10.10.1962

SCHACHER IM SCHACH

Das abgekartete Spiel der Russen

Von Fischer, Bobby

Das internationale Kandidatenturnier, das diesen Sommer in Curacao ausgetragen wurde, hat mir eines klargemacht: Die Russen haben das Weltschach derart unter Kontrolle, daß es keinen ehrlichen Wettbewerb um die Weltmeisterschaft mehr geben kann.

Der vom Weltschachbund (Fédération Internationale des Echecs) festgelegte Austragungsmodus bewirkt, daß stets ein Russe Weltmeister sein wird. Denn nur ein Russe kann das Kandidatenturnier gewinnen, in dem der Herausforderer ermittelt wird*.

Die Russen haben das so eingerichtet. Soweit die Sache mich angeht, können sie es dabei belassen: Ich werde nie mehr an einem dieser Turniere teilnehmen.

Man hat mir gesagt, das sei ein schwerwiegender Entschluß, denn er bedeute die Aufgabe aller Hoffnung, jemals den Weltmeistertitel zu gewinnen. Die Wahrheit aber ist, daß weder ich noch irgendein anderer Spieler aus einem westlichen Land den Titel gewinnen kann, solange das gegenwärtige Spielsystem beibehalten wird. Mithin handelt es sich gar nicht um einen Entschluß, der schwer zu fällen, wohl aber um eine Entscheidung, die schwer zu erklären ist.

Das liegt in dem Umstand begründet, daß alles, was ich - oder irgendein anderer westlicher Spieler - über die Vorherrschaft der Russen im Weltschach sage, sich zwangsläufig wie ein Alibi dafür ausnehmen muß, daß ich die Russen im Turnier von Curacao nicht geschlagen habe. Jeder Verlierer, der zu erklären versucht, warum er den Weltmeistertitel nicht gewinnen kann, oder der sich über das System ausläßt, das es uns unmöglich macht, mit den Russen unter gleichen Voraussetzungen zu kämpfen, scheint sich wie der Fuchs zu gebärden, der die Trauben - weil sie zu hoch hängen - als zu sauer verschmäht. Man sagt denn auch, ein paar Siege (über die Russen) würden ja schon genügen, die Vorherrschaft der Russen im internationalen Schach zu brechen.

Nun, ich weiß das besser. Ich begann vor elf Jahren Schach zu spielen, als ich acht Jahre alt war. 1959 qualifizierte ich mich für das Kandidatenturnier, das damals in Jugoslawien ausgetragen wurde. Der Gewinner sollte gegen Botwinnik um die Weltmeisterschaft spielen. An dem Turnier nahmen acht Spieler teil. Vier davon waren Russen. Ich wurde fünfter - hinter den vier Russen.

In den folgenden drei Jahren bis zum nächsten Kandidatenturnier spielte ich gegen die Russen bei jeder Gelegenheit, die sich mir bot. In diesen Zwischenturnieren schlug ich sämtliche russischen Spieler, denen ich in Jugoslawien gegenübergesessen hatte (und die ich in Curacao wiedertreffen sollte), oder ich placierte mich vor ihnen - so in Stockholm, wo ich das Turnier mit 2 1/2 Punkten Vorsprung gewann, oder in Bled (Jugoslawien), wo ich die vier Russen mit 3 1/2 zu 1/2 Punkten schlug. Das heißt, ich gewann drei von den vier Spielen, die ich gegen die Russen in diesem Turnier austrug, und spielte einmal unentschieden.

In den Jahren 1959 bis 1962 aber wurde die Herrschaft der Russen über das Kandidatenturnier viel deutlicher als zuvor. In Curacao mutete die Sache geradezu abscheulich an. Die Russen arbeiteten unverhohlen zusammen. Sie einigten sich im vorhinein, untereinander remis zu spielen **. Und mit jedem Remis schanzten sie einander einen halben Punkt zu. Der Gewinner des Turniers, Petrosjan, sammelte auf diese Weise 5 1/2 von insgesamt 17 1/2 Punkten.

