20.04.1970

INDONESIEN / MILITÄRSWeg zur Liebe

Generalleutnant Ibnu Sutowo, 55, verdient seinem Vaterland Indonesien für nominell 380 Mark Monatssold Millionen: mit Öl aus dem Küstensockel und aus Dschungeln von Sumatra bis Westirian.
General Sutowo leitet die staatliche Öl-Gesellschaft Pertamina. In seinem vollklimatisierten Büropalast in Djakarta drängen sich die Vertreter ausländischer Öl-Gesellschaften, um von dem kleinen Soldaten in der stets frischen Uniform Lizenzen zu erhalten.
Als Herr über die potentiell ergiebigsten Ölfelder der Welt diktiert er den Ausländern seine Bedingungen. Wer bohren will, muß
* seine gesamte Bohrausrüstung an die Pertamina übereignen, die sie dann für teures Geld zuruckvermietet,
* bei Vertragsabschluß eine Zeichnungsgebühr bis zu sieben Millionen Dollar entrichten und
* 65 Prozent des Öl-Gewinns an die Pertamina abliefern.
Die Pertamina verdient damit jährlich 300 Millionen Dollar. Als guter Soldat aber behält Ibnu Sutowo mehr als ein Drittel der Jahreseinnahmen zurück: Betriebskapital der Pertamina, mit dem der General freilich auch seine Villen, Cadillacs, Privatflugzeuge und Jachten finanziert.
Denn der bankrotte Staat befahl seinen 365 000 Soldaten, sie sollten 40 Prozent ihres Unterhalts selbst verdienen -- um dem sechstgrößten Volk der Welt das pro Kopf niedrigste Verteidigungsbudget zu bescheren,
"Rohöl schmiert den Weg zur Liebe", höhnte kürzlich ein Leitartikler in Djakarta über die private Auslegung der Dienstvorschrift durch den Öl-General. Sutowo hatte seine Tochter mit einer standesgemäßen Hochzeit verwöhnt für 240 000 Mark.
Damit ist Sutowo der erfolgreichste -- und umstrittenste -- Soldat in einem Staat, in dem die Korruption noch üppiger gedeiht als irgendwo sonst in Asien. Andere Kameraden versuchen, es dem General gleichzutun:
Ein Kollege in Uniform übernahm vor zwei Jahren die mit Verlust arbeitende staatliche Schiffahrts-Linie. Er feuerte 3000 ehedem unterbezahlte Angestellte. Jetzt erwirtschaftet ei schon Profite für den Fiskus -- und 40 Prozent des Gewinns behält er ein.
Djakartas neuestes Luxus-Hotel "Kartika Plaza" verwalten die Militärs. Ortskommandanten in den Provinzstädten betreiben Automaten-Glücksspiele in den Restaurants und bessern so Ihre Gehälter auf. Motorisierte Einheiten müssen oftmals zu Fuß gehen, weil ihre Kommandeure die monatliche Benzinration auf dem Markt verkaufen oder Jeeps und Lastwagen an freie Unternehmer vermieten.
Auf Sumatra lassen sich die Distriktsoffiziere die Export-Lizenzen zum fünfzehnfachen Preis vergelten -- meist von den wenigen noch reichen und nach den Massakern von 1965/66 übriggebliebenen Chinesen. Ihre Soldaten verlangen Wegezoll von Bussen und Privatautos -- oder sie verschieben Eisenbahn- und Fußballkarten auf dem Schwarzmarkt.
Das schlimmste Spiel treiben die unterbezahlten Bewacher der Konzentrationslager und Gefängnisse mit inhaftierten Sympathisanten des Kommunisten-Aufstandes vom September 1965. Da die Wächter nur etwa 15 Mark im Monat verdienen, aber zum Existenzminimum 100 Mark brauchen. lassen sie ihre unterernährten Gefangenen gegen hohe Schmiergelder frei.
Die Familien müssen oft die letzte Habe verkaufen, um das Lösegeld aufzubringen. Dann aber wird der Freigekaufte erneut verhaftet -- unter dem gleichen Verdacht der Sympathie für den Kommunismus. Erneut bieten ihn seine Kerkermeister feil, bis zum endgültigen Bankrott der Angehörigen.
Präsident Suharto brauchte die Talente der Soldaten, um nach der jahrelangen Mißwirtschaft seines gestürzten Vorgängers Sukarno die Wirtschaft wieder anzukurbeln. Mit seiner "Neuen Ordnung" vollbrachte der 49jährige Staatschef das "Wunder" ("Far Eastern Economic Review"), die Inflationsrate in nur drei Jahren von 635 Prozent auf 24 Prozent zu drosseln.
Solange der Öl-Soldat -- und promovierte Arzt -- Sutowo nur die Ausländer schröpfte und dem Land bitter benötigte Devisen verschaffte, gönnte ihm das Volk seine private Maklergebühr. Als Sutowos Pertamina aber auch an den Millionen Arbeitslosen Indonesiens verdienen wollte und den Literpreis für Kerosin -- den Brennstoff der Massen für Lampen und Herde -- von 16 auf 25 Pfennig erhöhte, protestierten die Indonesier.
In Djakarta rebellierten die Studenten, deren Aufstand einst Indonesien vom Befreier Sukarno und dessen Korruption befreit hatte. Unter dem Druck der Unruhen ließ der -- selbst integre -- Präsident Suharto 700 Militärs "der alten Ordnung" verhaften.
Von seinem Großverdiener mochte sich der Staatschef jedoch nicht trennen: Er stellte über Sutowo und seine Kollegen vier zivile Aufpasser, die fortan die Bücher prüfen. Bis zu den versprochenen Wahlen in 14 Monaten werden aber weiterhin -- so "Time" -- "Generäle, Oberste und Majore als Gouverneure, Hoteliers und Industrielle dienen -- manchmal sogar auch als Soldaten".

DER SPIEGEL 17/1970
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