05.12.1962

SPIEGEL-Affäre

HINTER DER BONNER KRISE

Aus einem Artikel von Hanson W. Baldwin in der "New York Times"

Der amerikanische Militärexperte Hanson W. Baldwin beschäftigte sich in der "New York Times" mit der SPIEGEL-Titelgeschichte Ober Bundeswehr-General -Inspekteur Foertsch (41/1962). Baldwin schreibt:

Der SPIEGEL ist ein wöchentlich erscheinendes Nachrichtenmagazin, das schon seit langem Franz -Josef Strauß, den westdeutschen Verteidigungsminister, kritisiert hat. In seiner Ausgabe vom 10. Oktober veröffentlichte das Magazin einen langen und erschöpfenden Überblick, der die westdeutsche Armee und die Nato behandelte. Der SPIEGEL gelangte zu dem Urteil, Bundeswehr und Nato könnten ihre Verteidigungsaufgaben nicht voll erfüllen.

Die Folgen des Artikels waren: Der Herausgeber und vier der Reporter und Redakteure des SPIEGEL wurden wegen Verdachts des Landesverrats verhaftet. Herr Strauß leugnete zunächst und gab dann zu, seine Hand im Spiel gehabt zu haben.

Der Fall ist noch nicht beigelegt. Eine Untersuchung ist im Gange, die darüber entscheiden soll, ob der SPIEGEL einen Bundeswehroffizier oder mehrere Offiziere bestochen hat, um sich Geheimdokumente zu verschaffen. Die westdeutsche Regierung macht eine politische Krise durch, weil die Amtsenthebung des Herrn Strauß verlangt worden ist.

Die Verhaftungen, die Beschlagnahme der SPIEGEL-Geschäftsräume und die schweren Anklagen, die gegen die Redakteure des Magazins erhoben worden sind, haben den Inhalt des Artikels fast in Vergessenheit geraten lassen.

Sein Hauptinhalt galt den Herbstmanövern der Nato, die unter der Bezeichnung Fallex 62 liefen. Über die Beschreibung der Übung hinaus kritisierte der Artikel die Verteidigungsvorbereitungen der westdeutschen Regierung als "völlig ungenügend". Der Artikel erklärte auch, die westdeutschen bewaffneten Streitkräfte seien nach sieben Jahren Wiederaufrüstung und sechs Jahren unter Herrn Strauß durch das Oberkommando der Nato in die niedrigste von vier Kategorien eingestuft worden, nämlich als "zur Abwehr bedingt geeignet".

Für Amerikaner, die mit der Entwicklung der Nato und der westdeutschen Armee vertraut sind, erweist sich der Artikel in Übersetzung nicht nur als eine Würdigung des gegenwärtigen Kampfwerts der westdeutschen Bundeswehr, sondern auch als eine Erörterung über die Stärke der Sowjet-Streitkräfte und der Kommunisten (in Osteuropa), ferner als eine Studie über die Entwicklung der Nato-Strategie und eine Zusammenfassung der Strategie-Debatte in Westdeutschland über konventionelle und nukleare Streitkräfte.

Die kritischen Äußerungen des SPIEGEL über einige Phasen der westdeutschen Verteidigungsvorbereitungen sind ausgesprochen hart. Für gutunterrichtete Amerikaner jedoch enthält der Artikel anscheinend wenig Informationen, die den Russen oder anderen Beobachtern nicht bereits allgemein bekannt waren - die Behauptung ausgenommen, Westdeutschlands Bundeswehr sei in die niedrigste Nato-Kategorie der Kampfbereitschaft eingestuft worden.

Der Artikel wies darauf hin, daß für Fallex 62 von einem kombinierten Atom- und Land-Angriff auf Westeuropa ausgegangen war. Das "Chaos", das schon oft bei früheren Manövern, die einen Atomkrieg annahmen, beschrieben worden ist, wurde (im Artikel) "unvorstellbar" genannt. Sowjet-Streitkräfte erzielten laut SPIEGEL "im Nordwesten der Bundesrepublik einschließlich Schleswig-Holsteins große Geländegewinne"... "weil der Nato Truppen fehlten". Der SPIEGEL fügte hinzu: "Hamburg wurde nicht verteidigt."

Der Bevölkerungsschutz sei vollständig unzureichend gewesen, erklärte der Artikel weiter. Sanitätswesen, Verkehrsverbindungen, Evakuierung von Flüchtlingen, Versorgung mit Lebensmitteln und Wasser seien in der Theorie vollkommen unwirksam geblieben, und das inmitten der angenommenen Zerstörungen, die der Atomkrieg verursacht hatte.

Die Bundeswehr-Divisionen seien unter ihrer Sollstärke angetreten, "es fehlte an Waffen und Gerät", es gab für die Reservisten keine Offiziere und Unteroffiziere, nicht genug Waffen, es gab auch keine zureichende Panzerabwehr. Die westdeutschen Verteidigungsstreitkräfte wurden als "halbstark" beschrieben; sowohl den Einheiten der Armee als der Luftwaffe fehlten taktische Atomwaffen, vor allem die Ausrüstung mit Honest-John-, Sergeant- und Pershing-Raketen.

Der SPIEGEL hob hervor, daß es Ziel der Nato sei, zwischen der Ostsee und den Alpen 30 Divisionen aufzustellen, und daß die gegenwärtige Streitmacht kurz vor Erreichung dieses Ziels stehe.

Die Nato-Streitkräfte im Abschnitt Europa Mitte wurden verschieden mit 23 bis 25 1/3 Divisionen für die Gegenwart angegeben; viele von ihnen sind personell unterbesetzt.

Die Stärke der kommunistischen Streitkräfte wurde mit 20 Sowjet -Divisionen in Mitteldeutschland, vier in Ungarn, zwei in Polen und mit 13 polnischen, 14 tschechischen sowie sechs mitteldeutschen Divisionen angegeben.

Die 20 Sowjet-Divisionen sind mit einer geschätzten Gesamtzahl von 6000 Sturmgeschützen und Panzern ausgerüstet.

Es ist bekannt, daß die westdeutsche Bundeswehr viele Mängel hat. Vor allem infolge der kurzen Wehrdienstzeit von 18 Monaten ist der Personalwechsel so beträchtlich, daß große Teile der Armee laufend unzureichend ausgebildet worden sind.

Die Bundeswehr hat sich derart schnell aus dem Nichts bis zu ihrer gegenwärtigen Stärke entwickelt, daß alte Divisionen "gekadert", das heißt, ihre ausgebildeten Leute versetzt worden sind, um neue Einheiten aufzustellen. Divisionen, die der Nato zugewiesen waren, sind in dieser Periode des Wachstums auf 80 oder weniger Prozent ihres Personal -Solls beschränkt geblieben. Es gab nicht genug gutausgebildete Offiziere und Unteroffiziere. Das Wichtigste von allem war jedoch: Die westdeutschen Versorgungs- und Nachschubeinheiten, die der kämpfenden Truppe die Kampfkraft erhalten sollen, sind an Zahl wie der Ausbildung nach durchaus ungenügend, und die Reservestreitkräfte sind unzureichend organisiert und ausgerüstet.

Alle diese und viele andere Schwächen sind in der Vergangenheit in aller Öffentlichkeit festgestellt und kommentiert worden. Deswegen ist die extreme Reaktion der westdeutschen Regierung auf die Veröffentlichung des Artikels für hiesige Beobachter einigermaßen rätselhaft.

Baldwin


DER SPIEGEL 49/1962
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