05.12.1962

MEDIZIN / ARZNEIMITTELGefahr im Verzuge

Das Bild zeigt ein Idyll: Im Kranz abenddunkler Berge ruht ein See. "Es schläft selbst der Wind nach rastlosem Treiben und läßt den See still in die Nacht hineinträumen", lockt der Werbetext. "Wir stehen am Ufer, und mancher von uns sieht bedauernd eine Stille, die für ihn jenseits des Erreichbaren liegt."
Mit graphischen und sprachlichen Einfällen dieser Art pries die pharmazeutische Fabrik "Chemie Grünenthal GmbH" in Stolberg bei Aachen jahrelang ein Schlaf- und Beruhigungsmittel - unter Zeichnungen von der dalmatinischen Küste bei Dubrovnik, unter Bildern vom Kirchturm im Stausee der Etsch, unter innigen Graphiken von Mutter und Kind: "Ruhe und Schlaf zu fördern vermag Contergan."
Die Firma verhieß viel: den Gehetzten Trost, den Entnervten Ruhe, den Schlaflosen Schlaf. Sie empfahl ihre Pillen gegen Angst und Kontaktschwäche, zur Beruhigung nach der Operation, gegen vegetative Störungen und Schilddrüsen-Überfunktion: "Ruhe und Schlaf zu fördern vermag Contergan. "
Sie beschwor den "Augenblick voll natürlicher Harmonie", der wünschen lasse, "daß die Sekunde sich dehne" und riet: "Ruhe und Schlaf zu fördern vermag Contergan."
Contergan, so propagierte die Firma, sei "atoxisch", "gefahrlos", "ungiftig". Contergan, so rühmten Grünenthal-Vertreter, sei "unschädlich wie Zuckerplätzchen".
Das "Schlafmittel des Jahrhunderts"
schien in der Tat entdeckt: Internisten und Kinderärzte, Psychiater und Gynäkologen lobten die neue Schlummerarznei. Apotheker empfahlen sie den Schlafsuchenden vor allen anderen Mitteln. In Krankenhäusern wurden die Tabletten routinemäßig als Betthupferl verabreicht.
Ende 1959 griffen nach Schätzungen der Firma täglich 350 000 Einwohner der Bundesrepublik zum Contergan (das In Form normal- oder extrastarker Tabletten - Contergan forte" -, als Saft mit Himbeergeschmack oder als Zäpfchen feilgeboten wurde). Im Oktober 1960 waren es schon 700 000 Bundesbürger, ein knappes Jahr später mehr als eine Million. Die Nation - zu einem beachtlichen Teil - schlief ein mit Contergan.
Sie erwachte nach einer Katastrophe: Das "Schlafmittel des Jahrhunderts" entpuppte sich als pharmazeutisches Schreckgespenst des Jahrhunderts. Der Welt erfolgreichste Schlummerdroge erwies sich als folgenreichstes Medikament in der Geschichte der modernen Pharmazie.
Am 25. November 1961, vier Jahre nach der Einführung, wurde das Mittel mit der Wirksubstanz Thalidomid aus dem Handel gezogen. Heute steht fest,
- daß Tausende vorwiegend älterer
Contergan-Schlucker Nervenschädigungen erlitten haben; jeder vierte von ihnen ist noch Immer oder wurde vorübergehend von Lähmungen befallen;
- daß Tausende von Müttern nach der
Einnahme von Contergan Kinder mit verkümmerten Gliedmaßen oder ohne Ohren zur Welt gebracht haben.
Unter 50 wohlklingenden Namen waren thalidomidhaltige Medikamente in 60 Ländern der Erde vertrieben worden. Aus 25 Ländern sind bei dem Hamburger Erbforscher Professor Lenz bislang Meldungen über mißgebildete Kinder eingelaufen, deren Körperfehler auf Thalidomid zurückgeführt werden.
Nirgendwo waren die Auswirkungen so verheerend wie in der Bundesrepublik, wo das erfolgreichste Medikament der Firma Grünenthal schätzungsweise 5000 bis 6000 Kindern zum Verhängnis wurde.
"Ein nationales Unglück", klagte der Medizin-Schriftsteller Dr. Friedrich Deich. Und ehe über Bonn die durch die SPIEGEL-Aktion ausgelöste Regierungskrise hereinbrach, konnte das "Berliner Ärzteblatt" durchaus zutreffend notieren: "Kein außenpolitisches Ereignis, weder der Besuch de Gaulles in Deutschland noch die Berliner Mauer... keine innenpolitischen Skandälchen von der Fibag-Affäre bis zum Maßhalte-Appell Professor Erhards hat der inländischen Presse so viel dankbare Schlagzeilen geliefert wie das Beruhigungs- und Schlafmittel Contergan."
Die Verzweiflungstaten von Thalidomid-Müttern entfachten internationale Diskussionen um zwei der umstrittensten Themen im Grenzgebiet von Medizin, Rechtslehre und Theologie: um Euthanasie und Abtreibung. Suzanne Vandeput die Mutter eines belgischen Thalidomid-Kindes, brachte ihr mit schweren Mißbildungen geborenes Kind um (und wurde von einem Lütticher Gericht im vergangenen Monat freigesprochen). Sherri Finkbine, eine amerikanische Fernsehansagerin, ließ die Welt durch Presse, Funk und Fernsehen - sogar über den Fernsehsatelliten "Telstar" - an ihren erst vergeblichen (in den USA), später erfolgreichen Bemühungen (in Schweden) um einen Abortus teilhaben.
Seit der Contergan-Katastrophe vergeht kaum eine Woche, ohne daß dieses oder jenes Medikament gefährlicher Nebenwirkungen verdächtigt wird. Mitte November bezichtigte ein englischer Arzt das Schlankheitsmittel Preludin, Mißbildungen zu verursachen. In der vergangenen Woche stellte die dänische Gesundheitsbehörde wegen des gleichen Verdachts zehn Antihistamin-Präparate gegen allergische Reaktionen unter Rezeptpflicht.
Selbst die schwersten Arzneimittel -Katastrophen früherer Jahre nahmen sich angesichts der weltweiten Contergan-Tragödie nurmehr wie Zwischenfälle aus:
- 1930 und 1931 starben in Lübeck
77 Säuglinge nach einer Tuberkulose-Schutzimpfung (Calmette-Impfung). Über 100 weitere Kinder erkrankten schwer.
- 1937 erlagen in den USA über 100 Personen einem Präparat gegen Infektionskrankheiten, das ein Arzneimittelfabrikant aus einem Sulfonamid und einem Frostschutzmittel fabriziert und ungeprüft in den Handel gebracht hatte.
- 1952 starben 73 und erkrankten 270
Säuglinge in Frankreich durch einen arsenhaltigen Kinderpuder namens "Baumol".
- 1954 wurden in Frankreich 102 Patienten durch die Furunkulose -Pillen "Stalinon" getötet. 150 wurden gelähmt.
- 1955 erlitten in den USA 158 Personen Lähmungen und elf den Tod, nachdem sie mit einer von den Cutter-Werken in Kalifornien fabrizierten Vakzine gegen Kinderlähmung geimpft worden waren.
Keines dieser Desaster stellte allerdings das System der Arzneimittelversorgung in Frage. Seit es im vergangenen Jahrhundert üblich geworden war, die Heilmittel zunächst an Tieren und dann an einem beaufsichtigten Kreis von Patienten auf ihre Nützlichkeit zu überprüfen, herrschte unter Wissenschaftlern wie Laien die Überzeugung vor, daß Medikamente in jeden Falle mehr nutzten als schadeten.
Dieser Auffassung entsprach, daß sich die Arzneimittel-Katastrophen der letzten Jahrzehnte fast ausnahmslos auf menschliche oder technische Pannen zurückführen ließen. Bei der Lübecker Tuberkulose-Impfung hatten die Mediziner vermutlich Bakterien-Kulturen verwechselt. Der tödliche Kinderpuder "Baumol" enthielt aus ungeklärten Gründen hochgiftiges Arsenik. Den Stalinon-Hersteller verurteilte das Gericht wegen fahrlässiger Tötung.
Durch das Contergan-Unglück aber wurde plötzlich offenbar, was bis dahin nur wenige Mediziner auszusprechen gewagt hatten: Die moderne Pharmazie, von der heute die meisten Kranken in erster Linie ihr Heil erhoffen, ist auch eine Quelle für unabsehbare Gefahren geworden.
