20.04.1970

TECHNIK / KASSETTEN-FERNSEHENStaub in der Spule

Die erste Epoche des Fernsehzeitalters geht ihrem Ende entgegen". verkündete Dr. Helmut Jedele, Generaldirektor der Münchner Bavaria-Atelier-Gesellschaft: Schon in naher Zukunft werde sich der TV-Konsument sein Bildprogramm nach eigenem Belieben zusammenstellen können -- mit Hilfe von Fernseh-Kassetten.
Rascher als noch vor kurzem erwartet, naht die neue TV-Ära; ein Erdrutsch im bundesdeutschen Wirtschaftsgefüge kündigte die neue Epoche an: Die Allianz der beiden mächtigen Kommunikationskonzerne Bertelsmann und Springer-Verlag eröffnete nahezu unvermittelt den Kampf um Startpositionen und Monopole im "Multimilliarden-Dollar-Geschäft" des Kassetten-Fernsehens (so das britische Wirtschaftsblatt "International Management").
Nach der Beteiligung des Bertelsmann-Verlags beim Branchen-Giganten Springer hat jetzt auch die Elektronik-Industrie ihre Entwicklungsarbeiten für das Kassetten-Fernsehen jäh beschleunigt, Die Techniker laborieren einstweilen noch an der Aufgabe, eine widerstandsfähige, möglichst oft abspielbare Fernseh-Kassette und dazu ein handliches Abspielgerät zu entwickeln -- und zwar zu so niedrigen Kosten, daß die Geräte zum Massenartikel werden können.
Am Dienstag letzter Woche veranstaltete die Bavaria-Atelier-Gesellschaft auf ihrem Filmgelände in Geiselgasteig erstmals eine umfassende Kassetten-Schau -- eine Demonstration aller derzeit in der Bundesrepublik verfügbaren Verfahren, mit denen Filmaufnahmen gespeichert und auf den TV-Schirm übertragen werden können.
Beunruhigt von der Aussicht auf künftige Konkurrenten, hatten auch die deutschen Fernsehanstalten Beobachter nach München entsandt, darunter die Intendanten Werner Hess (Hessischer Rundfunk) und Christian Wallenreiter (Bayerischer Rundfunk).
Doch was die Elektroniker in der abgedunkelten Halle auf Bildschirme und Leinwand projizierten, vermochte den Fernsehleuten keine Furcht einzuflößen. Keiner der Konservenfilme erreichte in der Bildqualität den Standard des gewohnten Fernsehangebots.
Bislang, so wurde in München offenbar, konnten die Ingenieure ein Kardinalproblem der Kassetten-Elektronik noch nicht zufriedenstellend lösen: die Aufgabe, möglichst viele Informationen auf extrem kleinem Raum unterzubringen (jedes Fernsehbild wird aus einigen hunderttausend einzelnen Bildpunkten mosaikartig zusammengesetzt).
Die vom technischen Standpunkt konventionellste Lösung dieses Problems ist
* das "Super 8"-Schmalfilmverfahren -- das Bild (und eine zusätzlich aufkopierte Tonspur) wird auf herkömmlichem 8-Millimeter-Schmalfilm aufgezeichnet. Nach dem gleichen Abtastverfahren, mit dem die Fernsehanstalten etwa Spielfilme in Fernsehbilder umsetzen, verwandelt das Abspielgerät die auf dem Film gespeicherten Helligkeits- und Farbwerte in elektronische Impulse, die dann in das Bildschirmgerät gespeist werden.
Bei den Vorführungen in München erwies sich das "Super 8"-Verfahren allerdings als noch nicht völlig gereift: Auf dem Bildschirm zerflossen gelegentlich rote oder blaue Farbflächen wie Tinte auf dem Löschpapier.
Die Techniker bemühen sich deshalb, die elektronische Abtastvorrichtung so zu verbessern, daß sie eine farbgetreue Wiedergabe möglich macht. Noch in diesem Jahr will beispielsweise die Bremer Firma Nordmende den Prototyp eines zuverlässigen "Super 8"-Geräts vorstellen. Auf der Kassetten-Schau der Bavaria wurde der Preis für das Gerät auf 4700 Mark geschätzt (einschließlich Farbfernsehgerät).
Nicht von der klassischen Filmtechnik, sondern von der elektronischen Bildaufzeichnung, wie sie in TV-Studios benutzt wird, wurde ein anderes Kassetten-Verfahren hergeleitet: > die Magnetbandaufzeichnung -- Bild und Ton werden, wie beim konventionellen Tonband und beim Ampex-Verfahren der Fernsehstudios, magnetisch aufgezeichnet und wiedergegeben.
Zahlreiche Firmen, darunter Philips, Grundig, AEG-Telefunken und Blaupunkt, arbeiten daran, das Magnetband in Kassetten zu zwängen und die Abspielgeräte weiter zu vereinfachen. Philips will Kassettenrecorder in etwa zwei Jahren zum Preis von 2000 bis 2500 Mark anbieten.
