20.04.1970

Otto KöhlerWAHNSINNIG WUNDERVOLL

Einst, so verrät Meyers Konversations-Lexikon von 1889, waren Sibyllen geheimnisvolle Jungfrauen, die "in wilder Entzückung wahrsagen und beim Volk im höchsten Ansehen standen". Heute gibt es nur noch eine Sibylle. Sie heißt mit bürgerlichem Namen Anneliese Friedmann" ist Herausgeberin der Münchner "Abendzeitung" und wahrsagt für den "Stern". Doch sie ist ebenso beliebt und -- leider auch -- ebenso rätselhaft wie ihre altertümlichen Vorgängerinnen.
Als die sechziger Jahre ausbrachen, empörte sich Sibylle über das "Suffragettentum" von "ehrgeizigen alten Weibern im Parlament" und beteuerte: "Mir sind Männer lieber, und das nicht nur in der Politik. Ich lasse mich von ihnen lieber operieren und frisieren. Ich habe sie beim Dirigieren lieber und beim Regieren." Der Grund: "Ich will durchaus nicht nur auf eigenen Füßen stehen, solange ein Mann in der Nähe ist, der mich auf Händen tragen könnte."
Pünktlich zum Dezenniumsende aber jubelte Sibylle über die "wilden, wahnsinnig wundervollen sechziger Jahre". Denn diese tollen Jahre "machten uns Frauen wahrhaft frei",
weil sie das Jahrzehnt waren, in dem der Mann die Macht teilte: "Er teilt sie mit der Frau, teilt sogar gern."
Das war freilich so nur wahr bis ins erste Vierteljahr des neuen Dezenniums. Am letzten Donnerstag stieß Sibylle auf ein Federvieh, das erst herbeipiepsen will, was sie schon für vollendet hielt: "O süßer Vogel der Gleichberechtigung, wie singst du laut in diesem Frühling." Sie stellte die Männerfrage: "Was trällert da die kleine Frau?" Und zwitschert die Antwort: "Es ist kein Liebeslied, ihr Herren, kein zartes Gezwitscher." Dem Mann, der nach Sibylles früherer Weisheit längst und gern die Macht mit der Frau geteilt hat, schmetterte sie jetzt entgegen: "Wir haben es satt, die Dummen zu sein, die Dienenden immer und ewig."
Recht so! Doch wie kam Sibylle die Wahrheit, daß Frauen gar nicht so frei und gleichberechtigt sind, wie sie es ihnen noch zum Jahreswechsel wahrsagte?
Die Kunde kam aus weiter Ferne. Die Mitarbeiterinnen des US-Nachrichtenmagazins "Newsweek" fühlen sich aufgrund ihres Geschlechts diskriminiert und haben keine Lust mehr, selbst die langweiligsten Recherchen machen zu müssen, während die männlichen Redakteure die schönsten Geschichten schreiben dürfen. Ja, aber ist die Seherin Sibylle so blind, daß ihr entgeht, wie es in nächster Nähe nicht besser ist. Beim "Stern" etwa oder beim SPIEGEL, wo man die wenigen Redakteurinnen noch immer wie exotische Tiere bestaunt, die eigentlich nicht ins Haus gehören.
Oder ist Sibylle auch heute gar nicht so auf Gleichberechtigung erpicht, wie es zu Beginn ihrer Kolumne erscheint? O doch, sie stimmt in den Ruf ein: "Laßt uns die Männer töten, dann sind wir endlich frei." O nein, sie macht am Ende -- der "Stern" hat mehr männliche als weibliche Leser -- die Demutsgebärde: "Verschonen laßt uns nur den Mann, in dessen Arm aller Freiheits- und Gleichheitsdrang von selbst verfliegt, weil es sich nirgendwo so süß und sicher ruht."
Ach Sibylle, nein, so können wir nie gleichberechtigt werden! Sibylle hatte schon recht, als sie vorhersagte, sie werde im neuen Jahrzehnt "öfter und öfter" das Gefühl haben, "jemanden zu narren".
So narrt uns Sibylle immer wieder. Da entdeckt sie, daß heutzutage die Frau um Vierzig nicht mehr zu resignieren braucht. Beispiel: Jacqueline Onassis und Gracia Patricia -- "beide noch schöner als früher, beide vibrierend vor Lust am Leben". Doch dann meldet sich Sibylles kritischer Verstand: "Vierzig ist auch die Frau mit dem grauen Gesicht, den schwer gewordenen Hüften", die Kinder großgezogen hat, sich in Haushaltsnöten, in Geldsorgen verbrauchte. Schlußfolgerung: keine. Denn ihre Kolumne ist betitelt "Vierzig ist fabelhaft".
Und so schiebt Sibylle diesen Einwand beiseite, als hätte sie ihn nie gehört, und endet mit der Frohbotschaft, die Frau von Vierzig "braucht sich unter keiner Last zu beugen, auf keine Liebe zu verzichten". Denn alles -- fein -- ist nur Willenssache, "weil keine Frau besser leben kann als heute die von vierzig Jahren, wenn sie es nur will". Ja, ihr abgehärmten Frauen von Vierzig, die ihr euch den Luxus leistet, 1,20 Mark für den "Stern" auszugeben, dreht dreimal am Ehering, wünscht euch -- aber fest genug! -, daß ihr schön und gepflegt seid wie Jackie, dann seid ihr es auch.
Was sagte Sibylle einmal? "Schreiben ist vor allem Nachdenken!" Wie wahr, Sibylle, wie wahr.

DER SPIEGEL 17/1970
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