Die Contergan-Katastrophe erwies:
- Auch durch Prüfverfahren, wie sie
bei angesehenen pharmazeutischen Firmen üblich sind, werden schwere Nebenwirkungen nicht unbedingt ausgeschlossen.
- Bis heute sind noch keine Prüfverfahren
bekannt, mit denen so furchtbare Nebeneffekte wie die Mißbildung von Kindern mit Sicherheit entdeckt werden können.
- Es gibt in Deutschland praktisch
keine staatliche Kontrolle über Arzneimittel.
- Auch der Name eines großen Werks
wie Chemie Grünenthal bietet nicht die Gewähr, daß ein pharmazeutischer Bestseller unverzüglich aus dem Handel genommen wird, wenn er bedenkliche Eigenschaften offenbart.
Denn die Firma Chemie Grünenthal GmbH gehört keineswegs zum dubiosen Kreis von Pillen-Pantschern. Sie wurde kurz nach dem Krieg als Ableger der alteingesessenen Seifen- und Kosmetika -Fabrik "Dalli" gegründet. "Dalli"-Chef Hermann Wirtz benannte das neue Werk nach seinem Familienbesitz, dem Kupferhof "Grünenthal", einem Anwesen aus dem 17. Jahrhundert, wo einst Messingschläger das kupferhaltige Metall zu Blechen, Kesseln und Schalen formten.
Es begann ein kometenhafter Aufstieg. Die Firma fertigte
- 1946 "ohne jede ausländische Hilfe" das antibiotische Wundermittel Penicillin "in der ersten deutschen Großproduktion";
- 1949 das erste deutsche Penicillin, das im Körper nicht nur wenige Stunden, sondern bis zu einem Tag lang wirksam ist ("Depot-Penicillin");
- 1950 das erste deutsche Penicillin, das nicht gespritzt zu werden braucht, sondern geschluckt werden kann;
- 1951 das erste deutsche Präparat, in dem Penicillin und Streptomycin kombiniert sind, und
- schloß 1952 mit einem der größten
pharmazeutischen Unternehmen der USA, den "Lederle Laboratories" in Pearl River (US-Staat New York), einen Vertrag zur Erforschung, Herstellung und zum Vertrieb von sogenannten Breitspektrum-Antibiotika, die als besonders wirksam gelten.
Zwei Jahre später synthetisierten Grünenthal-Wissenschaftler eine Substanz, die Versuchstiere einzuschläfern vermochte: N-Phthalyl-glutaminsäure-imid. Chemische Kurzbezeichnung: Thalidomid. Auffälligstes Merkmal: Auch durch höchste Thalidomid-Dosen waren die Versuchstiere nicht umzubringen.
Weder an Mäusen, Ratten, Meerschweinchen und Kaninchen, noch an Hunden, Katzen und Affen; so gab die Firma später bekannt, seien nach Thalidomid-Fütterung irgendwelche Nebenwirkungen oder "histologisch nachweisbare" Organschäden festgestellt worden.
Auch Kliniktests ergaben günstige Resultate. Dr. Hermann Jung von der Medizinischen Universitätsklinik Köln testete das Präparat an 300 Patienten und fand, es verdiene "Beachtung". Der Internist berichtete, daß auch Patienten mit schweren Leberschäden Thalidomid gut vertragen und Magenkranke keine Beschwerden gemeldet hätten; Asthmatiker und Tuberkulöse hätten sich damit trefflich beruhigen lassen.
Nach weiteren klinischen Versuchen brachte Chemie Grünenthal von 1957 an thalidomidhaltige Medikamente unter den Namen "Contergan", "Algosediv" und "Grippex" in den Handel. Schon nach kurzer Zeit erwies sich Contergan als Bestseller. Die Firma wuchs in die Gruppe der zehn umsatzstärksten westdeutschen Arzneimittelproduzenten.
Zufall oder nicht - ausgerechnet an dieser aufstrebenden Firma exemplifizierte sich das Dilemma der modernen Arzneimittelversorgung. Denn "wie ein Blitz eine nächtliche Szene erleuchtet" - so die "Frankfurter Allgemeine Zeitung"-, brachte das Contergan-Unglück "der zivilisierten Menschheit plötzlich zum Bewußtsein.... welches Risiko mit den Fortschritten der Zivilisation im allgemeinen und mit dem fast ins Unermeßliche gestiegenen Medikamentenverbrauch... verbunden ist".
Der Vorsitzende der Arzneimittelkommission der Deutschen Ärzteschaft, der Göttinger Pharmakologe Professor Koll: "Ohne diese weitverbreitete Bereitschaft, zur Tablette zu greifen, besonders, wenn sie ohne ärztliches Rezept erworben werden kann, wäre es... niemals in Deutschland innerhalb ganz weniger Jahre zu einem solchen Anstieg des Thalidomid-Verbrauchs gekommen, der von Sachkennern als einmalig in dem Verlauf der Marktgängigkeit eines pharmazeutischen Präparats bezeichnet worden ist."
Der Schweizer Pharmazeut Professor Büchi: "Das Arzneimittel ist zum allgemeinen Handels- und Gebrauchsgegenstand abgeglitten."
Unbestreitbar ist, - daß die pharmazeutische Industrie hervorragenden Anteil an den Fortschritten der Medizin in den letzten Jahrzehnten hat. In den Laboratorien der großen Werke wurden Tausende wertvoller Medikamente entwickelt. Unbestreitbar ist aber auch, daß neben zahlreichen lebensrettenden Heilmitteln Zehntausende von Präparaten mit umstrittenem Nutzen in den Handel gebracht wurden und werden.
Im gleichen Maße, wie die Chancen der Patienten stiegen, durch Medikamente geheilt zu werden, konzentrierten sich die Erwartungen der Kranken auf die Arzneien. Und die Industrie suchte nicht nur das Streben nach Pillen und Pulvern, Salben und Säften zu befriedigen, sondern absatzbewußt zu steigern.
"Die Arzneimittelwerbung", stellte der Düsseldorfer Neurologe Professor Bay fest, "spricht... ganz betont den ... auf der Höhe des technischen Fortschritts stehenden Menschen an, der durch richtige und reichliche 'Schmierung' (mit den richtigen Tabletten) für einen einwandfreien und möglichst geräuschlosen Lauf der Maschine sorgt."
Vergebens hatten schon vor der Contergan-Katastrophe prominente Mediziner die Ärzte und Patienten gewarnt, daß der Verzehr von Arzneimitteln keineswegs so ungefährlich sei wie viele Hersteller behaupteten. "Es gibt praktisch kein Arzneimittel - wenn es wirklich eine Wirkung hat -", konstatierte Professor Koll, "welches nicht in irgendeiner durch Krankheit oder Konstitution bedingten Situation schädlich wirken könnte." Der Frankfurter Ordinarius für Innere Medizin, Professor Hoff, drückte sich weniger akademisch aus: "Jedes Medikament kann auch einmal 'nach hinten' losgehen."
Denn aus mancherlei Gründen bleiben den Ärzten oft monate- oder jahrelang unerwünschte Wirkungen bestimmter Medikamente verborgen, mit denen sie Ihre Patienten behandeln:
- Viele Medikamente sind, wenn sie
in den Handel kommen, noch ungenügend erprobt. Professor Schaefer aus Heidelberg: "Gerade die Prüfung der Arzneiwirkungen ist sogar bei den berühmtesten Arzneimitteln ungenügend vorgenommen worden."
- Manche Nebenwirkungen treten so
selten auf, daß sie auch bei sachgemäß vorgenommener Prüfung nicht beobachtet werden und erst beim Massenverbrauch auffallen. Dr. Norman Kretchmer aus Palo Alto (USA): Wenn andere Medikamente einmal die gleiche unterschiedslose Anwendungsweise wie das Thalidomid gefunden hätten, wären ähnliche Katastrophen oder Tragödien zu erwarten gewesen."
- Manche pharmazeutischen Firmen verschweigen vermutete Nebeneffekte und kaschieren oder bagatellisieren bewiesene Nebenwirkungen. Professor Hoff aus Frankfurt: "Eine riesige Propaganda der pharmazeutischen Industrie, welche die Gefahr schädlicher Nebenwirkungen der Arzneien oft verschweigt, verstärkt die Gefahr einer medikamentösen Schädigung."
