20.04.1970

FERNSEHEN / STUDIO HAMBURGDoppelter Salto

Vor dem Funkhaus des Norddeutschen Rundfunks (NDR) in Hamburg parkte in den letzten Wochen häufig ein schwarzer Mercedes 280 SE, Kennzeichen RH-TV 240. Kundigen NDR-Direktoren signalisierte das Auto Komplikationen: zwischen der NDB-Intendanz und dem häufigen Besucher, Filmkaufmann Gyula Trebitsch, 55, Geschäftsführer der Atelier-Firma Studio Hamburg.
Trebitsch, gebürtiger Ungar und Unternehmer mit SPD-Mitgliedsbuch, feilschte mit NDR-Intendant Gerhard Schröder (SPD) an dessen Besprechungstisch. mit Schröder-Vize Ludwig Freiherr von Hammerstein-Equord (CDV) auf dessen Besucher -- Couch. Strittig zwischen Trebitsch und den NDR-Chefs waren die Geschäftsbedingungen einer Transaktion, die Trebitsch selbst eingeleitet hatte: Übertragung des 80 -- Prozent -- Anteils am Studio Hamburg von der NDR-Tochter Norddeutsches Werbefernsehen (NWF) auf Trebitsch, der bereits 20 Prozent besitzt.
Mit seinem Angebot, die NWF-Prorente zu übernehmen, hatte der Filmkaufmann Ende Januar den NWF-Aufsichtsrat beeindruckt. Neun von zehn Aufsichtsräten sahen darin einen gangbaren Ausweg aus einer verfahrenen Situation: Der von Schröder und Hammerstein geplante Verkauf von 35 Prozent Studio-Anteilen an die Axel Springer AG war an politischen Widerständen, vor allem in SPD und Gewerkschaften, gegen den NDR-Springer-Verbund gescheitert (SPIEGEL 6/1970).
Nach dem Plazet der NWF-Aufsichtsräte schickte Schröder dem kaufwilligen Trebitsch einen Bevers mit der Verkaufszusage, noch bevor der Werl der NWF-Anteile am Studie Hamburg durch Gutachter ermittelt worden war. Einzig Bremens DGB-Chef Richard Boljahn, einer der Aufsichtsratsvertreter von Radio Bremen (NWF-Anteil: 7,4 Prozent), opponierte: "Solche Geschäftspraktiken kenne ich nicht, daß ich ... meinen Anteil schon verramsche, ehe das Gutachten da ist."
Doch auch Trebitsch hatte es eilig. Er glaubte, das Geschäft mit Springer nun seinerseits machen zu können. Ein Studio-Hamburg-Sprecher über die Weiterverkaufs-Verhandlungen: "Daß Springer drin bleibt, steht außer Frage." Springers "Welt" am 26. Februar: "Die Springer AG ... steht in konkreten Gesprächen über eine Beteiligung." Beteiligungszweck: Springer wollte auf das Zukunftsgeschäft mit Bildschirm-Kassetten vorbereitet sein.
Unterdessen konkretisierten sich aber, zum Nachteil von Trebitsch, die gemeinsamen Kassetten-Interessen von Springer und seinem neuen Drittel-Partner, dem Gütersloher Medienkonzern Bertelsmann. Die Gütersloher besitzen bereits einen Anteil an den Berliner Union-Filmstudios und erwägen die Gründung einer neuen, gemeinsamen Kassetten -- Produktionsgesellschaft mit Springer.
Die Auswirkungen des Springer-Interessenwandeis auf die Trebitsch-Verkaufspläne sprachen sich alsbald auch beim NDR herum: Die geplante "hochprozentige Beteiligung Springers" kam "in dieser Hochprozentigkeit nicht zustande", so ein Funk-Abteilungschef.
In dieser Situation begann Trebitsch bei Schröder und Hammerstein zu, handeln: um höhere Gebühren für die Bewirtschaftung von fünf NDR-Filmhallen auf Studio-Hamburg-Gelände und um einen langfristigen Bewirtschaftungsvertrag. Denn: Nur mit Hilfe der Fernsehanstalten kann Trebitsch weiteren Anteil -- Interessenten gegenwärtig unternehmerische Sicherheiten bieten.
NDR, NWF und das Zweite Deutsche Fernsehen lasten das Studio Hamburg zu etwa 70 Prozent aus. Andere Partner mit nennenswertem Investitions- wie Produktions-Volumen sind zur Zeit nicht in Sicht. Trebitsch über die mögliche Zusammensetzung eines neuen Konsortiums: "Das wissen die Götter."
Seine Forderungen an den NDR -- neue Klauseln für die Hallennutzung und eine Bewirtschaftungs-Pauschale von jährlich 1,3 Millionen Mark -- sind für den Sender freilich unannehmbar. Die Folge: Der Verkauf der Studio-Hamburg-Anteile vom Norddeutschen Werbefernsehen an Trebitsch ist damit geplatzt. Radio -- Bremen -- Intendant Hans Abich erkannte: "Wir stehen auf einem Punkt, auf dem wir in der Vergangenheit schon standen." Richard Boljahn: "Ein doppelter Salto."
Verkaufs-Kritiker Boljahn fordert nunmehr die volle Übernahme des Studio Hamburg als Gemeinschaftsatelier mehrerer oder aller TV-Anstalten. Für diesen Vorschlag war im Januar, so Schröder, "keine Zeit mehr". Boljahn: "Jetzt haben wir sie."

DER SPIEGEL 17/1970
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