20.04.1970

ISRAEL / RÜSTUNGSprung nach vorn

Mit französischen Flugzeugen, englischen Panzern und amerikanischen Fla-Geschossen bezwang Israel zweimal, 1956 und 1967, den arabischen Feind. Einen möglichen dritten Waffengang will das Land mit Flugzeugen, Panzern und Raketen made in Israel bestehen.
"Es gibt keine Waffe, keine Munitionsart, kein Hilfsgerät, das wir nicht innerhalb von zwölf Monaten herstellen könnten", versicherte schon im Sommer 1967 Jizchak Ironi, Leiter von "Taass", der staatlichen Rüstungs-Organisation Israels. Damals -- nach dem Sechs-Tage-Krieg -- hatte Frankreichs de Gaulle seinem einstigen "Freund und Alliierten" Israel alle weiteren Waffenlieferungen verweigert.
Seither machten die Israelis einen "großen Sprung nach vorn" ("Le Figaro"). Das Ziel: Rüstungsautarkie.
Israel schickt die meisten seiner Wissenschaftler, Techniker und Facharbeiter in die Rüstungsindustrie. Rund 25 Prozent des Sozialprodukts, 80 Prozent aller Steuereinnahmen, 40 Prozent des Staatshaushalts -- mit 10,3 Milliarden Mark für 1970/71 der höchste in der Geschichte des Landes -- gibt das Land für die Rüstung aus.
Zwar wollen die Israelis noch für die Hälfte ihres Militärbudgets Waffen im Ausland kaufen: für etwa 650 Millionen Dollar 1970, im nächsten Jahr für 750 Millionen Dollar. Doch je weniger sich die Großmächte bereit zeigen, Kampfgerät zu liefern, desto mehr wird Israel mit diesen Geldern die nationale Rüstungsindustrie füttern.
Taass verdreifachte seit dem Junikrieg die Rüstungsproduktion, neues Kriegsgerät entwickelten die Israelis in eigener Regie. Heute erzeugt Israel die Munition für alle Waffengattungen, von 7,62-Millimeter-Patronen bis zu 500-Kilogramm-Bomben.
Kleinwaffen produzieren Israels Waffenschmiede schon seit Jahren selbst. Die einfache, aber zuverlässige Maschinenpistole Uzi -- nach ihrem Erfinder, dem aus Deutschland stammenden Oberst Uzi Gal, genannt -- verkauften sie sogar an mindestens 50 Länder. Deutsche Panzersoldaten, Nixons Leibwächter, einige Sondereinheiten der Green Berets in Vietnam und die Garde des Schahs von Persien beispielsweise schießen mit Uzi.
Auch Artillerie, Raketenwerfer und Mörser aller Kaliber (bis 160 Millimeter) stellen die Israelis selbst her, ebenso 30-Millimeter-Schnellfeuerkanonen für verschiedene Flugzeugtypen.
Israels Ingenieure entwickelten kleine tragbare Radargeräte für die Infanterie und transportable Anlagen zur Artillerie-Feuerlenkung oder für die Flugabwehr. Sie nutzten dabei Erkenntnisse aus den in Ägypten erbeuteten Radaranlagen der Sowjets.
Wie sehr die Israelis sich in der Kunst der Weiterentwicklung von Waffensystemen üben und über wieviel technisches Know-how sie inzwischen verfügen, geht aus der Tatsache hervor, daß Israel offensichtlich an einer zweistufigen Feststoffrakete arbeitet, die ursprünglich von der französischen Firma Dassault konstruiert worden war.
Die Mittelstrecken-Rakete MD-660, so berichtete das gut informierte englische Luftfahrt-Jahrbuch "Jane's All The World's Aircraft", wird demnächst mit mobilen Abschußrampen einsatzbereit sein. Sie soll sowohl mit konventionellen als auch mit atomaren Sprengköpfen ausgerüstet werden können, ihre Reichweite 450 Kilometer betragen -- die Entfernung Suezkanal -- Kairo beträgt nur 110 Kilometer. Das Jahrbuch betont, das in Israel gebaute Geschoß werde wesentlich wirksamer sein als die ursprüngliche französische Version.
Gleichzeitig, so meldete "Jane"s All The World's Aircraft", habe Israel Schiff-Schiff-Raketen des Typs "Gabriel" für die zwölf auf einer französischen Werft in Cherbourg gebauten Schnellboote entwickelt. (Fünf dieser Boote, die Paris wegen seines Waffenembargos gegen Israel zurückbehalten hatte, waren im vorigen Dezember von den Israelis entführt worden.) Die "Gabriel"-Rakete soll den sowjetischen "Styx"-Raketen überlegen sein, denen 1967 der israelische Zerstörer "Elath" zum Opfer fiel.
