20.04.1970

Gunar Ortlepp über Arno Schmidt: Zettels Traum

APROPOS: AH!; PRO = POE

Von Ortlepp, Gunar

Das Buch ist da. Ich habe es gewogen: Es wiegt 17 Pfund. Ich habe es gemessen: Es ist 33 Zentimeter breit und 44 Zentimeter hoch. Ich habe es mir angesehen: Es enthält die Faksimile- Wiedergabe eines Typoskripts mit handschriftlichen Zusätzen, Strichen und Skizzen des Autors -- rund 10 Millionen Buchstaben auf 1330 Seiten im Format DIN A 3. Und das wären, da ein DIN-A3-Blatt vier normalen Buchseiten entspricht, 5320 normale Buchseiten. Für die Auflage von 2000 handsignierten Exemplaren wurden verbraucht: 25 Tonnen titanbeschwertes Spezialpapier.

"Zettels Traum" ist da, der Weltrekord gebrochen. Denn selbst den alten Abu'l-Kasim Mansur ibn Hasan, genannt Ferdausi ("Der Paradiesische"), der zu Beginn des 11. Jahrhunderts nach 30jähriger Arbeit ein ähnlich monumentales "Schah-nameh", ein "Buch der Könige", auf den persischen Markt brachte, scheint Arno Schmidt übertroffen zu haben.

Ein Jahrzehnt lang hat Schmidt, 56, für "Zettels Traum", dessen Titel auch auf Shakespeares

"Sommernachtstraum" anspielt, seine winzigen Notizzettel (an die 130 000) gesammelt; vier Jahre, gleich 1330 Tage, gleich 25 000 Stunden hat er daran geschrieben.

"Zettels Traum", so sagt nun der Autor von 20 eigenen Büchern (20 Bände Übersetzungen nicht mitgerechnet) -- ",Zettels Traum', das ist ja genausoviel an reiner Textmasse wie alles andere, was ich vorher zusammengeschrieben habe."

Arno Schmidt lebt seit zwölf Jahren im Heidedorf Bargfeld, Kreis Celle. Er haust, umgeben von Frau Alice, vier Katzen und dem schwarzen Kater Conte Fosco, weitab von der Welt in einem hölzernen Existenzminimum mit Giebeldach.

Nur dort, auf dem Land, sagt er, habe er jene "Ruhe und

Stille, die die große Konzentration und die glücklichsten Sollerfüllungen erlaubt". Er sagt: "Wenn ich in einer Stadt lebte, wäre ich längst tot." Er sagt: "Mein Umgang mit Menschen ist relativ begrenzt."

Ich habe ihn gefragt: "Herr Schmidt, ,Zettels Traum' ist da -- wie kommt so ein Buch zustande?"

SCHMIDT: "Ganz einfach: Sie müssen aufs Leben verzichten. Ich mag in dieser Hinsicht altmodisch sein, Aber wenn man in den Künsten etwas Eigenes und Neues und Gutes, sogar Großes leisten will, dann muß man viele Jahre an die Arbeit. Ich habe keine 40-Stunden-Woche, meine Woche hat 100 Stunden -- wenn ich Glück habe. Und ich muß ein Leben führen, daß daneben ein Säulenheiliger wie ein Lebemann wirkt.

"Das ist letzten Endes eine Frage der Konstitution. Während der Jahre der Niederschrift bin ich jede Nacht um zwei oder ein Uhr aufgestanden, dann habe Ich bis morgens um sieben oder acht gearbeitet, mich drei Stunden hingelegt und dann weitergemacht, allerdings mit den leichteren Arbeiten -- dem Ordnen der Zettel, dem Zusammentragen des Materials, dem Verifizieren von Zitaten, dem Nachschlagen von Werken. So habe ich jeden Tag 14 bis 18 Stunden gearbeitet. So ein Buch ist ja nicht zu bezahlen.

"Ich hätte nie gedacht, daß ich das körperlich aushalte. Nachdem ich das erste halbe Jahr daran geschrieben hatte, bin ich zusammengeklappt und habe acht Tage nur geschlafen. Ich hätte nie gedacht, daß ich das überlebe. Ich verdanke das natürlich meinen proletarischen Eltern. Ich habe den Körper eines Ochsen, sonst hätte ich das niemals wagen können. Man muß gesund sein, das ist das Merkwürdige."