- Die pharmakologische Ausbildung deutscher Medizin-Studenten ist noch mangelhafter als der klinische Unterricht (SPIEGEL 34/1962). Professor Merken aus Berlin: "Anstatt den angehenden Praktiker mit Arzneimittelwirkungen bereits auf der Hochschule vertraut zu machen, läßt man ihn diese Erkenntnisse mühselig allein sammeln - am Krankenbett, das er womöglich schon selbstverantwortlich betreut."
- Das üppige Angebot immer neuer
Medikamente macht den Arzt oft ratlos. Professor Kll: "Eigentlich sollte jeder von uns heute nochmals ein Semester auf die Schulbank."
Bei der Flut neuer Präparate, die Jahr für Jahr in die Apotheken schwemmt, würde ein Semester Nachhilfeunterricht, selbst wenn es nur zur Fortbildung in der Arzneimittelkunde diente, die Mediziner allerdings kaum vor Mißgriffen bewahren. Allmonatlidc bringt die pharmazeutische Industrie in der Bundesrepublik Dutzende neuer Spezialitäten auf den Markt. Oberregierungsrat Dr. Schülke im Bundesgesundheitsamt: "Etwa 75 Präparate jeden Monat.'
Es läßt sich nicht einmal exakt feststellen, wie viele Arzneimittel es heute in der Bundesrepublik überhaupt gibt. Der Bundesverband der Pharmazeutischen Industrie spricht von 7000 - so viele sind in der sogenannten Roten Liste verzeichnet, die der Verband herausgibt. Sie enthält jedoch nur Produkte der Verbandsmitglieder.
Eine andere Aufstellung, die "Große Deutsche Spezialitätentaxe - Lauer -Taxe", die vom "Arzneibüro der Arbeitsgemeinschaft der Berufsvertretungen Deutscher Apotheker" in Frankfurt bearbeitet und von der Firma "Pharma Daig & Lauer" in Fürth gedruckt wird, nennt über 23 000 verschiedene Arzneimittel.
Das Bundesgesundheitsamt, das seit dem 1. Oktober vergangenen Jahres alle Arzneimittel in der Bundesrepublik registrieren soll, schätzt schließlich, daß 60 000 Spezialitäten von 2000 Herstellern eingetragen werden müssen.
Ein Großteil dieser Produkte verdankt seine Existenz dem Bemühen pharmazeutischer Firmen, auch ohne eigene Forschung die Arzneimittel-Konjunktur zu nutzen: Sie entstehen durch Mischung längst bekannter Substanzen. "Allein von der Barbitursäure und Atropin", stellte der Berliner Internist Professor Herbert Herxheimer fest, "finden sich über 500 Kombinationen, und ebenso ist es mit den schmerzlindernden Mischungen', die sich auf Aspirin, Amidopyrin, Phenacetin, Coffein und Codein stützen."
Den therapeutischen Wert derartiger Mixturen, die im Fachjargon als "Schreibtisch-Präparate" bezeichnet werden, weil sie oft am Schreibtisch und nicht im Labor zusammengestellt worden sind, beurteilen die meisten Pharmakologen und Internisten gering. Herxheimer : "Ohne zu übertreiben darf der Fachmann feststellen, daß die meisten kombinierten Präparate entweder wertlos oder überflüssig sind."
Andere Medikamente werden jeweils unter einem halben Dutzend oder mehr verschiedenen Namen angeboten. So verbirgt, sich hinter den Bezeichnungen Hostacortin, Decortin, Diadreson, Cortisid, Ultracortin, Meticorten, Prednitablinen und Cortidelt immer die gleiche wirksame Substanz: das Hormon-Präparat Prednison.
Mitunter versuchen Firmen, durch geringfügige chemische Veränderungen eigene Forschungsarbeit zu demonstrieren. Manchmal resultiert aus solchen Bemühungen ein Heilmittel, das wirksamer ist als das Ausgangsprodukt. "Aber dies", so Herxheimer, "ist doch relativ selten."
Vielmehr sei die überstürzte Variation eines pharmakologischen Grundstoffs oft außerordentlich gefährlich, warnte der Professor. Denn: Da die konkurrierenden Firmen ihre ähnlichen Produkte möglichst schnell auf den Markt bringen wollten, würden "die experimentellen und klinischen Prüfungen des neuen Stoffs aufs Nötigste reduziert".
Diese Formulierung weist auf einen der umstrittensten Aspekte der modernen Pharmazie: die Art und Weise, wie neue Medikamente heute auf Nutzen und Unschädlichkeit geprüft werden.
Tatsächlich bieten die Auswahl der Mediziner, die ein neues Mittel am kranken Menschen erproben, die Prüfung selbst und schließlich die Auswertung der Ergebnisse Spielraum für alle Grade des Verantwortungsbewußtseins und der Sorgfalt. Ein Wissenschaftler der Farbenfabriken Bayer, Dr. Kohlmeyer, schied denn auch in einem vor kurzem veröffentlichten Zeitschriften-Aufsatz über Prüfmethoden die "ernst zu nehmende pharmazeutische Industrie" ausdrücklich von einem nicht näher definierten Herstellerkreis.
Angesehene Forscher rügten offen, daß Medikament-Tests in deutschen Krankenhäusern oft ohne Sachkenntnis, kritiklos oder gar unredlich vorgenommen würden. "Die heutige übliche Form", notierte schon vor einigen Jahren der inzwischen verstorbene Heidelberger Pharmakologe Professor Wolfgang Heubner, "daß ein Stationsarzt ein neues Mittel verabreichen läßt und nach einem halben Jahr über die günstigen' Ergebnisse in einer medizinischen Wochenschrift berichtet, genügt wirklich nicht."
Und der Kölner Internist Professor Hans Schulten beanstandete, die meisten Heilmittelprüfer kennten "weder die Gesetze der Statistik, die Fehlerquellen der Beobachtung, noch die Täuschung durch Spontanverlauf und suggestive Einflüsse... Die meisten Leute sehen sich ja auch gerne gedruckt. Sie meinen ferner, nur positive Mitteilungen hätten Wert... und so kommt es, daß 99 Prozent aller Therapieberichte positiv lauten."
Mehr noch: Mitunter haben Firmen von vornherein klare Vorstellungen, was bei den klinischen Prüfungen herauskommen soll. "Mancher junge Doktor müßte ein Heros sein", schrieb der Heidelberger Physiologe Hans Schaefer, "wenn er der Versuchung, für gutes Geld einer Firma und für ein paar schöne Arbeiten eine Untersuchung auch unter nicht ganz klaren Richtlinien zu machen, widerstehen würde." Der Gießener Dozent für Innere Medizin, Dr. Manfred Pflanz, beobachtete: "Man kriegt auch Geld für Arbeiten, die man nicht veröffentlicht."
Schließlich steht fest, daß Firmen sogar Gefälligkeitsgutachten erbitten und auch bekommen. "Es ist leider nicht zweifelhaft", bekannte Professor Schulten, "daß es echte Soldschreiber unter den Ärzten gibt, die für Geld reine Propagandatätigkeit mit einem erlogenen Mäntelchen angeblicher Erfahrungen tarnen."
Freilich räumte Schulten ein, daß die pharmazeutischen Großunternehmen, die "viel weniger am Augenblickserfolg als an der langfristigen Einführung ihrer Präparate interessiert" seien, ungefärbte Berichte bevorzugten.
Wie immer auch eine westdeutsche Firma zu günstigen Prüfungsergebnissen kommen mag - sie ist in dieser Frage niemandem Rechenschaft schuldig. Die Registrierung beim Bundesgesundheitsamt in Berlin, die das Arzneimittelgesetz seit dem 1. Oktober 1961 vorschreibt, ist nur ein Verwaltungsakt. Ein einziger Apotheker*, von vier Hilfskräften unterstützt, hat lediglich die Meldeformulare der Firmen
- zu durchmustern (ob alle Rubriken
ausgefüllt sind) und
- abzuhaken (ob die nach Paragraph 21
des Arzneimittelgesetzes erforderlichen Anlagen beigefügt sind, etwa "der Nachweis, daß der Hersteller nach den gesetzlichen Bestimmungen des Herstellerlandes berechtigt ist, Arzneimittel herzustellen", und "ein Muster des Behältnisses und der äußeren Umhüllung der Arzneispezialität").
