14.11.1962

„KRITIK MIT LANDESVERRAT GLEICHGESTELLT?“ ("Washington Post")

New York
Herald Tribune
Mit ihrer Aktion gegen den "Spiegel" offenbarten die Behörden ihre Absicht, ein Nachrichtenmagazin einzuschüchtern oder zu unterdrücken, das zum Hauptinstrument für politische Proteste und Untersuchungen in Westdeutschland geworden ist.
"Der Spiegel" hat die Regierung des Kanzlers Konrad Adenauer im allgemeinen und dessen Verteidigungsminister im besonderen eindrucksvoller und beharrlicher in Unruhe versetzt als irgendein deutscher Politiker es seit Kriegsende getan hat.
Dr. Adenauers Selbstherrlichkeit, sein Eigensinn und seine persönliche Förderung jener öffentlichen Meinung, die noch immer die Obrigkeit mehr als alles andere anbetet, haben dem Kanzler einen ungestörten politischen Weg während der 13 Jahre gesichert, in denen er das bedeutendste Amt des neuen Deutschland ausübte.
Und gerade weil der Kanzler niemals Kritik oder gar Auflehnung zuließ, waren die normalen Kanäle des parlamentarischen Protestes blockiert.
Stattdessen wandten sich Parlamentsabgeordnete des öfteren an den "Spiegel" - das furchtloseste Blatt, das je in Deutschland erschien ...
"Der Spiegel" ist politisch um so wichtiger geworden, je starrsinniger sich Dr. Adenauer im Laufe der Zeit gezeigt hat.
Der Artikel, der die Ereignisse auslöste, war der letzte einer Reihe von sorgfältig belegten Angriffen auf Herrn Strauß, der den bayrischen Ableger der Christlich-Demokratischen Union Dr. Adenauers leitet und von politischem Ehrgeiz erfüllt ist.
"Der Spiegel" hat ihn des Fehlurteils, der Mißwirtschaft und der Vernachlässigung der Landesverteidigung beschuldigt.
Es war hier (in Deutschland) letzte Woche deutlich zu spüren, daß von dem Zeitpunkt an, als die Bundespolizei in die Hamburger Räume des "Spiegel" eindrang, diese Aktion dem Verteidigungsminister zugeschrieben wurde. Man hält es für die Revanche von Herrn Strauß; obwohl dies geleugnet wird, besteht der Eindruck weiterhin.
Trotz der Anwesenheit von 50 Kriminalbeamten, drei Untersuchungsrichtern und sieben Staatsanwälten, trotz des Verlustes seiner Archive und der meisten Räume kam "Der Spiegel" in dieser Woche mit doppeltem Umfang und in einer mutig von einer halben Million auf 700 000 erhöhten Auflage heraus.
L'ESPRESSO
(Rom)
Die Verhaftung des "Spiegel"-Herausgebers Rudolf Augstein und einer Reihe seiner Mitarbeiter ... ist zweifellos der größte politisch-journalistische Skandal im Westdeutschland der Nachkriegszeit ... Mit der lärmvollen Aktion gegen die Wochenschrift, der man "Landesverrat" vorwirft, weil sie militärische Daten und Zahlen - die übrigens weithin bekannt sind - veröffentlicht hat, wollte Strauß einen Gegner mundtot machen, der ihm Tag für Tag unbequemer und gefährlicher wurde.
Daily Mirror
(London)
Aber er (Adenauer) hat sich getäuscht in der Einschätzung der Reaktion auf die "Spiegel"-Aktion. Für die Deutschen, die durch Berichte über das Wirken von Nazi-Richtern und Ex-SS-Größen in Gerichten und in der Polizei verschreckt sind, war er ("Der Spiegel") der letzte
Strohhalm. Die Tatsache, daß die Aktion bei Nacht durchgeführt wurde, beschwor schmerzliche Erinnerungen an Verhaftungen während der Nazi-Zeit herauf, Verhaftungen, die im Konzentrationslager endeten. Die westdeutsche Polizei hatte es bisher sorgfältig vermieden - um diese Erinnerungen nicht wachzurufen -, Verhaftungen nach Einbruch der Dunkelheit vorzunehmen. Die Illusion der Pressefreiheit ist im Aufruhr der letzten Tage gestorben.
