20.04.1970

FINANZEN / IOSMorsche Zähne

Für die IOS fiel der Schwarze Freitag auf einen Mittwoch: Am 8. April sackte die Aktie ihrer Management-Gesellschaft von 114 auf 104 Mark. Zwei Tage später hatte sie weitere zwölf Mark pro Stück verloren.
Schlimmer erging es bald darauf den erst im Oktober vergangenen Jahres aufgelegten Stammaktien der Holding IOS-Limited. Innerhalb weniger Tage purzelte der Stückpreis von 41 Mark auf 30,50 Mark. Einige Monate zuvor war das Papier den Spekulanten noch 55 Mark wert gewesen.
Die Kursverluste beider IOS-Gesellschaften summierten sich auf 600 Millionen Mark. Seitdem gelten die einstmals als "Wunderaktien" angepriesenen Papiere in Börsenkreisen als "SOS-Aktien".
Der plötzliche Kurseinbruch traf die IOS-Zentralen in München und Genf wie ein "Blitz aus heiterem Himmel" (IOS-General-Manager Raimund Herden). Von der galoppierenden Schwindsucht ihrer Aktien erfuhren die Manager erst durch Anrufe aufgeregter Börsenhändler aus Amsterdam und London. Auf die Frage, "was denn mit IOS los ist", wußten die ratlosen IOS-Funktionäre keine Antwort. Um so üppiger wucherten die Gerüchte.
Unter anderem wurde kolportiert: IOS-Chef Bernard Cornfeld, 42, sei mit dem Flugzeug abgestürzt, er sei unheilbar an Krebs erkrankt, er wolle die 17 IOS-Fonds an eine New Yorker Großbank verkaufen und die Verkaufsorganisation auflösen.
Den Spekulationen um den Boß hatte IOS freilich selber Vorschub geleistet. Ende März verkündete die 105 Ltd. in Genf lapidar, Cornfeld habe sich auf den Posten des Aufsichtsratsvorsitzenden der Gesellschaft zurückgezogen. Zum neuen Präsidenten habe der Verwaltungsrat den Rechtsanwalt Edward M. Cowett, 40, und zu seinem Stellvertreter den zwei Jahre jüngeren Allen Cantor gewählt.
Die Pressemitteilungen aus dem IOS-Hauptquartier konnten indes nicht verschleiern, daß Cornfeld seinen Chefsessel nicht ganz freiwillig aufgegeben hatte. In den letzten Monaten war die Kritik innerhalb der IOS-Hierarchie an dem großzügigen Geschäftsgebaren Cornfelds immer lauter geworden. Reporter der Londoner "Sunday Times" mokierten sich erst kürzlich nach einem Besuch in Genf über die "angenehme, aber zuweilen verwirrende Hemdsärmeligkelt" in der Führungsspitze.
Auch durch seine privaten Eskapaden machte sich der ehemalige Sozialfürsorger aus Philadelphia bei seinen ehrgeizigen Managern unbeliebt. Besonderes Mißfallen erregte seine protzige Lebensführung. In seinem Savoyer Schloß residierte er wie ein Indischer Maharadscha. Zu seinem Hofstaat gehörten unter anderem eine attraktive Verwalterin, ein Butler und eine Ozelot-Wildkatze.
Als der angeblich 400 Millionen Mark schwere Finanz-Jobber Anfang vorigen Jahres einem "Stern"-Photographen sogar seine vergoldeten Toilettenräume für Schnappschüsse freigab, hagelte es von Mitarbeitern und Kunden Proteste. Den Fauxpas versuchte Cornfeld wieder wettzumachen: Für einen fünfstelligen Betrag kaufte er die geschäftsschädigenden Photos zurück.
Als der Höhenflug der IOS im letzten Jahr durch die anhaltende internationale Börsen-Baisse abrupt gestoppt wurde, bekamen in der Zentrale kühle Rechner die Oberhand. Unter ihrem Rotstift schmolz beispielsweise der Ausgaben-Etat für 1970 von 329 Millionen Mark auf 234 Millionen Mark zusammen. Überdies bewogen die Etat-Kürzer den zweifachen Schloßbesitzer Cornfeld, sich vom aktiven Management zurückzuziehen. Herden: "Cornfeld ist der Ideenmann, aber Cowett ist der Computer."
Die Personalrangeleien verunsicherten die Börse so sehr, daß die Kurse abzubröckeln begannen. Zu dem verheerenden Kurseinbruch kam es aber erst, als eine Schweizer Bank der Genfer Zentrale 30 000 IOS-Aktien anbot und 105 ablehnte. Nachdem die mißglückte Transaktion bekanntgeworden war, gerieten die IOS-Aktionäre in Panik. In Windeseile verbreitete sich das Gerücht, die 105-Kassen seien leer. Findige Börsenjobber wollten überdies herausgefunden haben, daß 105 den 24-Millionen-Mark-Kaufpreis für die kanadische Investmentfirma Charming nicht in bar, sondern nur in IOS-Aktien habe bezahlen können.
Nach der Kursmisere droht dem Cornfeld-Imperium jetzt eine gefährliche Kettenreaktion. Tausende 105-Vertreter, die nach dem sogenannten "Stock-Option-Plan" für viele Millionen Mark IOS-Limited-Aktien erworben hatten, sehen sich nun um einen Teil ihres Verdienstes geprellt. Denn ihr Arbeitgeber hatte ihnen kräftige Kurssteigerungen in Aussicht gestellt.
Die IOS-Manager müssen jetzt fürchten, daß viele der enttäuschten Verkäufer noch mehr als bisher den Abwerbern der Konkurrenz erliegen. Schon in den letzten eineinhalb Jahren verlor die IOS allein in Westdeutschland rund 2000 von ihren ehemals 6000 Verkaufsmitarbeitern an neu gegründete Fonds.
Diese Abwanderer sind für IOS nicht ungefährlich. Denn immer häufiger bewegen die Ex-Angestellten ihre alten Kunden dazu, Investment-Zertifikate der IOS gegen Anteilscheine ihrer neuen Dienstherren gebührenfrei umzutauschen.
Um die Unruhe unter den deutschen IOS-Verkäufern zu dämpfen, verschickte Cornfeld am 10. April ein Fernschreiben an seine "lieben Manager", in dem er die "starken Kurseinbrüche, die durch eine Vielzahl unverantwortlicher Gerüchte ausgelöst wurden", beklagte.
In 80 Zeilen schilderte der abgehalfterte IOS-Präsident die Geschäftslage der Gesellschaft in rosaroten Farben: "In bezug auf ihre Finanzlage, ihre Mitarbeiter, ihre Möglichkeiten und die Palette der angebotenen Produkte war unsere Gesellschaft noch nie besser gestellt als heute."
Inzwischen haben die IOS-Manager auch die vermeintlichen Urheber der Anti-IOS-Kampagne lokalisiert. "Hinter der Treibjagd", so vermuten IOS-Rechercheure, "stecken deutsche und internationale Großbanken." Als Indiz für ihre These führen die IOS-Funktionäre die Tatsache an, daß deutsche Banken ihre Kunden auffordern, sich von IOS-Papieren zu trennen. IOS-Pressesprecher Hans-Dieter Meyerhoff: "Die Herren werden sich an uns aber ihre morschen Zähne ausbeißen."
* Mit Erich Mende, James Roosevelt, Kurt Schmücker und Walter Scheel (1968).

DER SPIEGEL 17/1970
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