20.04.1970

LUFTFAHRT HANNOVER-SCHAUSchrott versteckt

Steigflug hatten sich die bundesdeutschen Flugzeugbauer stets erhofft, seit die Bundeswehr aufgerüstet wurde und die Manager von Rhein und Ruhr wieder die Welt bereisen. Aber auf der Luftfahrtschau, die am Donnerstag dieser Woche in Hannover beginnt, sind die traditionsstolzen Firmen augenfällig mit Lücken und Ladenhütern vertreten.
Die westdeutsche Luftfahrtindustrie, die sich nur zögernd zu marktstarken Konzernen formiert, wurde mit einigen Milliarden Mark Steuergeldern unterstützt. Aber der größte Teil der Förderungsgelder wurde entweder verzettelt oder in aufwendige Entwicklungen gesteckt, die am Ende doch nicht zum Serienbau führen werden.
So hatte Bonns erstes Luftwaffen-Inspekteur, General Josef Kammhuber, eine komplette Senkrechtstarter-Luftflotte in Auftrag gegeben -- als Waffe für den Gegenschlag nach einem Atomangriff. Wenn alle Beton-Pisten längst von Raketen und Bombenteppichen zerfetzt worden wären, sollten diese VTOL (vertical take-off and landing)-Maschinen sich ohne Anlauf aus Waldlichtungen und Seitenstraßen erheben. Doch keiner der Prototypen wird nun noch in Hannover zu sehen sein -- der kostspielige Schrott bleibt versteckt:
* Mit einer halben Milliarde Mark Steuergeldern wurde der VTOL-Jäger VJ 101 beim Entwicklungsring Süd als Ersatz für den Starfighter konzipiert; der Prototyp X 2 durchbrach als erster Senkrechtstarter der Welt die Schallmauer. Gegenwärtig steht das Versuchsmodell in der Messerschmitt-Bölkow-Blohm-Werft Manching bei Ingolstadt, flugunklar.
* Mit einer viertel Milliarde Mark Steuergeldern wurde der VTOL-Transporter Do 31 bei Dornier als Ergänzung zum konventionellen Düsentransporter Transall entwickelt; die neueste Version stellte im vergangenen Jahr fünf Flug-Weltrekorde auf. Dieser Prototyp ist derzeit in seinem Hangar bei München eingemottet.
* Für insgesamt nahezu Dreiviertel Milliarden Mark haben die Vereinigten Flugtechnischen Werke Fokker in Bremen (in einem häufig schleppend finanzierten Programm) den VTOL-Kampfaufklärer VAK 191 als Ersatz für die Fiat G-91 konstruiert; er soll am Freitag dieser Woche zum erstenmal aus der Halle gerollt werden -- in Bremen. Nach dem Flugerprobungsprogramm wird die Maschine, von der ursprünglich eine Serie von 400 bis 500 Stück geplant war, ebenfalls ins Museum abgestellt.
Denn General Johannes Steinhoff, der 1966 das Luftwaffen-Chefzimmer auf der Bonner Hardthöhe bezog, ist am VTOL-Konzept nicht länger interessiert. Er traut wirksame Verteidigung der Bundesrepublik auch Maschinen zu, die wenigstens 300 Meter Rollstrecke benötigen. Vor allem aber will er die Nation, nach dem Starfighter-Debakel, vor einem Luftwaffen-Desaster schon zu Friedenszeiten bewahren -- alle bisher entwickelten Senkrechtstarter sind kompliziert und nur mit hohem Aufwand zu warten.
Versäumt haben allerdings die bisherigen Bundesregierungen, die teuren militärischen Projekte wenigstens für den zivilen Bedarf auszumünzen. Gegenwärtig fehlt sogar die vergleichsweise geringe Summe, um den VTOL-Transporter Do 31, der eventuell zu einem zivilen Passagier- und Frachtflugzeug weiterentwickelt werden soll, in Hannover neuerlich vorzuführen; Verteidigungs- und Wirtschaftsministerium schieben sich vorerst die Initiative für mögliche Anschlußaufträge gegenseitig zu.
Freilich, auch etliche rein zivile Projekte, die bislang von Bonn gefördert wurden, haben sich auf dem Weltmarkt nur schwer einführen lassen oder wurden bereits wieder eingestellt.
So konnten von dem ersten bundesdeutschen Reise-Jet HFB 320 "Hansa", mit 80 Millionen Mark Steuerhilfe von der Hamburger Flugzeugbau GmbH entwickelt, in sechs Jahren lediglich 40 Maschinen verkauft werden. In derselben Zeit fanden britische und französische Firmen für ihre zivilen Düsenflugzeuge gleicher Größe mehrere hundert Kunden. Ausgleich der Entwicklungskosten aber wäre bei dem deutschen Hansa-Jet erst mit der Stückzahl 150 erreicht.
Noch weniger Fortüne hatten die den Förder-Topf aufteilenden Ministerialbeamten bei der Auswahl eines Sportflugzeuges, das nicht nur die Standardmaschine der Aero-Clubs, sondern Schulflugzeug der Lufthansa hatte werden sollen. Die Wahl fiel auf das Muster Siat 223 der Siebeiwerke ATG in Donauwörth.
Das Wirtschaftsministerium investierte zwei Millionen Mark, um deutsche Jugend wieder in einem deutschen Flugzeug in die Luft zu bekommen (87 Prozent aller in der Bundesrepublik zugelassenen Sport- und Reiseflugzeuge stammen aus den USA, aus Großbritannien, Frankreich und der Tschechoslowakei). Es entstand ein häßlicher Vogel, "den niemand haben wollte" (so das Wirtschaftsmagazin "Capital"); die Produktion wurde mittlerweile gestoppt.
Erst neuerdings ist besseres Kalkül zu erkennen. So liegen für das bei den Vereinigten Flugtechnischen Werken in Bremen bis zur Bauphase entwickelte Kurzstreckenflugzeug VFW 614 schon 39 feste Ordern vor. Wahrscheinlich können aus diesem Projekt öffentliche Förderungsmittel wieder zurückfließen.
Und auch der europäische Airbus für 250 bis 300 Passagiere, in den die Bundesregierung 900 Millionen Mark investierte, scheint auf eine Lücke im internationalen Markt gezielt. 60 Optionen auf diesen Mini-Jumbo sind registriert; um die Vertriebsrechte in Nordamerika bemüht sich die renommierte Firma Lockheed.
Freilich ist weder die VFW 614 noch der Airbus bis zum Prototyp gediehen. Die Luftfahrtschau-Besucher werden sich mit Attrappen begnügen müssen.

DER SPIEGEL 17/1970
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LUFTFAHRT HANNOVER-SCHAU:
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