Le Monde
(Paris)
Die Polizei-Aktion wurde tatsächlich ohne ihn (Adenauer) vorbereitet, sehr wahrscheinlich sogar ohne seid Wissen von den "kleinen Baronen", den christlich-demokratischen Staatssekretären, ... die hinter der Regierung eine Art Schattenkabinett darstellen, das von dem Staatssekretär im Bundeskanzleramt, Herrn Globke, geleitet wird und der CDU treuer ergeben ist als den jeweiligen Ministern ...
Die formellen Dementis des Herrn Strauß können keine Illusionen wecken. Es hat hier sicherlich eine politische Aktion stattgefunden: Den "Spiegel" schlagen heißt, die liberalen Freunde dieser Wochenschrift schlagen, deren Ziel es war, eines Tages die Legitimation der Bundesrepublik, allein Deutschland zu vertreten, in Frage zu stellen. Es handelt sich auch - und vielleicht vor allem - darum, die Zeitschrift des Waffenlagers zu berauben, das seine Archive darstellen, denn in ihm mögen sich peinliche und indiskrete Dokumente über die angesammelt haben, die an die Macht wollen ... Aber ... die Proteste gegen die Methoden, mit denen man gegen die Redaktion vorging, stellen abermals klar, daß die Demokratie in Deutschland nicht mehr nur ein von den Alliierten importierter Mythos ist.
SUNDAY TELEGRAPH
(London)
Die Tatsache, daß sich über die Maßnahmen gegen den "Spiegel" in Deutschland ein Proteststurm erhoben hat, ist ermutigend. Sowohl die Affäre als auch das Magazin selbst tragen dazu bei, daß einige dunkle Punkte in der Bonner Hierarchie aufgehellt werden. Was uns hier beunruhigt, ist die Feststellung, daß gegen dieses Magazin, das über einen hervorragenden Redaktionsstab und ebensolche Nachrichtenverbindungen verfügt und das sich in der Vergangenheit immer wieder als ein furchtloser und bestens informierter Kritiker der Regierung erwiesen hat, Geheimpolizei-Methoden angewandt wurden, und zwar unmittelbar im Anschluß an erbitterte Auseinandersetzungen, die es mit dem Verteidigungsminister, Herrn Strauß, zu führen hatte.
Washington Post
Dem Augenschein nach wäre alles, was Herrn Adenauers eifrige Beamte getan haben, in einer freien Gesellschaft eine schändliche Verletzung der Gesetze. Die Vereinigten Staaten haben schon vor langer Zeit, während der Aufruhr-Krise der 1790er Jahre gelernt, die Gefahren allgemeiner Aufruhrbeschuldigungen gegen eine kritische Presse zu erkennen. Im "Spiegel"-Fall - vorausgesetzt, daß das Magazin recht hat - ist zu fragen: Wie sollen amtliche Irrtümer berichtigt werden, wenn die Kritik an einer unzureichenden Verteidigung mit Landesverrat gleichgestellt wird?
Einen Parallelfall gab es während des Ersten Weltkrieges, als Lord Northcliffe in den Seiten der Londoner "Times" eine Granatenknappheit enthüllte. Northcliffe riskierte damals eine Strafverfolgung, weil er Material veröffentlicht hatte, das ihm von hohen Armee-Offizieren zur Verfügung gestellt worden war. Statt dessen dankte ihm sein Land schließlich für seinen Dienst. Wer dient in der "Spiegel" -Affäre in Wirklichkeit der Sache der deutschen Demokratie?
La Suisse
(Genf)
Über eines darf man sich nicht täuschen: Der "Spiegel" besitzt nicht durch Zufall einen besonderen Platz innerhalb des Journalismus und auf der westdeutschen parlamentarischen Bühne. Er hat eine große Lücke ausgefüllt, nämlich die Lücke, die durch das Nichtvorhandensein einer echten parlamentarischen Opposition da war.
