28.11.1962

STAATSHANDELBei Madeleine

Ostberlins Planungs-Arithmetikern ist bei ihrer Kletterpartie auf den Gipfel des Fortschritts eine wegweisende Entdeckung gelungen: Sie haben ein System ausgetüftelt, mit dem sich privater Mangel in staatlichen Gewinn verwandeln läßt.
Den Anstoß zu der Erfindung gab das Politbüro der SED. Schon bald nach dem 13. August vorigen Jahres sah sich die Führungsspitze der Partei den Unmutsäußerungen von Zonenbewohnern ausgesetzt, die bis zum Mauerbau gewohnt waren, ihren Bedarf an Gütern der Zivilisation in Westberliner Geschäften zu decken.
Wenngleich die Obergenossen sonst ohne Rücksicht auf die Volksmeinung regieren, empfanden sie in diesem Fall das Murren der Untertanen doch als störend.
Sie identifizierten als Urheber der Kritik vornehmlich Wissenschaftler, Techniker, Ärzte und Staatsfunktionäre, ohne deren gutwillige Mitarbeit der Staatsbankrott unausweichlich wäre.
Damit nun diesen empfindlichen Volksgenossen unnötiger Ärger erspart bleibe, erließ das Politbüro an Plankommission und Handelsministerium die Direktive, innerhalb der DDR Ersatz für die verlorengegangenen Westberliner Einkaufsmöglichkeiten zu schaffen.
Das Ergebnis präsentierte Handelsminister Julius Balkow wenige Monate später: In Ostberlin und in allen anderen größeren Zonen-Städten richtete die staatliche Handels-Organisation (HO) insgesamt 300 "Exquisit"-Läden ein.
Die Schaufenster dieser Geschäfte füllten sich mit Waren, die zwischen Elbe und Oder bis dahin kein Auge hinter einem Ladentisch erblickt hatte. Sogar die Damen der Lokalprominenz im jenseits der Spree-Sümpfe gelegenen Cottbus hatten nun Gelegenheit, Modellkleider des Pariser Modeschöpfers Jacques Heim am Ort zu erstehen.
Um jedoch dem Gros der DDR-Bewohner den durch jahrelange Entbehrungen erworbenen proletarischen Geschmack nicht zu verderben, sorgten die "Exquisit"-Erfinder von vornherein dafür, daß die Kundschaft der Läden auf den exklusiven Kreis der Spitzenverdiener beschränkt blieb.
So kosten beispielsweise in den Ostberliner "Exquisit"-Geschäften "Madeleine" und "Elegant" Unter den Linden:
- Damenmäntel aus Wollstoff bis zu
1200 Mark,
- solide Herrenpullover bis zu 300 Mark,
- italienische Damenschuhe bis zu 150
Mark,
- zweiteilige Strickkleider mit Bluse
500 Mark,
- Leder-Luftkoffer gleichfalls 500 Mark
und
- Herrenhemden der Sorte "Bügeln nicht nötig" 45 bis 65 Mark.
Bald jedoch erwies sich, daß die Kunden mit dem Angebot der staatseigenen Exquisiteure nicht zufrieden waren. Sie forderten auch Konsumgüter anderer Art: Waschmaschinen, Kühlschränke, Fernsehgeräte und Automobile.
Man sei, so argumentierten die Wortführer, gern bereit, noch höhere als die ohnehin schon überhöhten Preise (Personenwagen "Wartburg": 15 200 Mark) zu zahlen, wenn dadurch die gemeinhin zwei bis drei Jahre währenden Lieferfristen abgekürzt würden.
Die Parteiführung winkte jedoch ab. Das Ostberliner Presseamt gab zu verstehen, daß der Export Vorrang haben müsse.
Gleichwohl verstummten die Gerüchte über eine Erweiterung des "Exquisit"-Angebots nicht. Die Hamburger "Zeit" ließ sich aus Leipzig berichten, in der Messestadt werde demnächst ein "Exquisit"-Automobilgeschäft eröffnet werden, in dem man den VW 1200 zum Vorzugspreis von 19 500 Ostmark beziehen könne.