Hinzu kam, daß sich die Russen während der Spiele berieten. Wenn ich gegen einen von ihnen antrat, so beobachteten die anderen mein Spiel und kommentierten meine Züge auf eine Weise, die meinem Gegner nur förderlich sein konnte. Die Russen arbeiteten als Team.

Das gegenwärtige Dilemma im internationalen Schach geht zurück auf das Ende des Zweiten Weltkrieges. Im März 1946 starb der damalige Weltmeister Alexander Aljechin in Lissabon, und es gab keine eindeutige Prozedur zur Ermittlung seines Nachfolgers. In den alten Tagen hatten die Weltmeister selbst entschieden, gegen wen sie ihren Titel verteidigen wollten. Das war wohl etwas unfair, denn man konnte jahrelang einem starken Herausforderer ausweichen.

Dieser Mißstand hing mit der Geldfrage zusammen: Wenn man nicht genug Geld aufzubringen vermochte, konnte man auch keinen Weltmeisterschaftskampf bekommen. Das mag zuweilen ungerecht gewesen sein, aber zumindest war es logisch. Heute kann man überhaupt nicht zu einem Weltmeisterschaftskampf kommen, ob man nun Geld oder was auch immer aufbietet.

Ich selbst wäre jederzeit bereit, gegen Michail Botwinnik, den gegenwärtigen Weltmeister, unter Bedingungen anzutreten, die er bestimmen könnte: Ort, Zeitpunkt und Einsatz. Ich würde sogar so weit gehen, ihm in einem 24-Punkte -Match einen Vorsprung von zwei Punkten zu geben. Es ist nicht Hochmut, wenn ich sage, daß ich in einem solchen Wettkampf mühelos Sieger bleiben würde. Es ist einfach so: Botwinnik ist schon zu lange Weltmeister; seine Herrschaft wurde durch den Austragungsmodus verewigt; er hat nicht mehr das Kaliber eines Weltmeisters.

Das Turnier zur Ermittlung von Aljechins Nachfolger hatte 1948 in Moskau stattgefunden. Fünf Spieler nahmen daran teil, darunter drei Russen. Botwinnik gewann und wurde Weltmeister, aber er siegte mit einem sehr knappen Vorsprung - gewiß nicht so groß, daß man glauben konnte, er und die anderen Russen hätten jegliche Konkurrenz für alle Zeiten überflügelt. Botwinniks Vorsprung wäre sogar noch knapper ausgefallen (oder gar verschwunden), wenn nicht ein anderer Russe, Paul Keres, sämtliche Partien gegen Botwinnik verloren hätte.

So erhob sich von Anfang an die Frage, ob nicht das zahlenmäßige Übergewicht der Russen in den Kandidatenturnieren ausschlaggebend sein würde. Aber Kritik wurde anfangs kaum laut. Immerhin wurden schon 1953 Vorwürfe erhoben, die Russen manipulierten die internationalen Turniere derart, daß der Weltmeistertitel im Lande bleiben müsse. So schrieb die amerikanische Zeitschrift "Chess Review" über das Kandidatenturnier von 1953: "Unbestreitbar haben die Russen ein Komplott geschmiedet, um die westliche Konkurrenz auszuschalten."

Das Hauptargument: Der Sieg eines Russen im Kandidatenturnier sei gar nicht mehr zu verhindern, sobald es - im kritischen Stadium des Turniers - den Russen "ratsam erscheint, denjenigen sowjetischen Spieler kollektiv zu unterstützen, dessen Aussichten mittlerweile besser sind als die seiner Landsleute". Das sei überhaupt nicht zu verhindern, da die Russen sämtliche Spiele untereinander remis ausgehen lassen oder ihre Partien dem stärksten sowjetischen Spieler schenken könnten, sobald ein Spieler aus einem anderen Land bedrohlich aufrückt.