Ich habe gefragt: "Herr Schmidt, "Zettels Traum' ist da -- wer soll ihn lesen?"

SCHMIDT: "Ich würde empfehlen: Der kluge Rezensent sagt ein Jahr lang gar nichts. Er sagt nur, daß es so etwas gibt.

"Und was meine Leser betrifft, da hat sich mir ein sehr schöner Erfahrungssatz ergeben: Die eigentlichen Kulturträger in einer Nation oder in jeder größeren Ansammlung von Menschen -- und unter Kulturträgern verstehe ich diejenigen, die sich nun wirklich fleißig, mit viel Ausdauer, viel Kosten, viel Mühe und Feinempfinden in die Kunstwerke vertiefen, die die Menschheit besitzt -. die Zahl dieser Kulturträger erhalten Sie, wenn Sie die dritte Wurzel aus P ziehen, wobei P für Population oder Bevölkerung steht.

"Das sind bei 60 Millionen Einwohnern in Westdeutschland etwa 390. Mehr sind es nicht. Ich will gerne zugeben, daß um die herum eine schon etwas blassere Aura von vier- bis fünftausend vorhanden ist. Wenn Sie jetzt die eigentlichen Kulturerzeuger von mir wissen wollen, dann müssen Sie aus diesen 390 noch mal die dritte Wurzel ziehen. Das sind dann höchstens sieben bis acht."

"Können Sie mir diese sieben bis acht ...

SCHMIDT: "Nein, ich bin höflich: Selbst die kann ich nicht nennen! Es würde in Deutschland im Augenblick schwerhalten. die aufzutreiben. Es ist nicht ganz unsere Schuld. Denken Sie an die Zeiten, die vorangegangen sind."

"Aber Sie kennen doch sicher ihre Zeitgenossen: Walser, Graß, Johnson?"

SCHMIDT: "Ja, ich kenne von jedem ein bis zwei Bücher. Aber wenn ich ein Werturteil fällen soll, da muß ich, im pluralis majestatis, sagen: We are not amused.

"Und was die Jüngeren betrifft: Da hat mir neulich Rowohlt ein Buch geschickt, ich weiß nicht mehr, wie das heißt. Da war schon eines der Produkte des Verfassers auf dem Umschlag abgebildet, da waren 30 kleine o"s in einer Zeile geschrieben, und in die Mitte hatte er noch ein kleines i getippt. Wie kühn er ist! Nein, da mache ich einfach nicht mehr mit. An ihren Früchtchen sollt ihr sie erkennen. Was haben die Leute an künstlerischer Leistung vorzuzeigen? Meines Erachtens nichts.

"Ich mag die Haltung dieser jungen Leute nicht. Ich kenne sie nicht sehr gut, doch manchmal kommen eben auch Leser dieser Art vorbei. Wir haben uns fast nichts zu sagen. Die wollen ja gar keine Kultur. Ich verweigere mich deshalb auch jedem Streitgespräch mit diesen jungen Menschen, ganz einfach aus diesem Grund: Wenn so ein 20jähriger kommt, der hat seit vier Jahren mit leidlichem Verstand lesen können. Ich lese seit vierzig fahren, das heißt, daß ich mindestens zehnmal soviel weiß wie er. Man redet einfach aneinander vorbei. Ich würde zu solchen Leuten immer sagen: Geht hin und lernt zwanzig Jahre und kommt dann wieder. Das ist natürlich ein Trick, denn in zwanzig Jahren lebe ich nicht mehr.

"Wie, Herr Schmidt, muß der Leser gerüstet sein, wenn er "Zettels Traum' einigermaßen verstehen will?"

SCHMIDT: "Englisch müßte er schon können. Ohne das wird's nicht gehen. Aber daran ist ja wohl in Westdeutschland kein Mangel. Ich habe mir sagen lassen, daß schon die Kinder in der Volksschule Englisch lernen. Nun sind die natürlich keine Leser für mich. Das soll gar nicht snobistisch klingen, aber Leute mit Volksschulbildung können einfach keine Leser meiner Bücher sein. Es tut mir herzlich leid, aber es ist, nicht zu ändern.