Zu wissen, ob Deutschland in einem begrenzten oder allgemeinen Konfliktfall gut verteidigt werden wird, das ist keine Frage, die das Verteidigungsministerium allein angeht, sondern die westdeutsche Bevölkerung insgesamt, denn sie wird ja schließlich gegebenenfalls dafür zu zahlen haben. Daß einige Offiziere der Bundeswehr, ebenso wie in Amerika, bestimmte Auffassungen von Strauß nicht teilen und sich an den "Spiegel" wenden, um ihre Besorgnisse ausdrücken zu können, ist aufschlußreich. Er war das einzige Organ, das in der Lage war, eigene Gedankengänge wirksam zu vertreten. Da die Dinge nun einmal so liegen, ist es nicht schwer, sich vorzustellen, von wo aus die ganze Aktion gegen die Hamburger Zeitschrift gestartet wurde.
STUTTGARTER ZEITUNG
Sind die handelnden Instanzen darüber unterrichtet, daß der verhaftete Journalist Conrad Ahlers der erste Pressereferent des Verteidigungsminieteriums war, der sich in der Zeit der "Ohne mich"-Parolen für die Verteidigungsbereitschaft einsetzte, und der verhaftete Journalist Hans Schmelz als ehemaliger aktiver Offizier zusammen mit Ahlers zu den anerkannten Gesprächspartnern der militärischen Führung in der Bundesrepublik gehört? Wissen die Initiatoren der "Spiegel" -Aktion, daß innerhalb der Bundeswehr Diskussionen über bestimmte militärpolitische und strategische Konzeptionen stattfinden, wobei eine Konzeption in der Öffentlichkeit von Strauß und die andere Konzeption unter anderen eben vom "Spiegel" vertreten wird?
POLITIKEN
(Kopenhagen)
Die westdeutschen Polizeibehörden, die zuweilen eine so erstaunlich geringe Schlagkraft bewiesen haben, wenn es um die Kriegsverbrechen in den eigenen Reihen geht, haben erneut bewiesen, wie effektiv sie sein können, wenn es um andere geht ... Was geschehen ist, ist in Wahrheit ein Verstoß gegen die Freiheit der Persönlichkeit und der Presse, gegen den wir alle protestieren müssen.
MAINPOST
(Würzburg)
Wäre der Herausgeber der Zeitschrift "Spiegel" zu den hervorragendsten Reklamefachleuten gegangen, um sie zu einem noch nie dagewesenen Reklame-Coup anzustacheln, diese hätten unter Aufbietung ihres ganzen Witzes nichts erfinden können, was nur entfernt so durchschlagend gewesen wäre wie das, was Herr Minister Franz-Josef Strauß dem "Spiegel" kostenlos ins Haus geliefert hat.
Ein Freund des Verteidigungsministers, Freiherr von der Heydte, machte eine Anzeige gegen den "Spiegel" wegen des am 10. Oktober erschienenen Artikels, und wegen desselben Artikels beschwerte sich danach der Chef des Stabes General Norstads ...
Schon einmal hat Bundesverteidigungsminister Strauß seine Beziehungen in einer nicht ganz einwandfreien Sache eingespannt, nämlich als er für das Fibag-Projekt dem amerikanischen Verteidigungsminister Gates diese Sache empfahl. Schade um diesen so fähigen, klugen, dynamischen Mann, den wir in der deutschen Politik so bitter nötig hätten. Er hat die Nerven verloren, anders läßt es sich nicht erklären.
BAYRISCHER RUNDFUNK
(München)
Affären und Skandale können wie Eiterbeulen auch ihr Gutes haben, wenn sie einen vielleicht schmerzlichen, aber letztlich gesunden Reinigungsprozeß einleiten. Ich spreche, meine Hörerinnen und Hörer, von der neuesten "Spiegel" -Affäre, von der man gemeinhin sagt, sie sei ein Skandal ...
Der Verfahrens-Stil insbesondere in manchen Bereichen der Exekutive ist vielfach von einer unbekümmert arroganten Selbstherrlichkeit geprägt, die sich keinen Deut um politischen Takt und menschliche Würde zu kümmern scheint. Es ist jene Selbstherrlichkeit, wie sie von jeher vor allem im Wirkungsbereich von Polizeiknüppel und Kommiß-Stiefel üppig gedeiht.
