20.04.1970

DER SKANDAL GEHT UNTER IN DER DANKBARKEIT

Als die Explosion sich ereignete, reagierte jeder der drei Astronauten anders. Nach außen hin waren diese Reaktionen kaum erkennbar. Aber jeder für sich spürte, wie sein Blut zu Eiswasser wurde.
Jim Lovell wußte sofort, daß sie schlimm dran waren ... aber trotz der Wucht des Unglücks, das sie betroffen hatte, waren sie nach nicht gänzlich verraten und verkauft. Es gab immer die Chance, daß die Techniker da unten eine Lösung fanden. Es gab ...
"Apollo 13, Houston hier, bitte kommen."
Na, Gott sei Dank, dachte Lovell, Jack kommt im rechten Moment. Jack Lousma, einer seiner ältesten Freunde in diesem Gewerbe, meldete sich aus Mission Control, und nichts ist besser, als einen alten Freund am anderen Ende zu haben, der weiß, wie das "hier oben" aussieht, wenn der Teufel los ist.
"Houston, hier Apollo 13", sagte Lovell schnell.
"He, alter Gauner", gab Lousma zurück, "wie ist die Reise?"
"Wir haben unsere Rückfahrkarte verloren", sagte Lovell trocken ...
Nein -- so war es eben nicht. Science fiction, der utopische Roman, ist und bleibt dramatischer als die wahre Weltraumfahrt, selbst wenn es wirklich ein Unglück gibt und selbst wenn der Roman dem tatsächlichen Sachverhalt in puncto Situation und technischer Akkuratesse so nahe kommt wia dieser (nur unwesentlich veränderte und mit den richtigen Namen der Beteiligten versehene) Auszug aus dem inzwischen auch verfilmten Buch von Martin Caidin "Marooned", zu deutsch: "Gefangen im All".
Als am Dienstag letzter Woche Apollo 13 im Weltraum zu stranden drohte, als die jähe, ungeklärte, vielleicht nie völlig aufzuklärende Explosion im Energieversorgungssystem des Raumschiffes sich ereignete, da gab es in den Funkgesprächen zwischen der Besatzung und der Mission Control nur einen einzigen, der Dramatik des Augenblicks halbwegs angeglichenen Satz im Klartext: "Hier hat es einen ziemlich großen Knall gegeben." Und auch dieser Satz war nicht etwa ein einsamer, angstvoller Aufschrei, sondern war eingeklemmt zwischen zwei in Fachsprache gefaßte. Angaben über den Stand bestimmter Instrumente.
Dann kam über Stunden und Stunden nichts anderes mehr: Meldungen aus dem Maschinenraum, Litaneien aus den Listen für alle Lebenslagen einer hochtechnisierten Apparatur, Entscheidungen in der Maske der Mathematik. Auch das Unglück drückt sich, wie eigentlich alles in der fortgeschrittenen Fliegerei, durch Zahlen aus. Sie konstatieren die Katastrophe, sie bringen aber auch die Rettung, wenn die Spezialisten vermittels ihrer Computer eine solche errechnet haben.
Nirgendwo findet sich in den Wirt für Wort und Zahl für Zahl aufgezeichneten Wechselreden der langen Tage und Nächte nach der Explosion an Bord von Apollo 13 eine vom Gefühl diktierte Botschaft wie: seid getrost, wir holen euch heim. Das Maximum war: "Jeder hier unten ist hundertprozentig optimistisch. Sieht so aus, als wären wir wieder auf der Butterseite." Und darauf kann, was ein alter Astronaut ist, eben nur "Roger" sagen.
* Nach der Rückkehr auf dem Flugzeugträger "Iwo Jima"; l.: Marine-Pfarrer.
Für Zuspruch von der Art, wie ihn weiland Ludwig Erhard den Eingeschlossenen von Lengede spendete, hatte selbst Nixon nicht die Nerven. Und die Betroffenen, die oben wie die unten, hatten einfach nicht die Zeit, an einen tragischen Ausgang zu denken: solange es technisch möglich war, diesen abzuwenden, kam er ihnen gar nicht in den Sinn.
So ist zu verstehen, daß auch die besten Kenner der drei Astronauten in dem kaputten Raumschiff Apollo 13. nämlich ihre Berufskollegen im Kontrollzentrum von Houston, die bange Frage nicht wirklich beantworten konnten, wie es Jim Lovell, Fred Haise und Jack Swigert wohl zumute sei angesichts der Bedrohung, im Weltraum zu sterben. Selbst "Flugdirektor" Glynn Lunney bekannte, sich in seinem Urteil da nur "auf den Klang ihrer Stimmen" stützen zu können -- und der verriet nichts, bestimmt nicht Erregung oder Angst.
Die einschlägigen "Daten" aus dem Raumschiff blieben spärlich: Die Kommandokapsel war, nachdem man dort notgedrungen alles Elektrische hatte abschalten müssen, wie ein Luftschutzkeller -- kalt und dunkel, nur mit einer Taschenlampe aufzusuchen und von der Besatzung alsbald "Kühlschrank" genannt.