"Der Leser er müßte die Kenntnis meiner früheren Bücher mitbringen, damit er in die Methode langsam hineinwächst. Er müßte außerdem meine Nachtprogramme über Joyce kennen. Denn da wird ja auch schon einiges

gesagt."

Und dann, so ist hinzuzufügen, müßte der Leser von "Zettels Traum" ja wohl auch noch die gesammelten Werke von Edgar Allan Poe im Original möglichst gründlich studiert haben sowie etliche Kenntnis besitzen über: Cooper, Plinius, Dickens, das Buch Mormon, Karl May, Fouqué, Brontë, die Insel Felsenburg, Herder, den Conte Fosco, E. T. A. Hoffmann, die Encyclopaedia Britannica, Ariost, Jean Paul, Iffland, Homer, die Bibel, Lucia von Lammermoor, Nestroy, Herodot, Scott, Sylvie and Bruno, Petrarca, Spencer, Cervantes, den Koran, Stifter, Ben Jonson, Natty Bumppo und tutti tutti tutti quanti.

Mit anderen Worten: Der optimale Leser von "Zettels Traum" -- das kann nur Arno Schmidt sein. Er allein wäre fähig, die Lesezeit von 600 bis 700 Stunden, die Lektoren des Stahlberg-Verlags für "Zettels Traum" errechnet haben, zu absolvieren, ohne sich in diesem walpurgisnächtlichen Kosmos von Wörtern zu verlieren. Ich habe etwa 70 Stunden über "Zettels Traum" zugebracht. Ich kann seine Handlung skizzieren. Sie ist, wie in allen Büchern Arno Schmidts, karg genug:

In seiner dörflichen Einsiedelei in der Lüneburger Heide empfängt der Privatgelehrte Daniel ("Dän") Pagenstecher, der seinem Autor zweifellos sehr ähnlich sieht, an einem Sommertag den Besuch alter Freunde: Das Schriftsteller-Ehepaar Paul und Wilma Jacobi aus der westfälischen Stadt Lünen, begleitet von der 16jährigen Tochter Franziska, will bei Dän, dem großen Einsamen und Allwissenden, Rat für eine Übersetzung der Werke Edgar Allan Poes (die Schmidt für den Walter-Verlag übersetzt hat) einholen. Die vier gehen spazieren und hocken in Däns Cottage. Sie reden, monologisieren, denken und träumen 24 Stunden lang. Ihr Generalthema: Poes Leben und Werk.

Ich habe gefragt: "Herr Schmidt, Sie beschreiben einen 24-Stunden-Tag auf 1330 DIN-A3-Seiten. Warum so umfangreich?"

SCHMIDT: "Ich bin der Ansicht des alten Thümmel (Moritz August von, 1738 bis 1817). Der pflegte zu sagen: Wenn man einen Frühlingsvormittag exakt beschreiben wollte, müßte man sein ganzes Leben daran wenden."

"Derselben Meinung war wohl auch James Joyce, der im 'Ulysses' einen Dubliner Alltag und "n "Finnegans Wake' die Träume einer irischen Nacht beschrieb. Haben Sie sich mit ihm messen wollen?"

SCHMIDT: "Ich will es nur gestehen: Ich habe Joyce wirklich sehr spät kennengelernt, ganz einfach deshalb. weil man zu Hitlers Zeit in Deutschland solche Bücher überhaupt nicht bekam, Und nach dem Krieg war ich viel zu arm, um mir Bücher kaufen zu können. So habe ich Joyce erst kennengelernt, als ich Anfang 40 war. Das heißt, ich war praktisch schon Arno Schmidt. Aber mein Herz gehört immer Joyce, nicht den anderen, nicht Beckett. Ich bin ein Freund der Alltäglichkeit."