TIME
(New York)
Es hätte sich so auch im Hitler -Deutschland abspielen können. Gewappnet mit Arroganz, Pistolen und Haftbefehlen drang die Bundeskriminalpolizei nachts in das Bonner Büro des "Spiegel" ein, eines wöchentlich erscheinenden Nachrichtenmagazins, und führte die leitenden Redakteure ins Gefängnis ab. In der Hamburger Hauptredaktion versiegelten andere Polizisten die Räume und durchsuchten sie mit einer Gründlichkeit die bis zum Ausleeren der Papierkörbe reichte ...
In der letzten Woche hat diese Serie von Polizeistaat-Aktionen die westdeutsche Republik bis ins Mark erschüttert. Von Karlsruhe bis Westberlin hörte man wieder das schreckliche Wort "Gestapo" auf den Straßen.
Hinter all diesem typisch germanischen Aufruhr standen zwei Männer, deren alte Feindschaft ebenso lächerlich wie real war. Der eine war Franz-Josef Strauß, 47, Westdeutschlands Verteidigungsminister, der trotz seiner bulligen Stärke genug empfindliche Stellen darbietet. Der andere war der äußerlich schwächliche, blonde Herausgeber des "Spiegel", Rudolf Augstein, 39, der selten eine Gelegenheit ausgelassen hat, als Torero dem Stier Strauß gegenüberzutreten.
"Der Spiegel" wurde 1947 als ein Blatt ähnlich "Time" gegründet, aber er verwandelte sich bald in eine teutonische Ausgabe des "Confidential" -Magazins. Er kämpfte gegen fast alles und für fast nichts - ausgenommen vielleicht die Anerkennung von Ostdeutschland, die er häufig befürwortet hat. "Der Spiegel", der ohnehin nicht sehr freundlich auf Amerika zu sprechen ist, verurteilte Präsident Kennedys Aktion gegen Kuba, die er für hysterisch und schwächlich hielt, als eine Aufreizung zum Atomkrieg ...
Am Wochenende war Augstein noch immer hinter Gittern, wo er - rechtlich gesehen - bis zu seinem Prozeß, der vielleicht erst in einigen Monaten stattfindet, festgehalten werden kann.
Der "Spiegel" wurde schwerer Vergehen beschuldigt. Wie gerechtfertigt die Staatsaktion gegen das Blatt aber auch gewesen sein mag - die meisten Deutschen waren erschüttert über die Polizeistaat-Methoden, die in einer demokratischen Gesellschaft abscheulich und überdies unnötig sind.
Newsweek
(New York)
Auch in der zweiten Woche blieben Räume des überaus einflußreichen westdeutschen Nachrichtenmagazins verschlossen, blieben sein Herausgeber und seine Spitzenredakteure im Gefängnis, beschuldigt des Landesverrats und der Bestechung. Und was als beunruhigende Affäre, die die Pressefreiheit bedrohte, begonnen hatte, entwickelte sich unversehens zu einer schweren politischen Krise, die die Regierung des Kanzlers Konrad Adenauer schwer erschütterte.
Rhein Zeitung
(Koblenz)
Gerade weil wir die Art ablehnen, mit der der "Spiegel" seine publizistische Arbeit tut, dürfen wir um so offener in der Sache sprechen ... Ich kenne Augstein. Er kam 1940 als junger Volontär in die Redaktion, die ich damals leitete ... Daß Augstein ein Könner war, spürten wir, die ihn damals ausgebildet haben ... Eines möchte ich aber ehrlich aussprechen - und ich kann es, da ich Augstein seit 1945 nicht mehr sah und keine Beziehungen zu ihm habe -: Die Haltung des "Spiegel" mag aus irregeleitetem Gewissen oder dem Gefühl Augsteins herkommen, im Dritten Reich gesehen zu haben, was eine Diktatur ist, bestimmt aber kommt sie nicht aus Bosheit oder aus der Lust zum Zersetzen.
