20.04.1970

USA / SCHULINTEGRATIONKing Claude

Um das Schulamt des Bezirks Manatee im US-Orangenstaat Florida kurvte ein Auto mit dem Transparent: "Give 'em hell, Kirk" (Mach sie fertig).
Gouverneur Claude Kirk jr., 44, gab sein Bestes, um der Aufforderung nachzukommen: Fünf Tage lang kämpfte er, zuletzt sogar von einer Phalanx bewaffneter Posten umgehen. gegen Bundesrichter und Bundesvollzugsbeamte, um die gesetzlich und gerichtlich verfügte Rassenmischung an den Manatee-Schulen zu verhindern.
Der Staatschef, vom "Miami Herald" wegen seiner Herrscher-Allüren "Claudius Maximus I" betitelt, gab seine Résistance erst auf, als Washingtons Justizminister Mitchell versprach, er werde ihm bei der Berufung gegen das Schub-Urteil helfen.
Der Kampf zwischen Gouverneur und Gerichten markiert den bisherigen Höhepunkt der erbitterten Rückzugsgefechte, die konservative Südstaaten gegen die befohlene Schul-Integration führen. Erst etwa ein Drittel aller südstaatlichen Neger-Kinder besuchen schwarzweiße Schulen.
Lester Maddox, der negerfeindliche Gouverneur des Staates Georgia, beschimpfte die Order, an allen öffentlichen Schulen "racial balance", also ein rassisches Proporz-System einzuführen, als "kriminellen Akt" der Regierung gegenüber Amerikas Kindern, Lehrern und Eltern.
Maddox-Kollege Kirk hält den Proporz-Befehl für "illegal und niederträchtig. Und Tausende von Bürgern fordern in Petitionen an den Obersten Gerichtshof, er solle die Termine für die Rassen-Integration im Klassenzimmer hinausschieben. Ihr Hauptargument: Der Gemeinschaftsunterricht von Weißen und Schwarzen erfordere einen komplizierten, teueren Zubringerverkehr mit Schulbussen Obendrein seien die langen Transportwege und die Umschulung lästig.
Der Schulbus wurde Kampfsymbol für weiße Rassisten wie für Bürgerrechtler beiderlei Hautfarbe. aber auch für Eltern, die wenig gegen die Integration, aber viel gegen lange Schulwege haben: Um die Klassen zu mischen, müssen weiße Kinder aus den Wohnsiedlungen der Vorstädte in die Getto-Schulen des Stadt inneren gefahren werden und schwarze Getto-Kinder in die Schulen der Weißen am Stadtrand.
Auch in Florida protestierten die Eltern, als der Supreme Court anordnete, die Rassentrennung in einigen rückständigen Schulbezirken müsse "unverzüglich" aufhören. Gouverneur Kirk, der im Herbst wiedergewählt werden möchte, nutzte die Welle der Emotion zum Stimmenfang. Ähnlich wie sich 1963 Gouverneur George Wallace am Portal der University of Alabama postiert hatte, um zwei Negerstudenten die Aufnahme zu verweigern, so marschierte Anfang April der bullige Florida-Gouverneur ins Manatee-Schulamt, um den Vollzug der Bassenintegration zu stoppen.
Und ähnlich wie Wallace mit seiner Trotz-Aktion viel Beifall von rechts eingeheimst hatte, wurde jetzt Floridas "King Glaude" ("Time") zum Heiden weißer Konservativer.
Staatsdiener Kirk entließ die demokratisch gewählten Mitglieder der Schulbehörde. um selbst die Kontrolle zu übernehmen. Er trotzte allen Aufforderungen der Bundesjustizbehörden, er drohte Washingtons Vollzugsbeamten Gewalt an. Damit wurde er in Manatee County zum heldenhaften Streiter wider die allzu mächtigen Bundesbehörden, die (angeblich) Eltern und Kinder tyrannisieren möchten.
Die Herzen der Florida-Mütter konnte Claude Kirk ohnedies leicht gewinnen. Denn auf dem Höhepunkt des Schulstreits bekam seine -- aus Bremen stammende -- Ehefrau Erika ein Kind (Name: Eric, Gewicht: neun Pfund).
Sogar in der Entbindungsstation schürte Vater Kirk die Emotionen gegen Washington. Die Bundesregierung, klagte er, sei wie Ägyptens böser Pharao -- doch wenn sie befehle, "daß wir unser erstes männliches Kind töten sollen, dann werde ich Eric in den Binsen verbergen".
Telephonisch beschwor Nixons Justizminister Mitchell den Florida-Gouverneur, er möge "damit aufhören. Der gehorchte schließlich. Vorletztes Wochenende kündigte Kirk an, er werde die Schulbehörde nun nicht mehr hindern, die richterlich befohlenen schwarzweißen Klassen einzurichten.
Kirk kann mit gutem Grund Hilfe vom Präsidenten erwarten. Denn die Bürgerrechtsgesetze, die auch die Rassenintegration an den Schulen vorsehen, sind vor Nixons Amtsantritt erlassen worden. Während viele Bundesrichter auf raschen Vollzug drängen, kritisierten Nixon und seine Minister zwar nicht die Integration, wohl aber die weiten Bustransporte.
Vom Ausgang des Schulbus-Kriegs, sinniert die Rassisten-Postille "The Thunderbolt" (Der Blitzschlag), könne das Überleben der weißen Rasse abhängen. "Möge Gott", so fleht daher das Blitz-Blatt, "den Weißen die Kraft verleihen, den gewaltigen Kampf gegen das unaussprechliche Übel fortzuführen."

DER SPIEGEL 17/1970
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