Das Gesundheitsamt muß jedes Arzneimittel registrieren, dessen Hersteller vollständige Unterlagen eingereicht hat. Die sachlichen Angaben der Firma sind für die Registrierung belanglos.
Auch wenn der Bundesapotheker Bedenken gegen die Mitteilungen hegt, etwa gegen die Ergebnisse klinischer Prüfungen, darf er die Registrierung, durch die das Präparat für den Handel freigegeben wird, nicht verweigern. Allerdings kann er tun, wozu er nicht verpflichtet ist: der für die Aufsicht zuständigen Gesundheitsbehörde des Bundeslandes, in dem der Hersteller wohnt, Zweifel mitteilen.
Wie unterschiedlich die Bundesländer auf Hinweise des Bundesgesundheitsamtes reagieren, erwies sich, als das Amt im Juni vergangenen Jahres den Ländern empfahl, Contergan unter Rezeptpflicht zu stellen: In Nordrhein-Westfalen, Hessen, Baden-Württemberg und im Saarland wurde Contergan vom 1. August an nur noch auf Rezept verkauft; in Hamburg wurde es am 7. November rezeptpflichtig, in Schleswig-Holstein am 9. November; in Bayern, Niedersachsen und Rheinland-Pfalz war die Rezeptpflicht bis zum Verkaufsstopp überhaupt nicht verfügt worden.
Erst recht scheuen die Länder vor drastischen Maßnahmen zurück, etwa einem Verkaufsverbot für ein gefährliches Arzneimittel.
"So einfach ist das mit den Verboten nicht", erklärte der Leiter des Referats Arzneimittel, Apothekenwesen und Lebensmittelchemie im nordrhein-westfälischen Innenministerium, Dr. Tombergs. "Hätte die Gesundheitsabteilung das Präparat (Contergan) verboten, dann wäre es wahrscheinlich zu einem langwierigen Verwaltungsstreitverfahren gekommen."
Mangels hinreichender gesetzlicher Rückendeckung bleibt den Gesundheitsbehörden nur übrig, auf das Verantwortungsbewußtsein und die Einsicht der Medikament-Hersteller zu vertrauen. Gerade der Fall Contergan aber hat erwiesen, wie fragwürdig es ist, die Entscheidung, ob ein verdächtiges oder gar als gefährlich erkanntes Heilmittel weiter verkauft werden darf, den Fabrikanten zu überlassen.
Denn lange bevor das Schlafmittel des Jahrhunderts verdächtigt wurde, Mißbildungen auszulösen, waren den Grünenthal-Wissenschaftlern bedenkliche Eigenschaften ihres Bestsellers bekanntgeworden. Vom Ruhm ihrer Entdeckung überwältigt und von den Verkaufszahlen offenbar hypnotisiert, fiel es der jungen Firma jedoch schwer, die Vorzeichen der Katastrophe zu erkennen.
Im November 1959 - das Präparat war nunmehr zwei Jahre im Handel - unterrichtete der Düsseldorfer Nervenfacharzt Dr. Ralph Voss die Contergan-Hersteller, daß ihn zwei Patienten mit schweren Nervenschäden aufgesucht hätten. Offensichtlich rührten die Defekte von monatelangem Contergan-Genuß her. Erinnert sich Voss: "Grünenthal hat sich nie für meine Fälle interessiert."
Etwa um die gleiche Zeit, da Voss die ersten schweren Contergan-Schäden diagnostizierte, machte der Neurologe der angesehenen Privatklinik Dr. Amelung im Taunusort Königstein, Dr. Horst Frenkel, ähnliche Beobachtungen. Mehrere Klinik-Gäste - allesamt Contergan-Schlucker, wie sich später erwies - litten unter Unruhe und schmerzhaften Wadenkrämpfen. Sie wurden teils am ganzen Körper, teils im Gesicht von nervösen Zuckungen befallen. Ihre Beine schwollen an, Hände und Füße schienen ihnen eingeschlafen zu sein. Manche Patienten ermüdeten rasch beim Gehen und konnten sich nur mühsam aufrichten. Die Nervenstämme an Armen und Beinen waren hochgradig druckempfindlich. Einige Patienten litten unter Sprachstörungen und konnten sich selbst einfache Dinge nicht mehr merken.
Im September 1960 reichte Frenkel der Fachzeitschrift "Die Medizinische Welt" einen Erfahrungsbericht ein. Dr. Matis, Redakteur des Blattes, in dem die Firma Chemie Grünenthal regelmäßig für ihre Produkte warb (1960 mit 27 ganzseitigen Anzeigen), hatte jedoch Bedenken, die Arbeit zu drucken. Er selbst, erklärte Matis - laut Frenkel am Telephon, verordne Contergan und habe noch keinen Fall einer Nervenschädigung feststellen können.
Frenkels Aufzeichnungen vergilbten in der Redaktion; doch meldete sich bei dem Nervenarzt unerwarteter Besuch: die Grünenthal-Wissenschaftler Dr. Kelling und Dr. Sievers. Sie suchten dem Neurologen das Publikationsvorhaben auszureden und schlugen "wissenschaftliche Zusammenarbeit" vor. Frenkel lehnte ab.
Erst im Mai letzten Jahres, acht Monate nachdem Frenkel seine Contergan-Warnung eingereicht hatte, entschloß sich "Die Medizinische Welt", die Arbeit zu drucken.
Zu diesem Zeitpunkt hatten bereits Mediziner mehrerer Universitätskliniken die abträglichen Wirkungen des Contergans erkannt. Ärzte der Neurologischen Klinik der Medizinischen Akademie Düsseldorf etwa stellten fest, daß "durch Contergan forte eine 'toxische Polyneuritis' (Nervenentzündung) bewirkt" werde, die zu "bleibenden Schäden" führen könne. Es gab bald keine deutsche Universitätsklinik mehr, "die keinen Fall gesehen" hätte, wie Grünenthal-Wissenschaftler im August eingestanden.
Die Contergan-Hersteller waren derweil nicht untätig geblieben. Schon Im Herbst 1960 hatten sie das Wort "ungiftig" vom Verpackungsprospekt verbannt. Im April 1961 regten sie vorsichtshalber beim Bundesgesundheitsamt in Berlin an, Contergan möge unter Rezeptpflicht gestellt werden. Das Bundesgesundheitsamt aber konnte die Rezeptpflicht nur empfehlen: sie zu verordnen, war und ist - nach dem Inkrafttreten des Arzneimittelgesetzes am 1. August vergangenen Jahres noch für eine Übergangszeit von zwei Jahren - Ländersache. Und die Länder folgten der Empfehlung mit unterschiedlicher Eile.
Leitende Grünenthal-Wissenschaftler und Syndikus von Veltheim schwärmten aus, um erzürnte Contergan-Opfer zu besuchen. Sie boten ihnen zunächst kostenlosen Sanatoriums-Aufenthalt im Schwarzwald oder - ebenfalls auf Firmenrechnung - stationäre Behandlung In der Hamburger Universitäts -Nervenklinik an und überreichten den Nervenkranken Musterpackungen anderer Grünenthal-Spezialitäten, welche die Contergan-Schäden beheben sollten.
Gaben sich die Geschädigten mit diesen Offerten nicht zufrieden, zahlten die Stolberger Abgesandten - in der Regel aus dem Handköfferchen - Beträge, die je nach dem Verhandlungsgeschick der Kranken zwischen 300 und 20 000 Mark lagen. Die Empfänger unterzeichneten einen merkwürdigen Vertrag:
Die Firma Chemie Grünenthal GmbH., Stolberg im Rheinland, erklärte sich bereit, an... (Name und Anschrift) einen Betrag von... (Summe) zu zahlen. Damit wird in keiner Weise irgendein Zusammenhang zwischen dem Gebrauch von Contergan und den von dem Zahlungsempfänger vorgebrachten Beschwerden oder eine Schadenersatzpflicht der Firma Chemie Grülnenthal GmbH anerkannt Die Zahlung erfolgt vielmehr wegen des wissenschaftlichen Interesses der Firma an der Aufklärung des Falles und aus Entgegenkommen auf völlig freiwilliger Grundlage. Der Zahlungsempfänger erklärt dagegen durch seine Unterschrift, daß gegen Zahlung des Betrages alle etwaigen Ansprüche, die Ihm oder seinen Rechtsnachfolgern aus der Behandlung mit Contergan entstehen könnten, für jetzt und alle Zukunft endgültig abgefunden sind, gleichgültig, ob die Ansprüche bekannt oder unbekannt, ob sie voraussehbar sind oder nicht, oder aus welchem Gesichtspunkt sie Immer sich aus der Conterganbehandlung ergeben könnten.