Fritz Hirschner, Chefredakteur
Fuldaer Zeitung
Der "Spiegel"-Herausgeber Rudolf Augstein kann als der am meisten gefürchtete Mann der deutschen Politik bezeichnet werden. Das Adenauer -Regime ist wegen der Augstein-Affäre näher an den Rand des Zusammenbruchs gerückt denn je zuvor.
Pallauer Neue Presse
Uns interessiert nicht so sehr, ob ein "Spiegel"-Redakteur in Spanien in einem Ziegenstall eingesperrt worden ist uns interessiert auch nicht, ob Zeit und Stunde der Verhaftung den "Spiegel" -Leuten angenehm waren oder nicht. Wir halten es auch für unwesentlich, ob ein Bundesminister und ein Landesminister vorher nicht unterrichtet wurden, weil wir diese Sache für eine Angelegenheit der Justiz halten und nicht der Exekutive und weil wir die enge Verfilzung kennen, die der "Spiegel" mit gewissen SPD- und FDP-Kreisen zustande gebracht hat ...
Wir verkennen nicht, daß die Pressefreiheit eines der kostbarsten Güter der Demokratie ist, ja, daß die Meinungsfreiheit die Voraussetzung einer funktionierenden Demokratie ist. Auch die Justiz ist nicht frei von Irrtümern. Niemand weiß das besser als wir ...
Ganz deutlich wollen wir es zum Schluß sagen: Es geht nicht allein um den "Spiegel". Womit wir es zu tun haben, ist eine Meute, eine geschlossene Phalanx der politischen Verleumdung, der Unterminierung. Sie sind immer und überall, geht es nun um die aufgeblasene "Fibag"-Affäre oder um den Fall "Spiegel".
Neutralisten, Kryptokommunisten, Pazifisten und linksdrallige Liberalisten betreiben, gewollt oder ungewollt, die Geschäfte jener Auslandsmächte, die daran interessiert sind, das politische Ansehen der Bundesrepublik zu unterminieren. Wenn man dann dazu übergeht, Staatsgeheimnisse anzukaufen und freizugeben, was allerdings noch vor Gericht im Fall "Spiegel" bewiesen werden muß, dann ist größte Gefahr im Verzuge.
Dr. Hans Kopfinger
Pardon Extrablatt
(Frankfurt)
Ja, vor einem schwebenden Verfahren sollst du respektvoll den Hut ziehen, aber vor diesem kannst du ihn ruhig aufbehalten.
Ja, der Goebbels hätte sich den Augstein nicht so lange gefallen lassen, aber verhaftet hätte er ihn auch.
Ja, er hat uns die Opposition ersetzt, aber unsere Opposition wird uns nie den "Spiegel" ersetzen.
Ja, der Augstein war auch der Ansicht, mit der Wiedervereinigung wird es nichts mehr, aber leider hat er das ausgesprochen.
Ja, dem Ausbund aus Bayern hat er glatt jeden Montag versaut, aber wer versüßt uns jetzt jeden Montag?
Ja, wieviel Flick ausgibt, um keine Public relations zu haben, ist immer noch unbekannt, aber ohne den "Spiegel" wird es unbekannt bleiben.
Ja, das kann schon mal vorkommen, daß was zum Himmel schreit, aber warum sitzen dort immer bloß "Spiegel" -Redakteure?
Ja, ein Staat, der sich diesen "Spiegel" leisten kann, kann sich schon sehen lassen, aber vielleicht will er das nicht mehr.
Ja, der Augstein muß was gegen den Strauß haben, aber der Strauß hat nichts ...
mit dem schwebenden Verfahren zu tun.
Ja, der Augstein muß, nach dem, was er schreibt, ein westdeutscher Patriot sein, aber er kann halt nicht singen.
Martin Walser
DIE WELT
("Amadeus geht durchs Land")
Kleiner Kriegsgott in Zivil,
dem sein Spiegelbild mißfiel,
hat voll Zorn und Unbehagen
Glas und Rahmen eingeschlagen.
Daß bei dieser blinden Hetz
Pressefreiheit, Grundgesetz
und noch mehr in Scherben ging,
achtete er nur gering.
Daß das Ausland nicht nur lachte,
sondern sich Gedanken machte,
war für ihn bloß Nebensache
angesichts geglückter Rache.