Die "New York Times" schrieb damals in einem Leitartikel, das System zur Ermittlung eines Weltmeisterschafts-Herausforderers habe "möglicherweise eine geheime Absprache der sowjetischen Spieler bewirkt, einem Mitglied des eigenen

Teams zum Sieg zu verhelfen". Das war vor neun Jahren. Ich war damals zehn Jahre alt. Ich glaube nicht, durch die Wiedergabe dieser Zitate in die Rolle des Fuchses zu geraten, dem die Trauben zu hoch hängen.

In den folgenden Jahren vermochten die Russen dieses System noch zu verfeinern. In Curacao waren fünf Russen unter den acht Spielern. Der frühere Weltmeister Michail Tal, der gerade von einer Nierenoperation genesen war, wurde während des Turniers krank und schied aus, um sich einer Krankenbehandlung zu unterziehen. An den Bemühungen des russischen Teams hatte er keinen Anteil.

Die übrigen vier Russen pflegten im Turnierzimmer des Interkontinental -Hotels zu erscheinen, nachdem sie den Nachmittag mit Schwimmen verbracht hatten. Sie vertrödelten etwa eine halbe Stunde am Schachbrett, machten rasch ein paar Züge, tauschten so viele Figuren ab wie irgend möglich und boten dann einander Remis an. "Nitschja?" (unentschieden) fragte der eine. "Nitschja", antwortete der andere. Dann erledigten sie die Turnierformalitäten und gingen Essen oder wieder Schwimmen.

Wir spielten an vier Tagen der Woche (vier Partien). Zwei weitere Tage waren für den Abschluß der Partien reserviert, die an den voraufgegangenen Tagen nicht zu Ende hatten gespielt werden können (Hängepartien). Ich spielte an jedem Tag des Turniers. Praktisch hatte ich eine Sechs-Tage-Woche.

Die Russen aber, sofern sie unentschieden spielten, vereinbarten das Remis frühzeitig, noch ehe die reguläre Spielzeit zu Ende war. So spielten sie nur vier Tage in der Woche.

Kam eine Woche, in der sämtliche vier Russen gegeneinander - unentschieden - spielten, waren sie praktisch nur zwei Tage am Brett. Geller und Petrosjan einigten sich in ihrer ersten Partie nach 21 Zügen auf Remis. In der zehnten Runde trafen sie wieder aufeinander. Diese Remis-Partie dauerte 18 Züge. In ihrer nächsten Partie brachten sie es auf nur 16 Züge. Im letzten Treffen einigten sie sich nach 18 Zügen.

Xeres und Petrosjan spielten bei ihrer ersten Partie in 17 Zügen unentschieden, bei ihrer zweiten in 21 Zügen, bei ihrer dritten in 22 Zügen und beim letzten Zusammentreffen in 14 Zügen. In dieser letzten Partie überzogen sie die Sache: Sie einigten sich auf Remis, als offensichtlich war, daß Petrosjan gewonnen haben würde, wäre das Spiel weiter gegangen:

Wie aus der Zeichnung (siehe oben) ersichtlich, ist der weiße König (Keres) in der Mitte des Feldes eingeriegelt und der Damen-Flügel hoffnungslos geschwächt. Schwarz muß in wenigen Zügen gewinnen, völlig gleichgültig, was Weiß auch unternimmt. Ein weiterer Zug würde diese Situation klar ersichtlich gemacht haben. Doch vor diesem Zug einigte man sich auf Remis. Oder nehmen wir Geller und Keres. Sie spielten bei ihrer ersten Partie in 27 Zügen remis, bei ihrer zweiten in 17, bei ihrer dritten in 22 und bei ihrem letzten Spiel in 15 Zügen.

Bei Viktor Kortschnoi, dem vierten Mitglied des sowjetischen Teams, ist der Sachverhalt verwickelter. Während der ersten Hälfte des Turniers spielte auch er gegen die anderen Russen jedesmal unentschieden. Dann wurde eine Ruhepause von fünf Tagen eingelegt, die wir auf der Insel St. Martin verbrachten.

Die vier Russen standen zu diesem Zeitpunkt Kopf an Kopf an erster Stelle, und man sprach schon davon, daß mit Beginn der zweiten Hälfte des Turniers einer der vier sicherlich gegen die anderen verlieren würde.