Trotz des vorgegebenen "wissenschaftlichen Interesses der Firma an der Aufklärung des Falles" begehrten die Grünenthaler Geldboten, soweit bekannt, weder Ärzte-Atteste noch Klinik -Berichte zu sehen. Die Beziehungen endeten mit dem Austausch von Erklärungen und Geldscheinen.
An Ärzte und Apotheker verschickte Grünenthal mehrmals hektographierte Rundschreiben, die das Unternehmen als "Warnbriefe" verstanden wissen wollte. Unbefangene Leser konnten freilich weniger eine Warnung als einen Versuch zur Beschwichtigung herauslesen; so am
- 17. April 1961: "Zahlenmäßig geringe
Nebenerscheinungen einschließlich allergischer Phänomene schränken die Einsatzmöglichkeit des Medikaments kaum ein."
- 19. Mai: "Dieser Überblick über 3140
Beobachtungen macht offenbar, daß Unverträglichkelts-Erscheinungen beliebiger Art sehr selten sind, dagegen der therapeutische Effekt nahezu immer im gewünschten Maße erreicht wird."
- 18. November: "Die relativ seltenen
Nebenerscheinungen dürften mit den Vorzügen, die dem Contergan innewohnen, mehr als aufgewogen sein."
Als dieses Plädoyer verschickt wurde, wußte die Hersteller-Firma freilich schon von dem schwerwiegendsten Verdacht, der gegen das Medikament vorgebracht wurde: Zwei Tage zuvor hatte der Hamburger Erbforscher Professor Widukind Lenz (damals noch Privatdozent) die Firma aufgefordert, das Präparat sofort zurückzuziehen. Grund: Lenz hatte begründeten Verdacht, daß "Contergan" Mißbildungen bewirkt.
Am 19. November, einem Sonntag, bekundete der Arzt seinen Argwohn öffentlich. Auf einer Tagung der Rheinisch-Westfälischen Kinderärzte-Vereinigung erklärte Lenz, nach seinen Recherchen hätten 14 Mütter, die Kinder mit schweren Mißbildungen der Gliedmaßen geboren hatten, in der Früh -Schwangerschaft "eine bestimmte Substanz" genommen. Einen ursächlichen Zusammenhang zwischen der Einnahme der Substanz und den Mißbildungen könne er zwar noch nicht beweisen, erklärte Lenz vorsichtig, "ein Zusammenhang ist aber denkbar".
Den Namen der verdächtigen Substanz nannte der Erbforscher nicht. Die Zuhörer identifizierten sie mühelos als Contergan.
Damit war erstmals eine Deutung des unheimlichen Phänomens möglich, das Kinderärzte und Gynäkologen in der Bundesrepublik seit Monaten beschäftigt hatte: Immer häufiger wurden Mütter von Kindern entbunden, deren Arme und Beine verkrüppelt waren oder deren Gliedmaßen überhaupt fehlten.
Der Direktor der Städtischen. Kinderklinik in Krefeld, Professor Wiedemann, hatte als erster auf die beklemmende Erscheinung hingewiesen. In zehn Monaten, schrieb Wiedemann im August vergangenen Jahres in der "Medizinischen Welt", habe er in seiner Klinik 13 solcher Fälle beobachtet. In den zehn Jahren davor seien in die Klinik insgesamt nur vier Kinder eingeliefert worden, die an Mißbildungen von Armen und Beinen litten.
Binnen kurzem hatte der Mediziner "mindestens 95 Fälle" im Bundesgebiet registriert, obwohl aus zahlreichen Orten noch keine Antworten auf seine Anfragen vorlagen. Wiedemann: "Ein erschreckendes Fazit! Man ist versucht, geradezu von einem 'epidemischen' Geschehen zu sprechen."
Gut zwei Jahrzehnte früher waren die Forscher noch überzeugt gewesen, daß ausschließlich Erbschäden die Ursache von Mißbildungen seien. 1939 jedoch entdeckten Mediziner, daß eine seltene Krankheit, Toxoplasmose, die Entwicklung des Kindes im Mutterleib stören könne. Bald darauf fanden andere Wissenschaftler, daß auch Vitaminmangel, Röteln und radioaktive Strahlung Mißbildungen verursachen könnten.
Wiedemann hielt denn auch für unwahrscheinlich, daß die von ihm beobachtete Mißbildungswelle von Erbschäden herrühre. "Wir möchten am ehesten", schrieb er, "die Auswirkungen eines sonstigen in unserem Zivilisationsbereich neuerdings 'eingeführten' und hier weit oder allgemein verbreiteten 'toxischen' Faktors vermuten - aber wir kennen ihn nicht."
Lenz glaubte, im Contergan den toxischen Faktor gefunden zu haben. Grünenthal jedoch ging auch unter dem Druck dieses massiven Verdachts zunächst nicht von der Taktik ab, der sich die Firma bereits bedient hatte, als die Nervenschädigungen offenkundig wurden (Syndikus von Veltheim: "Die Frage, dieses gute Präparat aus dem Handel zu nehmen, stand für uns nicht zur Debatte").
Lenz selbst habe ja zugegeben, argumentierte Grünenthal nun, daß er seinen Verdacht nicht beweisen könne. "Auf einen Verdacht hin, wenn auch auf einen furchtbaren Verdacht hin", vermerkte "Bild am Sonntag", "stoppt man in Deutschland offenbar kein gut geschmiertes Fließband."
Sechs Stunden lang rangen Gesundheitsbeamte, Grünenthal-Abgesandte und Lenz am 24. November 1961 im Düsseldorfer Innenministerium um die Folgerungen, die aus den Beobachtungen des Erbforschers zu ziehen seien. Die Firmen-Vertreter zeigten kein Interesse an den inzwischen erweiterten Mißbildungsunterlagen von Lenz, sondern wünschten, "die grundsätzliche Frage des Verhältnisses zwischen Regierung und Firma zu diskutieren" (Lenz). Dazu wurde der Wissenschaftler hinausgeschickt. Durch die verschlossene Tür mußte er anhören, "wie in einer heftigen, sehr lauten Diskussion meine Unterlagen von Grünenthal als schlecht bezeichnet wurden".
Schließlich erboten sich die Grünenthal-Abgesandten, Ärzte und Apotheker über die Bedenken des Hamburger Forschers zu unterrichten und die Contergan-Packungen künftig mit dem Etikett "Bei Schwangeren nicht verabreichen" zu bekleben. Als die Gesundheitsbeamten jedoch andeuteten, daß möglicherweise der Verkauf des Präparats unterbunden werden müsse, zeigten sich die Firmen-Unterhändler empört: Sie drohten an, dagegen rechtlich vorzugehen.
Einen Tag später stoppte Grünenthal dennoch den Verkauf des Contergans - "freiwillig" und "vorsorglich", wie das Unternehmen ausdrücklich betonte. Eine Meldung aus England hatte die Firma zur Kapitulation veranlaßt: Ein australischer Geburtshelfer hatte bei der englischen Firma, die Thalidomid in Lizenz fabrizierte, Mißbildungsalarm geschlagen.
Heute, nach genau einem Jahr, sind die meisten Forscher überzeugt, daß der Wirkstoff des Contergans, das Thalidomid, die Mißbildungswelle ausgelöst hat. "Die seither durchgeführten Erhebungen und gewonnenen Ergebnisse", resümierten etwa Kinderärzte der Universitäten Bonn, Köln und Münster sowie der Medizinischen Akademie Düsseldorf in einer Gemeinschaftsarbeit, "beseitigten jeden Zweifel."
Eine erdrückende Fülle von Indizien spricht für die Schuld des Contergans. Augenfälligstes Zeichen: Seit Juli dem achten Monat nach dem Verkaufsstopp, wurden nur noch vereinzelt Kinder mit den charakteristischen Mißbildungen geboren. Ihre Mütter hatten, trotz der Pressewarnungen, Contergan genommen.
