31.10.1962

INVASIONDie längste Nacht

Klein wie ein Floh stand die Chansonette Edith Piaf auf der ersten Plattform des Eiffelturms und sang in einen Wald von Trikoloren: "Non, je ne regretterien" ("Nein, ich bereue nichts").
Scheinwerfer strahlten das alliierte Siegeszeichen, ein riesiges V (für "victory"), in den Pariser Nachthimmel. Nato-Truppen und französische Reitergarde hatten sich vor dem Palais de Chaillot formiert. Entmottete Sherman-Panzer waren aufgefahren. Feuerwerk umknatterte den Eiffelturm; die Leuchtkörper zerplatzten zu Buchstaben: "The longest day".
Paris zelebrierte - Ende letzten Monats - die Premiere des amerikanischen Invasionsfilms "Der längste Tag". Es wurde die längste Nacht: Wer nach der Premiere bei einem Festessen mit Tanz und Champagner der blutigen Ereignisse des 6. Juni 1944 (D-Day) gedenken wollte, hatte zugunsten französischer Ex-Widerständler 120 Mark Eintritt und 280 Mark für ein Gedeck zu entrichten. Botschafter und Generäle, Filmstars und Résistance-Veteranen kamen, um die filmische Rekonstruktion jener Schlacht zu feiern, die der "Völkische Beobachter" einst als "Anfang vom Ende" prophezeite.
Seit Ende vergangener Woche wälzt sich die Invasion auch über die Leinwände westdeutscher Lichtspielhäuser. Die Filmbewertungsstelle der Bundesländer in Wiesbaden hat das Kriegsgemälde, das von dem Produzenten Darryl F. Zanuck mit einem Aufwand von 40 Millionen Mark schwarz-weiß
gepinselt wurde, als "bewunderungswürdig" erkannt und mit dem höchsten Prädikat ("besonders wertvoll") ausgestattet. "Dank der vorzüglichen Leistungen" sei es gelungen,ein so komplexes, erregendes Ereignis wie die Invasion in der Gestalt eines Films nachzuvollziehen".
Es ist der Nachvollzug eines Nachvollzugs: Produzent Zanuck, jetzt Chef der Hollywood-Firma "Twentieth Century-Fox", hat sein Opus auf den gleichnamigen Bestseller des D-Day-Chronisten Cornelius Ryan gestützt. Der Titel entstammt einer Bemerkung des Generalfeldmarschalls Erwin Rommel, der im Frühjahr 1944 zu seinem Ordonnanz-Offizier sagte: "Glauben Sie mir, Lang, die ersten 24 Stunden der Invasion sind die entscheidenden, von ihnen hängt das Schicksal Deutschlands ab... Für die Alliierten und für Deutschland wird es der längste Tag sein."
Auf den Hauptmann Helmuth Lang war Autor Cornelius Ryan im Zuge der wohl umfangreichsten journalistischen Recherchen gestoßen, die je unternommen wurden: Der heute 41jährige Ryan - ein gebürtiger Ire, der in der Londoner Fleet Street volontierte, als Kriegsberichter alliierte Bombereinsätze mitflog, selbst an der Invasion teilnahm, später amerikanischer Staatsbürger wurde und für seine Reportagen über den Untergang der "Andrea Doria" und die Notwasserung einer Passagiermaschine im Pazifik mit dem Benjamin-Franklin-Preis ausgezeichnet wurde - hatte der Rekonstruktion des Invasionstages eine zehnjährige Forschungsarbeit gewidmet.
Er durchstöberte Archive und Bibliotheken, studierte Tausende von Akten, Feldpostbriefen, Tagebüchern, Kampfberichten, Dienstaufzeichnungen,
Meldeblöcken, Namens- und Verlustlisten aus britischem, amerikanischem und deutschem Besitz. Die Zeitschrift "Reader's Digest" finanzierte ihm eine weltweite Such-Aktion: In Hunderten von Zeitungsannoncen fahndete er nach Überlebenden der "Operation Overlord", wie Eisenhowers Einfall in die Normandie in den angelsächsischen Generalstäben genannt wurde.
Ryan sichtete 6000 Antworten und hatte nach drei Jahren mehr als tausend Veteranen ausfindig gemacht, die am 6. Juni 1944 Fuß auf französischen Boden gesetzt hatten. Er schickte ihnen umfängliche Fragebogen und verabredete schließlich 700 Interviews mit alliierten und deutschen Soldaten sowie französischen Widerstandskämpfern und Zivilisten. US-General Maxwell D. Taylor rekonstruierte ihm ganze Kampfphasen, die Witwe des Generalfeldmarschalls Rommel und der heutige Nato -General Speidel erzählten ihm Inside -Storys.
Endlich verwob er 383 Einzelberichte zu einer Iliade von 350 Seiten und versah sie mit einem durchlaufenden Kommentar, der - wie die "Neue Zürcher Zeitung" später fand - "den Ablauf der Ereignisse ordnet und mit einer... fast unglaublichen Klarheit darstellt". US-General Omar N. Bradley las Korrektur.
Ryans Buch entwickelte sich zum Bestseller, der in 16 Sprachen übersetzt wurde und damit zwangsläufig die Filmleute anlockte. Zunächst sagte der Autor die Filmrechte dem französischen Bardot-Film-Produzenten Raoul Levy zu; doch dann begann ihn Centfox -Zanuck zu beschwatzen.
