07.11.1962

GRUPPE 47Wieder geklingelt

Die Handelsvertreter für Glas und Keramik, die Versicherungsmediziner und die Lebensmittel-Detaillisten hatten schleunigst ihre Berlin-Treffen abgesagt und blieben daheim.
Die "Gruppe 47" war unbeirrt und kam: Das Tamtam karibischer Weltkriegstrommeln sollte die Dichter nicht hindern, ihre Haut unverdrossen zum literarischen Markt zu tragen.
Während noch Kennedys Kuba-Wächter schießbereit auf den ersten sowjetischen Raketen-Frachter warteten, reisten am Donnerstag vorletzter Woche rund hundert Autoren, Kritiker und Verleger, fuhren polnische, englische und schwedische Gäste, Lektoren und Feuilletonchefs, Funkredakteure und Photographen zum Großen Wannsee in Westberlin, um Jahrmarkt zu halten und Jubiläum zu feiern. Der von Hans Werner Richter begründete Schriftstellerkreis (SPIEGEL 43/1962) zelebrierte seinen fünfzehnten Geburtstag.
Bei abendlichem Maschinengewehrfeuer vor ihrem Reiseziel - im Grunewald-Viertel übten Kennedys Berlin-Wächter Straßenkämpfe - bezogen die Literaten im "Alten Casino", einem leerstehenden Volkshochschulheim am Seeufer, das von Gruppenchef Richter und Lyrikprofessor Walter Höllerer gemachte Quartier.
Generöser Gastgeber war der Berliner Senat, der das ehemalige Luxushotel eigens für den Gruppenkongreß hatte renovieren lassen: Er spendierte den Barden, denen Berlin eine Reise und Autorenmesse wert war, drei Tage lang Herberge und Speisung.
Drei Tage lang und dann noch drei Tage länger, vom Morgen bis zum Abend und weiter bis in den nächsten frühen Morgen hinein, tagten geladene oder eben noch geduldete Gäste in rauchvernebelter Klausur und an flaschenbeladenen Tischen.
Auf dem sogenannten Elektrischen Stuhl offerierten 23 neue und ältere Autoren ihre Texte der Fachkritik, den Kollegen und den Mikrophonen des Übertragungswagens.
Auf Barhockern diskutierten sie erregt über die Kuba-Krise und über aktuellste Innenpolitik. Die kargen Pausen blieben für Mittagsschlaf oder für Pilgergänge zum nahen Selbstmördergrab des Dichter-Kollegen Heinrich von Kleist.
Bevor noch der Konvent im sonntagabendlichen Jubelfest kulminierte und bevor noch die Produzenten und Regisseure der Oberhausener Filmgruppe ("Papas Kino ist tot") zur anschließenden Tagung und zu Referaten über Filme und Dichter antraten, schien das Poeten-Hundert und sein Zenturione Richter vom Zuhören und Kritisieren, von literarischer, persönlicher und politischer Fehde, von Alkohol und Schlaflosigkeit hinreichend erschöpft, war aber auch hinreichend zufrieden.
Richter hatte zum erstenmal seit 1958 wieder Preiswürdiges bei der Dichter-Lese entdeckt und seine Gefolgschaft zur Wahl aufgefordert. Den bisher höchsten "Preis der Gruppe 47" - 7000 Mark - spendierten vierzehn westdeutsche Verleger.
Einen allzu frühen Preisgesang auf literarische Qualitäten unter den Gruppenautoren hatte Alfred Andersch bereits am ersten Lesetag angestimmt. Er attestierte freudig, es habe "endlich mal wieder in der Gruppe 47 geklingelt".
Was Andersch als wohltönendes Schellenläuten vernahm, klang zumindest zwei Zuhörerinnen derart sirenenhaft schrill, daß sie entsetzt den Saal verließen.
Die Jungautorin Gisela Elsner, die von Hans Magnus Enzensberger erst kürzlich in seinem Sammelband "Vorzeichen" für die deutsche Literatur entdeckt worden ist, debütierte, zur femme fatale stilisiert, auf Richters Elektrischem Stuhl mit dem drastischen Gruselmärchen "Das Achte".