Das ist wahr. Und dennoch: Wer hätte gedacht, daß die Alltäglichkeit sich so hermetisch und kabbalistisch, so verschlüsselt und verzwickt dartut wie in "Zettels Traum"? Der "Ulysses" wirkt daneben wie eine Kinderfibel. Auf der ersten Textseite ist beispielsweise folgendes zu lesen:

Nebel schelmenzünftich. 1 erster DianenSchlag; (LerchenPrikkel). Gestier von Jung-Stieren. Und Dizzyköpfigstes schüttelt den Morgen aus./: "Sie diesen Galathau, Wilma. Und wie herr Teat'on mit Auroren dahlt: jetzt ist die Zeit, voll itzt zu seyn!"./ (Aber Sie, noch vom vor=4 benomm'm, shudderDe mit den (echtn!) Bakk'n): "Dän -- Ich bin doch wirklich a woman, for whom the outside world exists. Aber verwichne Nacht ..."; (brach ab; und musterDe Mich, / Den Ihr gefälligst den Draht aus'nander Haltndän:-?-/: "Singularly wild place-"; (hatte P indessen gemurmlt. Er ragte, obm wie untn, aus seiner WanderHose; Er, lang=dünn & haarich).

Gut, versierten Schmidt-Lesern ist diese eigenwillige Zeichensetzung und Orthographie ...

SCHMIDT: "Moment! Sie ist nicht eigenwillig. Die Orthographie ist etwas Lebendiges. Wir tendieren viel zu sehr dahin, sie als steinerne Gesetzestafel Moses zu betrachten. Erst Duden hat diesen etwas steifleinernen Ton hineingebracht."

... ist diese Orthographie längst geläufig. Für den Schmidt-Kenner klar erkennbar ist auch die hier ins Gigantische erweiterte Technik des literarischen Radio-Essays mit verteilten Rollen: Dän und die Jacobis unterhalten sich eben -- wenn Pagenstecher nicht gerade mit der kleinen Kindfrau Franziska schäkert, und das tut er oft und intensiv -- 24 Stunden lang über Edgar Allan Poe,

Und was die drei einander oft überlappenden Textsträhnen betrifft, so gibt der Prospekt des Stahlberg-Verlags schönste Auskunft: "Den Hauptzug der Erzählung nimmt die Mittelkolumne auf, die das Hier und Jetzt der Handlung bezeichnet; sie weicht nach links aus, wenn sie in engeren Sachbezug zum Poe-Thema tritt, nach rechts, wenn sie Exkurse ins Zeitlos-Entlegene bietet. In die freien Räume sind gesetzt Glossen, Kommentare, Exklamationen, Exzerpte (oft fremdsprachlich), die ihrerseits eine umfangreiche Exzerptenbibliothek bilden."

SCHMIDT: "Ein so riesengroßes Blatt erweckt den Eindruck, daß der linke und der rechte Hand einander entgegengesetzt sein könnten, allein schon wegen der großen Entfernung in Zentimeter. Das ist nicht der Fall. Man muß sich eigentlich vorstellen, daß das Blatt nach hintenrum in sich zurückgekrümmt ist, daß also ganz am rechten Rand durchaus eine Anweisung zum linken Rand stehen kann -- oder umgekehrt."

Das alles wäre demnach gar nicht so schwer zu begreifen. Doch Schmidt hat sich noch etwas Besonderes ausgedacht -- eine gewaltige Sprachspielerei, die auf den ersten Blick so wirkt, als wolle er den Weltrekord im Kalauern aufstellen.

Schmidt schreibt beispielsweise: "Ah!; pro""POE"; "n großer ein= Samer"; "onanyme Berichte"; "pussynaß iss pussynäss"; "EDDY POE'S-COMPLEX"; "Ercuntnis"; "cunterbannnigste Wonnen"; "Juckt's primae noctis?" Was hat das zu bedeuten? Hai dieser Mann nichts anderes als Phick nimm Kopp?

Schmidt nennt solche zwei- und mehrdeutigen Wörter "Etyms". Was sie sollen, hat er auf Seite 25 von "Zettels Traum" erläutert:

"Was "Worte' sind, wißt Ihr-?"; / (sie nickten so schnell:!) / (Glückliches Völkchen; mir war's nich ganz klar.)).: "Also das bw (das Bewusstsein) spricht Hoch=Warte. Nun wißt Ihr aber, aus FREUD's "Traumdeutung", wie das ubw ein eigenes Schalks=Esperanto lallt; indem es einerseits Bildersymbolik, andrerseits Wort-Verwandtheiten ausnUtzt, um mehrere (immer aber im Gehirn des Wirtstieres engbeieinanderlagernde!) -- Bedeutungen gleichzeitig wiederzugeben. ich möchte nun diese neuen, wortähnlichen Gebilde -- die sowohlerzogen der scheinbaren Präzision der Normalsprache dienen; als auch den fehllustig = doppelzüngelnden Amfibolien der "Hinter'=Gedanken -- heißen: der obere Teil des Unbewussten: spricht "Etym'.".

