17.10.1962

BENNBlaue Blüten

Da wäre vielleicht eine Befreundung für Blau, welch Glück, welch reines Erlebnis", erkannte einst der Dichter-Arzt Gottfried Benn, als er autobiographisch sein "lyrisches Ich" analysierte.
Der Satz ist in einem Buch nachzulesen, das auf ungewöhnliche Weise eben jener Blau-Sympathie des 1956 verstorbenen Lyrikers huldigt: In einem jüngst erschienenen Auswahl-Band des Limes Verlages* hat Limes-Chef und Benn-Freund Max Niedermayer Texte von Benn auf weißem und - fast ausschließlich freundliche - Texte über Benn auf blauem Papier drucken lassen.
Mit dem preiswerten Paperback -Band, der seit kurzem auf der Bestsellerliste steht, will der Verlag jenen Benn-Interessenten, die keine 102 Mark für die inzwischen abgeschlossene vierbändige Benn-Gesamtausgabe aufwenden wollen oder können, wenigstens einen exemplarischen Benn-Digest vermitteln.
Schwarz auf Weiß: Benn-Verse und -Prosa, vom kunsttheoretischen "Gespräch" (1910) bis zum Gedicht "Kann keine Trauer sein" (1956). Schwarz auf Blau: Benn-Lob von 1912 bis 1962, von so verschiedenartigen Beurteilern wie beispielsweise Ernst Stadler, Carl Sternheim, Alfred Andersch, Friedrich Sieburg, Max Bense, Henry Miller, Walter Jens oder Reinhold Schneider.
Außerdem werden bisher unveröffentlichte Briefe von und an Benn bekannt gemacht, die - wie schon der früher erschienene Band "Ausgewählte Briefe"
- noch einmal die selbstironisch-pessimistische Koketterie des Briefschreibers Benn dokumentieren ("Nein, es braucht von mir nichts mehr irgendwo zu stehen u. wird auch nicht") und den Briefempfänger Benn in günstigem Licht erscheinen lassen.
"Die Verdummung in D'land ist unglaublich", tröstet beispielsweise 1949 der Literaturhistoriker Ernst Robert Curtius den Dichter, der damals nicht zuletzt wegen seiner zeitweiligen intellektuellen Kollaboration mit dem Nationalsozialismus literarische Anerkennung entbehren mußte. Curtius: "Aber ich kenne doch einige junge Leute, die einsehen, daß vor Ihrer Prosa alles verblaßt, was in den letzten 30 Jahren berühmt war. Das werde ich auch den Amerikanern sagen, wenn ich gefragt werde."
Im selben Jahr ermutigt der antimilitaristische Zeichner und Emigrant George Grosz von Amerika aus den Freund früherer Berliner Tage: "Will Dir nur sagen, daß Du für mich einer der größten lebenden Dichter bist ... das bist Du."
Benn selbst gefällt es hingegen manchmal, sein Licht unter den Scheffel zu stellen. So erklärt er etwa in einem Brief an Verleger Niedermayer 1949, warum er einige seiner früheren Verse, "die meinen eigentlichen Namen (den berüchtigten) begründeten", nicht neu gedruckt sehen möchte: "Die wollen wir lieber unterschlagen, darin wimmelt es nur so von Leichen und Huren und Syphilisquadrillen, daß es mir jetzt unfaßbar ist, daß so was jemals gedruckt und nicht konfisziert worden ist."
1950 antwortet er Niedermayer, der den autobiographischen Band "Doppelleben" mit einem Porträtphoto Benns illustrieren möchte: "Eine Fotografie würde ich eigentlich nicht wünschen, die sähe so familiär aus und so, als ob man auf Interesse rechnen könnte an dem Selbstdarsteller ... lieber die Visage vom Winde verweht und nebensächlich!"
Die Pro-Benn-Blütenlese wird schließlich noch durch mehrere Faksimile-Abdrucke ergänzt: handschriftlich-herzliche Widmungen, die Benn einst von solchen Kollegen empfing - zum Beispiel , 1926 von Johannes R. Becher ("Maschinenrhythmen"), 1927 von Bertolt Brecht ("Hauspostille"), 1937 von Klaus Mann ("Mephisto") -, die politisch von ihm differierten.
Als einzige negative Stimme - die jedoch indirekt auch nur für Benn spricht - wird in der blauen Dokumentation des Benn-Echos "Das Schwarze Korps" zitiert. Die SS-Gazette schrieb 1936 über Benns "Ausgewählte Gedichte": "Gib es auf, Dichter Benn, die Zeiten für derartige Ferkeleien sind endgültig vorbei."
Obgleich sich die gesammelten Widmungen und Lobsprüche für und auf Benn als späte politische Rechtfertigung des Dichters ausnehmen, möchte das der Herausgeber Max Niedermayer nicht wahrhaben.
Auch der Abdruck eines Briefes, in dem Benn 1946 gegenüber dem ehemaligen Ullstein-Prokuristen Johannes Weyl seinen "angeblichen Antisemitismus" bestritt - Benn: "Ich habe in den 35 Jahren meiner literarischen Tätigkeit 5mal Personen ein Gedicht, ein Buch oder dergleichen gewidmet. Von diesen 5 waren 4 jüdische Freunde" -, soll laut Niedermayer-Nachwort nicht etwa "Entlastungsmaterial - im Sinne des Spruchkammergeistes" beibringen, sondern nur für die "Position" des Dichters "in den dreißiger Jahren" zeugen.
Dem "heute etwas vermotteten" Spruchkammergeist, so bemerkt Limes -Verleger Niedermayer, fröne freilich nimmer noch hemmungslos" ein "unversöhnlich streitbarer Emigrant ... wenn er seine gehässigen, ja perfiden Angriffe gegen den toten Dichter führt, um ihn künstlerisch und menschlich zu 'erledigen'". Die Anti-Benn-Attacken dieses Schriftstellers, der großen Wert auf die Bezeichnung "Humanist" und "Moralist" lege, meint Niedermayer, seien durchaus den Benn-Beschimpfungen des "Schwarzen Korps" vergleichbar.
Gemeint ist offenkundig Hermann Kesten, der letzthin wiederholt - zum Beispiel in "Twen" - gegen den "Faschisten" Benn polemisiert hat.
Genannt wird Kesten aber nicht in Niedermayers Nachwort, sondern an anderer Stelle des Blauweißbuches - als Autor der Widmung "Gottfried Benn In Verehrung Hermann Resten", die Kesten in und mit einem Exemplar seines Romans "Der Scharlatan" Benn im September 1932 dedizierte.
* Gottfried Benn: "Lyrik und Prosa, Briefe und Dokumente". Limes Verlag, Wiesbaden; 260 Seiten; 11,80 Mark.
Dichter Benn
Photographie unerwünscht

DER SPIEGEL 42/1962
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