlerinnen und Bürgermeister, die in Marktflecken, Klein- und Mittelstädten für die sechs sogenannten Kalender-Auskunfteien die Kreditwürdigkeit ihrer Nachbarn erforschen. Die Adressen dieser Gewährsleute können als Handbuch ("Kalender") für 70 bis 120 Mark bezogen werden. Der Käufer braucht nur den örtlich zuständigen Kalendermann anzuschreiben, der sich für durchschnittlich 3,50 Mark je Auskunft sogleich in Marsch setzt -- nicht selten auch für andere Auskunfteien, die die preiswerte Recherche lediglich umformulieren und als eigenes Erzeugnis weiterverkaufen.
Ihre Hilfskräfte rekrutieren die Auskunfteien auch gern aus dem Rentnerheer. Rund 4500 bundesdeutsche Pensionäre, meist nur oberflächlich auf ihre Rechercheur-Aufgabe vorbereitet, verdienen sich so mit zwei bis fünf Mark je Auftrag ein Zubrot zum Ruhegeld. Ihre Berichte werden in den Groll-Auskunfteien von festangestellten Mitarbeitern überprüft, mit Material aus dem gut sortierten Archiv -- dem wichtigsten Hilfsmittel jeder seriösen Auskunftei -- angereichert und dem Kunden auf einem Formblatt übermittelt.
Freilich: "Man muß Auskünfte auch lesen können", meint selbst Dun & Bradstreet-Geschäftsführer Lothar Reinecke. Denn das Branchen-Rotwelsch treibt seltsame Blüten. So ist es für einen Unternehmer kein Lob, wenn er als "unternehmend" bezeichnet wird. Schimmelpfengs Dr. Windolph: "Das Adjektiv unternehmend hat in der Auskunftei-Sprache eine negative Bedeutung."
"Wie wir hörten, war R. einige Zeit der freien Verfügung über seine Person entzogen", steht für: R. saß sechs Monate wegen Betrugs im Gefängnis. Für Unterschlagung lautet die Formel: "Soll Dispositionen getroffen haben, die seine Befugnisse überschritten,"
Mit vagen und gestelzten Formulierungen möchte die Zunft möglichen Schadenersatz-Prozessen vorbeugen. Sogar die für Kreditentscheidungen wichtigen Vorstrafen wegen Betrugs oder Konkurs werden aus diesem Grund meist diskret verschwiegen.
Nicht einmal auf die Richtigkeit einer Auskunft hat der Kunde Anspruch. Die Schimmelpfeng-Geschäftsbedingungen stellen klar: "Die mäßige Gebühr für die Auskunft schließt jeden Gedanken an eine Haftung aus." Auch bei Falschmeldungen.
So meldete während des letzten Jahres Schimmelpfeng über einen Grafen Berghe von Trips
* im Juli: Er sei "österreichischer Staatsbürger" und in Graz als Angestellter mit netto 500 Mark Monatsgehalt tätig;
* im September: "Besitzt Schweizer Staatsangehörigkeit." Man könne sich über ihn "noch kein rechtes Bild machen";
* im Oktober: Der Graf sei deutscher Gutsbesitzer, "sehr vermögend" und "in jeder Hinsicht einwandfrei".
Die Metamorphose vom armen Teufel aus Graz zum wohlhabenden Vater des 1961 tödlich verunglückten Rennfahrers Graf Berghe von Trips geschah nicht von ungefähr, Geschäftemacher nutzten planmäßig eine der gefährlichsten Usancen des Auskunftei-Gewerbes: Die Selbstauskünfte der zu überprüfenden Personen werden nicht selten ohne besonderen Vermerk wie Ergebnisse eigener Nachforschungen weitergereicht.
Der Grazer Bürger Berghe-Trips zum Beispiel wurde allein wegen seines Namens als Strohmann in die Scheinfirma "Graf Berghe von Tripssche Vermögensverwaltung" eingesetzt und alsdann durch günstige Selbstauskünfte zum kreditwürdigen Grafen umfunktioniert: Potente Geldgeber sollten angelockt und ausgenommen werden. Erst nach Zeitungsberichten im letzten November, daß der echte Graf Trips gegen den Namensmißbrauch gerichtlich vorgegangen sei, sah sich auch Schimmelpfeng zu einer Warnung veranlaßt.