Eine ähnliche Etym-Methode hat auch Joyce in "Finnegans Wake" angewandt -- "in Anpassung an die Ästhetik des Traums, wo die Formen größer werden und sich vervielfältigen, wo die Visionen vom Trivialen ins Apokalyptische übergehen, wo das Hirn die Wortstämme benutzt, um andere Wörter daraus zu bilden, die es möglich machen, seine Phantasmen, seine Allegorien, seine Anspielungen zu benennen" (Joyce). Auch Joyce benutzte Alliterationen, multilinguale Wortspiele, Schachteiwörter, Sprachabwandlungen, Verballhornungen, Kalauer, um die Vieldeutigkeit seines epischen Traums vom Jedermann zu illustrieren. Doch Schmidt geht noch viel weiter.

SCHMIDT: "Ich habe natürlich aus "Finnegans Wake' gelernt, was die Klippe ist, an der man im Besitz solcher Mittel leidenschaftlich scheitert. Das ist nämlich, daß man zu viel hineinstecken will und der subjektiven Verschlüsselung zu viel Spielraum gewährt. Ich hoffe, daß ich diese Klippe umschifft habe, natürlich nicht immer."

Schmidt geht weiter. Dank seiner Kenntnis von den Etyms, den Wortkeimen, treibt er eine Sprachanalyse, die Rückschlüsse auf die Biographie eines Autors zuläßt. Das hat er schon in seinem Buch "Sitara" getan, in dem er dem deutschen Jugend- und Volksschriftsteller Karl May homoerotische Phantasien nachwies.

SCHMIDT: "Das war ein Ergebnis, auf das ich zunächst gar nicht hinausgewollt hatte. Ich wollte wissen: Was in den Werken der Dichter erzeugt die Kulisse? Deswegen habe ich "Sitara' geschrieben, und ich habe festgestellt und bewiesen, daß es das Unbewußte ist, was die Landschaft und die Lokalität hervorbringt und dirigiert.

"Nehmen Sie als Beweis dafür in "Sitara" den Anhang über Adalbert Stifter. Auch da läßt sich ja mit der Etym-Methode nachweisen, wes eigentlich das Herz des Mannes überfloß. Ich habe nachgewiesen, daß das Grunddiagramm aller seiner Landschaften eine auf dem Rücken liegende Frau ist. Erst später habe ich dann erfahren, daß der Mann hinter einem grünseidenen Vorhang verborgen lauter Riesen-Aktphotos von nackten Weibern hatte, und daß er einmal, als er noch Forstlehrer beim Fürsten Metternich war, sich eine nackte weibliche Statue geklaut hat -- so als Anregung, als Fetisch. Das wußte ich damals noch nicht, als ich das schrieb. Also: Die Methode stimmt. Das war mir eine sehr liebe Bestätigung."

Dieselbe Methode benutzt Schmidt nun auch in "Zettels Traum". Daniel Pagenstecher, der seinem kleinen Mädchen Franziska so zärtlich zugetan ist, wie es einst Poe seiner kleinen Virginia war, spricht und denkt Etyms, und diese Etyms wendet er auch an, wenn er die Jacobis über Poe und Poes Verwandte, über die "DP"s" (sprich: Displaced Persons gleich Dichter-Priester) aufklärt. Freilich, seine Poe-Biographie durch Sprachanalyse ist hinreichend abgesichert.

SCHMIDT: "Ich habe, mein Verhältnis zu Edgar Poe betreffend, das wunderbare Alibi, daß ich ihn übersetzt habe, wie er noch nie übersetzt worden ist. Ich habe ihn nicht von meiner Subjektivität aus vergewaltigt. Ich habe beide Rollen ihm gegenüber eingenommen: die des dienenden -- und des ausgezeichneten -- Übersetzers; und ich war gleichzeitig, denn ich mußte sein Leben, seine Werke nachvollziehen, das Mondkalb mit dem Gesicht am Fenster.