In der zum Rettungsboot umfunktionierten Mondlandefähre hingegen herrschte warmer Mief vor und ein durch den Mangel an Stauraum verursachter und von Stunde zu Stunde sich verschlimmernder Saustall. Plastiktüten mit Abfall vom Boden bis zur Decke. Und in diesem ganzen Durcheinander schlief stundenweise Jim Lovell, die Beine im Verbindungstunnel zur Kommandokapsel und das Haupt am Boden der Mondfähre -schwerelos und kopfunter zwischen "Odyssee" und "Aquarius".
Im übrigen blieben die drei von Apollo 13 ihren glücklicheren Vorgängern in jedem Augenblick zum Verwechseln ähnlich: staubtrocken, lakonisch und in bescheidenem Umfang humorvoll. Am dritten Tag nach dem Unglück begannen die bereits habituellen Beschwerden über das Essen, Jack Swigert interessierte sich dafür, wieviel Aufschub er bei der Vorlage seiner Einkommensteuererklärung habe, und zuweilen hörte die Flugleitung in Houston sogar Musik in ihren Kopfhörern -- so penetrant beziehungsreich ausgewählt, daß sie nur aus dem lahmenden Raumschiff kommen konnte: die Titelmelodie aus "2001 -- Odyssee im Weltraum" und der "Hair"-Song: This is the dawning of the age of Aquarius".
Allenfalls in den wenigen Augenblicken, in denen die blitzschnellen Reaktionen dieser Weltraum-Professionals den einstudierten Gleichmut übertölpelten, wurde deutlich, daß die Astronauten durchaus wußten, was ihnen widerfahren war -- so zum Beispiel, als Jim Lovell im Gespräch mit Mission Control der Satz entfuhr: "Das wird bestimmt für lange Zeit der letzte Apolloflug gewesen sein", oder als Fred Haise auf die Frage, wie es ihm gefallen würde, eine volle Woche auf einem Flugzeugträger zubringen zu müssen, ein bißchen schnell antwortete: "Wenn ich nur auf den Flugzeugträger komme, ist es mir ganz egal, wie lange ich drauf bleibe."
Am besten noch wußte Christopher Columbus Kraft, langjähriger Boß der Flugkontrolle und heute stellvertretender Chef des Zentrums für bemannte Raumfahrt, all dies auf einen Nenner zu bringen: Die Astronauten von Apollo 13 "wußten, daß ihre Lage ernst war, und sie wußten, daß sie ihren Job zu tun hatten, und ich glaube nicht, daß sie sich die Zeit genommen haben, dabei über ihre persönlichen Gefühle nachzudenken".
Dies hat, um so gründlicher, das Publikum für sie getan -- ein Publikum, das ohne Frage um ein Vielfaches zahlreicher war, als es gewesen wäre, wenn Apollo 13 ein Erfolg gewesen wäre und der Wissenschaft unschätzbare neue Details aus der Biographie des Mondes heimgebracht hätte. Und dieser Umstand läßt sich nicht allein mit der immerwährenden Faszination des Katastrophalen erklären. Er hat mehrere Gründe, denen eines gemeinsam ist: Sie haben im Grunde nichts, aber auch gar nichts mit der bemannten Weltraumfahrt zu tun.
Für die meisten Menschen, die ein Ereignis wie die bemannte Weltraumfahrt, das ihre technische Auffassungsgabe überfordert, ohnehin nur dann wirklich wahrnehmen, wenn es sich In Schicksal übersetzen läßt, in das Schicksal dreier gestrandeter Astronauten zum Beispiel, für die meisten Menschen also war dies wahrhaftig nur ein Lengede von kosmischen Ausmaßen, ein Drama verbunden mit ein bißchen Weltraum-Denksport, ein Stück Science fiction, das den Vorzug hatte, tatsächlich gespielt zu werden.
Die wahren Zweifel, die schlimmsten Verdächtigungen, die das Unglück mit Apollo 13 auslöste, blieben -- zumindest hier in Amerika -- bezeichnenderweise unausgesprochen, oder sie versteckten sich absichtsvoll hinter einem falschen Vorhang von billigem Optimismus auf der einen und vorsorglicher Volkstrauer auf der anderen Seite.
Denn natürlich rüttelt das rätselvolle Versagen von Apollo 13 just an jener Säule des amerikanischen Selbstverständnisses, die sowieso schon geborsten ist, Eben weil die Möglichkeiten der bemannten Weltraumfahrt einer Mehrheit der Amerikaner unterdessen so gänzlich unbegrenzt erschienen, eben weil diese gewaltigen technischen Unternehmungen seit geraumer Zeit so perfekt funktionierten, daß sie schon spannungslos und alltäglich zu werden begannen -- eben darum erschüttest die Explosion, die Amerikas dritte Mondlandung verhinderte, die Nation tiefer, als an der Oberfläche spürbar ist.