Amadeus sagt betont,
daß ihn die Justiz verschont;
Strauß tut so was nicht, das weiß ich!
(er meint Hitler - dreiunddreißig ...)
Hachfeld
BZ
(Westberlin)
Wo wird bei uns die Pressefreiheit bedroht? frage ich. Wo bitte schön? ...
Ich weiß nur eins: Seit anderthalb Jahrzehnten kann dieses Blatt schreiben, was es lustig ist. Davon wurde weidlich Gebrauch gemacht. Der "Spiegel" hat Kübel von Hohn und auch Schlimmeres über alles und jeden ausgeschüttet. Noch schlimmer: Diese Zeitschrift ließ kein gutes Haar an unserer Demokratie.
Niemand hat diese Leute in Hamburg je daran gehindert. Sie werden es auch weiter tun dürfen. Allein die Existenz dieser Zeitschrift beweist, wie es bei uns um die Presse- und Meinungsfreiheit bestellt ist ...
Hier steht nur eins zur Debatte: der dringende Verdacht des Landesverrats.
Die Strafverfolgungsbehörden behaupten: In der "Spiegel"-Redaktion wurden Staatsgeheimnisse gesammelt wie anderswo Briefmarken oder Bierdeckel. Deshalb griffen sie zu. Und zwar überraschend. Ohne vorher die Visitenkarte zu schicken.
Darüber regen sich die Schreier auf. Sie speien Gift und Galle.
Ich gebe zu: Einige Randerscheinungen dieses Zugreifens waren wenig schön. Sie müssen bald geklärt werden. Aber ihr Gewicht ist gering im Vergleich zu den Vorwürfen, die gegen den "Spiegel" erhoben werden.
STOCKHOLMS-TIDNINGEN
Ein merkwürdiger Umstand ist, daß die von der, Großindustrie gestützte "Deutsche Zeitung" zwölf Tage vor dem "Spiegel" Angaben veröffentlicht hat, die ähnlichen Inhalts waren wie die in dem "Spiegel"-Artikel. Der Unterschied ist nur, daß die "Deutsche Zeitung" ein Organ ist, das in Bonner Regierungskreisen mehr geschätzt wird.
Der Gesamteindruck ist, daß die ganze Aktion mehr, eine politische Aktion ist als ein Eingreifen wegen angeblichen Landesverrats. Verteidigungsminister Strauß und vielleicht auch andere CDU -Männer in der Regierung haben dem "Spiegel" einen Knockout-Schlag versetzen wollen. Die Verschleierungen um die ganze Affäre, die Verneinungen und Ausflüchte bezeugen deutlich, wie notwendig das kritische Wirken des "Spiegel" ist - auch wenn er bisweilen über das Ziel hinausschießt.
DIE ZEIT
(Hamburg)
Wir halten es für unzulässig, daß die Bundesanwaltschaft am Dienstag mit (wie es in der Tat scheint) belastendem Material gegen den "Spiegel" "auspackte" und damit die Anklage nicht vor dem zuständigen Gericht, sondern vor dem deutschen Volk erhob. In diesem außerlegalen Vorverfahren vor der Öffentlichkeit (der richtige Prozeß demnächst wird im wesentlichen geheim geführt werden müssen) ist die Verteidigung ausgeschlossen. Sie kennt die genauen Anklagepunkte nicht, sie kennt die von der Bundesanwaltschaft zitierten geheimen Dokumente nicht; sie ist dem Überfall wehrlos-ausgeliefert.
The NEW YORK TIMES
Seit mehreren Tagen hat die westdeutsche Bevölkerung einen neuen Skandal. Er betrifft den "Spiegel", wahrscheinlich das bestinformierte Nachrichtenmagazin dieser Art in Europa. Der "Spiegel" ist der westdeutschen Regierung ein Dorn im Auge. Seine Berichterstatter haben wiederholt jene Art von unbekümmerter Initiative entfaltet, die von wenigen Regierungen begrüßt wird, meistens nur dann, wenn sie selbst davon profitieren. Die Aktion gegen den "Spiegel" schmeckt stark nach einem Rückfall in die alten Gewohnheiten der Gängelung der Presse durch staatliche Gewalt.
