20.04.1970

WETTBEWERB / GASTWIRTSCHAFTENFlasche im Auge

In einer Berliner Eckkneipe kippten zwei Fremde einen doppelten Doornkaat, bezahlten und verlangten dann vom Wirt die ganze Flasche.
Die beiden Gäste kamen vom Gewerbeamt der Stadt Berlin und brachten den Schnaps zur Landesanstalt für Lebensmittelchemie, wo die Analyse ihren Verdacht bestätigte: Der "Doornkaat" war ein ordinärer Korn-Genever, "im Geschmack alkoholscharf und unausgeglichen" (Testbericht).
Der Gastwirt gestand, er habe den billigen Korn in Ballons eingekauft und zu Hause in grüne Doornkaat-Flaschen abgefüllt. Wegen Betrugs und Verstoßes gegen das Lebensmittelgesetz wurde der Wirt zu 600 Mark Geldstrafe verurteilt.
Derartige "betrügerische Warenunterschiebungen" sind, so Assessor Peter Lutz vom Markenverband in Wiesbaden. in den 180 000 bundesdeutschen Gaststätten "verhältnismäßig selten. Öfters hingegen registriert der Jurist hinter den Theken Praktiken, die das Rechtsprädikat "sittenwidrig" verdienen, beispielsweise
* wenn der Kellner statt der verlangten Coca-Cola stillschweigend ein anderes Cola-Getränk (Afri-Cola, Pepsi-Cola) auf den Tisch stellt (erkennbare Unterschiebung) oder
* wenn ein Asbach bestellt ist, der Ober bringt jedoch einen Scharlachberg (für den Laien nicht erkennbare Unterschiebung).
Wie verbreitet diese Wirtshaussitten sind, bewies eine Umfrage der Gesellschaft für Marktforschung in Hamburg: Von rund 2000 Bundesbürgern erklärten 42 Prozent, sie hätten in einer Gaststätte schon ein anderes Getränk als das ausdrücklich gewünschte vorgesetzt bekommen.
Doch obgleich die meisten Gasthausbesucher die Unterschiebung als unzulässig betrachten, findet -- so zeigte eine weitere Umfrage der Tübinger Wickert-Institute nur jeder fünfte Bundesbürger den Mut, das falsche Getränk zurückzuweisen. 26 Prozent wagen es überhaupt nicht, sich mit Kellner oder Wirt anzulegen.
Zehn Markenfirmen, darunter die Hersteller von Cinzano, Kaffee Hag, Asbach und Scharlachberg, entschlossen sich daher zur Selbsthilfe und gaben ihrem Wiesbadener Verband sowie der mit ihm kooperierenden "Zentrale zur Bekämpfung unlauteren Wettbewerbs" den Auftrag, die Wirte öfters über Kümmel und Korn anzupeilen. Pensionierte Polizeibeamte und Juristen streiften seither durchs Land und kehrten auf Verbandskosten ein.
"Es kann doch passieren", begründet Peter Lutz die Aktion Stichprobe der Markenartikler, "daß ein Cinzano-Trinker, der häufig einen anderen Wermut serviert bekommt, enttäuscht ist und sich von seiner Marke abwendet."
Die Probetrinker besuchten in den letzten drei Jahren 875 Lokale. In 263 Gaststätten und Bars zückten sie ihre Notizbücher, weil ihnen "deutlich erkennbar" (Lutz) etwas anderes serviert wurde, als sie bestellt hatten.
Meist setzen sich die Tester in die Nähe der Theke, bestellen laut und deutlich die gewünschte Marke und beobachten dann, nach welcher Flasche der Wirt greift. Von ihren scharfen Augen hängt es ab, ob er vor den Richter zitiert werden kann.
Zunächst allerdings wird der Wirt bei erwiesener Unterschiebung lediglich aufgefordert, künftig ausschließlich die verlangten Getränke auszuschenken. Erst wenn ei" einen entsprechenden Revers nicht unterschreibt, kommt es zum Prozeß.
Im Urteil gegen einen Bremer Gastronomen billigte das Landgericht Bremen den Einsatz der "Lockspitzel" ausdrücklich, denn die beiden Testpersonen hätten sich "wie jeder Durchschnittskunde verhalten".
"Unsere Prozeß-Aufwendungen", freut sich Verbandsjurist Lutz, "sind nur sehr gering. Bis auf eine Ausnahme haben wir bisher immer gewonnen." Denn die Rechtsprechung ist eindeutig: Das Unterschieben von Waren verstößt auch dann gegen das Gesetz gegen den unlauteren Wettbewerb, wenn der Wirt ein gleichwertiges Getränk ausschenkt. Er verschafft sich nämlich, so befanden die Bremer Richter, in sittenwidriger Weise einen Vorteil vor anderen Wirten, weil er sich Aufwendungen für ein größeres Getränkesortiment erspart.
"Leider", klagt Lutz, "haben die Gastwirte und ihre Organisationen für unser Vorgehen nur wenig Verständnis." In einem Brief vom 4. März 1970 beschuldigte der Landesverband Hamburg des Hotel- und Gaststättengewerbes die Markenartikler, sie würden durch ihre Aktionen "den ganzen Berufsstand diffamieren".

DER SPIEGEL 17/1970
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