20.04.1970

FESTSPIELE / ALVAREZ-FILMEHaß in Energie

Er schleudert Filme, dieser David, und sein Goliath ist der Yankee; der kubanische Filmregisseur Santiago Alvares, 50, ist Fidel Castros bester Cinemarxist.
Im Montagefilm "L.B.J." bringt er den bekannten Texaner in ein Stück mit schießfreudigen Cowboys, Hitlersehen Exekutions-Pelotons und einem Dschingis Khan aus Hollywood; zum Schluß verbrennt ein Mensch.
In "Now" montiert er Photos und Filme von Rassen-.Bataillen mit Nazi-Paraden und Ku-Klux-Klan-Monstrositäten zu einem furiosen Pamphlet; zum Schluß fetzt eine Maschinenpistole den Aufruf "Now" (jetzt) auf die Leinwand.
Im Dokumentarfilm "Hanoi, 13. März" erzählt er zärtlich vom vietnamesischen Alltag und seiner Arbeitswelt. Dann kreischen US-Phantoms über den Himmel und machen die Idylle zum Inferno. "Wir verwandeln Haß in Energie", hämmert ein Zwischentitel ein.
Letzte Woche, beim internationalen Kurzfilmfestival von Oberhausen, lief für Deutschland die bislang umfangreichste Retrospektive des kubanischen Kinos. Und Santiago Alvarez, ein freundlicher, aber unerbittlicher Mensch, stand der Oberhausen-Jury als Präsident vor.
Alvarez ist Direktor der Wochenschau- und Kurzfilmabteilung im kubanischen staatlichen Filminstitut (Icaic). Die polemische Gnadenlosigkeit seiner Filme, ihr Elan brutal erscheint begreiflich: den Kubanern steht der böse Yankee stets vor Augen.
Um die Blockade aufrechtzuerhalten, erzählte Alvarez, kauften die Amerikaner Sperrminoritäten europäischer Firmen, die nach Kuba liefern wollten. Und wer von einem Havana-Hotelturm aufs blaue Meer spähte, könne auch US-Spionageschiffe orten; was dort an Bord geplaudert wird, hört Kuba allerdings auch mit.
Im revolutionären Kuba wiederholt sieh, in mancherlei Hinsicht, die Situation der frühen Sowjet-Union -- nicht nur darin, daß die Suche nach einem "Sozialismus für radikale Touristen", wie Trotzki damals frotzelte, lyrische Marxisten ins Land bringt; wie im Rußland Eisensteins und Dsiga Wertows erlebt heute in Kuba der Film seine erste Maienzeit.
Alvarez war zum erstenmal in der Bundesrepublik. Was ihm hier auffiel, sagte er, sei der "Enthusiasmus der Jugend"; sein eigener Enthusiasmus läßt die meisten Zwanzigjährigen senil erscheinen.
Er nennt sich, als Dokumentar-Filmer, einen "Abenteurer", der stets "an der Front" stehe und das Risiko liebe; die dritte Welt, vor allem, hat er bereist. "Jeder Revolutionär ist optimistisch", sagt er, und er ist so etwas wie ein permanenter Revolutionär.
Alvarez entstammt der kubanischen Mittelklasse, studierte Medizin und Philosophie und lernte früh die Yankees kennen. Er reiste, entgegen Vaters Rat, nach New York, kam mit fünf Dollar In der Tasche an und verbrachte die erste Nacht in einem Asyl, wo Betrunkene grölten und er nicht die Hand vom Koffergriff nehmen konnte." Ich weinte die ganze Nacht", sagt er.
Er arbeitete als Tellerwäscher In New York, als Bergmann in Pennsylvania, und in den USA fielen ihm erstmals die Schriften Karl Marxens In die Hand. Wieder in Kuba, schloß er sich der kommunistischen Partei an, wurde unter Batista eingekerkert und gefoltert, und nach Castros Sieg saß er zum erstenmal an einem Schneidetisch: "Ein großes Erlebnis."
Er lernte das Filmen beim Filmen, sagt er. Ein Jahrzehnt lang hat er nun, in Dokumentar-Montagen und über 500 Wochenschauen, Zeitgeschichte reportiert; selten hat ein Land die Mythologie und Chronik seiner Revolution ausgiebiger im Bilde festgehalten.
Freilich: nicht in Interessenloser Objektivität. "In dieser Welt der Gewalt können wir nicht objektiv sein", sagt Alvarez. Und: "Ich will niemanden über meinen Standpunkt im unklaren lassen." Er versteht seine Filme als "Pamphlete, wie Eisensteins "Panzerkreuzer Potemkin' ein Pamphlet ist".
Alvarez ist ein Guerrillero des Agitprop. Er will die "tarzanhafte Omnipotenz amerikanischer Generale satirisieren", und fünf Tage legte er sich auf die Lauer, um eine polemische Szene vom Flottenstützpunkt Guantánamo zu schießen, den die Amerikaner immer noch auf Kuba halten.
"Wir haben leider nicht die Atombombe", sagt Alvarez, "unsere Bombe ist der Film." Die Großfiguren der eigenen Seite werden darob nicht zu Heroen stilisiert. Von Ho Tschi-minh, den Alvarez drei Stunden lang interviewte, tritt zunächst nur eine sanfte Sandale ins Bild, und Castros Staatsauftritte sind zuweilen mit aller Komik festgehalten:
Er streicht sich wilhelminisch den Bart, schiebt sich, unverkennbar Rechtsanwalt, hahnenhaft in Positur, und beim Zuckerrohr-Hacken kann man dann auch seine zerschundenen Finger sehen. Von Che Guevara, sagt Alvarez, habe er "nur wenig Material: Che war allergisch gegen das Filmen".
In der Oberhausen-Jury, die ob scharfer Diskussionen über politisch-ästhetische Probleme der Preisverteilung beinahe auseinanderbrach, mußte Alvarez, der erste Cine-Propagandist seines Landes, Prinzipielles verteidigen: Nicht die Tendenz allein entscheide, sagte er, sondern auch die Qualität der Filme. Alvarez: "Ein Revolutionär muß gute Arbeil leisten." Und, völlig begreiflich: "Der größte Künstler ist Fidel Castro."

DER SPIEGEL 17/1970
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