Ich habe Arno Schmidt gefragt: "Wie haben Sie Ihre Etyms entdeckt?"

SCHMIDT: "Bei Freud gibt es drei Instanzen. Das Kind wird geboren, schlägt die Augen auf und hat erst einmal ein Unbewußtes, weiter nichts. Es muß sich erst langsam das Ich erarbeiten durch den Kontakt mit der Außenwelt. Und der Einfluß der Eltern, die Erziehungsmaßnahmen, die Prügel, die wirken dann auf das Über-Ich ein.

"Also, das arme Ich ist eingeklemmt zwischen drei große Gegner: das Unbewußte, das von der sexuellen Seite her, mit den Drüsen kommandieren will; das Über-Ich, das immer sagt: "Du sollst nicht' oder "Du sollst"; und die Außenwelt.

"Ich habe nun meiner Ansicht nach die Entdeckung einer vierten Instanz gemacht. Diese vierte Instanz scheint sich erst um das 50. Jahr herum zu bilden. Zu der Zeit werden zwei Instanzen entscheidend geschwächt: das Unbewußte, weil ihm durch das Klimakterium seine stärkste Waffe langsam entzogen, aus der Hand genommen wird, nämlich die Sexualität, mit der es das Ich ja gewaltig quälen und kommandieren kann.

"Außerdem erweist sich bei Ausnahmenaturen, bei höher begabten Naturen, daß die Gebote des Über-Ich hohl sind, das heißt, daß die Ideale, von Eltern und Erziehern ihm aufgenötigt und als Vorbilder vorgehalten, in Wirklichkeit gar keine so guten Ideale sind. Aus diesen beiden Bestandteilen entwickelt sich die vierte Instanz, die dem Ich nun entscheidend zu Hilfe kommt. Es ist eine humorstische Instanz. Sie verfügt über den Wortschatz des Unbewußten und benützt ihn im witzigen und künstlerischen Sinn. Ich bilde mir ein, ein großer deutscher Humorist zu sein."

"Der Mensch von der vierten Instanz", habe ich gefragt, "wäre also in. der Lage, Etyms zu sprechen und sich so über sein Unbewußtes und Über-Ich lustig zu machen?"

SCHMIDT: "Das sowieso. Das ist aber nicht die eigentliche Absicht. sondern die Absicht ist die: Si "können jetzt mit einer Textlinie drei bis vier Meinungen, Bedeutungen zum Ausdruck bringen. "Nun ist leider die Lage so, daß das bedeutendste Stück dieser Gattung, "Finnegans Wake', nach Freud geschrieben worden ist, und daß sich also die Psychoanalytiker einbilden könnten, sie seien die eigentlichen Erfinder und Initiatoren dieser Methode. Das Ding ist nicht so. Die älteren Stücke haben die Engländer geliefert, eines davon ist der "Tristrani Shandy" von Sterne. Oder der wunderbare "Humphrey Clinker" von Smollett, der die Etyms auch schon bewußt einsetzt. Dann Lewis Carroll mit "Sylvie and Bruno. Die waren alle vor Freud. Es muß den Herrschaften "an der Psychoanalyse ja einmal bedeutet werden, daß sie nur die Huhiforin liefern. Und was nützt mir ein leerer Büstenhalter, ich bin lieber für die Füllung. Die liefern wir Schriftsteller.

"Übrigens, die Bücher, die ich Ihnen genannt habe, die sind alle Ende 40, Anfang 50, entstanden. Da treten nämlich bei diesen Leuten auch schon die ersten klimakterischen, die Impotenz-Erscheinungen auf. Sie werden auch sehen, daß in den meisten dieser Stücke die große Impotenz-Klage verborgen ist. Aber die Beherrschung der Etyms entschädigt dann für vieles. Wer über die Etyms verfügt, kann alles sagen. Alles, was dem Menschen überhaupt möglich ist und was ihm interessant ist und auf viele Jahrtausende interessant sein wird."