Ostberlins Handelsministerium dementierte. Um Aufsehen zu vermeiden und das stets wache Mißtrauen der Normalverbraucher nicht unnötig zu reizen, ließ es Interessenten aber unterderhand wissen, daß es ja durchaus noch andere Möglichkeiten gebe, rasch zu lang entbehrten Wohlstands-Attributen zu kommen.
Balkows Substituten verwiesen auf die Adresse Scharrenstraße 9 im Ostberliner Stadtbezirk Mitte, wo in einem baufälligen Gebäude die staatliche Geschenkdienst und Kleinexport GmbH (Genex) unauffällig ihre Geschäfte abwickelt.
Diese Gesellschaft widmet sich neben dem Lebensmittelversand an DDR -Adressaten (SPIEGEL 38/1962) auch der Vermittlung aller Arten von Gebrauchsgegenständen vom Auto bis zum Bettlaken an Zonen-Bewohner.
Voraussetzung für die "Genex"-Dienste allerdings ist, daß die gewünschten Waren, obschon sämtlich in DDR-Fabriken gefertigt, mit westlichen Devisen bezahlt werden. Als Inkasso-Gehilfen bedienen sich die Ostberliner Staatshändler dabei der Kopenhagener Firma Jauerfood und der Schweizer Gesellschaft Herbert von Moos in Luzern.
Beide Unternehmen - ebenso wie "Genex" selbst - stellen Anfragern zweiseitige Warenlisten zu, deren Preise in Westmark oder Dollar angegeben sind. So enthält der Jauerfood-Katalog für 1962/63 zum Beispiel:
- Personenwagen Trabant für 3760 Westmark (DDR-Preis 7850 Ostmark),
- Personenwagen Wartburg für 5800
Westmark,
- 100-Liter-Kühlschrank für 740 Westmark,
- Trommel-Waschmaschine für 580
Westmark,
- Fernseh-Tischgerät mit 36-mal-27 -Zentimeter-Bildschirm für 880 Westmark.
Die Lieferfristen liegen erheblich unter den Wartezeiten, die vom DDR-Normalverbraucher in Kauf genommen werden müssen.
Obschon die DDR-Behörden bislang auf öffentliche Werbung verzichtet haben, nahm der "Genex"-Umsatz in den letzten Monaten ständig zu. Der Grund dafür ist allerdings nicht so sehr die wachsende Spendenfreudigkeit westlicher Verwandter von Zonenbewohnern, sondern die Tatsache, daß DDR-Bürger nur noch auf diese Weise an ihre vor dem 13. August 1961 angelegten Westmark-Konten herankommen können.
So gesehen, entpuppt sich der "Genex"-Erfolg als späte Rache der SED an ihren Untertanen. Das bis zum Mauerbau nach Westberlin abgewanderte, in Waren oder auf Bankkonten angelegte Geld fließt nun in Form kostbarer Devisen zurück nach Ostberlin.
Die Gegenleistung des Staates dafür ist vergleichsweise gering. Er verkauft seinen Bürgern für ihr gutes Westgeld Waren, die wegen mangelhafter Qualität auf dem Weltmarkt oft nicht abzusetzen sind.
Mit Hilfe der abgezapften Westkonten aber kann Staatshändler Balkow nicht nur das Ostberliner Devisen-Polster auffüllen: Bei den "Genex"-Geschäften fällt gleichzeitig genug Geld an, die "Exquisit"-Läden bezahlen zu können.
Ihren Stolz über das neue System mochten die Ostberliner Wirtschaftsfunktionäre nicht verbergen. Genüßlich zitierten sie aus dem sonst geheimgehaltenen Kapitel der Binnenhandels -Statistik, in dem nachgewiesen wird, daß rund zwei Drittel aller an DDR -Bürger verkauften Autos mit Devisen bezahlt sind.
Anzeige in der "Lausitzer Rundschau"
Pariser Modelle ...
... für rote Prominenz: "Exquisit"-Laden in Ostberlin

DER SPIEGEL 48/1962
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