20.04.1970

GEORG LUKACS

ist in Werk und Wirkung der bedeutendste zeitgenössische Marxist. Einen "einzigen Beweis für die Fruchtbarkeit der Lehren von Marx und Engels" nannte den 85jährigen Philosophen der Literaturkritiker Hans Mayer, und Thomas Mann meinte: "Solange er spricht, hat er recht." Maliziös porträtierte Mann zumindest sein Äußeres in der Gestalt des Jesuiten Naphta im "Zauberberg": "Alles war scharf an ihm ... selbst das Schweigen." Und während noch 1955 der Alt-Barde und damalige DDR-Kulturminister Johannes R. Becher leierte: "Du lehrtest uns Durch-Sicht und Ober-Sicht -- wir wurden mündig erst in Deiner Lehre", folgte fünf Jahre später die DDR-Inquisition mit dem Aufsatzband "Georg Lukács und der Revisionismus".
Lukács geriet in seinem langen Leben häufig zwischen die Fronten, zuweilen sogar als Politiker, Nach anfänglicher Kritik der Oktoberrevolution trat er Ende 1918 der ungarischen KP bei und wurde zwei Monate später bereits Mitglied ihres Zentralkomitees. Zwischen März und August 1919 unter Bela Kun stellvertretender Volkskommissar für das Unterrichtswesen und politischer Kommissar der 5. roten Division, mußte er das Land verlassen, als gegenrevolutionäre Truppen die Ungarische Räterepublik liquidierten. 1929 beschuldigte ihn die ungarische KP der Rechtsabweichung; obwohl er Selbstkritik übte, wurde er nicht wieder ins ZK gewählt.
Während des Aufstands 1956 ließ er sich überreden, im Kabinett Imre Nagy Minister für Volksbildung zu werden, trat aber nach kurzer Zeit schon von diesem Posten zurück, weil er den Abfall Ungarns vom Warschauer Pakt als verhängnisvoll verurteilte. Gleichwohl deportierten ihn die Sowjets in einen rumänischen Badeort. Lukács: "Es war wie im vollendeten Kommunismus; wir besaßen zwar kein Geld, bekamen aber alles, was wir nur haben wollten, umsonst." Bereits im April 1957 konnte er nach Ungarn zurückkehren.
Er lehnte es ab, wie Ernst Bloch oder Hans Mayer in den Westen zu gehen, um von dort aus Kritik an dogmatischen Formen des etablierten Sozialismus zu üben: "Ich habe mich dafür entschieden, im Lande zu bleiben, weil ich mich nicht als Oppositioneller des Systems, sondern als Reformer des zu erneuernden Marxismus empfand und weil eine solche Kritik des sozialistischen Systems moralisch besser fundiert ist, wenn sie in der Heimat selbst vollzogen wird, auch wenn das mit einem persönlichen Risiko verbunden ist." Nach über zehnjährigem Ausschluß wurde er 1967 wieder in die Partei aufgenommen, in der seine Position freilich auch heute noch umstritten ist,
Als revolutionärer Literat und rebellischer Ideologe seit den zwanziger Jahren weltberühmt, blieb Georg Lukács bis heute widerspenstig und mißtrauisch, wenn es um den unumschränkten Wahrheitsanspruch ideologischer Systeme ging -- und sei es auch des eigenen. Er ließ seine Irrtümer nicht auf sich beruhen; das traf sich dann gelegentlich mit dem Zwang zu öffentlicher Selbstkritik. So fällte er 1934 aus Moskau ein übertriebenes Verdikt über sein Buch "Geschichte und Klassenbewußtsein" (1923), durch das er bekannt geworden war: "Ich muß nicht nur die theoretische Unrichtigkeit, sondern auch die praktische Gefahr des vor zwölf Jahren geschriebenen Buches einsehen." Aber auch nach 1962 nannte ei dies Buch seinen "Obergong von Hegel zu Marx" und, weil es ihm allzu hegelisch ausgefallen schien, eine "theoretische Sackgasse".
Heute sucht Lukács die entwickelten Formen des Spätkapitalismus zu analysieren und Marx damit zu ergänzen. Er arbeitet an einer "Ontologie des gesellschaftlichen Seins" -- der "ersten seit Marx", wie er sagt. Das Buch ist seit zwei Jahren fertig; in Diskussionen mit seinen Budapester Schülern ist er immer noch bei der Veränderung und Verbesserung des Manuskripts. Inzwischen sind von der auf zwölf Bände angelegten ersten Gesamtausgabe seiner Schriften neun Bände in der Bundesrepublik erschienen. Ein zehnter wird zusammen mit einer Studienausgabe von "Geschichte und Klassenbewußtsein" im Herbst herauskommen.
In dieser Gesamtausgabe sind mehrere Bände dem ersten ästhetischen System auf dem Boden des Marxismus gewidmet. So gilt Lukács denn auch heute als der bedeutendste Vertreter marxistischer Literaturkritik. Sein schriftstellerisches Temperament hatte er -- stilistisch brillant besonders im Polemisieren -- auf viele Weisen entwickelt: als Wissenschaftler (er promovierte in Staatswissenschaften und Philosophie), als Literaturkritiker ("Die Theorie des Romans", 1916) und als Theatergründer. Dabei waren dem Sohn eines geadelten k. u. k. Hofrats und Bankdirektors Privilegien zustatten gekommen; auf die er 1919 schließlich selbst verzichtete.
Seine Bücher sind von durchaus unterschiedlicher Qualität. In dem Werk "Die Zerstörung der Vernunft" (1954), einem großzügig applanierenden Kahlschlag von 150 Jahren deutscher Philosophie, sah Theodor W. Adorno nur die Selbstzerstörung von Lukács manifestiert; er hielt ihn für einen, "der hoffnungslos an seinen Keifen zerrt und sich einbildet, ihr Klirren sei der Marsch des Weltgeistes". Lukács, der immer noch die meiste Zeit des Tages im Arbeitszimmer hoch über dem Donau-Ufer verbringt, hat jüngst gesagt, er wünsche sich "eine wirkliche Marx-Renaissance", und es kann kein Zweifel sein, daß er darunter eine Demokratisierung des Kommunismus versteht.

DER SPIEGEL 17/1970
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