Lenz hat mittlerweile die Fälle von fast 600 Frauen gesammelt, die Contergan oder ein anderes thalidomidhaltiges Präparat schluckten und mißgebildete Kinder zur Welt brachten. Ihm wie zahlreichen anderen Medizinern sind Mütter bekannt, die schon vor der Entbindung angaben, sie hätten Contergan eingenommen, und dann tatsächlich fehlgebildete Kinder gebaren.
Mehr noch: Anhand datierter Rezepte, Krankenblätter oder "auf andere Weise genau datierter Angaben über die Thalidomid-Einnahme" entdeckte der Forscher Beziehungen zwischen Zeitpunkt und Dauer der Contergan-Einnahme sowie der Art der Mißbildungen. Hatten die Frauen zu Beginn der kritischen Schwangerschaftsphase Contergan genommen, etwa um den 35. Tag nach der letzten Regel, gebaren sie meist Kinder, denen nur die. Ohren fehlten. Bei Contergan-Einnahme um den 39. bis 47. Tag - mitunter genügte eine einzige Tablette - wurden Arme oder Beine oder gar alle vier Gliedmaßen schwer geschädigt. Bei noch späterer Contergan -Einnahme entstanden nur noch leichtere Fehlbildungen der Daumen oder eine Darmverengung.
Die Contergan-Hersteller - die nach übereinstimmenden Aussprüchen der Grünenthal-Wissenschaftler Dr. von Schrader-Beielstein und Dr. Mannheim "froh wären, wenn Contergan schuld wäre, denn dann hätten wir die Gewißheit, daß diese Mißbildungen jetzt aufhören" - sind bis heute nicht bereit, die Indizien als beweiskräftig anzuerkennen. Sie verweisen auf unterschiedliche Resultate der Contergan -Rechercheure und auf Sachverhalte, die nach Meinung der Firma mindestens gegen eine Alleinschuld des Contergans an den Mißbildungen sprechen.
So berichtete der Kinderarzt Dr. Claus Petersen von der Universitäts -Klinik in Kiel, er habe nur in 50 Prozent der Krankengeschichten von Müttern mit mißgebildeten Kindern Contergan-Konsum feststellen können. "Wie es scheint", so deutete die angesehene englische Mediziner-Zeitung "The Lancet" die unterschiedlichen Ergebnisse der Contergan-Detektive, "ist die Möglichkeit, einen solchen Tatbestand zu ermitteln, desto größer, je genauer die Krankengeschichten aufgezeichnet und je sorgfältiger die Mütter und deren Ärzte befragt werden."
Die Grünenthal-Wissenschaftler argumentieren zudem, daß die Mißbildungskurve in verschiedenen Gebieten keineswegs dem Verkaufsdiagramm des Contergans entspreche; außerdem seien in Ländern, in denen weder Grünenthal noch ein Lizenznehmer thalidomidhaltige Medikamente verkauft habe, ebenfalls Mißbildungen des gleichen Typs beobachtet worden, so auf den Philippinen und in Ungarn; schließlich sei es bis heute nicht gelungen, selbst mit starken Contergan-Gaben bei Tieren ähnliche schwere Mißbildungen zu erzeugen.
Obwohl nach der Lenz-Warnung Dutzende von Forschern in etlichen Ländern Thalidomid-Präparate an trächtige Versuchstiere verfütterten, waren zunächst keinerlei Mißbildungen festzustellen. Den ersten Befund meldete im April dieses Jahres ein Angestellter der Distillers Company in Liverpool, die selbst ein Thalidomid-Schlafmittel ("Distaval") produziert hatte. Es gelang dem Briten, an Kaninchen "Mißbildungen zu erzeugen, die jenen bei Menschen bemerkenswert ähnlich sind". Freilich, die Tiere wiesen trotz höchster Thalidomid-Dosen nicht annähernd so schwere Mißbildungen auf wie manche Contergan-Kinder.
Indes, daß die Firma Grünenthal derartige Mißbildungstests während der Entwicklung ihres Präparats nicht vorgenommen hat, kann ihr nicht zum Vorwurf gemacht werden: Solche Prüfungen waren in der Pharmazie nirgendwo üblich.
"Obwohl man", erläuterte der Schweizer Professor Büchi, Direktor des Pharmazeutischen Instituts der Technischen Hochschule Zürich, "in den letzten Jahrzehnten darauf aufmerksam wurde, daß bestimmte chemische Fremdstoffe schwere Schädigungen des Keimlings bedingen, wenn sie in der organogenetischen (organbildenden) Periode, beim Menschen in den ersten drei Schwangerschaftsmonaten, einwirken, gehörte es bisher nicht zum systematischen Entwicklungsprogramm für neue Arzneistoffe, sie auf Schädigungsmöglichkeiten dieser Art zu untersuchen."
Aus der Tatsache, daß mißbildungsauslösende Eigenschaften "bisher bei keinem Medikament in der ganzen Welt vor Freigabe geprüft worden sind, schon deshalb nicht, weil eine tierexperimentelle Versuchsanordnung mit bindender Aussagekraft bei Menschen bis heute noch nicht bekannt ist", leitet Grünenthal denn auch ab, "daß uns kein Vorwurf trifft".
Andererseits aber steht fest, daß die Mißbildungswelle keineswegs ein derart katastrophales Ausmaß hätte erreichen müssen: Die Zahl der Contergan-Mißbildungen wäre gering geblieben, hätte die Firma das Präparat zurückgezogen, als die nervenschädigende Wirkung des Schlafmittels bekannt wurde.
Darüber hinaus deuten zahlreiche Mediziner das Unglück als Symptom dafür, daß jene Instanzen versagten, denen es obgelegen hätte, die naturgemäß nicht allein von philanthropischen Erwägungen beherrschte Arzneimittelindustrie zu überwachen.
Selbst eine milde Überwachung lehnt die pharmazeutische Industrie ab. Die Heilmittelfabrikanten sträubten sich sogar gegen die einflußlose Registrierstelle im Bundesgesundheitsamt jahrelang mit aller Kraft. Ihre Produkte würden doch ständig kontrolliert, versicherten die Arzneimittelhersteller treuherzig: von den Ärzten.
"Die kommerziellen Interessen des Herstellers", dozierte der Bundesverband der Pharmazeutischen Industrie auch noch nach der Contergan-Katastrophe, "spielen sich automatisch auf die medizinischen Interessen des Arztes ein, da der Arzt das letzte Urteil über die Qualität eines Arzneimittels spricht."
In Wirklichkeit haben Praktiker wie Fachärzte längst die Übersicht über die unablässig anschwellende Medikamentenflut verloren.
"Wie ich täglich feststellen muß", schrieb Professor Holldack, Direktor des Krankenhauses Berlin-Neukölln, "sind die Ärzte über das, was sie einem Patienten an Arzneimitteln verordnen, häufig nur unvollkommen unterrichtet." Professor Schaefer in Heidelberg gestand: "Man kann die Unmasse von Medikamenten gar nicht beherrschen, selbst wenn man will."
Tag für Tag prasselt auf die Ärzte ein Schwall von Postwurfsendungen, Drucksachen und Briefen mit Werbeprospekten für Medikamente herab. Mit mehr oder weniger wertvollen Geschenken suchen die Firmen die Ärzte für ihre Fabrikate zu ködern. Notierte Professor Herxheimer: ".. Füllfederhalter, Kugelschreiber, Vergrößerungsgläser, Feldstecher, Spielzeuge, Accessoirs für das Auto, ausländische Briefmarken, Lehrbücher, Kunstkalender, Reproduktionen alter und moderner Gemälde..."
Jedes größere Unternehmen beschäftigt einen Stab von sogenannten wissenschaftlichen Mitarbeitern und Ärztebesuchern, die zu Ärzten, Kliniken und Apotheken ausschwärmen, Firmenwerbung mit wissenschaftlichen Argumenten zu untermauern suchen und Medikament-Muster verteilen.
Die medizinischen Zeitschriften sind mit Anzeigen gesättigt, die sich oft nicht von Illustrierten-Annoncen für Waschmittel, Käse oder Haarwasser unterscheiden. Sex-Werbung soll die Ärzte zum Verschreiben von Medikamenten verlocken; ein feucht glänzender Frauenmund etwa wirbt für das Penicillin-Präparat "Oratren 200", ein bis unterhalb des Busens entblößter Teenager für das "aktuelle Komplex -Spezifikum Vertebran", und ein Anzeigen-Mädchen mit verschleiertem Blick bekennt: "Ich liebe meinen Arzt. Er verordnete mir Menthoneurin..."