Vergebens telegraphierte Ernest Hemingway an Ryan: "Tu's nicht, tu's nicht, tu's nicht." Zanuck schrieb einen Scheck über 175 000 Dollar (700 000 Mark) aus. Levy verzichtete, Ryan akzeptierte.
Zanuck versprach, Ryan dürfe das Drehbuch selbst verfassen. Da er es dem Chronisten aber an Aufwand und Genauigkeit nicht nur gleichtun, sondern ihn noch übertreffen wollte, verpflichtete er als weitere Autoren James Jones ("Verdammt in alle Ewigkeit") und Romain Gary ("Wurzeln des Himmels"). Dann heuerte er an:
- fünf Regisseure - Bernhard Wicki für die deutschen Episoden, Andrew Marton für die amerikanischen, Ken Annakin für die britischen und Gerd Oswald für die französischen Teilstücke, sowie Elmo Williams als "Koordinator der Kampfszenen";
- über 50 internationale Stars, darunter
John Wayne, Henry Fonda, Robert Mitchum, Mel Ferrer, Peter Lawford, Richard Todd, Richard Burton, Jean -Louis Barrault, Curd Jürgens,
Christian Blech, Gert Froebe, Peter van Eyck;
- 37 militärische und technische Berater,
darunter die Generäle Blumentritt (Deutschland), Gavin (USA), König (Frankreich) und Morgan (Großbritannien).
Dann ließ er - teils an den wirklichen Landeplätzen der Alliierten in der Normandie ("Omaha Beach"), teils an korsischen Gestaden - die Invasion noch einmal stattfinden und dabei mehr aufwenden, als jemals ein Schwarzweiß -Film gekostet hat. Die Aufnahmegruppen kurbelten mitunter an drei verschiedenen Plätzen gleichzeitig; Zanuck selbst inspizierte die hundertköpfigen Aufnahmestäbe vom Hubschrauber aus.
Er konnte dabei, wie das amerikanische Nachrichtenmagazin "Time" ausrechnete, die "neuntgrößte Militärmacht der Welt" befehligen: Auf einem Höhepunkt der Berlin- und Algerienkrisen war es ihm gelungen, 22 Einheiten der 6. US-Flotte, mehrere Tausend amerikanische Soldaten, tausend britische Fallschirmjäger und zweitausend französische Armee-Angehörige für die Kampfszenen zu rekrutieren. Er ließ Geschütze, Jeeps und Trucks aus dem Zweiten Weltkrieg entmotten, britische "Spitfire"-Jäger aufmöbeln und Lastensegler nachbauen. Zanuck: "Ich hatte es schwerer als Ike. Er hatte die Männer und die Ausrüstung. Ich mußte beides erst auftreiben."
Aber während Ike mit seinen Armeen den Atlantik-Wall bezwingen konnte und die "Operation Overlord" erfolgreich ausführte, blieb Zanuck mit seinen Heerscharen in den Fallstricken Hollywoods hängen: Sein Film erweist sich als ein maßlos tumultuarisches Spektakulum, in dem die Statisten umfallen wie in einem Wildwestfilm. Wohl verbreiten einige Szenen Entsetzen - etwa die Bilder von toten Fallschirmjägern, die huf Dächern liegen und in Baumkronen hängen -, doch insgesamt gilt, was der Pariser "Candide"-Kritiker so formulierte:. "Nichts weiter als noch ein Kriegsfilm."
Zwar: "Länger, grandioser als die anderen." Aber: "Das Sujet verschwindet hinter dem Star-Regen. Man verfolgt, wie John Wayne und Robert Mitchum gegen Curd Jürgens, Peter van Eyck und Christian Blech Krieg führen. Man fragt sich besorgt, ob Peter Lawford rechtzeitig Richard Todd zu Hilfe kommen kann "
Der knatternde Kuddelmuddel auf der Leinwand nimmt sich wie eine militante Show aus, die zudem mit branchenüblichen Klischees durchsetzt ist: Die Engländer sind schrullig, marschieren mit Dudelsack und im Pullover in die Schlacht. Die Amerikaner sind saloppe Draufgänger, die im Wildwest-Stil kämpfen und sterben. Die Franzosen zeigen sich glühend patriotisch und wirken durchweg zivil; die ehemalige Laufstegschönheit Irina Demich, bis vor kurzem nur Darryl Zanuck bekannt, posiert mit der Maschinenpistole als Heroine der Résistance und erledigt deutsche Soldaten im Catch. Die deutschen Offiziere schließlich sind so steif wie alle Hollywood-Preußen seit Erich von Stroheim.
Der aufwendig photographierte Film mag stets wahren Begebenheiten entsprechen - dem blutigen Chaos dieses Tages entspricht er nicht. Der amerikanische Soldat, der in Bernhard Wickis "Brücke"-Film mit zerschossenem Leib schreiend und sterbend vor der MG -Stellung von Hitler-Jungen liegt, verdeutlicht das Grauen des Krieges eindrucksvoller als Tausende, die bei Zanuck sterben.
Am längsten Tag fallen Alliierte wie Deutsche allesamt auf ansehnliche Weise: Sie sterben schnell und schmerzlos.
Autor Ryan
"Tu's nicht, tu's nicht, tu's nicht"
US-Invasionsfilm "Der längste Tag": Der Regisseur befehligte die neuntgrößte Militärmacht der Welt
Französische Widerstandskämpferin* in "Der längste Tag" "Ich bereue nichts"
* Irina Demich.

DER SPIEGEL 44/1962
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