20.04.1970

FUSSBALL / MÖNCHENGLADBACHSchüsse um die Ecke

Die Bosse des Bundesligavereins Borussia Mönchengladbach kämpften um die Klubkasse. 90 Minuten, für die Dauer eines Fußballspiels, hielten sie stand. Dann siegten die Arbeitnehmer -- der Spielerrat der Kicker.
Als erste Bundesliga-Mannschaft hatten sich die Mönchengladbacher das Recht erworben, über Prämien und Spielerverpflichtungen mitzureden. "Allerdings: Wer spielt, bestimme ich, stellte Trainer Hans Weisweiler klar. Im letzten Herbst wählten die Kicker die beiden Nationalspieler Günter Netzer und Hans-Hubert Vogts sowie den Mittelfeldspieler Peter Dietrich zu Unterhändlern.
"Bei uns spricht noch niemand vom Meistertitel", wehrten die Stars im März, nachdem ihr Vorsprung auf sechs Punkte gewachsen war, verfrühte Glückwünsche ab. Doch zur gleichen Zeit verhandelten sie mit ihrem Vorstand schon über die Meisterschafts-Prämie.
Nach anderthalb Stunden erschien ihnen das erhöhte Arbeitgeber-Angebot zufriedenstellend. Der Spielerrat stimmte zu -- wie später durchsickerte, zu einem 10 000-Mark-Bonus pro Kicker. Großmütig pflichteten die Mannschaftssprecher anschließend dem Vorstandswunsch bei, den Nationalstürmer Josef Heynckes zurückzukaufen; er hatte Mönchengladbach drei Jahre zuvor verlassen. "Der Jupp liegt mir nicht", mäkelte Spielerrat Vogts, "aber wenn er Tore für uns schießt, geht das in Ordnung."
Bisher hatte die 70jährige Klub-Chronik nur einen Höhepunkt aufzuweisen: 1960 siegte Borussia -- von den Fans zur Unterscheidung von Europacupsieger Borussia Dortmund die "Kleine Borussia" genannt -- im deutschen Pokal und qualifizierte sich für den Europacup. Schon in der Vorrunde schied die Equipe mit 0:11 Toren aus. Dann übernahm 1964 Herberger-Schüler Weisweiler das Training. Er verjüngte die Equipe mit Talenten aus der Nachbarschaft. Ein Jahr später stieg sie in die Bundesliga auf.
"Die spielen ja noch richtigen Angriffs-Fußball", wunderte sich der Trainer des französischen Profiklubs FC Nantes bei einem Freundschaftsspiel. Auch in der Bundesliga bevorzugte die jugendliche Mannschaft forschen Angriffs -- Stil. Sie überspielte Schalke 04 etwa mit 11:0 und Borussia Neunkirchen 10:0.
Dafür entblößte sie allerdings oft ihre Abwehr. Kaum eine Mannschaft erwarb sich in den letzten Jahren so viele Anhänger wie die angriffsfreudigen Borussen. Aber routinierte" auf Defensive eingeschworene Spitzenmannschaften zerstörten Mönchengladbachs Titel-Hoffnungen. "Solange ihr 40 und 50 Tore kassiert" " kritisierte Turn-Olympiasieger Helmut Bantz beim Skat mit Trainer Weisweiler, "werdet ihr nie Meister. Bantz lockert die Lizenzspieler durch zusätzliche Gymnastik.
Im letzten Jahr verpflichtete Weisweiler die Nationalverteidiger Ludwig Müller und Klaus-Dieter Sieloff. Die Konkurrenz-Klubs hatten den damals verletzungsanfälligen und übergewichtigen Sieloff schon abgeschrieben. "Deine beste Zeit kommt erst", flößte ihm dagegen der Trainer Selbstvertrauen ein.
Weisweiler überredete ihn, außer am Vereinsdrill auch beim Trainer-Lehrgang der Kölner Sporthochschule teilzunehmen. an der Weisweiler als Dozent Nachfolger Herbergers geworden war. Sieloffs Gewicht sank unter 80 Kilo. Das Fußballehrer-Examen bestand er mit "gut". Bundestrainer Schön beriet ihn in sein Aufgebot für die Weltmeisterschaft. Borussia mit inzwischen zehn Nationalkickern ließ weit weniger Gegentore zu als alle Konkurrenten.
Zum Anfang der Saison hatte eine langwierige Verletzung Borussias wichtigsten Spieler, Nationalstürmer Netzer, zurückgeworfen und um sein Selbstbewußtsein gebracht. Durch absichtlich ungerechte Vorwürfe ("Du drückst dich nur") stachelte Weisweiler Trotz und Aggression in dem einsilbigen Junggesellen auf. Hausbesitzer Netzer, der Kunden seines Werbeverlages in einem Jaguar-Sportwagen aufsucht, sprach zeitweilig nicht mehr mit seinem Trainer. Aber er steigerte sich in Bestform und rückte in den Weltmeisterschafts-Kader auf.
Netzers ausgefeilte Technik und seine Schuhgröße 47 erinnerten Weisweiler an einen vergessenen Trick des früheren Nationalspielers Fritz Walter. Als Weisweiler einen Fachartikel über Eckbälle verfaßte, stieß er auf eigene Versäumnisse im Eckball-Training. Er ließ Netzer nun immer wieder üben, den Ball von der Eckfahne über mehr als 30 Meter direkt ins Tor zu treten.
Der langfüßige Star lernte, den Ball so anzuschneiden und zugleich zu heben, daß er sich über den Torwart senkte und gleichsam um die Ecke ins Tor drehte. "Das hat uns fünf Punkte eingebracht", schwärmte Weisweiler. "Von diesem Vorsprung zehren wir." Netzer riskierte freilich Unmutspfiffe, weil er den Ball dabei gelegentlich hinter das Tor lupfte.
An den Erfolgen des Klubs wollte auch der CDU-beherrschte Stadtrat teilhaben. Andere Städte wie Berlin verzichteten zumindest zeitweilig auf Platzmiete. Borussia muß zehn Prozent der Einnahmen abführen. Der MSV Duisburg etwa zahlt seit Monaten keine Vergnügungssteuer mehr. Als Mönchengladbach den 1970 auslaufenden Mietvertrag für das städtische Bökelberg-Stadion (Fassungsvermögen: 32 000 Besucher) erneuern wollte, verlangten die Stadt-Oberen statt wie bisher zehn Prozent vom Umsatz neben Steuern und Platzmiete noch eine neue Stadiongebühr von zehn Prozent und überdies Beteiligung an den Wartungskosten der Lautsprecher-Anlage. Allein in der letzten Saison führte Borussia mehr als eine halbe Million Mark ab.
Durch Freundschaftsspiele, für die sie bis zu 20 000 Mark einnahmen, blieben die Borussen unter 18 Bundesligaklubs als einer von vieren schuldenfrei. Als die Mannschaft allerdings kurz nach dem Anschlag arabischer Terroristen auf El-Al-Passagiere in München mit einer israelischen Maschine zu einem Testspiel gegen Israels Nationalequipe nach Tel Aviv fliegen sollte, reichte der Vorstand die Tickets zurück.
Da sprang Verteidigungsminister Helmut Schmidt ein: Er stellte für Borussia eine Bundeswehr-Boeing ab. Borussia besiegte die für die Weltmeisterschaft qualifizierte Mannschaft 6:0. Sprechchöre unter den 20 000 Zuschauern feierten die Vorwärts-Strategie der Gäste: "Viva Germania."

DER SPIEGEL 17/1970
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