Wieviel die pharmazeutische Industrie in der Bundesrepublik für Werbung ausgibt, ist streng gehütetes Branchen-Geheimnis. Professor Schaefer in Heidelberg glaubt, daß Deutschlands Arzneimittelhersteller pro Arzt täglich mehr als zwei Mark für Reklame aufwenden, also insgesamt 60 Millionen Mark im Jahr - offensichtlich eine sehr zurückhaltende Schätzung.
In den Vereinigten Staaten jedenfalls, so ermittelte der US-Senator Kefauver in einer Untersuchung über die amerikanischen Arzneimittelhersteller, werde ein Drittel des Umsatzes der Pharma-Industrie für Werbung und Vertrieb der Mittel ausgegeben (die deutsche pharmazeutische Industrie produzierte im vergangenen Jahr Arzneimittel im Werte von 2,3 Milliarden Mark).
Da gute Präparate wenig Werbung benötigen, konzentrieren die Firmen ihre enormen Werbe-Bemühungen oft gerade auf solche Produkte, deren medizinischer Wert keineswegs erwiesen ist.
In der Kritik an Arzneimittel-Mißständen üben die medizinischen Fachblätter, die vorwiegend durch Anzeigen der pharmazeutischen Industrie finanziert werden, auffallende Zurückhaltung.
Bösere Erfahrungen noch als der Nervenarzt
Frenkel, der seine Contergan -Warnung in der "Medizinischen Welt" gedruckt sehen wollte, machte Professor Herxheimer. Frenkels Arbeit erschien immerhin mit achtmonatiger Verspätung. Ein Aufsatz des angesehenen Berliner Internisten hingegen, der die Situation auf dem deutschen Arzneimittelmarkt kritisch beleuchtete, sowie ein Leitartikel des britischen Mediziner -Journals "The Lancet" über das gleiche Thema, den Herxheimer übersetzt hatte wurden in der deutschen medizinischen Fachpresse überhaupt nicht veröffentlicht. Drei Redaktionen lehnten ab.
"Wenn wir diese Übersetzung aus dem 'Lancet' veröffentlichen würden", begründete einer der Herausgeber der Zeitschrift "Der Internist" die Ablehnung, "könnte der Eindruck entstehen, daß der Verlag in seinen Auseinandersetzungen mit der Industrie diesen Beitrag aus dem Ausland als Druckmittel verwenden will."
Dr. von Brunn, Schriftleiter der "Deutschen Medizinischen Wochenschrift", fand: "So etwas gehört einfach nicht in eine solche Fachzeitschrift." Und mit dem Chefredakteur der "Ärztlichen Mitteilungen", Dr. Deneke, entspann sich ein monatelanger, fruchtloser Briefwechsel.
Daß die Befürchtungen der Medizinzeitschriften-Verleger, die pharmazeutische Industrie würde kritische Artikel streng ahnden, berechtigt sein können, erfuhr der Hippokrates-Verlag in Stuttgart. Das "Internationale Journal für prophylaktische Medizin und Sozialhygiene" des Verlages druckte 1958 einen Artikel des kurz zuvor verstorbenen Professors Heubner, in dem der "Altmeister der deutschen Pharmakologie" vor den Auswüchsen auf dem deutschen Arzneimittelmarkt gewarnt hatte. Der Artikel habe sich, berichtete Verlagsdirektor Klotz, "auf die Anzeigenentwicklung der Firma nicht gerade günstig ausgewirkt".
Da in der Bundesrepublik mehr als ein Dutzend medizinischer Wochen- und Zweiwochenschriften um die Anzeigen der Industrie konkurrieren, nimmt die Linientreue der Verleger nicht wunder. Erstaunlich hingegen ist, daß Deutschlands Ärzte nicht längst Selbsthilfe geübt haben.
Seit zwei Jahren bemüht sich Professor Herxheimer vergebens, die Mittel zur Gründung für ein unabhängiges bundesdeutsches Ärzte-Informationsblatt aufzutreiben, das dem amerikanischen "Medical Letter on Drugs and Therapeutics" nachgebildet werden soll.
"Der Vorstand der Bundesärztekammer ebenso wie ich", beschied ihn etwa Kammer-Präsident Dr. Fromm, "halten es nicht für eine Aufgabe der Kammern, privaten Zeitschriftengründungen - gleichgültig welchen Motiven diese immer entspringen mögen - behilflich zu sein." Die Bundesärztekammer selbst gibt ein mit Arzneimittel-Anzeigen wohlversehenes Mitteilungsblatt heraus ("Ärztliche Mitteilungen").
Herxheimer brachte den Warn-Artikel, für den sich medizinische Zeitschriften nicht zuständig gefühlt hatten, in der Hamburger Wochenzeitung "Die Zeit" unter, und der Bundesverband der Pharmazeutischen Industrie beantwortete den Vorwurf des Professors, die Arzneimittelhersteller gäben Millionen aus, um "unnötige und unwirksame Präparate in größten Mengen an den Mann zu bringen", mit einem grotesken Vergleich: Wer bestimmt, was nötig und was unnötig ist? Leute, die nicht Golf spielen, halten Golfplätze für unnötig."
Die unbekümmerte Haltung deutscher Arzneimittelhersteller bekräftigte die Forderung, in der Herxheimers Ausführungen gegipfelt hatten: "Wir brauchen eine Food and Drug Administration wie in den (Vereinigten) Staaten."
Im Gegensatz zur Bundesrepublik, wo neue Medikamente lediglich registriert werden, müssen amerikanische Pharma-Betriebe der staatlichen Überwachungsbehörde Belege über die Unschädlichkeit ihrer Präparate vorlegen. 14 Mediziner und zwölf Chemiker prüfen die von den Firmen eingereichten Unterlagen. Sie können undurchsichtige oder ungenügende Ergebnisse beanstanden und die Unternehmen auffordern, weitere Untersuchungen vorzunehmen.
Der amerikanischen Merrell Company, die von Chemie Grünenthal die Lizenz zur Herstellung eines thalidomidhaltigen Präparates à la Contergan erworben hatte und darauf drängte, ihr Produkt "Kevadon" nicht nur an Schlafsuchende, sondern auch an werdende Mütter zur Verhütung von Schwangerschaftserbrechen verkaufen zu dürfen, gelang es nicht, die Sachbearbeiterin in der Food and Drug Administration, Dr. Frances Kelsey, von der Harmlosigkeit der Pillen zu überzeugen.
Monatelang verhandelte Frau Kelsey mit Merrell-Vertretern über den Text des Etiketts. Sie bat die Firma wiederholt, die Unterlagen über die Versuche zu vervollständigen. Als Lenz In Düsseldorf seinen Mißbildungsverdacht aussprach, hatte die Prüferin das amerikanische Pendant des Contergans noch immer nicht freigegeben. Amerika war noch einmal davongekommen.
Um so bemerkenswerter war die Reaktion, die das Thalidomid-Unglück in den USA auslöste. In der Erkenntnis, daß eher Mut und Hartnäckigkeit der Frau Kelsey als die Strenge der Arzneimittel-Kontrolle Amerika vor mißgebildeten Kindern geschützt hatten, forderte Präsident Kennedy den Kongreß auf, die Vollmachten der Food and Drug Administration zu erweitern: Ohne Gegenstimme beschlossen Senat und Repräsentantenhaus ein Gesetz, das den Arzneimittelherstellern Amerikas auferlegt, künftig nicht nur die Unschädlichkeit ihrer Produkte, sondern auch die Wirksamkeit nachzuweisen - eine
Forderung, der ein Großteil der in der Bundesrepublik gehandelten Medikamente zum Opfer fallen würde.
War bislang in Amerika ein Präparat automatisch zugelassen, wenn die Food and Drug Administration nicht innerhalb von 60 Tagen Einspruch erhob, so muß jetzt jedes Medikament ausdrücklich genehmigt werden. Arzneimittelprospekte sowie Anzeigen, die für Ärzte bestimmt sind, müssen in Zukunft Hinweise auf Nebenwirkungen enthalten.
