24.01.1962

SOLDATEN-SENDERDon't fence me in

Seit die SED-Agitatoren den Empfang westlicher Jazz- und Schlagersendungen als ideologischen Landesverrat geißeln, erfreuen sich die Frequenzen 98,6 Megahertz auf UKW und 1358 Kilohertz der Mittelwelle speziell unter den jugendlichen Einwohnern der DDR -Hauptstadt steigender Beliebtheit.
Auf diesen Ostberliner Wellenlängen kann Ulbrichts junge Garde allnächtlich zwischen 23.45 und 0.15 Uhr ohne Furcht vor parteiamtlichen Rügen Töne empfangen, die kein anderer volkseigener DDR-Sender ausstrahlt.
Den Vorzug, sich ungestraft an den Jazz-Gesängen Ella Fitzgeralds oder am Wimmern Elvis Presleys erbauen zu dürfen, verdanken Ostberlins Radiohörer dem Einfallsreichtum des parteigelenkten Staatlichen Rundfunkkomitees, dem der Altkommunist, Zahnarzt und Philosophieprofessor Hermann Ley vorsteht.
Leys Radiogenossen, vornehmlich sein Stellvertreter, der vormalige Amerika-Emigrant Gerhart Eisler, hielten es nach Walter Ulbrichts Zement-Aktion vom 13. August für nützlich, den längs der Sektorengrenze wacheschiebenden US-Soldaten durch die drahtlose Vermittlung heimischer Laute den Anblick der Mauer zu verklären.
Dreizehn Tage nach dem Dreizehnten, am 26. August, meldete sich um 23.45 Uhr zum erstenmal auf der Frequenz des Ostberliner Senders "Berliner Welle" eine Männerstimme: "Here is Ops - the real voice of information and education broadcasting to American troops in West Berlin."
Seither bemüht sich die, "echte Stimme der Information und Erziehung", bis hin zum Wortlaut der Ansage den amtlichen amerikanischen Soldatensender American Forces Network ("AFN - the voice of information und education") in Ton und Stil zu kopieren. Auch die Musik ist fast gleich: Ops sendet wie AFN Evergreens und neueste Hits nordamerikanischer Abkunft.
Der Unterschied in den Textbeiträgen hingegen ist beträchtlich. Kurznachrichten und Kommentare der Ops-Redaktion beschränken sich auf Zitate ost-west-verhandlungsbereiter Politiker und darauf, Westberlinern und Bundesbürgern friedensfeindliche Gesinnung nachzusagen.
Im regelmäßig wiederkehrenden "guten Rat für den Tag" wird den GI beispielsweise empfohlen, darüber nachzudenken, weshalb sie wohl zum Schutz jener Deutschen aufmarschieren müssen, die noch im letzten und vorletzten Krieg die Väter der gegenwärtigen US-Landsergeneration umgebracht hätten.
Oder Sprecher Bob rät: "Wenn du das nächste Mal mit diesen Westberliner Polypen Patrouille zu fahren hast, dann frage sie doch mal, was sie im letzten Krieg gemacht haben."
Trotz aller guten Ratschläge ist der meßbare Erfolg der Ops-Sendungen bislang dürftig: Das allnächtlich wiederholte Angebot an die US-Soldiers, sie könnten der Ostberliner Redaktion ihre Musikwünsche schicken, loste keine Nachfrage aus. Auch die Zusage eines "schönen Preises" für den uniformierten Hörer, der den Sinn des Namens Ops enträtsele, verlockte keinen GI zu einem Eingesandt an den Ostberliner Sender.
Daß Ops bisweilen dennoch in der Lage ist, Angehörige der US-Grenzkommandos mit Namen und Dienstgrad zu nennen, erklärt sich aus der amerikanischen Sitte, allen Soldaten ihren Namen deutlich lesbar an die Kampfbluse zu heften. Volkspolizisten an der Friedrichstraße bekämpften ihre Langeweile gelegentlich damit, die Namen der Besatzung des US-Checkpoints Charlie mit Feldstechern auszuspähen und an den Soldatensender weiterzuleiten.
Inzwischen hat allerdings der Chef der Westberliner US-Garnison, Brigadegeneral Hartel, angeordnet, die Namensschilder zu entfernen.
Ops-Entertainer Bob und Barbara müssen sich deshalb jetzt meist darauf beschränken, ihre Scherze namenlos an den Mann zu bringen. So ließen sie den Bing-Crosby-Song "Yes Sir, that's my baby" für "jenen amerikanischen Offizier" ausstrahlen, "der letzte Woche an der Friedrichstraße mehr Zeit darauf verwandte, eine scharfe kleine Blondine zu eskortieren als an der Grenze Streife zu gehen".
Dazu Informations-Oberst Louis Breault im Berliner US-Hauptquartier: "Wir ignorieren diese Station. Wenn irgendein amerikanischer Soldat sie hören will, dann soll er das tun. Wir geben dazu keinen Kommentar."
Die Ops-Redaktion hingegen zeigt sich in dieser Hinsicht weit weniger zurückhaltend: Sie gibt Nacht für Nacht einen - wenn auch nur musikalischen - Kommentar zur eigenen Lage.
Zu Beginn und zum Ende jeder Sendung erklingt auf der volkseigenen Berliner Welle als Erkennungsmelodie hinweg über Ulbrichts Stacheldraht der amerikanische Weltkrieg-Zwei-Schlager "Don't fence me in": "Sperr' mich nicht ein."
US-Wächter an der Sektorengrenze: Vor Blondinen wird gewarnt