Hauptfiguren der Erzählung sind sieben Kinder, die sich ihrer Eltern bemächtigen, sie aufs Ehebett fesseln und zu neuer - achter - Zeugung unter ihrer kindlich-ungerührten Zeugenschaft zwingen.
Dichter-Gattin Eva Schnurre nach beendetem Hörstreik zum Schriftsteller-Ehemann Wolfdietrich: "Das war so ekelhaft, ich konnte es nicht mehr ertragen."
Die Kritik urteilte nicht ganz so fassungslos, aber doch immerhin mit etlichem Unbehagen und einigem Zweifel an Anderschs kritischem Temperament.
Gisela Elsners "Achtem" jedenfalls blieb der achte "Preis der Gruppe 47" verwehrt. Verleger Ledig-Rowohlt freilich deutete das Vorzeichen anders und offensichtlich noch günstiger als Entdecker Enzensberger: Er möchte die kühne Elsner für seinen Verlag gewinnen.
Ohne Enthusiasmus registrierte die Kritiker-Garde auch die meisten übrigen Darbietungen. Die Gruppennovizen Jakov Lind ("Eine Seele aus Holz") und Karl Alfred Wolken ("Die Schnapsinsel") wurden ebenso gleichmütig verrissen wie die Altgardisten Franzjosef Schneider und Wolfgang Bächler. Lyriker Peter Rühmkorf über Bächlers Lyrik: "Ein Bombasmus gibt dem anderen die Zeile in die Hand."
Auch den literarischen Neulingen Reinhard Lettau, Jürgen Becker und Alexander Kluge, die mit etlichen Hoffnungen in das Dichter-Casino gekommen waren, wurde vom Schiedsgericht der Gruppe nur ungern Schreib-Talent zugebilligt.
Deutlichere Klingel-Signale hörten die Gruppenkritiker später aber doch noch aus dem Wortmaterial ihrer Forschungsobjekte heraus. So wurden ein Kapitel aus dem neuen "Hundeleben" -Roman von Günter Grass - das Buch soll im nächsten Jahr herauskommen - und die Gedichtpersiflagen des Stuttgarter Nachtprogramm-Chefs Helmut Heißenbüttel mit Hochachtung quittiert.
Die gedämpfte Landschaftslyrik des Ostberliner Verlagslektors Johannes Bobrowski, der als einziger DDR-Autor die Mauer hatte passieren dürfen, und die surreale Prosa des in Stockholm lebenden Peter Weiss ("Der Schatten des Körpers des Kutschers", "Fluchtpunkt") schienen den Autoren, Berufskritikern und Zuhörern schließlich sogar prämienreif.
Als Richter am Sonntagnachmittag zur Wahl rief, galt die Mehrheit der 73 Stimmen vorerst Bobrowski und Weiss, die Stichwahl entschied dann mit 43 gegen 30 Stimmen für den Autor aus Ostberlin, dessen Gedichtbände "Sarmatische Zeit" (1961) und "Schattenland Ströme" (1962) bei der Deutschen Verlags-Anstalt in Stuttgart herauskamen.
Die Wahl war frei und geheim: Eine Sympathiekundgebung für die Kollegen hinter dem Eisernen Vorhang war sie nicht. Grass: "Wäre das geäußert worden, hätte es ihn (Bobrowski) bestimmt den Preis gekostet."
Der achte Preisträger der Gruppe 47 konnte freilich erst zwei Stunden später über seine Auszeichnung unterrichtet werden: Bobrowski, der im Union-Verlag der Ost-CDU arbeitet, hatte für den Dichter-Wahltag von seinen Ostberliner Behörden keinen Passierschein bekommen. Lektor Klaus Wagenbach vom S. Fischer Verlag und Hans Magnus Enzensberger überbrachten dem 1917 in Tilsit geborenen Preisträger die Botschaft nach Berlin-Friedrichshagen in die Ahornallee.
Richters Damen und Dichter versammelten sich indessen im "Alten Casino" zu machtvollem Umtrunk, zu Marathon -Tanz und Poeten-Flirt. Im Smoking präsentierten sich Nachwuchsfilmer; Uwe Johnson, jungvermählt, präsentierte Ehefrau Elisabeth. Der Filmproduzent ("Kellerkinder") und Kleinkünstler Wolfgang Neuß war von den Dichtern begeistert: "Mit den Jungs könnte man großes Kabarett machen."
