20.04.1970

HALLENHANDBALL / VERLETZUNGENRingen und Rempeln

Die Konkurrenten arbeiteten mit Rippenstößen und Fußtritten, mit Würgegriffen und Leberhaken. Das Publikum pfiff enttäuscht. Denn es saß nicht am Catcherring, sondern hatte sich auf Hallenhandball gefreut.
Im deutschen Meisterschafts-Endspiel 1970 verhängten die Schiedsrichter neun -- dem Elfmeter im Fußball entsprechende -- Siebenmeter-Strafwürfe und schickten fünf Spieler auf die Strafbank. Der Unparteiische Hans Rosmanith: "Wir waren keine Schiedsrichter mehr, sondern Ringrichter." Otto Seeber, Präsident des Deutschen Handball-Bundes (DHB) stöhnte: "Wenn es in diesem Stil weitergeht, ist der Handball bald tot."
Es ging in diesem Stil weiter. Im Endspiel der Weltmeisterschaft In Frankreich zeigten sich die DDR-Deutschen, wie der Schweizer Experte Franz Widmer schrieb, "ihres unguten Ruf es im internationalen Handball Würdig". Er rechnete ihnen in drei Vorrundenspielen 242 Regelverstöße nach, davon in einem Spiel 91 -- mithin alle zwei Spielminuten drei.
Dagegen rühmte ZDF-Reporter Karl Senne das Europacup-Vorfinale der deutschen Spitzenmannschaft VfL Gummersbach gegen Rumäniens Meister Steaua Bukarest am letzten Dienstag als "sehr fair". Die Schiedsrichter ahndeten nur 78 Fouls, verhängten neun Siebenmeter und schickten lediglich drei Spieler vom Platz.
Bukarests bester Spieler Gheorghe Gruie stöhnte allerdings: "Wenn es eine Hölle gibt, haben wir sie heute erlebt."
Im Endspiel am nächsten Sonntag werden sich nun Gummersbach und Dynamo Ostberlin bekämpfen: "Wir sind In der Lage, jede Gangart mitzugehen", versprach unlängst Gummersbach-Trainer Dr. Horst Dreischang.
Ursprünglich war Handball das fairste Spiel neben Basketball gewesen. Mit der Anziehungskraft und den Einnahmen hatte auch die Verrohung im Hallenhandball zugenommen. Spiele des Europacup-Siegers Gummersbach waren zum Teil schon Wochen vorher ausverkauft. Nach dem bundesdeutschen Meisterschafts-Endspiel teilten sich die beiden Klubs und der DHB 100 000 Mark. Für das Europacupspiel der letzten Woche zahlten 13 820 Zuschauer insgesamt 120 000 Mark Eintritt.
Vor allem blieb jedoch das Regelwerk hinter der Entwicklung des Spiels zurück, Die entscheidenden Szenen bahnen sich jeweils vor den Schußkreisen an: Auf 20 Quadratmetern tummeln sich häufig zehn Spieler. Kein Schiedsrichter-Auge vermag im Gedränge die rasch wechselnden Aktionen sicher auf fair oder foul zu unterscheiden.
Zwar setzen die Verbände inzwischen zwei Schiedsrichter an. Aber im Zweifelsfall verzichten sie oft auf den unterbrechenden Pfiff, um den Spielfluß wenigstens für Minuten zu erhalten. Überdies sind sie manchmal untereinander uneins. Bei dem Bundesligaspiel THW Kiel gegen den HSV nahmen die beiden Schiedsrichter Gummersbach und Kupferschmidt Im Streit über ihre Entscheidungen sogar Boxstellung gegeneinander ein.
Die Spieler vervollständigten ihr Foul-Repertoire. Einige Trainer probten sogar Karate- und Freistilübungen. Der Hallenhandball, urteilte der frühere Nationalspieler und jetzige Trainer des deutschen Meisters, Bernhard Kempa, erfordere "mehr Energie und Kraft als Fußball und Eishockey". Der Hamburger Nationalspieler Klaus Lange schätzte, daß "acht bis zehn deutsche Bundesliga-Abwehrspieler bewußt und derart raffiniert unfair spielen, daß keiner der beiden Schiedsrichter es erkennt". Nationalspieler Hans Schmidt sprach von "vorsätzlicher Körperverletzung". Im Gerangel vor dem Tor klammern und halten sich die Rivalen gegenseitig fest. Sie treten einander auf die Füße, um den anderen am Spurt zu hindern, und verteilen mit Faust und Ellenbogen Hiebe auf Rippen und Leber. Setzt ein Stürmer zum Wurf an, umklammern Verteidiger würgend seinen Hals, patschen Ihm die Hand gegen das Gesicht oder hämmern ihm mit der Handkante auf den Wurfarm. Setzt er zum Sprungwurf an, ziehen sie Ihm die Beine weg oder rempeln ihn, so daß er den Versuch aufgeben muß, wenn er nicht mit dem Rücken auf den harten Hallenboden prallen will.
Die Torwächter werden durch Schmetterbälle aus kurzer Entfernung oder durch Karambolagen mit Stürmern, die ihnen durch den Torkreis entgegenspringen, zusätzlich gefährdet. Bei einem Zusammenprall brachen dem Nationalhüter Uwe Rathjen Schien- und Wadenbein. Sieben Schrauben und acht Platten halten nun das Bein zusammen. Rathjen spielt weiter. Der Hamburger Nationaltorwart Hans-Jürgen Bode forderte: "Eigentlich müßten wir Tiefschlagschutz, Sturzhelm und Gesichtsmaske tragen."
Dem Gummersbacher Volksschullehrer Schmidt riß ein Fausthieb die Augenbraue auf. Sie mußte wie eine Boxverletzung geklammert werden. Allein In der Südgruppe der Bundesliga brachen sich In einer Saison sechs Spieler Daumen, Hände oder Beine.
"Wenn wir den Handball retten wollen", beschwor Bundestrainer Werner Vick die Spieler, "müssen wir zum schnellen, körperlosen Spiel zurückkehren," Spätestens bis 1972, hoffen Experten, sollen in den Regeln die Strafen verschärft werden. Denn in München findet erstmals ein olympisches Hallenhandball-Turnier statt.
Freilich sind die Hallenhandball-Athleten nicht einmal außerhalb des Spielfeldes sicher: Nationalspieler Bernd Munck brach sich vor der Weltmeisterschaft beim Skilaufen ein Bein.

DER SPIEGEL 17/1970
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