Nichts nämlich plagt die Amerikaner derzeit mehr als das offenkundige Versagen des Vertrauten, ais die Erkenntnis, daß Überzeugungen, Einrichtungen und Unternehmungen, die man hierzulande "for granted" genommen hat, die sozusagen zum eisernen Bestand der amerikanischen Überlieferung und Lebensweise gehören, plötzlich nicht mehr funktionieren.
Das beginnt mit dem umstrittenen System der Rechtsprechung und endet mit dem versagenden New Yorker Telephon noch lange nicht. Und überdies entdecken die Amerikaner mit wachsender Verbitterung, daß nichts anfälliger ist -- sei es nur für die Einwirkungen der Gewalt oder auch nur der Gleichgültigkeit und der Vernachlässigung -- als jene hochtechnisierten Apparaturen, die den American way of life, die das Leben Im Wohlstand für alle erst möglich machen. "Nichts funktioniert mehr" ist heute ebensogut ein amerikanischer Slogan wie ehedem "Zeit ist Geld".
Es ist nur scheinbar paradox, daß dies alles am wenigsten für jene Amerikaner gilt, deren jüngstes Malheur der aktuelle Anlaß solcher Überlegungen ist: für die politisch übrigens stockkonservative Gemeinde der Astronauten, Wissenschaftler und Techniker der Weitraumbehörde Nasa.
Eingehüllt in ihre konkurrenzlose Kenntnis technischer Zusammenhänge wie in einen schützenden Mantel, entwickeln sie sich mehr und mehr zu einer Art Subkultur der amerikanischen Gesellschaft, zu einer Kommune
* "Daily Mail" vom 15. April: "Die Stunde der Hoffnung".
der Spezialisten, die zwar mit fünf Computern gleichzeitig umgehen aber ein handgeschriebenes Rezept für des Kochen von Kaffee an der Wand von Mission Control befestigt haben. Für sie ist der Weltraumflug eine professionelle Herausforderung, kein Abenteuer. Sie verabscheuen das Abenteuer, weil es zu viele Unbekannte enthält, und sie lassen es auch nicht durch die Hintertür, oder den Notausgang, herein in ihre Zahlengebäude. Ihre Welt bleibt heil, wenn ein Unglück sie trifft, denn wie sie mit allem rechnen, so rechnen sie auch damit.
Und wenn es dann tatsächlich passiert, das Unglück, mit dem sie immer gerechnet haben, oder auch ein anderes -- dann schlägt in Wahrheit erst ihre große Stunde. Das, vor allem anderen, ist die Geschichte der Apollo 13. Ich beobachte diese seltsamen Menschen in Mission Control nun seit den frühen Gemini-Flügen, und ich habe sie noch nie so in ihrem Element, so lebensvoll, so menschlich gesehen wie nach der Explosion im Weltraum am Montag, dem 13. April.
Auf die Gefahr hin, allen denen zu nahe zu treten, die vornehmlich um das Leben der Raumfahrer gebangt haben; auf die Gefahr hin, die Astronauten-Frauen zu übersehen (die nun freilich wenig anderes tun konnten als zu warten und zu beten und einander tröstend zu besuchen und die Flagge vors Haus zu hängen, wie die sieben Monate schwangere Mary Halse> -- das Allerspannendste an diesem spannendsten aller Raumflüge hat kaum einer gesehen, kaum einer beschrieben und kaum einer verstanden. Es war, soweit es überhaupt nach draußen drang, wie ein Krimi, den seine Autoren nicht in Worten, sondern in Zahlen, Kürzeln und Formeln abgefaßt haben. Es war die Entstehung des Improvisierten Flugplans für die Heimkehr des gestrandeten Raumschiffs, in dem alles Wesentliche bestimmt und alles übrige vielleicht nicht mehr funktionierte. Es war der erste und vielleicht der einzige Thriller unserer Zeit, der das Zeug zum Bestseller hätte und doch nur in ein paar Handbüchern für Fachleute gedruckt werden wird.
Und auch die entscheidende Frage, die dieser Raumflug offenläßt, wird, so steht zu erwarten, bald nur noch ein paar Fachleute interessieren: welche Rolle nämlich die irdische Arbeitsmoral -- oder um es genauer zu sagen: die alte Schlamperei -- dabei gespielt hat, daß den Astronauten von Apollo 13 mitten im Weltraum beträchtliche Teile ihres Raumschiffs buchstäblich um die Ohren geflogen sind. Es steht zu erwarten, daß die Mehrheit sich damit begnügen wird, diesen Umstand auf die Zahl 13 zu schieben. Der Skandal wird untergehen in der Dankbarkeit.
Denn die Katastrophe hat ja nicht stattgefunden. Eine "Pinpoint"-Landung, ein öffentliches Gebet und eine Heimholung durch den Präsidenten persönlich, wo sonst bloß Schulterklopfen galt, waren das Happy-End.
Der Weltraumflug kann wieder Routine werden. Science fiction hat keine Konkurrenz.