Das fünfzehnte Jahr wurde bei Bongo -Getrommel eher hemmungslos als ungehemmt und fast bis zur physischen Erschöpfung gefeiert. Am Montag folgten weitere Feste.
Schon am Morgen hatte Heinrich Maria Ledig-Rowohlt seine erschöpften Poeten-Freunde in die Bücherstube Schoeller am Kurfürstendamm zur Autogrammstunde und zum Katertrunk geladen. Vor den Fernsehkameras und den Blitzlichtern der Photographen signierten die Dichter ihre Bücher - und nicht immer nur ihre eigenen: Ledig-Rowohlt beispielsweise unterschrieb als Hans Werner Richter. Johannes Bobrowski, mit neuem Passierschein versehen, stellte sich in frischer Preisträgerwürde vor.
Am Abend erwartete die Akademie der Künste die völlig Erschlafften zu kaltem Büfett, neuen Getränken und Filmvorführungen. Das Treffen der Siebenundvierziger mit den Oberhausener Zelluloid-Revolutionären hatte schon am Nachmittag am Wannsee begonnen.
In der Akademie am Hansa-Viertel, wo Berlins Kultursenator Tiburtius empfing, gab es 130 Minuten lang "Notizen aus dem Altmühltal" (von Rolf Strobel und Heinz Tichawsky), "Brutalität in Stein" (von Alexander Kluge), "Kommunikation und Geschwindigkeit" (von Edgar Heiz) und andere Dokumentarfilme. Die Schriftsteller ließen müde diese deutsche Neue Welle über sich ergehen.
Auch die Referate im "Alten Casino" über Film und Literatur, über Filmhandwerk und Drehbucharbeit vermochten Richters Schreiber nicht mehr sonderlich zu wecken. Wohl versprachen die Produzenten und Regisseure der Oberhausener Gruppe Abhilfe gegen "die Tyrannis der Film-Verleihe" und - dem Vorbild der französischen Romanciers und Drehbuch-Verfasser Alain Robbe-Grillet ("Letztes Jahr in Marienbad"), Marguerite Duras ("Hiroshima, mon amour") und Jean Cayrol ("Muriel") nacheifernd - ein "Kino der Autoren".
Alexander Kluge: "Wir wollen nicht Zutaten addieren wie die Industrie, sondern produzieren wie ein Autor."
Doch die "Casino"-Autoren blieben skeptisch und waren bestenfalls zu gereiztem Zank mit Regisseuren und Schreib-Kollegen bereit.
Das Oberhausener Zukunftskino vermochte Richters entnervten Dichterrest - ein großer Teil der Autoren war bereits abgereist, andere schliefen sich aus oder spazierten ein letztes Mal zum Kleist-Grab - zumindest am Schluß der Berliner Großtagung nicht mehr nachhaltig zu reizen.
Daß sich Richters Autoren dennoch um ein "Kino der Autoren" bemühen, scheint allerdings, trotz böser Erfahrungen mit dem "Profit-Terror" der Filmindustrie ("Rote"-Autor Andersch), gewiß. Martin Walser, Heinz von Cramer und Hans Werner Richter arbeiten gegenwärtig an Drehbüchern.
Mit den "Oberhausenern" Strobel und Tichawsky fertigt Andersch den Film "Russisches Roulette". Grass verfilmt zusammen mit Hans Jürgen Pohland ("Das Brot der frühen Jahre") und dem Berliner Regisseur Walter Henn seine Novelle "Katz und Maus", und auch Ingeborg Bach-mann schreibt, beraten vom Hamburger - Fernsehspiel-Chef Egon Monk, eine Film-Version Ihres surrealistischen Hörspiels "Der gute Gott von Manhattan".
Die Kinematographien der deutschen Autoren sollen allesamt schon im nächsten Jahr gezeigt werden.
"Gruppe 47", Gaste im "Alten Ccsino"*: Jubiläum bei Kuba-Tamtam und Bongo-Getrommel
Preisträger Bobrowski, Rivale Weiss: Botschaft nach Ostberlin
* Von links: Klaus Röhler, Walter Höllerer, Alfred Andersch, Hans Werner Richter, Elisabeth und Uwe Johnson, Wolfgang Neuß.

DER SPIEGEL 45/1962
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