31.10.1962

EIN PHOTO VON STALINS OHRLÄPPCHEN

Über einen Ausflug mit Ernst Röhm, Berlin, 1931:
Wir speisten bei Peltzer, einem vorzüglichen Lokal in der Wilhellmstraße, in dem meine Freunde von der Botschaft gern und häufig verkehrten. Dann gingen wir ins Eldorado, eine etwas öde Tanzbar, in der es nach abgestandenem Zigarettenrauch, Seife und Schweiß roch. Die stark gepuderten und geschminkten Animierdamen waren sämtlich junge Männer, die sich mit Hilfe von Perücken, Gummibusen und tief ausgeschnittenen Abendkleidern als Mädchen verkleidet hatten.
Ich war ziemlich erstaunt, als eins dieser "Mädchen", ein großer Kerl mit einem vorstehenden Adamsapfel und einem blauschwarzen Kinn, das durch die Puderschicht schimmerte, sich uneingeladen an unseren Tisch setzte und mit Röhm über eine offenbar recht vergnügliche Party zu plaudern begann, die sie vor einigen Tagen gemeinsam mitgemacht hatten.
"Da haben Sie es, Herr Stabschef", sagte ich, sobald ,sie" uns verlassen hatte. "Keine weibliche Nutte würde so zu einem früheren Kunden kommen und sich in Gegenwart eines Fremden mit ihm über eine gemeinsam verbrachte Nacht unterhalten." Röhm, der gewöhnlich ganz offen und ohne jede Prüderie über seine Zufallsbekanntschaften sprach und es sogar genoß, wenn man Witze über seine "Schwäche" machte, war plötzlich eingeschnappt. "Ich bin nicht sein Kunde", sagte er vollkommen ernst. "Ich bin sein Kommandeur. Er ist einer von meinen SA -Männern."
Über die Reise des Hitler-Leibphotographen Heinrich Hoffmann nach Moskau, 1939:
Der Führer hatte sogar Stalin selbst im Verdacht ein Jude zu sein. Lange nach dem Krieg erzählte mir Heinrich Hoffmann, Hitlers lustiger alter "Hofphotograph", die Geschichte der geheimen Mission, mit der Hitler ihn betraut hatte, als Hoffmann Ribbentrop zur Unterzeichnung des deutsch-russischen Bündnisvertrags nach Moskau begleitete.
"Hören Sie zu, Hoffmann", hatte Hitler gesagt. "Ich möchte, daß Sie ganz nahe an Stalin herantreten. So nahe wie irgend möglich. Versuchen Sie, sein Ohrläppchen zu photographieren. Und wenn das nicht geht, sehen Sie sich das Ohr genau an. Ich möchte von Ihnen erfahren, ob Stalins Ohrläppchen angewachsen, also jüdisch sind oder frei und arisch. Es ist für mich sehr wichtig, das zu wissen."
Hoffmann erfüllte seinen Auftrag und kam mit einer großartigen, aus nächster Nähe gemachten Profilaufnahme von Stalin wieder. Sie beruhigte Hitler. Was sein Bündnispartner auch immer sein mochte, ein Jude war er nicht - wenigstens nicht nach dem Ohrläppchentest.
Über die erste Begegnung mit Otto John, England, 1944:
Ich traf John in einem der unzähligen Londoner Schulgebäude an, die während des Krieges beschlagnahmt worden waren. Dr. Otto John bewohnte hier allein einen Raum, der vor dem Krieg wohl das private Arbeitszimmer eines der Lehrer gewesen sein mußte. Es war eine dunkle, düstere Höhle. Doch etwas leuchtete selbst in dieser Dunkelheit: das Wasserstoffsuperoxyd von Dr. Johns Haar.
"Du lieber Gott!" dachte ich. "Hoffentlich ist das nicht wieder so einer!" Denn der Secret Service hatte mich bereits mit einem deutschen Diplomaten beglückt, der lange seidene Strümpfe trug. Ich hatte keine Lust, das Leben unserer kleinen Gemeinschaft zu komplizieren, indem ich dort noch ein weiteres Mitglied mit exotischen Geschmacksrichtungen einführte. Als man uns daher einander vorgestellt und dann allein gelassen hatte, waren meine ersten Worte eine sehr persönliche Frage im echten Beaverbrook-Stil.
"Bleichen Sie Ihr Haar regelmäßig, Herr Doktor? Die Farbe steht Ihnen gut!"
Otto John lachte. Ich war erleichtert, als ich dieses freie und offene Lachen. hörte.
"Ich hatte mein Haar und meine Augenbrauen schwarz gefärbt, als ich mich in Spanien vor der Gestapo verbergen mußte", sagte er. "Und jetzt gebrauche ich eine kleine künstliche Hilfe, bis mein Haar wieder zu seiner natürlichen Farbe zurückgefunden hat. Ich möchte nicht gern wie ein Zebra aussehen, wenn die schwarze Färbung auswächst."
Über einen Besuch in der Berliner Charite, 1946:
In dem säuberlich riechenden Halbdunkel des Krankenhauskellers standen an der weißgetünchten Wand zwei hölzerne, mit Salzlauge gefüllte Kübel. Der Wärter hob nacheinander die beiden Deckel ab, um mir zu zeigen, was darin war. Ich starrte entsetzt auf eine Sammlung von Menschenköpfen, die auftauchten und wieder untergingen, wenn der Wärter sie umrührte, wie Äpfel in einem Wassereimer.
Diese Köpfe, so erklärte der Wärter mir, waren den Hitler-Gegnern von den Scharfrichtern im gefürchteten Gefängnis Plötzensee bei Berlin abgeschlagen worden. Viele von ihnen hatten einst auf den Schultern von Deutschen gesessen, andere auf denen von Norwegern, Franzosen oder Polen. Es war, wie der alte Mann mir erzählte, in Plötzensee üblich gewesen, nach jeder Exekution die Köpfe an die Charité zu schicken, damit die Studenten sie im Anatomiesaal sezieren und an ihnen lernen konnten. Da jedoch damals mehr Köpfe an die Charité geliefert wurden, als man gebrauchen konnte, wurden die restlichen hier in den mit Salzlauge gefüllten Behältern aufbewahrt. Ja, wir könnten ihm glauben, die Studenten benutzten diese Köpfe noch Immer. Jawohl, meine Herren, obwohl Hitler und Himmler längst tot waren und ihr Drittes Reich nur noch eine häßliche Erinnerung.
Tatsächlich waren ein Jahr und drei Monate seit Hitlers Selbstmord vergangen.

DER SPIEGEL 44/1962
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