VORWÄRTS
(Bad Godesberg)
Wenn hier also jetzt jemand zurücktreten muß, und diese Forderung wurde mit gutem Recht ... erhoben, so kann es zunächst nicht der Staatssekretär sein. Minister Strauß muß zurücktreten.
Abendzeitung
(München)
Während man bei uns zulande mitunter gefragt wird, warum man denn von der "Spiegel"-Affäre gar so viel Aufhebens mache, forscht man im Ausland umgekehrt, warum wir gegen die inflagrante Verletzung demokratischer Grundrechte und gegen die in ihren Methoden einer Diktatur würdigen Polizeiaktion so zaghaft protestieren. In Italien, so versichert man mir in Rom, wären in einem solchen Fall alle Journalisten in den Streik getreten, um einer wild gewordenen Obrigkeit klarzumachen, daß man in einem freien Land den Bogen nicht überspannen darf. In England wäre ein so brutaler Eingriff gegen eine unliebsame Zeitschrift ebensowenig möglich gewesen wie etwa in der Schweiz oder in Skandinavien.
Der Präsident der Vereinigten Staaten hat eine Zeitung, die harte Kritik an ihm übte - es handelte sich um die "New York Herald Tribune" -, schlicht abbestellt. Das war alles, was er tun konnte und tun wollte. Kann man sich vorstellen, daß das dem "Spiegel" vergleichbare amerikanische "Time"-Magazin, das oft genug für die Regierung peinliche Enthüllungen und harte Kritik über nationale Rüstungsfragen brachte, deswegen versiegelt und zensiert worden wäre, daß man seinen Herausgeber und seine Redakteure wie in einem schlechten Gangsterfilm verhaftet hätte?
Werner Friedmann
RIAS BERLIN
Die Öffentlichkeit in einer Demokratie hat ein Recht darauf, informiert zu werden, auch über Angelegenheiten der Landesverteidigung, und zwar bis zu der äußersten Grenze, wo weitere Informationen die Landesverteidigung tatsächlich gefährden würden. Die Presse und ihre Vertreter haben die Pflicht zu informieren, selbst wenn es sich dabei nicht vermeiden lassen sollte, mit der Staatsmacht in Konflikt zu geraten.
Telegraf
(Berlin)
Wenn sich Bundespressechef von Hase gestern bitter darüber beschwerte, daß sich 99 Prozent der Veröffentlichungen über die "Spiegel" -Affäre mit den Begleitumständen der Aktion und nur ein Prozent mit dem Vorwurf des Landesverrats beschäftigten, so hat er ziemlich zutreffend die Verteilung des öffentlichen Unbehagens auf die beiden Aspekte des Vorgangs wiedergegeben.
Kölner StadtAnzeiger
Man könnte träumen, daß plötzlich doch irgendwo ein Funke menschlicher Größe aufblitzt. Ach, was heißt Größe! Etwas Würde genügte ja schon. Dann nähme der Herr Strauß seinen Hut und ginge ... Wir meinen natürlich den Minister, nicht den Staatssekretär. Der geht zwar. Aber als Sündenbock, auf dem Altar der Koalition geschlachtet, und auch dies nur - wir gönnen's ihm von Herzen -, um in einem anderen, hoffentlich besser bezahlten und weniger unsicheren Amt wieder aufzutauchen.
Doch wir träumen immer noch zu unbescheiden. Der Minister bleibt, obwohl sich das ganze Spiel, mit oder ohne eigenes Zutun, um ihn dreht. Denn seine Militärpolitik stand zur Debatte in dem umstrittenen Artikel. Sein Catchas-catch-can mit dem "Spiegel" gab der Aktion den fatalen Aspekt und ermunterte wohl auch zu jenen nicht weniger fatalen Methoden, die den Tatsachenkern so hoffnungslos vernebelt haben.
Süddeutsche Zeitung
Bei Nacht und Nebel ... der Freiheit eine Gasse
Bremer Nachrichten
"Mach mal endlich Licht!"

DER SPIEGEL 46/1962
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