DER SPIEGEL 17/1970
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 17/1970
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

DER SKANDAL GEHT UNTER IN DER DANKBARKEIT

Video 02:01

Roy Moore in Alabama Steve Bannon als Wahlkampfhelfer

  • Video "Charles Jenkins gestorben: US-Deserteur lebte 40 Jahre in Nordkorea" Video 00:54
    Charles Jenkins gestorben: US-Deserteur lebte 40 Jahre in Nordkorea
  • Video "Zweite walisische Liga: Wenn Fußball zum Wintersport wird" Video 00:27
    Zweite walisische Liga: Wenn Fußball zum Wintersport wird
  • Video "Tobsuchtsanfall im Verkehr: Angriff auf die Windschutzscheibe" Video 00:50
    Tobsuchtsanfall im Verkehr: Angriff auf die Windschutzscheibe
  • Video "Virales Video: Junge erzählt von Mobbing in der Schule" Video 01:53
    Virales Video: Junge erzählt von Mobbing in der Schule
  • Video "Sexuelle Belästigung: Drei Frauen erneuern ihre Vorwürfe gegen Donald Trump" Video 01:18
    Sexuelle Belästigung: Drei Frauen erneuern ihre Vorwürfe gegen Donald Trump
  • Video "Champions League: Heynckes darf noch vom Triple träumen" Video 02:05
    Champions League: "Heynckes darf noch vom Triple träumen"
  • Video "Reh-Rettung von zugefrorenem See: Gerade noch mal glatt gegangen" Video 00:56
    Reh-Rettung von zugefrorenem See: Gerade noch mal glatt gegangen
  • Video "SIPRI-Studie: Warum die Welt wieder mehr Waffen kauft" Video 03:16
    SIPRI-Studie: Warum die Welt wieder mehr Waffen kauft
  • Video "Ägypten: Archäologen finden 3500 Jahre alte Mumie" Video 00:43
    Ägypten: Archäologen finden 3500 Jahre alte Mumie
  • Video "Verhungernder Eisbär in Kanada: Keine Nahrung weit und breit" Video 01:02
    Verhungernder Eisbär in Kanada: Keine Nahrung weit und breit
  • Video "Havarie: Fähre strandet im Hafen von Calais" Video 00:47
    Havarie: Fähre strandet im Hafen von Calais
  • Video "Trump vs. Reality: Der Tweet-Commander" Video 02:54
    Trump vs. Reality: Der Tweet-Commander
  • Video "Kalifornien: Waldbrände sorgen für bizarre Wolkenbildung" Video 00:31
    Kalifornien: Waldbrände sorgen für bizarre Wolkenbildung
  • Video "Frontalangriff: Elefant vs. Bus" Video 01:35
    Frontalangriff: Elefant vs. Bus
  • Video "4:4 verloren: Bosz in immer größerer Bedrängnis" Video 01:42
    4:4 verloren: Bosz in immer größerer Bedrängnis
  • Video "Roy Moore in Alabama: Steve Bannon als Wahlkampfhelfer" Video 02:01
    Roy Moore in Alabama: Steve Bannon als Wahlkampfhelfer