20.04.1970

DIPLOMATEN / KONSULATEAm Meer

In 30 Gesprächsstunden pokerte Moskaus Außenminister Gromyko mit Bonns Egon Bahr um den Status quo in Europa. Am 21. März teilten sich beide in den vorerst bescheidenen Gewinn eines Status quo post: die Einrichtung von Generalkonsulaten in Hamburg und Leningrad.
Das Recht, im Sowjet-Imperium neben einer Moskauer Botschaft auch noch eine Filiale einzurichten, hat der Kreml seit Kriegsende nur wenigen Staaten eingeräumt. Weder Frankreich und England noch das kommunistische China sind bislang außerhalb der Hauptstadt vertreten. Die Bonner Dependence in Leningrad wäre erst die 20. Konsularvertretung in der UdSSR -- die zu 89 Ländern diplomatische Beziehungen unterhält.
Im ersten Jahrzehnt nach seiner Gründung war der Sowjetstaat weitaus großzügiger. Von den 22 Staaten, die bis 1926 zu Moskau diplomatische Beziehungen aufnahmen, durften 12 zusammen 36 Auslands-Vertretungen in der Provinz errichten; davon unterhielten Persien allein sechs, Deutschland, China und die Türkei je fünf. Die am meisten gesuchten Plätze waren die Häfen Leningrad, Wladiwostok und Odessa, denn die Konsulate sollten vor allem dem Seehandel dienen.
Sowjetische Schiffahrtinteressen bestimmen auch heute wieder die Moskauer Konsulats-Geographie, So vereinbarte Moskau im Juli 1966 mit Japan Generalkonsulate in den pazifischen Häfen Nachodka und Osaka, im Januar 1967 mit Italien gleichrangige Stützpunkte im Mittelmeerhafen Genua und dem Schwarzmeerhafen Odessa und bestimmte für den im Mai 1968 ratifizierten Vertrag mit den USA San Francisco und Leningrad als Konsul-Kontore. Im gleichen Jahr verhandelte die Sowjet-Union mit England über die Errichtung einer Moskauer Vertretung in Hongkong.
Selbst im küstenfernen Madrid etabliert die Sowjet-Union zur Zeit als ersten offiziellen Kontakt zum faschistischen Spanien eine Marine-Mission, mit der Aufgabe, die auf den Kanarischen Inseln stationierte russische Walfangflotte und den sowjetischen Südamerika-Umschlag in den spanischen Häfen zu betreuen.
Auch die an Alster und Newa vorgesehenen Zweitvertretungen -- schon zur Zarenzeit besetzt -- haben vor allem maritime Aufgaben. Leningrad Ist der größte zivile West-Hafen der Sowjet-Union mit stetig wachsender westdeutscher Kundschaft im Güter- und Passagierverkehr. Über Hamburg gingen im vorigen Jahr deutsche Lieferungen in die Sowjet-Union im Wert von 613 Millionen Mark (1965: 90 Millionen Mark), die Transitverladung der Russen im Hamburger Hafen stieg von 3500 auf 18 500 Tonnen.
Die sowjetischen Weizenimporte aus Kanada Ende der 50er Jahre liefen fast nur über die Hansestadt. Auf Moskauer Rechnung hielten die Hamburger in ihren Speichern bis zu 600 000 Tonnen Brotgetreide jährlich auf Lager. Mit einem ähnlichen Boom rechnet die Hamburger Hafen- und Lagerhaus AG bei der Abwicklung des abgeschlossenen Röhrengeschäfts.
Schon im deutsch-russischen Handelsfrühling der Rapallo-Ära zeigte Moskau Interesse, in Deutschland küstennahe Diplomaten anzusiedeln. Seit September 1922 residierte Generalkonsul Dr. Grigorij Schklowski in Hamburg; ab 1923 mit hafennahem Domizil im Katharinenkirchhof 2, Zimmer 112 bis 114.
Am 12. Oktober 1925 schloß die UdSSR mit dem Deutschen Reich im Rahmen eines neuen Wirtschaftsabkommens auch einen Konsularvertrag, der auf die Bedürfnisse der Handelsschiffahrt zugeschnitten war.
Gemäß Vertrag besetzten die Sowjets ihr Generalkonsulat in Hamburg und ein Konsulat in Königsberg nicht mit nebenamtlichen Wahlkonsuln, sondern mit Berufsdiplomaten und eröffneten zusätzliche Handelsvertretungen in Berlin, Hamburg, Leipzig, Königsberg und Breslau.
