31.10.1962

„HEIDRUN, ICH GEHE ZUR ARMEE“

Im "Neuen Deutschland" veröffentlichte die Volks-Korrespondentin Heidrun Bernhard in der vergangenen Woche nachfolgende "alltägliche Geschichte über die Freundschaft junger Menschen".
Gestreifter Anzug mit eng an den Beinen knallenden Hosen, ein Kettchen um den Hals, kurzgeschorene Haare und eine weltmännische Miene
- das war Wolfgang. Wir lernten ihn
an einem Sonntag beim Tanz im Klub der Jugend und Sportler in Gera kennen. Jungen von seinem Schlag hatten meine Freundin Renate und ich bisher mit einer Handbewegung abgetan.
Wolfgang konnte nicht tanzen, jedoch verstand er es, mit viel Witz die ganze Gesellschaft am Tisch zu unterhalten. Sein Freund Berndt, der vierte in unserer lustigen Runde, war schon ein wenig "gesetzter". Beide gefielen uns allmählich.
Heimwärts habe ich mich allerdings mit Wolfgang bis zur Haustür in einem fort gestritten. Auf meine Frage nach seinem Beruf erfuhr ich, daß er Dreher in der Blema ist. "Furchtbar langweilig, alle Handgriffe kann ich bereits im Schlaf", erzählte er spöttisch.
"Wie steht es mit der Freizeitbeschäftigung?" setzte ich mein "Verhör" fort.
Außer für Kino und flotte Rhythmen, gelegentlich mal für ein spannendes Buch, hatte Wolfgang kaum Interessen.
Meine Fragen störten ihn. "Also bis jetzt fand ich dich ganz nett. Aber langsam reicht's. Können wir uns im Mondschein nicht über etwas anderes unterhalten?"
Beim Abschied haben wir Wolfgang und Berndt zu einem Vortrag über Kuba eingeladen. Die Reaktion war niederschmetternd. Die beiden johlten und schlugen sich auf die Beine. Kurz entschlossen ließen wir sie stehen.
An dem bewußten Mittwoch waren jedoch alle beide zur Stelle. Schriftsteller Horst Salomon plauderte über seine Erlebnisse in Kuba. Von Langeweile war keine Spur. Niemand war aufmerksamer als unsere beiden.
Auf dem Heimweg erwachte allerdings Wolfgangs Oppositionsgeist schon wieder. "Kein Wunder. Der Salomon hatte ein Parteiabzeichen am Jackett. Der muß ja von Kuba schwärmen."
Alles, was ich über Kuba und seine Entwicklung wußte, kramte ich hervor. Der Schluß meiner Lektion war: "Hast du es vergessen? Auch ich bin Kandidatin der Partei, Wolfgang." Er schwieg. Blinzelte nur auf meinen Jackenaufschlag.
Immer, wenn wir uns trafen, waren Streitgespräche solcher Art auf der Tagesordnung. In der ersten halben Stunde hörten wir Musik, übten Tanzen und waren albern. Meist endete der Abend jedoch mit politischen Meinungsverschiedenheiten. Schade. Wolfgang gefiel mir.
Einmal hatte ich gewagt, nach der FDJ in Wolfgangs Betrieb zu fragen. "Die schläft", kam es sarkastisch zurück. Auf die Aufforderung, sie zu wecken, tippten sich Wolfgang und Berndt an die Stirn.
Um den beiden Wirrköpfen zu zeigen, daß wir nicht nur reden können, organisierten wir einen gemütlichen Abend. Ich taufte ihn "Party". Das imponierte den beiden. Jeder half bei der Vorbereitung. Wolfgang fertigte mit viel Geschick Tischkarten an, Berndt sorgte für die Bowle. Natürlich hatten wir auch Gäste. Es waren erfahrene Genossinnen und Genossen, die ich gut kannte.
Die Bowle schmeckte vorzüglich. Flotte Rhythmen brachten uns in Schwung und angeregte Gespräche wurden geführt. Frisch von der Leber weg erzählte Wolfgang von sich und seiner Arbeit. Er spürte bald, daß hier Menschen waren, die für ihn und seine Probleme tiefes Verständnis fanden. Sie waren sogar Genossen... Mit einem Male war es nicht mehr langweilig, über Politik zu sprechen. Es wurde ein Abend, der sehr interessant war. Er stimmte Wolfgang in vieler Beziehung nachdenklich.
Tage darauf sagte Wolfgang bei einem Spaziergang völlig überraschend: "Wir sollen jetzt mal ein bißchen was los machen in der FDJ. Wir sind nämlich Funktionäre geworden in der FDJ -Leitung. Meinst du, - ich will ewig hinter dem Mond leben?" Meine Freude war groß, und ich kniff Wolfgang dafür kräftig in den Arm.
Es war einige Tage nachdem unser Grenzsoldat Peter Göring von Feinden ermordet worden war. Es gab wohl keinen Menschen guten Willens, den das kalt lassen könnte. Wolfgang hatte gründlich darüber nachgedacht. Sein Entschluß: "Heidrun, ich gehe zur Armee."
Dieser Abend wurde der schönste, seit wir uns kannten. Wir saßen noch lange bei einer Flasche Wein zusammen.
"Prost, Heidrun!", "Prost, Wolfgang!" - Wir wollen für immer Freunde bleiben.
Es wurden viele Pläne geschmiedet. Vorsätze gefaßt. Jeder war froh und zufrieden. Wolfgang sprach auch mit mir über seine Aufnahme in unsere Partei.
Er wird Genosse, ging es mir durch den Kopf. Ich mußte an unsere erste gemeinsame Begegnung denken. Einen weiten Weg hatte Wolfgang seit dieser Zeit zurückgelegt. Ganz nebenher, er ist unterdessen Kandidat unserer Partei geworden. Ich bin unheimlich stolz auf Wolfgang. Er hat auch ein Gedicht über Peter Göring geschrieben. Darin heißt es:
"Es ist das Blut eines jungen Genossen, der für den Frieden stand auf Wacht. Gedungene Mörder haben ihn erschossen, Banditen in Uniform es vollbracht."

