20.04.1970

RÜSTUNG / SALT-TREFFENLanges Poker

Im Schloß des Prinzen Eugen äußerten die Amerikaner Hoffnung, bekundeten die Sowjets guten Willen. Dann wurde Champagner gereicht.
In dieser entspannten Atmosphäre eröffneten am Donnerstag vergangener Woche die Vertreter der USA und der Sowjet-Union im Wiener Schloß Belvedere die Verhandlungen über eine Begrenzung strategischer Waffen (Salt), die "wichtigste Rüstungskonferenz in der Geschichte" (Londoner Institut für strategische Studien). USA und Sowjet-Union erklärten, daß sie interessiert seien, die "möglicherweise lebenswichtigsten Verhandlungen der beiden Supermächte seit Jalta" ("Time") zu Ergebnissen zu führen.
Die Wiener Konferenz war von den Delegationen Washingtons und Moskaus Ende vergangenen Jahres durch eine fünfwöchige Gesprächsserie in Helsinki vorbereitet worden. US-Delegationschef Gerard Smith, 55, und Wladimir Semjonow, 58, dritthöchster Beamter im sowjetischen Außenministerium, hatten sich darauf geeinigt, die Konferenz in Wien beginnen zu lassen.
Von einer Einigung über vermindertes Rüstungstempo sind die beiden Atommächte noch weit entfernt, Vor Beginn der eigentlichen Verhandlungen haben es Moskau wie Washington vermieden, den Verhandlungsspielraum ihrer Wiener Delegation scharf abzugrenzen.
US-Präsident Richard Nixon erhielt im eigenen Land zahlreiche Entscheidungshilfen:
Der Senat empfahl vor zwei Wochen mit großer Mehrheit, Washington solle Moskau ein "sofortiges gemeinsames Moratorium" von unbegrenzter Dauer für den weiteren Aufbau des strategischen Atomwaffenpotentials beider Staaten vorschlagen; das Moratorium solle Raketenabwehrsysteme (ABM), Interkontinentalraketen und die weitere Entwicklung mit Mehrfachsprengkörpern (MIRV) umfassen. McGeorge Bundy, Berater der Präsidenten Kennedy und Johnson, forderte Nixon auf, er solle ohne sowjetische Gegenleistung die strategische Atomwaffenrüstung der USA für eine begrenzte Zeit aussetzen.
* Ein von Nixon ernannter Ausschuß, dem 14 angesehene Politiker und Wissenschaftler angehören, empfahl, die USA sollten auf der Wiener Konferenz eine zeitlich begrenzte Pause im Rüstungswettlauf anregen.
* Nixon griff keinen dieser Vorschläge auf. Auch die Sowjet-Führer scheinen nicht zu glauben, daß der Aufbau einer neuen Generation von offensiven strategischen Atomwaffen durch den sowjetisch-amerikanischen Dialog noch gebremst werden kann. Anatolij Chlebnikow in der russischsprachigen Monatszeitschrift "USA": "Die nächste Stufe des Wettrüstens steht bereits fest."
Dieser Stufe sind die Sowjets sehr nah. Nach den vor drei Wochen im Pazifik beendeten Versuchen mit Mehrfachraketen vom Typ SS-9 berichtete das Londoner Institut für strategische Studien, die Treffsicherheit der sowjetischen Waffen habe die "gesamte Zukunft der auf dem Festland stationierten Raketen in Frage gestellt".
Die "Sunday Times" zitierte zur gleichen Zeit Berichte aus den Vereinigten Staaten, nach denen die sowjetischen Waffen genügend Treffsicherheit hätten, um sämtliche Raketensilos der USA zu zerstören.
Dennoch ist Washington sicher, daß die Sowjet-Union allein schon wegen der gewaltigen Kosten für ein weiterentwickeltes offensives Raketensystem die Rüstungsspirale anhalten möchte. US-Außenminister William Rogers: "Ich habe keinen Grund, daran zu zweifeln, daß es die Sowjets ernst meinen."
Zu einseitigen Konzessionen sind die USA laut Rogers aber angesichts der sowjetischen Waffenentwicklung nicht bereit. Washington will seine Entwicklungsarbeiten an defensiven und offensiven Atomwaffensystemen nicht abbrechen, bevor die Gesprächspartner in Wien konkrete Ergebnisse vorweisen können.
Amerikas Verhandlungsführer Smith, dem Llewlyn Thomson, ehemaliger US-Botschafter in Moskau, zur Seite steht, und ihr Gegenüber Semjonow haben sich auf einen langen Verhandlungspoker eingestellt. Beide Delegationen rechnen damit, daß sie sich in den kommenden Jahren oft wiedersehen werden -- abwechselnd in Wien und in Helsinki.

DER SPIEGEL 17/1970
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