20.04.1970

Kunst„VIELLEICHT WÄRE ICH SO VERRÜCKT“

SPIEGEL: Mr. Oldenburg, Sie entwerfen neuerdings Denkmäler. Ist das nicht eine reichlich altmodische Beschäftigung?
OLDENBURG: Ich verwende den traditionellen Begriff absichtlich -- nicht, weil ich an Denkmäler glaube, sondern weil jedermann damit eine Vorstellung verbindet, der ich etwas anderes entgegensetzen kann. Wenn ich beispielsweise auf den Gedanken käme, einen großen Laib Brot aufzustellen, würden die Leute sagen: Das kann man nicht machen, das hat nichts mit einer Statue zu tun. So wird eine Reaktion hervorgerufen, und ich komme zu einer Auseinandersetzung mit den Leuten.
SPIEGEL: Welche Rolle spielt dabei der Standort eines solchen Denkmals?
OLDENBURG: Der Kontakt mit den Vorstellungen der Leute ist besonders intensiv, wenn man ein schon existierendes Denkmal gegen ein neues austauschen will. Außerdem gibt es die Möglichkeit, die kulturelle Umgebung und die Geographie miteinzubeziehen.
SPIEGEL: Zum Beispiel?
OLDENBURG: Zum Beispiel Trafalgar Square in London. Ich habe vorgeschlagen, die
Nelson-Säule abzureißen und dafür einen großen Auto-Schalthebel aufzurichten. Trafalgar Square, das heißt doch heute Stadtverkehr. Wenn die Leute dort nicht gerade Tauben füttern, sitzen sie im Wagen und warten darauf, daß der Wagen vor ihnen anfährt. Und dabei haben sie immer eine Hand am Schalthebel. Wenn auf dem Platz nun ein großer Schalthebel stünde, würde man dadurch gewissermaßen in die Umgebung eingestimmt.
SPIEGEL: Ein phantastischer Plan -- fast so phantastisch wie Ihr Projekt für die letzte Kasseler Documenta, wo Sie den ganzen Schauplatz des Mordes an John F. Kennedy in voller Größe rekonstruieren wollten. Halten Sie so etwas für ausführbar?
OLDENBURG: Nein, die meisten meiner Vorschläge sind poetische Arbeiten, dem Werk eines Dichters vergleichbar, von dem schließlich auch kein Mensch erwartet, daß er etwas Reales beschreibt -- aber doch etwas Glaubhaftes. Auch wenn sie nicht gebaut werden können, existieren meine Denkmäler -- in den Informationsmedien, Stellen Sie sich vor, Sie würden In Indien in der Zeitung lesen, daß jemand vorhat, einen 150 Meter hohen Teddybären in den New Yorker Central Park zu setzen. Sie würden sofort sagen: Schau an, diese verrückten Amerikaner! Aber Sie würden sicher annehmen, daß die Amerikaner imstande und vielleicht schon im Begriff seien, so etwas zu tun. Ich glaube, es ist wichtiger, den Leuten etwas in den Kopf zu setzen, als es wirklich zu bauen.
SPIEGEL: Aber ein Denkmal, den Lippenstift, haben Sie doch schon realisiert?
OLDENBURG: Der ist auch viel kleiner und billiger als so ein Teddybär. Ich habe mit Mühe und Not 6000 Dollar dafür zusammenbekommen.
SPIEGEL: Wären Sie denn abgeneigt, auch Ihre ganz großen Entwürfe zu verwirklichen, wenn Sie die Mittel dazu hätten?
OLDENBURG: Ich würde mir schon überlegen, wofür ich mein Geld ausgebe. Geld wird meistens falsch angelegt -- in Kriegen, in Wolkenkratzern, die sich Geschäftsleute als Denkmal für sich selber bauen, und so weiter. Ich glaube nicht, daß ich mein Geld für ein Denkmal rauswerfen würde. Aber wer weiß? Vielleicht wäre
ich auch genauso verrückt wie alle anderen.
SPIEGEL: Ist Ihnen nie der Gedanke gekommen, nach dem Vorbild Ihrer Objekte eine ganze Stadt zu bauen?
OLDENBURG: Nein, meine Denkmalentwürfe beruhen auf der Vergrößerung meiner Objekte, nicht auf architektonischen Konzepten. Architektur ist für mich die Gestaltung des Innenraums, während ich mich mit der äußeren Gestalt beschäftige -- mit schönen Dingen zum Betrachten, nicht zum Wohnen. Deswegen sind das Denkmäler, Symbole.
SPIEGEL: Meinen Sie, daß Marcuse recht hatte, als er die mögliche Ausführung Ihrer Projekte -- ob Eis am Stiel, ob Teddybär -- als Anzeichen für das Ende der Gesellschaft deutete?
OLDENBURG: Nein, das glaube ich nicht. Ich weiß auch nicht so recht, wie Marcuse das gemeint hat. Es klingt mir sehr danach, als spräche ein Feind meiner Arbeiten. Aber ich glaube wirklich nicht, daß sich etwas ändert, wenn jemand den Teddybären baut.

DER SPIEGEL 17/1970
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