Bei der Demonstration in München freilich lieferte ein Magnetaufzeichner (voraussichtlicher Preis: 2000 Mark) allenfalls unscharfe Bilder. Auf dem Bildschirm zerrann eine Tabelle, wie sie beim Schulfernsehen verwendet werden muß, in einem nicht mehr zu entziffernden Zahlen-Wirrwarr.
Doch nicht nur unscharfe Bilder, auch die hohen Kosten für die Bild-Bänder erweisen sich als Nachteil des Magnetband-Verfahrens: Wie das "Institut für Rundfunktechnik" ermittelte, kosten zwei unbespielte Bänder mit einer Laufzeit von zusammen einer Stunde etwa 200 Mark.
Demgegenüber will die japanische Sony Corporation schon 1971 einen "Color Videoplayer" nach dem gleichen Verfahren für 1300 Mark und eine 90-Minuten-Kassette für 75 Mark auf den Markt bringen.
Vier Wochen nach der ersten Vorführung in den USA steigt am Donnerstag dieser Woche in Stuttgart die deutsche Farb-Premiere für
* das EVR-Verfahren ("Electronic Video Recording") -- eine Kombination aus elektronischer Aufzeichnung und herkömmlichem Filmmaterial. Schmalfilme werden optisch belichtet: Ein extrem dünner elektronischer Abtaststrahl überträgt dabei im Vakuum die Helligkeitswerte eines Objekts auf besonders feinkörnigen Film. Auf die gleiche Weise wird das aufgezeichnete Bild im Abspielgerät in elektronische Hell- und Dunkelsignale zurückverwandelt und -- Punkt für Punkt, Zeile für Zeile -- auf den Bildschirm übertragen.
Das elektronenoptische EVR-Verfahren, von der amerikanischen TV-Gesellschaft "Columbia Broadcasting System" (CBS) entwickelt, ermöglicht es, besonders viele Informationen auf kleinem Raum unterzubringen. Auf dem 8,75 Millimeter breiten EVR-Filmstreifen liegen zwei Bildspuren sowie je eine Magnettonspur nebeneinander -- jedes einzelne Bild ist nur 3,3 mal 2,5 Millimeter groß (auf jedem Quadratmillimeter Photomaterial lassen sich jedoch 600 000 Bildpunkte speichern). Diese Kapazität würde ausreichen, so errechnete EVR-Spezialist Dr. Peter C. Goldmark, alle Seiten der Bibel und des Korans komplett auf einem einzigen Band zu speichern.
Allergisch allerdings reagierten Filme des EVR-Verfahrens bei der Münchner Schwarzweiß-Vorstellung auf Staubpartikel -- immer wieder tanzte weißes Korn auf schwarzen Flächen.
Für die Herstellung der Kassetten sowie für die Vergabe von Gerätelizenzen gründete CBS zusammen mit dem britischen Chemiekonzern Imperial Chemical Industries und dem Schweizer Pharmakonzern Ciba eine Dachorganisation ("EVR-Partnership") in London. Eine EVR-Gerätelizenz für die Bundesrepublik erwarb die Robert Bosch GmbH in Stuttgart. Die ersten marktreifen EVR-Abspielgeräte will Bosch 1971 vorstellen -- zu einem geschätzten Preis von 2000 Mark.
Wenige Monate nach der ersten öffentlichen EVR-Demonstration in Amerika stellte der mächtigste CBS-Konkurrent, die "Radio Corporation of America" (RCA), im Herbst letzten Jahres ein technisches Alternativprogramm vor, die
* "Selectavision" -- das am wenigsten ausgereifte, aber zugleich auf lange Sicht zukunftsträchtigste Kassetten-Verfahren; zum erstenmal wird dabei die moderne Laser-Technik für die Heim-Elektronik genutzt. Die Bildsignale werden als sogenanntes Laser-Hologramm auf Trägermaterial aus Kunststoff-Folie eingekerbt -- und gleichfalls von einem Laserstrahl wieder abgetastet.
Der Meterpreis für das robuste, sogar schmirgelfeste Kunststoffband würde nur Pfennige betragen. Ein mit 30 Minuten Programm bespieltes Band wird nach RCA-Schätzungen nicht mehr als 35 Mark kosten, das Abspielgerät nur etwa 1500 Mark.
Freilich, zu welchen Preisen am Ende bespielte Fernseh-Kassetten auf den Markt kommen werden, ob sie überwiegend verkauft oder nach Art von Lesezirkelmappen ausgeliehen werden, ob etwa durch Einschaltung von Werbung in die Kassetten-Programme der Abgabepreis gesenkt werden kann -- all das ist derzeit noch ungewiß wie die Frage, welches der Verfahren sich auf breiter Front durchsetzen wird.
"Die Zeitbombe tickt", so umschrieb der Branchendienst "Film-Telegramm" die gegenwärtige Stimmung auf dem Kassetten-Markt -- der einstweilen nur in den Hirnen der Kaufleute existiert.
Obwohl die Münchner Konserven-Show die vorläufigen Schwächen der Kassetten-Technik offenbarte -- sie enthüllte zugleich die Entschlossenheit mächtiger Firmengruppen, sich den neuen Markt doch zu erobern.

DER SPIEGEL 17/1970
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