Während Israels Militärs heute noch ausschließlich auf ausländische Panzer -- aus Frankreich, England und USA -- angewiesen sind, soll binnen zehn Jahren ein israelischer Tank (vorgesehener Name: Sabra) einsatzfähig sein, mit einer schweren Kanone bestückt, aber auch für den Raketeneinsatz geeignet.
Die größten Erwartungen setzt Israel in die Entwicklung des Flugzeugbaus. Denn die Luftwaffe, "die erste Verteidigungslinie des Staates" (Luftwaffenchef General Mordechai Hod), ist noch immer vom guten Willen und der politischen Gunst jener Staaten abhängig, die Flugzeuge lieferten: Amerika und Frankreich.
So wie China ohne Moskauer Hilfe sowjetische Düsenjäger vom Typ Mig-17 und Mig-19 baut und sogar exportiert, plant Israel die französische Mirage zu einer israelischen Super-Mirage weiterzuentwickeln. Experten glauben, schon im nächsten Jahr könnte der Prototyp einer solchen Maschine am Nahost-Himmel auftauchen. Und die französische zionistische Zeitschrift "L'Arche" behauptete gar, mehrere Staaten, darunter Rumänien, hätten schon ihr Interesse an dieser Super-Mirage bekundet.
Wichtige, schwer erhältliche Teile des französischen Originals produziert Israel schon seit Jahren -- nicht nur für Reparaturen an seinen etwa 70 noch fliegenden Mirage-111-Kampfflugzeugen, sondern als mögliche Bauteile für eine Kopie. Die Konstruktionspläne für das Triebwerk beschafften Agenten gleich kistenweise illegal aus der Schweiz (SPIEGEL 41/1969).
Die Pläne für den Eigenbau eines Düsenkampfflugzeuges gehören zu den bestgehüteten Geheimnissen Israels. Offiziell baute das Land bisher lediglich das Flugzeug Arava (Wüste) ganz in eigener Regie. Die Arava kann 20 Menschen oder zwei Tonnen Nutzlast transportieren.
Außer der Arava soll bald das Manager-Flugzeug Commodore Jet die Fabrikhallen verlassen. Patente und Produktionsanlagen für dieses Düsen-Zivilflugzeug übernahmen die Israelis vom früheren Herstellerwerk North American Rockwell in USA.
Wichtigster Zweck des Baus beider Maschinen sei, so mutmaßte der Pan-
* Ministerpräsident Frau Golda Mein bei der Übergabe der ersten Maschine auf dem Flughafen Lod bei Tel Aviv am 10. April 1970.
ser "Figaro" in einem Bericht aus Jerusalem, Erkenntnisse für die Produktion eines Düsenkampfflugzeuges zu sammeln.
Für die Flugzeugwerke Israel Aircraft Industries (früher Bedek) nahe dem internationalen Flughafen Lod arbeiten über 8000 Ingenieure, Techniker und Arbeiter. Auf Initiative des ehemaligen Regierungschefs David Ben-Gurion war Bedek Anfang der fünfziger Jahre, damals eine kleine Flugzeug-Reparaturwerkstatt, mit ihrem Chef Al Schwimmer, einem Teil des Fachpersonals und sämtlichen Anlagen aus Burbank im US-Staat Kalifornien nach Israel gekommen.
Aber erst vor zwei Jahren schufen sich die Israelis die Basis für den Bau eigener Flugzeugmotoren und Turbinen in der Einwanderer-Kleinstadt Beth Schemesch. Dort gründete der französisch-jüdische Industrielle Joseph Schidlowsky (Leiter der französischen Turboméca-Werke) eine Motorenfabrik. Sie ist heute laut Schidlowsky eine "Produktionsschule, die jedoch bald wichtige wirtschaftliche Realitäten schaffen wird". Speziallegierungen für die Motoren des Werks soll ein Stahlwerk liefern, das mit Hilfe amerikanischer Investoren in der Nähe errichtet wird.
"Was wir erzeugen", gestand Rüstungsindustrie-Chef Ironi, "hängt nur von politischen Entscheidungen und nicht mehr von technischen Problemen ab."

DER SPIEGEL 17/1970
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