20.04.1970

GRIECHENLAND / AUSSENPOLITIKBeweis im Kassiber

Im sechsten Stock des Athener Militärgerichts verkündete Kronanwalt Ioannis Liappis: "Wir müssen volles Licht in jene Dunkelkammer bringen, in der Fesseln für Griechenland geschmiedet werden.
Lichtbringer Liappis, von Griechenlands Obristen ehrenhalber in Majorsuniform gesteckt, rechnete zu m Schuldigen nicht nur die 34 angeklagten Regimefeinde (Studenten, Profussoren, Journalisten) der Widerstandsorganisation "Demokratische Verteidigung", sondern auch die regierenden Sozialdemokraten in Bonn. Regimefreunde haben die Militär-Griechen woanders erspäht: in Paris. Der Prozeß von Athen -- Hauptangeklagter Karageorgas erhielt lebenslänglich. Professor Mangakis 18 Jahre Gefängnis -- signalisiert außer Terror eine außenpolitische Präferenz der Generäle.
Ankläger Liappis über die SPD: "Sie und ihr Geschäftsführer Wischnewski haben sich in die inneren Angelegenheiten dieses Landes eingemischt, indem sie Gegnern der (griechischen) Regierung Geld zukommen ließen."
Diese Anschuldigung, so lobte Wischnewski die sozialdemokratische Solidaritätsaktion für den griechischen Untergrund, "nimmt die sozialdemokratische Partei mit Stolz auf sich".
Mit der Parole, "Solidarität ist die stärkste Waffe derjenigen, die um Freiheit und Recht kämpfen", hatte SPD-Schatzmeister Nau auf dem Nürnberger Parteitag im April 1968 die Genossen zur Spendenaktion für die Opfer des griechischen Militärregimes aufgerufen. Seitdem floß insgesamt eine "höhere sechsstellige Summe" (Nau) durch heimliche Kanäle an die unterdrückten Genossen.
Erst ein Untersuchungshäftling lieferte den Herren in Athen den schriftlichen Beweis: Der Gefängnisinsasse Nikolaou hatte auf einem Kassiber den Vorwurf zurückgewiesen, Spendengelder der Bonner Genossen für den Bau einer Villa mißbraucht zu haben. Der Brief wurde entdeckt, als Frau Nikolaou ihn während ihrer Dienstzeit im staatlichen Zentrum für Wirtschaftsforschung (Kepe) übersetzte.
Für die Regierung in Athen war der Kassiber willkommener Anlaß, die Sozialdemokraten in Bonn der Subversion zu bezichtigen und sie für ihre Dauer-Kritik an der Militärherrschaft öffentlich mit Worten zu strafen.
Gleichzeitig kündigte Außenminister Pipinelis an: "Wir werden prüfen, ob unsere Beziehungen zur Bundesrepublik Deutschland so eng bleiben können, wie wir es sehnlichst wünschen."
Der Wunsch ist verständlich. Denn die Bundesrepublik ist der wichtigste Handelspartner Griechenlands. Etwa 60 Prozent der griechischen Auslandsschulden stehen in der Bundesrepublik zu Buch: rund 1,5 Milliarden Mark -- mehr als die gesamten Gold- und Devisenbestände des Landes.
Zu den besten Devisenbringern der Obristen zählt wiederum Deutschland: Griechische Gastarbeiter überwiesen Im Vorjahr 350 Millionen Mark aus der Bundesrepublik In die Heimat.
Doch skeptisch gegenüber der Staatsführung in Athen beließen sie Ersparnisse in Höhe von fast zwei Milliarden Mark vorsichtshalber in der Bundesrepublik.
Und eine Umfrage des griechischen Arbeitsministerium über seine Außenstellen in Deutschland ergab: Die meisten griechischen 11-Mark-VerdienE r wollen "lieber Deutsche werden als in die Heimat zurückkehren". Von 65 000 griechischen Auswanderern im Jahr 1969 ließen sich zwei Drittel in der Bundesrepublik nieder.
Diese wirtschaftliche Abhängigkeit weckte in Athen Furcht vor Bonner Pressionen. Als im Sommer letzten Jahres Alexandros Chatzipetros, Chef des griechischen Geheimdienstes Kyp, Botschafter in der Bundesrepublik werden sollte, winkte der damalige Außenamtschef Willy Brandt ab: Ein General sei unerwünscht.
Die Franzosen waren mit einem General als Botschafter zufrieden. Frankreich war -- neben Zypern -- das einzige Mitglied des Europarats, das sich auf der Ministertagung Im Dezember vergangenen Jahres nicht gegen das griechische Militärregime aussprach, und Frankreich Ist bislang das einzige Land, das ein Mitglied der Athener Junta zur offiziellen Visite in seine Hauptstadt bat.
Nach seiner Rückkehr triumphierte Koordinationsminister Makarezos: "Es ist der Entschluß der französischen Regierung, ... die Zusammenarbeit mit der griechischen Regierung auf sämtliche Sektoren auszudehnen."
Deutschen Firmen wurden staatliche Aufträge entzogen, Franzosen erhielten sie, Bau- und Beschaffungsprojekte wurden entgegen der internationalen Gepflogenheit direkt an französische Firmen gegeben.
Kriegsgerät, das die Deutschen den Obristen beharrlich verweigern, beschaffen künftig die Franzosen. Zur Zeit prüfen sie das Projekt, in Griechenland ein Montagewerk für ihre Mirage-Kampfflugzeuge zu errichten.
Aber auch politisch versuchen die griechischen Militärs, Bonn unter Druck zu setzen: Europas schärfste Antikommunisten knüpften wirtschaftliche Beziehungen zu Ost-Berlin.
Erstmals nach zweijähriger Unterbrechung beschickten sie die Leipziger Messe mit 150 Ausstellern. Handelskammerpräsident Ioannis Kanellopoulos bezeichnete Griechenlands Beziehungen zur DDR zwar als "eigenartig", forderte aber gleichzeitig: "Wir müssen größere Mengen ostdeutscher Produkte kaufen." Schon Ende Februar wurde ein 50-Millionen-Mark-Projekt an die volkseigene Elektrotechnik Export-Import in Berlin erteilt.
Jetzt entließ Papadopoulos sogar einen griechischen Linken nach zweijähriger Haft in die Freiheit -- den Franzosen zuliebe: Mikis Theodorakis, 45, einst Chef der kommunistisch orientierten Lambrakis-Jugend und Abgeordneter der linken EDA-Partei, der später durch seine Filmmusik zu "Alexis Sorbas" Weltruhm erlangte. (In Griechenland dürfen seine Kompositionen nicht einmal in Privathäusern gespielt werden.)
Als Prozeßbeobachter war Jean-Jacques Servan-Schreiber (J.J.S.S.), seit zwei Monaten Generalsekretär der französischen Radikalsozialisten und bis dahin Herausgeber des "Expreß", nach Athen geflogen. Nach einem Gespräch mit Ministerpräsident Papadopoulos am vorletzten Wochenende durfte der Franzose den an Tuberkulose erkrankten Theodorakis gleich nach Paris mitnehmen.
* Rechts: Professor Mangakis.

DER SPIEGEL 17/1970
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