20.04.1970

SÜDAFRIKA / APARTHEIDNachts weiß

Die Parole der Regierungspartei heißt, wie ein Slogan aus der Waschmittelbranche, "White by night". Doch nicht Textilien sollen "nachts weiß" werden, sondern Städte:
Südafrikas National Party will künftig Afrikaner nur noch tagsüber in den Städten sehen. Denn -- so Dr. Piet Koomhof, stellvertretender Minister für Bantu-Angelegenheiten -- "nachts gehören die da nicht hin",
Aber auch bei Tage sollen es nur bestimmte Berufsgruppen sein: Haushilfen, Straßenfeger, Müllmänner -- kurz Leute in Jobs, für die sich Weiße zu schade sind.
Afrikaner mit besseren Berufen erfuhren Anfang April, daß sie nicht länger außerhalb der schwarzen Townships, Bantustans oder angrenzenden Industrien arbeiten dürfen. Eine neue Verordnung (Koornof: "Ich bin stolz, sie bekanntzugeben") wirft in den nächsten Wochen Zehntausende von Afrikanern auf die Straße: kaufmännische Angestellte, Kassierer, Verkäufer, qualifiziertes Hotelpersonal,
Allein in der Transvaal-Provinz werden 10 000 ihren Arbeitsplatz verlieren. Eine Johannesburger Möbelfirma muß fast 700 ihrer 1000 schwarzen Arbeitskräfte entlassen.
Viele der Betroffenen weinten, als sie von dem am 3. Mai in Kraft tretenden Edikt hörten. In den schwarzen Vorstädten und in den unterentwickelten Reservaten werden sie keine Beschäftigung in ihren Berufen finden. "Ich habe 23 Jahre in der Telephonvermittlung in Hotels gearbeitet", klagte der Farbige William Motthibe, "jetzt muß ich über Nacht gehen." Aber auch viele weiße Geschäftsleute sind nicht glücklich. E. J. Smith, Präsident der Johannesburger Handelskammer: Es, sei "äußerst dumm, den Einsatz von Arbeitskräften zu beschränken, nach denen eine große Nachfrage besteht und für die es keinen Ersatz gibt".
Tatsächlich herrscht unter Südafrikas 3,8 Millionen Weißen Vollbeschäftigung. Obwohl allein im letzten Jahr 40 000 Einwanderer -- vorwiegend aus England, Holland und Deutschland -- registriert wurden, sucht weniger als ein Prozent der arbeitsfähigen Weißen einen Job.
Die Industrie attackiert die neue Regierungsverordnung nicht nur wegen des Personalmangels: Weiße Arbeitskräfte sind teurer als Farbige,
Südafrikas blühende Wirtschaft (Jahreswachstumsrate: sechs Prozent) lockte immer mehr Afrikaner in die Fabriken. Schon lebt ein Drittel der knapp 13 Millionen Schwarzen in den Industriegebieten.
Deshalb begrüßt die Masse der Weißen -- nur sie dürfen diese Woche das Parlament wählen -- das Edikt. Denn die weiße Arbeiterschaft fürchtet um ihre Privilegien:
Der weiße Arbeiter verdient im gleichen Job fünfmal soviel wie sein farbiger Kollege.
In zahlreichen Branchen wird nur er zu einer -- späteren Aufstieg ermöglichenden -- Lehre zugelassen. > Einige Berufe sind prinzipiell nur
Weißen reserviert.
* Nur Weiße dürfen streiken. Nur ihre Gewerkschaften werden offiziell anerkannt.
Meist verfochten gerade Gewerkschaften die kompromißloseste Trennungspolitik, 1965 beispielsweise forderten sie die Bürger auf, sie sollten sich ihre Briefe selbst von der Post abholen, weil nicht genug weiße Postbeamte zur Verfügung standen.
An die um ihre Vorrechte und ihr soziales Prestige bangenden "armen Weißen" appelliert denn auch der vor sechs Monaten aus der regierenden Nationalpartei ausgestoßene Rassist Dr. Albert Hertzog (SPIEGEL 43/1989). Ihm ist die Politik der Regierung zu liberal, seine Herstigte Nasionale Party (erneuerte National-Partei) kämpft für die Entlassung aller Farbigen aus der Industrie.
Die Ultrarechten mögen keinen einzigen Wahlkreis gewinnen. Einen Erfolg können sie aber jetzt schon buchen: Sie trieben die Regierungspartei auf einen noch härteren Apartheidkurs.
Deshalb erließ die Regierung noch. vor der Wahl die neue Verordnung. Sie wird nach den Worten Dr. Koornhofs "ein Ende der Integration in der Wirtschaft" bringen.
Ob eine solche Trennung in eine weiße und eine schwarze Wirtschaft möglich ist, erscheint freilich zweifelhaft. Denn gegenwärtig arbeiten in Südafrika 5,3 Millionen Farbige, aber nur 1,3 Millionen Weiße.

DER SPIEGEL 17/1970
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SÜDAFRIKA / APARTHEID:
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