24.01.1962

NEUSSMit Puste

Für 787,15 Mark brachte der Westberliner Kabarettist Wolfgang Neuss die Nation in Aufruhr. Neuss zahlte diesen Betrag für die Anzeige im Westberliner "Abend", mit der er am Dienstag letzter Woche Millionen fiebernden Fernsehern 30 Stunden vor Auflösung des TV-Kriminalrätsels "Das Halstuch" den Mörder (Dieter Borsche) verriet.
Nachdem selbst die sonst wortspröden Nachrichtenagenturen die vorzeitige Enthüllung als "gewaltigen Tiefschlag" (Associated Press) bezeichnet hatten, erfuhren westdeutsche Zeitungsleser auch das Pseudonym, unter dem der Spaßvogel Neuss sein Inserat veröffentlicht hatte - "Genosse Münchhausen".
Genauso lautet auch der Titel eines Films, den Neuss als Regisseur, Mitproduzent, Autor und Hauptdarsteller dieser Tage in seinem Berliner Büro fertigstellt.
Der Filmemacher ("Wir Kellerkinder") bestritt zwar, den TV-Mörder aus Reklamegründen entlarvt zu haben: "Mich hat nur aufgeregt, daß alles nach dem 'Halstuch'-Mörder, aber keiner nach dem Britzer Liebespaar-Mörder fragt." Doch Mitarbeiter im Büro der neugegründeten Satir-Produktions GmbH frohlockten: "Dieser Gag läßt sich nicht überbieten."
Mit ihm propagierte Neuss einen Film, der zwar bestenfalls als kabarettistischer Ulk bezeichnet werden kann, aber sogar von Bundesminister Gerhard Schröder wohlwollend gefördert wurde. Auch der Berliner Senat gab dem Kabarettisten Geld, damit er die internationale Gegenwart filmisch bewältigen könne.
Dem Berliner Keller-Sprößling Macke Prinz (in "Wir Kellerkinder") entspricht in "Genosse Münchhausen", wiederum von Neuss selbst verkörpert, der Helmstedter Landwirt Oskar Puste.
Der ehemalige Luftwaffenpilot Puste ist aus sechsjähriger sowjetischer Kriegsgefangenschaft heimgekehrt und bestellt nun, unmittelbar an der Zonengrenze, mit Pferd und Pflug den ihm verbliebenen Morgen Land; der eigentlich zugehörige zweite Morgen liegt in der DDR und wird von einem LPG-Traktor beackert.
Eines Tages stellt sich der Spezialist Biese vom "Forschungszentrum West" ein und fordert den Exflieger auf, "das Wetter zwischen Wladiwostok und Aserbeidschan" zu erkunden. Mit einem Paß, ausgestellt auf Pjotr Wanowitsch, fliegt Puste in die UdSSR, wird abgeschossen und landet in einem Maisfeld. Für ihn beginnt eine Odyssee als Maisbauer, Busfahrer, Schachtrainer, Packer, Holzfäller, Fischer, Fußballer und Gepäckträger. Schließlich findet er sich in einem Astronauten-Lager wieder und wird, zusammen mit zwei Sowjetmenschen, zur Venus geschossen.
Das Raumschiff landet versehentlich am Nacktbadestrand von Sylt. Die Sowjet-Astronauten werden von planschenden Bundesbürgern für eine Clown-Truppe aus dem sowjetischen Staatszirkus gehalten; die beiden roten Himmelsstürmer wiederum wähnen sich tatsächlich auf der Venus und finden "alles noch viel sozialistischer als in der Sowjet-Union".
Oskar Puste gerät nach mancherlei Verwicklungen auf seinen ostdeutschen Besitz, wo er nun auch zu bleiben gedenkt: "Ich will versuchen, daß ich durchhalte und hier das Beste daraus mache."
Neussens Münchhausiade wurde, wie vor zwei Jahren bereits "Wir Kellerkinder", zunächst als Hörspiel gesendet. Allerdings sah Neuss diesmal davon ab, seinen danach verfertigten Film zuerst im Fernsehen zu präsentieren. Eingedenk des Boykotts, den westdeutsche Kinobesitzer ihm nach der Fernseh-Premiere von "Wir Kellerkinder" angedroht hatten, wollte er nun "gleich ins Kino".
Westdeutsche Verleiher freilich hatte Neuss nicht für sein bizarres Filmobjekt gewinnen können. Da ergab es sich, daß er beim Sommerurlaub auf Sylt den Dr. Gerhard Schröder traf, der sich als Inselbewohner in dem Eigenheim "Atterdag" etabliert und den Neuss in "Wir Kellerkinder" noch als "Minister meines Inneren" veralbert hatte. Neuss: "Er sah aus, wie ein feiner Mann nun mal angezogen ist - Blazer, leichte Hose, weiße Ballonmütze."
Laut Neuss ergab sich folgender Dialog:
Schröder: "Wieso war ich in den 'Kellerkindern' drin?"
Neuss: "Wissense, Herr Minister, der Kollege Lemmer hat mir mal gesagt, für diesen Film könnte ich die finanzielle Unterstützung des Innenministers erwarten. War aber nicht. Und deshalb habe ich da meine eigene jüngste Vergangenheit bewältigt, nämlich meine Wut abreagiert. Deshalb waren Sie drin."
Sodann überreichte Bürger Neuss dem Minister einen Handlungsabriß von "Genosse Münchhausen" mit der Bitte um alsbaldige Lektüre. Anfang September erhielt Neuss einen Anruf von der Bonner "Bundeszentrale für Heimatdienst". Er erfuhr, daß ihm für die Produktion des Films 178 000 Mark gewährt werden würden.
Da begann Neuss zu kurbeln ("Aus Gründen der Pietät drehte ich zuerst den Komplex Westerland"). Als die Summe aufgezehrt war, führte er das Filmfragment dem Berliner Senat vor ("Ich wollte es ja nicht nur mit der CDU zu tun haben") und bat um weitere Unterstützung. Sie wurde gewährt.
Als auch diese Summe - 200 000 Mark Darlehen - verbraucht worden war, wandte er sich an den Hamburger CDU -Abgeordneten und Verleger Gerd ("Buzi") Bucerius: "Sie sind doch der Rebell von Bonn. Ich hätte .Sie gern als Schiedsrichter zwischen CDU und SPD. Aber das kostet Sie 'ne Kleinigkeit." Bucerius stellte ihm 30 000 Mark zur Verfügung.
Obwohl es Neuss auf diese Weise gelang, die Herstellungskosten zusammenzuschnorren, zeigte sich der Kabarettist in der letzten Woche nicht völlig befriedigt. "Viel lieber", gestand der Regisseur Neuss, "hätte ich diese Arbeit dem Regisseur Helmut Käutner überlassen. Der war auch lange Zeit daran interessiert."
Ganz plötzlich aber - so Neuss - habe Käutner geglaubt, das Unternehmen politisch nicht mehr verantworten zu können. "Und da drehte er lieber den 'Traum von Lieschen Müller'."
Sowjet-Raumfahrer in "Genosse Münchhausen": Landung am Nacktbadestrand
Kabarettist Neuss
Geld von Bonn, Berlin und Buzi

DER SPIEGEL 4/1962
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