Der Hinweis auf ihre Haftungs-Ausschlußklausel bewahrt die Auskunfteien freilich nicht In jedem Fall vor dem Richter. So verurteilte das Lübecker Landgericht eine Großauskunftei zu Schadenersatz, weil sie "leichtfertig eine unstreitig falsche Auskunft ... erteilt und ihr bewußt durch unrichtige und auf gebauschte Hinweise ... ein unangemessenes Gewicht verliehen hat". Eine andere Großauskunftei mußte sogar Kritik vom Bundesgerichtshof einstecken, als ein gefälliger Büroleiter über 26 gar nicht existierende Autokäufer präzise Auskünfte erteilte und fünf echte Kreditnehmer zu günstig beurteilte. Mit den Papieren ergaunerte ein Finanzvermittler über 200 000 Mark.
"Nicht ganz zu Unrecht", bekümmert sich Gerhard Breunig, Geschäftsführer der Auskunfteien Bürgel, gelte die Arbeit der Branche als "sehr unpräzise". Die Kundenkreditbank in Düsseldorf urteilt: "Vielfach nur bedingt zuverlässig."
Im Vergleich mit dem amerikanischen Auskunfteiwesen erweist sich die deutsche Zunft in der Tat als unterentwickelt. Die Qualität der Krediturteile liege, so stellte der Betriebswirt Hans-Peter Geyer in einer wissenschaftlichen Untersuchung fest, weit unter dem US-Niveau und werde vor allem durch die ungenauen Angaben "sehr gemindert". Die Amerikaner seien in der Lage, auf den Cent genaue Daten zu recherchieren. Dafür teilen sie nur selten mit, ob der Überprüfte ledig oder verwitwet ist.
Die Deutschen dagegen liefern statt Zahlen gern Charakterurteile und Familiengeschichten. Creditreform in einer Firmenauskunft: " Aus der Ehe sind vier Kinder hervorgegangen, die von 1955 bis 1966 geboren wurden.
Deutsche Auskunftei-Rechercheure haben es allerdings schwerer als ihre amerikanischen Kollegen, wirtschaftlich bedeutsame Tatsachen aufzuspüren. Industrieunternehmen, Händler und Banken geben den Auskunfteien kaum exakte Informationen über die eigene Vermögenslage oder die Kredithöhe Ihrer Schuldner. Die großen US-Auskunfteien dagegen schicken mindestens viermal im Jahr reisende Angestellte durchs Land und lassen bei zahllosen Firmen die neuesten Daten und Bilanzen erkunden. Bürgel-Chef Breunig, 34, der im letzten Jahr eine auf knappe Sachangaben und Zahlen reduzierte "analytische Auskunft" einführte, über die deutsche Konkurrenz: "Enormer Rückstand,"
Schwach entwickelt sind auch die Einnahmen der heimischen Schnüffel-Branche. Zwar konnten die bundesdeutschen Informationshändler seit 1962 ihre Umsätze nahezu verdoppeln -- von etwa 30 Millionen auf rund 110 Millionen Mark -, doch nehmen sich selbst die Grollauskunfteien neben dem US-Giganten Dun & Bradstreet (Jahresumsatz rund eine Milliarde Mark) wie Zwergbetriebe aus.
Um die schütteren Gewinne aus dem Nachrichtenverkauf aufzubessern, offerieren die Auskunfteien seit Jahren zusätzliche Dienste. So basteln sie us ihren archivierten Firmen-Fakten Branchen- und Marktberichte für ihre Kunden zusammen. Als lukrativste Nebenbeschäftigung aber erwies sieh die "Mahnhilfe", das sogenannte Inkasso-Geschäft. Dabei übernehmen die Auskunfteien Forderungen ihrer Kunden an Dritte und sorgen für rasche Beitreibung des Geldes.
"Mit dem Inkasso-Geschäft", so berichtet stolz Verbandsvorsitzender Manfred Dessau, Besitzer der Berliner Auskunftei und Detektei Atlas, "mache ich rund 30 Prozent meines Umsatzes." Und Wys-Muller-Chef Wilhelm Schäfer weiß, warum die Schuldner den Auskunfteien willig geben, was sie ihren Gläubigern trotz Androhung gerichtlicher Schritte oft hartnäckig verweigern: "Die zahlen fast alle ganz schnell, weil sie schlechte Auskünfte befürchten."

DER SPIEGEL 17/1970
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