20.04.1970

FILM / LENINBlaue Massen

"Lenin ist tot, aber der Leninismus lebt!" So rühmte 1924 der erste sowjetische Film-Dokumentarist Dsiga Wertow (1896 bis 1954) in seiner Aktualitätenschau "Kinoprawda" das Werk des russischen Revolutionärs. Und wie Wertow feierten fortan viele Moskauer Regisseure den "menschlichsten der Menschen" (Wladimir Majakowski).
Wer immer von ihnen in den letzten 50 Jahren das Leben des Bolschewiken verfilmte, ob Michail Romm oder Sergej-Eisenstein, ob Sergei Jutkewitsch oder Julij Raisman -- stets porträtierten sie den Vater der Oktoberrevolution als den "größten Helden der Sowjet-Union". Diesen Lenin-Kult im sowjetischen Historienfilm dokumentierten vergangene Woche die West-Berliner "Freunde der Deutschen Kinemathek" mit neun Lenin-Filmen aus den Jahren 1922 bis 1969.
Mit dem Sturz des zaristischen Regimes und dem Aufbau des neuen Staates -- das zeigte diese "Leninale" -- entstand in der UdSSR ein neuer Filmstil: der heroische Dokumentarismus.
"Nieder mit den bürgerlichen Märchen-Szenarien! Es lebe das Leben, wie es ist!" -- nach dieser Wertow-Regel wurde nun gedreht. Wertow selbst war einer der erfindungsreichsten Stilisten dieses frühen Agitprop-Kinos. Er entdeckte die spontane, rhythmische Montage, operierte bereits mit Rückblenden und kolorierte, wenn ihm das Dekor als zu trist erschien, Markt- und Massenszenen, Bauernidylle und Industriereviere mit freundlichem Rot, Orange oder Blau. Und was immer er filmte -- eine Lenin-Szene fehlte nie. Als der Proletarierführer im Sterben lag, photographierte Wertow sogar die Graphiken, auf denen Temperatur, Puls und Atmung verzeichnet waren.
Indes, zum Übermenschen wurde Lenin, dem der "unmarxistische" Personenkult zeitlebens verhaßt war, erst in den Spielfilmen der Stalin-Ära. In den Lichtspielen der "Mosfilm" aus den dreißiger Jahren steht der bürgerliche Intellektuelle nur noch im Dienst der Großen Revolution.
In Jutkewitschs "Der Mann mit dem Gewehr" (1938) beschwört er beispielsweise vor fanatisierten Arbeitern und Bauern die "Einheit der Werktätigen und Unterdrückten in aller Welt. In den Romm-Filmen "Lenin im Oktober" (1937) und "Lenin im Jahre 1918" (1939) wettert er auf ZK-Sitzungen gegen abtrünnige Kampfgefährten, dirigiert er vom Petrograder Revolutionszentrum Smolny den Sturm auf das Winterpalais, und selbst gegen die Kugel der Attentäterin Fanja Kaplan ist Lenin immun: Noch mit dem Geschoß in der Lunge gibt er den Genossen energische Anweisungen.
Die kitschige Pose konnte selbst der DDR-Filmhistoriker Horst Knietzsch nicht ertragen. "Einige Szenen der Romm-Werke", monierte er, "sind bereits vom Einfluß des Personenkults gekennzeichnet."
Diesen Kult haben viele bedeutende sowjetische Schauspieler einmal mitgemacht, den Knebelbart getragen, die Faust zum Arbeitergruß geballt. Dem Original am nächsten freilich kam ein unbekannter Arbeiter, der in Eisensteins "Oktober" als Lenin auf Panzerwagen stieg.
Und dieser "Oktober" hat nicht seinesgleichen. Sein Tempo, seine dynamische Montage, die Gewalt seiner Massenszenen sind im späteren "sozialistischen Realismus" nie mehr so kunstvoll wiederholt worden.

DER SPIEGEL 17/1970
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