DER SPIEGEL 44/1962
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 44/1962
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

„HEIDRUN, ICH GEHE ZUR ARMEE“

Video 02:04

Erster Bike-Trial-Weltcup in Berlin Die fliegenden Räder

  • Video "Südfrankreich: Mindestens 10 Tote bei Überschwemmungen" Video 00:49
    Südfrankreich: Mindestens 10 Tote bei Überschwemmungen
  • Video "Humanoid-Roboter: Atlas läuft Parkour" Video 01:22
    Humanoid-Roboter: "Atlas" läuft Parkour
  • Video "Atlantischer Wirbelsturm: Meterhohe Wellen treffen auf Madeira" Video 00:54
    Atlantischer Wirbelsturm: Meterhohe Wellen treffen auf Madeira
  • Video "Duell in Portugal: Rallye-Auto vs Mountainbike" Video 01:17
    Duell in Portugal: Rallye-Auto vs Mountainbike
  • Video "Axtwerfen: Trendsport für den gestressten Großstädter" Video 01:58
    Axtwerfen: Trendsport für den gestressten Großstädter
  • Video "Hindu-Tempel in Berlin-Neukölln: Elefantengott auf der Hasenheide" Video 03:10
    Hindu-Tempel in Berlin-Neukölln: Elefantengott auf der Hasenheide
  • Video "Ironman Hawaii: In Rekordzeit zum Heiratsantrag" Video 01:05
    Ironman Hawaii: In Rekordzeit zum Heiratsantrag
  • Video "Mögliche Koalition mit den Grünen: Die CSU widerspricht unseren Inhalten" Video 01:28
    Mögliche Koalition mit den Grünen: "Die CSU widerspricht unseren Inhalten"
  • Video "Mechanische Kakerlake: Der schwimmende Laufroboter" Video 01:04
    Mechanische Kakerlake: Der schwimmende Laufroboter
  • Video "Mitflug im Ultraleichtflugzeug: Der mit der Gans fliegt" Video 05:03
    Mitflug im Ultraleichtflugzeug: Der mit der Gans fliegt
  • Video "Roboterfinger fürs Smartphone: Jeder sagt, der sei gruselig" Video 01:34
    Roboterfinger fürs Smartphone: "Jeder sagt, der sei gruselig"
  • Video "DFB-Niederlage in Amsterdam: Irgendwann ist das auch kein Zufall mehr" Video 01:07
    DFB-Niederlage in Amsterdam: "Irgendwann ist das auch kein Zufall mehr"
  • Video "CSU-Spitzenkandidat Söder: Für die Macht ist er bereit, alles zu tun" Video 03:51
    CSU-Spitzenkandidat Söder: "Für die Macht ist er bereit, alles zu tun"
  • Video "Bayerns Grünen-Kandidatin Katharina Schulze: Die Frau ohne Berührungsängste" Video 04:45
    Bayerns Grünen-Kandidatin Katharina Schulze: Die Frau ohne Berührungsängste
  • Video "Bayern vor der Wahl: Granteln ja, hetzen nein!" Video 03:21
    Bayern vor der Wahl: "Granteln ja, hetzen nein!"
  • Video "Erster Bike-Trial-Weltcup in Berlin: Die fliegenden Räder" Video 02:04
    Erster Bike-Trial-Weltcup in Berlin: Die fliegenden Räder