Die Bonner Regierung hingegen sah monatelang keinen Anlaß, Konsequenzen aus der Contergan-Katastrophe zu ziehen, etwa für neue Medikamente grundsätzlich die Rezeptpflicht vorzuschlagen. "Ich glaube nicht", erklärte die Gesundheitsministerin Dr. Schwarzhaupt im Bundestag, "daß die unglückseligen Fälle, die sich an das Mittel Contergan knüpften, verhindert worden wären, wenn das Contergan rezeptpflichtig gewesen wäre."
Die Experten der Arzneimittel-Kommission der Deutschen Ärzteschaft waren anderer Meinung. Wenige Tage nach dem Schwarzhaupt-Spruch verkündete die Kommission: "Eine Rezeptpflicht der Substanz hätte eine unkontrollierte Verbreitung verhütet und mit ihr den beobachteten Umfang an Schäden."
Alle Medikamente, die neu in den Handel kommen, für einige Jahre unter Rezeptpflicht zu stellen, forderten außer der Arzneimittel-Kommission
- der Deutsche Ärztetag,
- der Bundesverband der Deutschen
Zahnärzte,
- eine Anzahl anderer Ärztegremien
und -kongresse,
- der Präsident der Bundesapothekenkammer,
- die SPD-Fraktion des Bundestages.
Die Abweise-Argumente der Ministerin machten deutlich, daß sie die Problematik entweder nicht zu erfassen vermochte oder aber nicht gewillt war, aus dem Contergan-Debakel Lehren zu ziehen. "Bei einer solchen Regelung (Rezeptpflicht)", erläuterte sie vor dem Bundestag, "würden neben den stark wirkenden auch alle die Stoffe der sofortigen Verschreibungspflicht unterworfen werden, die ohne ärztliche Verschreibung abgegeben werden können. Ihre spätere Entlassung aus der Rezeptpflicht würde einer amtlichen Feststellung ihrer Unschädlichkeit gleichkommen. Das aber wiederum könnte in vielen Fällen erst nach einer Spanne von fünf Jahren, und auch selbst dann nicht mit absoluter Sicherheit getan werden."
Der naheliegenden Einsicht, daß neue Medikamente nur auf Rezept abgegeben werden sollten, weil ihre Unschädlichkeit noch nicht erwiesen ist, verschloß sich die Ministerin zunächst.
Und monatelang erklärte sich Frau Schwarzhaupt für nicht zuständig, den Contergan-Kindern zu helfen. Als sich die Ministerin schließlich zu der Erkenntnis durchrang, daß der Bund doch etwas für die Kinder tun müsse, geriet sie in die Maßhalteübungen des Kabinetts. So stehen in diesem Jahr nur 600 000 Mark Bundesgelder und im nächsten Jahr drei Millionen Mark zur Verfügung, mit denen die medizinische Forschung unterstützt, Prothesen für Contergan-Kinder entwickelt, orthopädische Kliniken und Sonderschulen erweitert werden müßten.
Immerhin schien die Ministerin willens zu sein, einige Verbesserungen des Arzneimittelgesetzes zu befürworten. So sollte - nach ministeriellen Überlegungen - das Bundesgesundheitsamt künftig nicht jedes neue Arzneimittel automatisch registrieren müssen, sondern das Recht erhalten, bei starken Bedenken die Registrierung zu verweigern. Überdies gedachte das Gesundheitsministerium gesetzlich festlegen zu lassen, daß Arzneimittel künftig auch auf jene Wirkung geprüft werden sollten, die beim Contergan unentdeckt geblieben war - auf Mißbildungen.
Was jedoch das Bundesgesundheitsministerium in einem Referenten-Entwurf formulierte, offenbarte Unkenntnis der medizinischen Terminologie. "Bei Arznei-Spezialitäten, die zur Anwendung im menschlichen Körper bestimmt sind", hieß es in dem Entwurf, "hat sich die pharmakologische Prüfung auch auf die Möglichkeit einer genetischen Beeinflussung und abortiven Wirkung zu erstrecken."
Das heißt: Es wäre zu prüfen, ob ein Medikament das Erbgut verändert oder abtreibend wirkt. Den Gesundheitshütern aber war es offenbar darauf angekommen, daß künftig geprüft werde, ob die Mittel Mißbildungen (teratogene Wirkungen) auslösen können.
Der Bundesverband der Pharmazeutischen Industrie erläuterte denn auch In seiner Stellungnahme zum Referenten-Entwurf ausführlich den Unterschied zwischen "genetisch", "abortiv" und "teratogen". Ihren eigenen Standpunkt machten die Arzneimittelhersteller so klar, daß es keine Mißverständnisse geben konnte: "Wir sind... nicht der Meinung, daß die bisherigen Erfahrungen eine Änderung des Gesetzes in diesem Punkt erfordern oder auch nur zweckmäßig erscheinen lassen."
Offenbar spürte Ministerin Schwarzhaupt, daß Gefahr im Verzug ist. Seit kurzem befürwortet sie nun doch, daß Medikamente mit neuen Wirkstoffen grundsätzlich für eine gewisse Zeit - etwa zwei Jahre lang - unter Rezeptpflicht gestellt werden.
Selbst wenn diese Idee Gesetz werden sollte, wäre es freilich noch erforderlich, ohne Rücksicht auf die Arzneimittel-Lobby Vorschriften zu entwerfen und - nach dem Beispiel der USA - schnell zu verabschieden, die
- alle neuen Medikamente unter Rezeptpflicht stellen, bis ihre Unschädlichkeit- bewiesen ist,
- dem Bundesgesundheitsamt weitgehende Vollmachten einräumen, offensichtlich wirkungslose, überflüssige oder gar schädliche Medikamente von den Kranken fernzuhalten,
- die Firmen zu sachlicher Werbung zwingen.
Die pharmazeutische Industrie hat unterdessen präzisiert: Die "Verantwortung für die Unschädlichkeit neuer Präparate" müsse weiterhin dem "Hersteller auferlegt werden" (Verbandssyndikus Ulrich von Blanc).
Zumindest einem Großunternehmender Branche ist diese Verantwortung allerdings zu groß geworden. Grünenthal-Wissenschaftler Dr. von Schrader -Beielstein: "Uns ist die Lust vergangen, neue Medikamente zu entwickeln."
* Arbeitspensum der Prüfstelle: 300 Registrierungen pro Monat. Neue Medikamente werden zuerst bearbeitet, dann jeweils einige der 60 000 zur Registrierung vorgemerkten alten Medikamente.
Schlafmittel Contergan
"Gefahrlos", "atoxisch", "ungiftig"
Contergan-Kind: Folgenreich
Thalidomid-Opfer Sherri Finkbine*
Nach der Katastrophe...
... Abtreibung und Kindestötung: Thalidomid-Opfer Suzanne Vandeput (r.)**
Arzneimittelforscher Koll
Nachhilfe-Semester für Ärzte?
Arzneimittelfabrik "Chemie Grünenthal" (Stolberg): Warnung aus Düsseldorf
Firmenverwaltung "Kupferhof Grünenthal"; Geld aus dem Handkoffer
Contergan-Warner Frenkel
Nervenschädigungen festgestellt
Contergan-Warner Lenz
Mißbildungen aufgeklärt
Verpackungsabteilung der "Chemie Grünenthal" : In jedem Monat 75 neue...
... Medikamente für Bundesbürger: Dragée-Zubereitung bei "Chemie Grünenthal"
ArzneimittelAnzeigen
Pro Arzt täglich zwei Mark für Reklame?
Gesundheitsministerin Schwarzhaupt
Schwach in Terminologie
Gesundheitshüterin Frances Kelsey, Dienstherr*; Hart gegen Industrie
Thalidomid-Kind (mit Prothesen): Unglücksbotschaften aus 25 Ländern
* Mit Kindern Tracy (21 Monate) und Mark (sechs Jahre).
** Während des Prozesses in Lüttich; mit (v. l. n. r.) Hausarzt Dr. Casters, Schwester, Mutter und Ehemann.
* Mrs. Frances Kelsey wurde für ihre Wachsamkeit gegenüber dem Thalidomid von Präsident Kennedy mit der "Distinguished Federal Civilian Service Medal" ausgezeichnet, dem höchsten amerikanischen Zivil-Orden.

DER SPIEGEL 49/1962
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