Was immer auch bei den Besprechungen der Russen auf St. Martin geschehen war - Tatsache ist, daß Kortschnois Spiel unmittelbar darauf abrupt zusammenbrach. Er verlor drei Spiele hintereinander, erst gegen Geller, dann gegen Petrosjan und schließlich gegen Keres. Dann, in der letzten Runde, einigte er sich auf ein rasches Remis mit Geller, spielte auch mit Keres unentschieden und verlor wiederum gegen Petrosjan.

Hatten sich die Russen rasch auf Remis geeinigt, verzichteten sie mitunter darauf, wieder Schwimmen zu gehen. Sie begannen, unbekümmert mein Spiel zu analysieren, während ich noch am Brett saß. Nun ist es regelwidrig, das Spiel eines Turnierteilnehmers zu erörtern, solange die Partie andauert. Mein Russisch ist nicht das beste, aber man kann mir glauben, daß sie nicht vom Wetter sprachen. Sie sagten etwa, dieser Zug sei gut oder jener sei schlecht - auf russisch natürlich.

Wenn sich eine dieser Debatten unmittelbar vor uns abspielte, konnte es geschehen, daß mein Gegner aufstand und an der Erörterung teilnahm, sobald er gezogen hatte. Auch wenn der Rat, den sie erteilten, oft schlecht war zu viele Schachköche können ein Spiel verderben -, war das ärgerlich.

Und es machte mich verrückt, daß sie glaubten, sie könnten das einfach machen. Ich protestierte bei den Offiziellen, mußte aber erkennen, daß sie tatsächlich damit durchkamen. Ich beschwerte mich noch einige Male, doch mittlerweile war der Vorsprung der Russen so groß geworden, daß sie keine Befürchtungen mehr zu haben brauchten. Sie stellten ihre Praktiken dann auch ein.

Jemand fragte mich einmal: "Was haben Sie bei diesem Turnier gelernt?" Ich antwortete: "Ich habe gelernt, an keinem mehr teilzunehmen." Es ist Zeitverschwendung für jeden Spieler aus dem Westen. Die gegenwärtig gültige Methode, einen Herausforderer für den Kampf um die Weltmeisterschaft zu ermitteln, ist sowohl dem Schach als auch den Schachspielern als auch dem Standard der Schachweltmeisterschaft abträglich.

Die Öffentlichkeit hat längst das Interesse an jedem Titel verloren, der auf diese Art erworben wird. Es kann sein, daß auch die Schachspieler das Interesse daran verlieren. Das gilt jedenfalls für mich, und zwar für alle Zeiten.

* Als Kandidatenturnier wird die Endausscheidung der weltstärksten Schachspieler bezeichnet. Der Sieger dieses Turniers hat das Recht, den Weltmeister (zu einem Wettkampf über 24 Partien) herauszufordern. Beim diesjährigen Kandidatenturnier auf Curacao wurde Bobby Fischer vierter hinter den Russen Tigran Petrosjan, Viktor Kortschnol und Paul Keres.

** Remis (französisch: unentschieden) endet eine Schachpartie, wenn keiner der beiden Spieler die Möglichkeit sieht, den König des anderen matt zu setzen. Die Spieler einigen sich von sich aus auf Unentschieden.

Schach-Champion Fischer (r.), Gegner Tal: Nie mehr ein westlicher Weltmeister

Russische Remis-Partie*: "Nitschja?" - "Nitschja!"

* Die Partie wurde beim diesjährigen Kandidatenturnier in Curacao zwischen den sowjetischen Spielern Keres und Petrosjan ausgetragen. Nach 14 Zügen einigten sich die beiden Spieler auf "Remis" (Unentschieden). Fischer weist darauf hin, daß Petrosjan (Schwarz) in wenigen Zügen hätte gewinnen müssen. Der weiße König sei in der Mitte des Feldes eingeriegelt und der Damen -Flügel hoffnungslos geschwächt.


DER SPIEGEL 41/1962
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.

DER SPIEGEL 41/1962
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

SCHACHER IM SCHACH