20.04.1970

SCHRIFTSTELLER / LEW GINSBURGPolitische Leichen

Noch im vorigen Jahr hatte der sowjetische Schriftsteller Lew Ginsburg, 48, sich gemüht, den "bezaubernden deutschen Volkshumor" des Peter-Weiss-Stücks vom "Herrn Mockinpott" ins Russische zu übertragen.
Jetzt, 1970, versteht er keinen Spaß mehr mit dem Autor, der bislang "gut genug war, Ginsburg ansehnliche (Übersetzer-)Honorare kassieren zu lassen und ihm Auslandsreisen zu ermöglichen" ("Süddeutsche Zeitung"):
In der Moskauer "Literaturnaja gaseta" verdammte Ginsburg das jüngste Weiss-Werk "Trotzki im Exil" als eine "Beleidigung aller wahren Kommunisten" und bezichtigte den Verfasser der "Verleugnung schriftstellerischer und menschlicher Ethik".
Das Trotzki-Drama -- unlängst in Düsseldorf uraufgeführt und von deutschen Theaterkritikern durchweg verrissen -- enthalte, so schrieb Ginsburg, "eine Vielzahl von historischen Übertreibungen, falschen Dokumenten und Pseudozitaten"; es sei, wie übrigens auch schon Weissens Vietnam-Stück, "in der Retorte seines Schematismus gezeugt" und ärgerlich ermüdend; es sei dazu angetan, mit der "finsteren Renegatenfigur" Trotzki "Verwirrung und Chaos in die ungefestigten Gehirne der jungen westlichen "Linken" zu bringen", und überdies nur Wasser auf die Mühlen der Strauß, Kiesinger und Thadden.
Ginsburg: "Weiss verzapft einen Mischmasch aus Trotzkismus, Maoismus, Antisowjetismus und Marcuseismus ... Es gibt Gründe anzunehmen, daß Weiss den Theatern seinen Trotzki mit voller Absicht im Lenin-Jahr 'untergejubelt' hat."
In einem achtseitigen "Offenen Brief an Lew Ginsburg" hat Weiss inzwischen auf diese Vorwürfe geantwortet: Mit seinem Versuch, das unter Stalin verzerrte Trotzki-Bild zurechtzurücken, so schreibt der Dramatiker, habe er Lenin im Lenin-Jahr durchaus angemessen geehrt.
Die journalistische Verfolgung und Hinrichtung des Peter Weiss, dargestellt in der "Literaturnaja gaseta" ausgerechnet unter Anleitung seines früheren Übersetzers und Freundes Lew Ginsburg, befremdete nicht nur westliche Leser.
Bei einem Empfang, den Heinrich Böll, wieder einmal zu Gast in der Sowjet-Union, am 1. April im Moskauer "Haus des Schauspiels" gab, bemerkte der "FAZ"-Korrespondent Hermann Pörzgen, wie der spät kommende Ginsburg von russischen Kollegen geschnitten wurde: "Schließlich tauchte auch der Übersetzer Lew Ginsburg in diesem Kreis auf. Aber keiner gab ihm die Hand" -- am Abend des Tages, an dem Ginsburgs Weiss-Schelte erschienen war.
Zwölf Tage später wurde der Moskauer Literat, der sich auch als Übersetzer Schillers, Heines, Brechts und Enzensbergers ausgezeichnet hat und gelegentlich gern betont, kein Kommunist zu sein, selber zum Bescholtenen: Am Montag letzter Woche beschuldigte die parteiamtliche "Prawda" Ginsburg einer journalistisch-ideologischen Fehlleistung -- wegen seiner Reportagen über ehemalige Nazi-Größen, die Ende letzten Jahres in der Moskauer Literaturzeitschrift "Nowy mir" erschienen waren.
In diesen Berichten, die unter dem Titel "Jenseitige Begegnungen" nun auch deutsch in der Zeitschrift "Sputnik" (März-Heft, Belser-Verlag, Stuttgart) nachzulesen sind, -- hatte Ginsburg aus den Erfahrungen einer Reise in die Bundesrepublik, 1968, unter anderem Besuche bei Baldur von Schirach, Hjalmar Schacht, Albert Speer und der Schwester Eva Brauns geschildert.
Obwohl Ginsburgs Schilderungen der nötigen Kritik nicht ermangelten, fanden sie an hoher Stelle keinen Anklang. Die Darstellung solcher "politischer Leichen", so urteilte jetzt der Vize-Propagandachef des ZK Anatolij Dmitrjuk in der "Prawda", helfe keineswegs "das Wesen des Faschismus zu entlarven", sie rieche vielmehr nach "übler Sensationsmache".
Dmitrjuk: "Wozu das alles? Auf diese Frage ist schwer zu antworten."
Das Verdikt des Spitzenfunktionärs trifft freilich nicht Ginsburg allein -- es muß, nachträglich, auch noch den inzwischen abgelösten liberalen "Nowy mir"-Chefredakteur Alexander Twardowski treffen, unter dessen Ägide Ginsburgs "Jenseitige Begegnungen" schließlich angenommen und gedruckt worden waren.
"Ja, die Schicksale Rußlands", so hatte Lew Ginsburg in seiner Abrechnung mit dem Trotzki-Stück von Peter Weiss geschrieben, "die Schicksale Rußlands sind hin und wieder für einen oberflächlichen Verstand nicht zu begreifen." Ja.

DER SPIEGEL 17/1970
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