DER SPIEGEL 4/1962
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 4/1962
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

SOLDATEN-SENDER:
Don't fence me in

Video 03:32

Ein Jahr Trump Was halten Sie vom Präsidenten?

  • Video "Orkan Friederike: Spektakuläre Landemanöver am Flughafen Düsseldorf" Video 01:22
    Orkan "Friederike": Spektakuläre Landemanöver am Flughafen Düsseldorf
  • Video "Videoanalyse zur SPD: Es kommt auf Schulz' Rede an" Video 02:21
    Videoanalyse zur SPD: "Es kommt auf Schulz' Rede an"
  • Video "Orkantief: Amateurvideos zeigen Friederike-Drama" Video 01:37
    Orkantief: Amateurvideos zeigen "Friederike"-Drama
  • Video "Kolumbien: Webcam filmt Einsturz von gigantischer Autobahnbrücke" Video 02:01
    Kolumbien: Webcam filmt Einsturz von gigantischer Autobahnbrücke
  • Video "Ein Jahr Präsidentschaft: Frauen aus Phoenix heizen Trump ein" Video 05:23
    Ein Jahr Präsidentschaft: Frauen aus Phoenix heizen Trump ein
  • Video "Umfrage über Einsamkeit: Meine Nachbarn passen schon auf mich auf" Video 02:01
    Umfrage über Einsamkeit: "Meine Nachbarn passen schon auf mich auf"
  • Video "Versunkenes Schiff vor Norderney: Hobbytaucher lösen Rätsel nach zehn Jahren" Video 01:45
    Versunkenes Schiff vor Norderney: Hobbytaucher lösen Rätsel nach zehn Jahren
  • Video "Geld und Reichtum: Es ist nie genug!" Video 01:45
    Geld und Reichtum: "Es ist nie genug!"
  • Video "Premieren-Einsatz: Drohne rettet ertrinkende Schwimmer" Video 01:00
    Premieren-Einsatz: Drohne rettet ertrinkende Schwimmer
  • Video "Erotikthriller Der andere Liebhaber: Gefährliches Doppelspiel" Video 02:07
    Erotikthriller "Der andere Liebhaber": Gefährliches Doppelspiel
  • Video "Videoanalyse zu Steuernachzahlung: Apple ist extrem heuchlerisch" Video 03:46
    Videoanalyse zu Steuernachzahlung: "Apple ist extrem heuchlerisch"
  • Video "Friederike : Tote und Verletzte durch Orkan" Video 01:12
    "Friederike" : Tote und Verletzte durch Orkan
  • Video "85% Gefälle: Mit dem Mountainbike über die Streif" Video 01:12
    85% Gefälle: Mit dem Mountainbike über die Streif
  • Video "Spott über #fakeglasses: US-Senator Hatch setzt unsichtbare Brille ab" Video 01:05
    Spott über #fakeglasses: US-Senator Hatch setzt unsichtbare Brille ab
  • Video "Wegen Fake News Awards: US-Senator vergleicht Trump mit Stalin" Video 01:24
    Wegen "Fake News Awards": US-Senator vergleicht Trump mit Stalin
  • Video "Trump-Satirevideo: Ein Shithole schlägt zurück" Video 01:40
    Trump-Satirevideo: Ein "Shithole" schlägt zurück
  • Video "Jusos gegen Schulz: Nie, nie, nie wieder GroKo!" Video 02:25
    Jusos gegen Schulz: "Nie, nie, nie wieder GroKo!"
  • Video "Rekordwinter in den USA: Surreale Eislandschaften" Video 01:05
    Rekordwinter in den USA: Surreale Eislandschaften
  • Video "Ein Jahr Trump: Was halten Sie vom Präsidenten?" Video 03:32
    Ein Jahr Trump: Was halten Sie vom Präsidenten?