Die Deutschen wählten die Häfen Leningrad, Wladiwostok und Odessa, das georgische Tiflis und als einziger Staat der Welt die noch kümmerliche sibirische Neuland-Metropole Nowo-Nikolajewsk (seit 1926 Nowosibirsk) als konsularische Vertragsorte. In Leningrad zogen die Deutschen in das vom Jugendstil-Architekten und Bauhaus-Mentor Peter Behrens erst 1914 fertiggestellte Gebäude der einstmals kaiserlichen Botschaft in Petersburg.
Die Konsulate waren wie die Botschaften exterritorial geschützte Häuser, die Konsuln der Gerichtsbarkeit des Gastlandes nicht unterworfen. Aber eine Sammlung von über 14 Zusatz-Paragraphen legte fest, für welche Kriminalfälle die Immunität nicht gelten sollte: etwa "bei Nachahmung von Metallgeld ... auch von Fahrscheinen des Eisenbahn- und Wassertransports ... vorsätzlicher Tötung ... und bei Landesverrat im Deutschen Reich oder Militärspionage in der UdSSR", Jede der beiden Regierungen fürchtete nämlich, die Vertreter der anderen Macht könnten nicht nur mit friedlichen Handelsabsichten einreisen.
So brach die Reichsregierung, die nach dem Frieden von Brest-Litowsk als erste die Revolutionsregierung Lenins am 2. April 1918 anerkannt hatte, die Beziehungen am 4. November -- fünf Tage vor der deutschen November-Revolution -- wieder ab: Sie bezichtigte die Sowjet-Botschaft der staatsfeindlichen Verschwörung.
Auf dem Berliner Bahnhof Friedrichstraße beschlagnahmten Polizisten einen wahrscheinlich von ihnen selbst präparierten Diplomatenkoffer mit Flugblättern für die linke USPD.
Auch nach der Wiederaufnahme der Kontakte 1922 belastete der Vorwurf von Konspiration- und Propaganda-Aktivität die Diplomaten-Beziehungen zwischen Moskau und Berlin. Im Frühjahr 1924 verfolgte die Berliner Polizei einen aus der Haft geflohenen deutschen Kommunisten bis in die -- vertraglich nicht geschützte -- sowjetische Handeismission. Moskau drohte mit Abbruch der Beziehungen und erreichte, daß Deutschland als erster Staat auch Handelsvertretungen exterritoriale Rechte einräumte.
Im Herbst 1929 erklärte der Kreml den Landwirtschafts-Attaché der deutschen Botschaft in Moskau, Professor Auhagen, zur Persona non grata. Auhagen hatte sich für 13 000 deutschstämmige Bauern aus Sibirien eingesetzt, die unter dem Druck der Stalinschen Zwangskollektivierung nach Deutschland rückwandern wollten und deshalb die deutsche Botschaft belagerten.
Über die diplomatischen Vertretungen liefen die Moskauer Kontakte zu deutschen sozialistischen Parteien. Noch Mitte Januar 1933, wenige Tage vor Hitlers Machtübernahme, versuchte der sowjetische Botschaftssekretär in Berlin, Winogradow, zwischen dem SPD-Führer Stampfer und KP-Fraktionschef Torgler ein Gespräch über die Bildung einer linken Einheitsfront gegen die Nazis zu vermitteln.
Im Hitler-Reich ließ sich Moskau durch jüdische Sowjetbürger in Hamburg vertreten: Das Generalkonsulat in der Johnsallee 20 leiteten ab 1935 Israel Terlezki und ab 1937 Alexander Hirschfeld. Eine sowjetische Handels -- mission gab es im Haus Schwanenwik 37 noch bis zum Jahr 1941 -- nach dem Krieg von der russischen Transport-Versicherung Sovag besetzt, wurde es im vorigen Jahr als Spionage-Filiale enttarnt (SPIEGEL 13/1969).
Die Sorge der Bonner Regierung gilt weniger der konspirativen Absicht als dem diplomatischen Rang des neuen Mannes aus Moskau in Hamburg. Nach ihm wird die Bedeutung des deutschen Generalkonsulats in Leningrad bemessen, von dem vorerst nur feststeht, daß es ein eigenes Seemannsamt bekommt.
Moskau zeigt keine Eile. Auf die Frage nach dem künftigen Vertreter an der Alster bat Botschaftsrat Boronin von der Sowjet-Botschaft in Rolandseck um "ein bißchen Geduld. Konkrete Gedanken haben wir uns noch nicht gemacht, über die abstrakten lohnt es sich nicht zu reden."

DER SPIEGEL 17/1970
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