"Herr Schmidt, bei Ihren Kollegen und Zeitgenossen ist seit Jahren eine fortlaufende Reduktion des Textes zu erkennen. Die Leute schreiben immer weniger. Sie hingegen ..."

SCHMIDT: "Ja, ich werde immer umfangreicher. Und das ist nicht greisenhafte Geschwätzigkeit, so alt bin ich ja nun auch nicht. Ich sorge aufgrund meiner sehr schönen Arbeitsweise und Arbeitstechnik dafür, daß meine Bücher materialreich sind. Sie können "Zettels Traum" zehnmal lesen, und Sie werden immer wieder Neues darin finden, was Sie vorher noch nicht gesehen haben. Was stünde nicht in "Zettels Traum"!"

"Herr Schmidt, der Roman form wird neuerdings wieder mal eine sehr große Skepsis entgegengebracht ..."

SCHMIDT: "Die ist das Unberechtigtste, was man sich so ungefähr vorstellen kann. Skepsis sollte allen anderen Literaturformen gegenüber herrschen, nicht dem Roman. Nein, der Roman hat noch gar nicht richtig angefangen. Wenn ich noch einmal ein solches Stück in den Handel bringen sollte, dann ein Vier-Spalten-Buch. Dieser "Lilienthal' -- er wäre vielleicht etwas umfangreicher als "Zettels Traum. Aber ich trau mich nicht recht. Das muß ich mir noch überlegen."

"Sie sagen, Ihr "Lilienthal' würde vielleicht noch umfangreicher. Können Sie das vorher so genau berechnen?"

SCHMIDT: "Wenn ich ein Buch anfange, mit der Niederschrift beginne, dann sind schon die Zettelkästen da. Ich habe dann schon 60, 70, 80 Prozent und kann sagen, wieviel Seiten das Dings bekommt. Ob es 350 bekommt oder 450, das weiß ich ganz genau, allerdings mit einer Unsicherheitsrelation von plus-minus fünf Prozent.

"Ich bereite jetzt einen neuen Roman vor. "Die Schule der Atheisten'. Ich bin jetzt erst soweit, daß ich einen Zettelkasten habe. Wenn ich zwei habe, kann ich mit der Niederschrift beginnen, das wird im Spätherbst der Fall sein. Aber ich kann jetzt schon sagen, es werden so ungefähr zwischen 300 und 400 Seiten, mehr auf die 400 zu."

"Herr Schmidt, Sie präparieren sich für "Die Schule der Atheisten', Sie denken bereits an "Lilienthal', Denken Sie auch noch an "Zettels Traum"?"

SCHMIDT: "Das kann kein Mensch von mir verlangen. Das ist ja auch ein Fehler, den leider die liebenswürdigsten Leser begehen. Die sehen jetzt "Zettels Traum' erscheinen und kommen freudestrahlend vors Haus und wollen sich mit mir unterhalten. Und sie wundern sich dann immer furchtbar, daß Ich nichts mehr davon weiß und wissen will. In die meisten meiner Bücher habe ich nicht mehr hineingesehen, nachdem sie fertig waren. Eine solch zehrende Niederschrift ist derartig scharf und giftig, daß man verrückt wird, wenn man sich nachher noch damit beschäftigt."

"Herr Schmidt", habe ich gesagt, "Sie sind in einer Zeit der Sprach-Reduktionen und -- Zertrümmerungen der einzige, der die große Form wahrt. Und Sie sehen, was den Roman betrifft, offenbar sehr optimistisch in die Zukunft."

SCHMIDT: "Sie müssen aus meiner Aufzählung der wenigen Schriftsteller, die die Etyms beherrschten, schon gespürt haben, daß wir nicht In zu kleinen Zeiträumen denken dürfen. Gewiß, Sterne und Smollett waren noch relativ dicht beieinander. Aber dann kam ein großer Hopser von über hundert Jahren bis hin auf Carroll. Und dann kam wieder ein Hopser von 40, 50 Jahren bis zu Joyce. Und bis zu mir sind's halt auch schon wieder 30 Jahre."

"Zettels Traum" ist da. Ich werde ihn lesen. Aber auch rezensieren? Dies auf jedn Phall: phil späht=er.


DER SPIEGEL 17/1970
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